Kalenderwoche 32/33. Lesebericht.

Die Kalenderwoche stand ganz im Zeichen verworrener Lektüren von etwas älteren philosophischen Texten wie Platons oder Jean-Jacques Rousseaus Schriften. Dazu las ich Erich Fromm, ging die aktuelle Bestseller-Liste durch und fand Erholung bei dem Roman von Ralf Rothmann Die Nacht unterm Schnee. Die Mühen aber, die mir Platon bereitet, weiß ich noch nicht richtig einzuordnen. Ich lese die Dialoge und alles dreht sich in meinem Kopf von den Syllogismen, Begründungen, vom Humor, Witz und Schalk, aber auch von dieser alles in Schwebe haltenden Rhetorik. Platon neben einer anstrengenden Arbeit zu lesen, verlangt mir momentan fast alles ab. Ich befürchte beinahe, ich werde wieder einmal die Lektüre von Politeia [Der Staat] abbrechen:

Ist nicht auch die Kunst, fragte ich, dazu da, das einem jeden Zuträgliche zu suchen und zu verschaffen? Allerdings, antwortete er. Ist nun auch jeder einzelnen Kunst etwas anderes außer ihr Liegendes zuträglich als dies, dass sie möglichst vollkommen sei? Und bedarf sie dessen noch, um möglichst vollendet zu sein, oder ist dazu jede sich selbst genug?

Platon aus: „Der Staat“
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Kalenderwoche 30/31. Lesebericht.

Ich habe viel Zeit auf die Recherche nach Rezensionen, Leseberichten und Sekundärtexten über Elfriede Jelineks Romane verwendet. Erstaunlicherweise nicht viel gefunden. Es gibt eine sehr hilfreiche Besprechung von Andrea Geier auf literaturkritik.de gefunden. Der üblicherweise herangezogene Band Realien zur Literatur von Marlies Janz in der Sammlung Metzler über Elfriede Jelinek beinhaltet nicht die Besprechung von Die Kinder der Toten, und Janz hat nur noch, scheinbar, einen sehr schwer zugänglichen Aufsatz über Jelineks letzten Roman geschrieben. So viel dazu.  Ich befürchte einfach, es gibt nicht viele, die dieses Buch gelesen habe, und das finde ich schade. Andrea Geier schreibt in ihrer Besprechung Lob mit Fußtritten anlässlich der Nobelpreisvergabe für Jelinek:

Zu reden wäre über zu vieles: Über das Projekt der „Entmythologisierung“ und eine Programmatik der „Seichtheit“, über Wiederholung und Intertextualität als Strukturprinzip, über Lust an der Übertreibung jenseits der Schmerzgrenze, über Trivialität und Alltagsmythen, Ironie, Parodie und die Lust am Kalauer, über Autorschaft, die mit der Gestik des Verschwindens spielt, über Sprachbeherrschung und Sprachüberflutung, vor allem aber über die Entwicklung einer Schriftstellerin, die sich eben nicht nur mit der Welt, sondern zuallererst mit anderen Texten aus vielfältigen Bereichen und mit dem Schreiben auseinander setzt und dabei stets die formalen Möglichkeiten von Genres und Gattungen ausreizt und sprengt.

Andrea Geier: „Lob mit Fußtritten“
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Toril Brekke: „Ein rostiger Klang von Freiheit“

Von offenen Türen und anderen Hindernissen.

Coming-of-Age-Romane spielen oft mit Genre-übergreifenden Stilmitteln, um den Fokus nicht allein auf Familien- und Liebeskonflikte zu reduzieren. Fernanda Melchor bezieht in Paradais Gewaltexzesse mit ein, Ariane Koch in Die Aufdrängung phantastische Parabelelemente und Claudia Durastanti in Die Fremde kulturphilosophische Erwägungen, um nur einige im letzten Jahr erschienen Beispiele dieser Art zu nennen. All diese Romane beschreiben das Aufwachsen, Erwachsenwerden ihrer Figuren, so auch in Toril Brekkes Coming-of-Age Roman Ein rostiger Klang von Freiheit, der von Agathe und ihrem Bruder Morten und ihren familiären Verhältnisse handelt, dessen Hauptaugenmerk aber wie in Stephen Kings Später im Grunde auf dem Unheimlichen, dem Nahen und doch so Fremden liegt:

