Literarische Erzeugnisse streben danach, Geschichte zu verdichten, sie fühlbar, nacherlebbar werden zu lassen. Die Konflikte, die Träume, die Probleme erhalten eine poetische Gestalt, eine Kondensation, die jede Lektüre für sich neu entfaltet, deutet und in die Gegenwart transponiert. Wenige Texte sind derart zugänglich geblieben wie Sophokles‘ Tragödien, zu denen auch Antigone zählt. Ihr Stoff beschäftigt bis in die Gegenwart hinein die Gemüter. Für den Hegel aus Der Phänomenologie des Geistes kommt in der Tragödie der Konflikt zwischen göttlichem und menschlichem Gesetz zum Ausdruck, und Simone Weil stimmt ihm in ihren Cahiers (Februar 1942) zu. Jean Anouilh interpretiert den Konflikt in seinem Theaterstück in Bezug auf die Résistance und viele weitere im Rahmen des zivilen Ungehorsams. Von der politischen Instrumentalisierung abgesehen führt die Antigone von Sophokles eindrucksvoll vor, wie poetisch-literarische Verdichtung eines Konflikts mit nur wenigen Worten zwischen den Schwestern Ismene und Antigone gelingt:
„Sophokles: „Antigone““ weiterlesenISMENE. Drum also bitt ich die, die drunten [im Reich des Hades] sind, mir zu verzeihn, da ich dazu gezwungen werd, und füg mich denen, die im Staat das Sagen haben. Denn zu tun, was alle Maße sprengt, hat keinen Sinn.
Sophokles aus: „Antigone“ (Übersetzung Kurt Steinmann)
ANTIGONE. Ich fordre dich nicht auf, und wolltest du es irgendwann noch tun, nicht wirktest du mit mir zur Freud! Nein, denk du nur, wie’s gut dir scheint! Doch [Polyneikes] begrab ich. Schön ist mir nach solcher Tat der Tod.