Mama drehte sich in langsamen Bewegungen, und ihr Gesicht ist einschmeichelnd kokett, während sie zu dem leisen Jazz auf dem Plattenspieler summt, und das Summen wird zu Worten, und sie zeigt auf ihn, den Kindsvater, den Verführer, sie zeigt auf einen Mann im Zimmer, während ihre dünnen Silberarmreifen klirren, und sie spricht es aus: Er war das!
Und aus dem tiefen Sessel mit dem gelbweißgestreiften Bezug ertönt ein seltsames Röcheln, etwas Dunkles aus einer Kehle, wie von einem Tier, einem weidwunden Tier, vielleicht von einer Kugel getroffen oder mit einem spitzen Messer an der Kehle verletzt, ein Röcheln des Todes.

Toril Brekke aus: „Ein rostiger Klang von Freiheit“
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Susanne Abel: „Was ich nie gesagt habe“

Eine Reise durchs kulturelle Unbewusste … Spiegel Belletristik-Bestseller (27/2022)

Gibt es eine in sich runde Form, die aus konsequenter Formlosigkeit besteht? Ein Erzählen, das so naturalistisch daher kommt, dass der leiseste Anspruch an Wortwahl, Satzkomplexität, an überraschenden grammatikalischen Strukturen ins Leere geht? Tatsächlich gibt es diese Form des nüchternen, fast aus dem Leben gegriffenen Erzählens, eine Art Protokoll des Seelenlebens, ein Traum, ein Trauma frei von der Leber weg geschrieben. Ein Beispiel dafür ist Susanne Abels Gretchen-Reihe, in der Greta „Gretchen“ Schönaich und Konrad „Conny“ Monderath einen Neuanfang inmitten der Katastrophe suchen und versuchen:

Wie jeden Sonntag schlenderten sie den Berg hinauf. Rechts und links breiteten sich Wiesen aus, auf denen erstes zartes Grün sprießte, das eingerahmt war von Sträuchern, deren Knospen sich von den Sonnenstrahlen ins Leben küssen ließen. Es roch nach Neuanfang und Aufbruch. Conny wusste, heute musste er es ihr sagen. Sie bogen auf den Philosophenweg ein, und er steuerte gezielt das Philosophengärtchen an. »Sollen wir uns da hinten auf diese Bank setzen?« »Welche?«, fragte Greta. »Die unter der Buche.«

Susanne Abel aus: „Was ich nie gesagt habe“
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Sibylle Berg: „RCE“

Sibylle Berg hat einen Text geschrieben. Auf dem knallpinkfarbenen Cover steht „RCE“ und darunter „#RemoteCodeExecution“ und etwas versteckt und ganz weit unten auf dem Rand des pinkfarbigen Buchdeckels „Roman|Kiepenheuer&Witsch“, als wäre es ein Zugeständnis, eine Art disponierbarer Zusatz an eine Öffentlichkeit, die schließlich wissen will, was das ist, was sie da kauft. Manifest oder Literatur? Gehackte Wirklichkeit? Oder Fiktion? Berg macht es einem nicht leicht. Sie will es einem nicht leicht machen. Sie will es 700 Seiten lang und 700 Gramm schwer, zäh und widerborstig konkret. Nur mit der Welt macht sie kurzen und schmerzlosen Prozess:

In diesem Moment. Es könnte auch der nächste Moment sein oder morgen.
Sind überall auf der Welt, in Geschäftsetagen, in Genossenschaften, in Wohnungen, Konzernen, an der Börse in Hinter- und Vorderzimmern, auf Märkten, im Netz, auf Heiratsschwindlerbörsen, Geschlechtsverkehrplattformen, Enkeltrickbetrüger-Foren, in Galerien und Banken, Menschen damit beschäftigt einander zu betrügen.

Sibylle Berg aus: „RCE“
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Kalenderwoche 16: Lesebericht.

Kommunikativ lesen.

Ich habe mich entschlossen, einen wöchentlichen Lesebericht über meine gekauften, angelesenen und beendeten Bücher zu verfassen, um einerseits selbst einen Überblick zu behalten, andererseits bereits vorhandene Leseeindrücke zu geben, und zuletzt und möglicherweise insbesondere, um durch etwaige Kommentare, Vorschläge, Widersprüche, Anmerkungen und Assoziationen zum Mehrlesen und Anderslesen und Neulesen inspiriert zu werden. Manche Bücher lesen sich kommunikativ einfacher als in selbstgewählter Klausur.

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Martin Walser: „Das Traumbuch“

Walser, nur ein klein bisschen leiser.

Alterswerke präsentieren sich oft eigenwillig und aufmüpfig. In ihnen wird kein Blatt mehr vor den Mund genommen. Sie geben dann noch mal alles, resümieren, rekapitulieren und ziehen alle Register. Manche Alterswerke jedoch nicht. Martin Walsers Das Traumbuch – Postkarten aus dem Schlaf gehört zu diesen, wie auch Herta Müllers spartanisches Der Beamte sagte oder Friederike Mayröckers entschlossenes da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete. Auch wäre da noch Helga Schuberts sanftes Vom Aufstehen und Irvin D. Yaloms und Marilyn Yaloms rührendes Unzertrennlich zu nennen. Walser stellt sich in diese Reihe, versöhnt mit sich und der Welt:

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Dietmar Dath: „Dirac“

Unverbindliche Verbindlichkeiten …

Politische Texte gibt es zuhauf. Hierzu zählen politische Traktate, die sich als Roman verkleiden; Aufrufe und Belehrungen, die in Erzählungen eingebunden werden; die Moral von der Geschichte, die den eigentlichen Protagonisten einer Story mimt. Wenig dezidierte und offensiv politische Texte gibt es jedoch, die es mit der Ästhetik ernst meinen und ihren politischen Anspruch ins Formale transponieren, also nicht mit der Tür ins Haus fallen. Dietmar Dath gehört zu solchen Autoren. Anlässlich seiner Nominierung für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse habe ich mich durchgerungen, ein vor zehn Jahre gekauftes Buch zu lesen. Es hat den Titel: Dirac.

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Jacques Derrida: „Gesetzeskraft“

Ausweitung der Deutungszone …

Interpretationsmodelle (2): Die Dekonstruktion und der Poststrukturalismus haben eins der wirkungsmächtigsten Interpretationsmodelle der letzten Jahrzehnte etabliert. Im Rahmen der Reihe der Interpretationsmodelle, und als zweiter Teil, nach Theodor W. Adornos Aufsatz Skoteinos und seinem Begriff der immanenten Kritik, wird nun Jacques Derridas Buch Gesetzeskraft – Der »mystische Grund von Autorität« als Beispiel einer dekonstruktivistischen Lektüre untersucht. In diesem setzt er sich ausgiebig und detailliert mit Walter Benjamins 1921 erschienen Aufsatz Zur Kritik der Gewalt auseinandersetzt, der in einem anderen Beitrag bereits besprochen und interpretiert wurde.

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Heike Geißler: „Die Woche“  

Ein Text der vollendeten Tristesse… Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022

Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse (4/5): Wladimir und Estragon reden, harren aus, ohne dass in Warten auf Godot viel passiert, noch passieren müsste. Das existenzielle Drama dreht sich um nichts, um ein eigenes Zentrum der Besinnlichkeit und Vergeblichkeit, das sich jedoch so nicht einstellen will. In Heike Geißlers Die Woche passiert auch nichts. In diesem Roman, der kein Roman sein will, in diesem Theaterstück, das kein Theaterstück ist, warten die Protagonistinnen, die Ich-Erzählerin, die keine Erzählerin ist, und ihre Freundin oder Lebensgefährtin Constanze, auf den Ablauf, Fortlauf, Weiterlauf der Zeit. Sie warten beide, aber scheinbar einmal mehr auf Godot.

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