Stephan Schäfer: „25 letzte Sommer“

25 letzte Sommer by Stephan Schäfer
25 letzte Sommer von Stephan Schäfer. Spiegel Belletristik-Bestseller 25/2024.

25 letzte Sommer von Stephan Schäfer befindet sich in einem Niemandsland der Prosa, weder Roman noch Sachbuch, weder narrativ-geformte Fiktion noch historisch-belegte Reflexion, weder dargelegte Introspektion noch agitierende Provokation. Es entspringt der Kategorie Selbsthilfebücher, aber ohne den therapeutischen, exemplarischen Gestus, und besitzt deshalb auch keine wirkliche Motivation, wie Irvin D. und Marilyn Yaloms Unzertrennlich, in welchem das Ehepaar den sich ankündigenden Tod Marilyns gemeinsam verarbeitet. Auch besitzt es nicht die politische Verve von Didier Eribons Eine Arbeiterin, das exemplarisch, soziologisch argumentiert. Am ehesten schließt 25 letzte Sommer an Texte wie Helga Schuberts Der heutige Tag an, in welchem es um eine Art religiöse Stundenbuch-ähnliche Konsolidierung eines ins Schwanken geratenen Selbstverständnisses geht. Bei Schubert um das der fürsorglichen, ehrerbietigen Ehefrau, bei Schäfer um das des sozial-angesehenen Erfolgsmenschen:

Eines war jedoch klar, und das fühlte sich beengend und belastend an: Irgendwo im Leben hatte ich die falsche Abzweigung genommen, den inneren Kompass verloren. Bis vor ein paar Jahren hatte ich mich noch fröhlich und frei gefühlt, hatte die Dinge, die ich tat, ob privat oder beruflich, geliebt. Doch über die Jahre hatte ich immer mehr Pflichten gegen immer weniger Freiheit eingetauscht. Nicht bewusst, eher schleichend. Ich war einer dieser Optimierer geworden, die Arbeit, Anerkennung und Geldverdienen in den Mittelpunkt ihres Lebens gestellt hatten. Streng zu sich selbst, selten zufrieden, entschlossen statt entspannt. Getrieben von Abgabeterminen, von den Erwartungen anderer und den eigenen. Ich wollte nicht das, was ich hatte, sondern das, was ich nicht hatte.
Stephan Schäfer aus: „25 letzte Sommer“

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Valerie Fritsch: „Zitronen“

Zitronen by Valerie Fritsch
Zitronen von Valerie Fritsch. SWR Bestenliste 04/2024.

Zitronen heißt der vierte Roman von Valerie Fritsch, die mit Winters Garten beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2015 den Kelag- und BKS-Publikumspreis zugesprochen bekam. Finden die Ereignisse in ihrem vorletzten Roman aber in einer unspezifischen, allumfassenden Apokalypse statt, so beschränkt sich ihr neuester Roman auf eine prekäre Kindheitserfahrungen und die ersten Schritte nach einer solchen in die Erwachsenenwelt. Im Gegensatz zu anderen neueren Romanen dieses Genres spielt weder Krieg wie in Vatermal oder Radio Sarajevo oder sexuelle Übergriffigkeit wie in Ministerium der Träume oder Ein rostiger Klang von Freiheit eine Rolle. Fritsch beleuchtet in ihrem Roman wie Edgar Selge in Hast du uns endlich gefunden das klassische Thema der elterlichen Gewalt:

Der Vater redete viel, oft ohne Unterlass und ungeachtet dessen, ob er etwas zu sagen hatte und ob ihm zugehört wurde oder nicht. Leise wurde er bloß, wenn er von August abließ und sich eine Stille im Haus ausdehnte, die sich bis in die letzte Ecke schob, jedes Zimmer erfüllte, als hätte man eine tonlose Saite angeschlagen. Nirgends war auch nur ein Wort zu hören, denn wo die Fäuste sprachen, schwieg der Mensch. Die Grausamkeiten hielten den Vater aufrecht, waren die Stützmuskulatur gegen den großen, inneren Zusammenbruch. Die Härte gegen andere härtete auch ihn selbst, als wäre er ohne sie so weich, dass er in sich zusammenstürzen müsste.
Valerie Fritsch aus: „Zitronen“

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Paul Auster: „Baumgartner“

Baumgartner by Paul Auster
Baumgartner von Paul Auster. SWR Bestenliste und Spiegel Belletristik Bestseller 2024.

Postmodernes zeichnet sich vor allem durch das Fehlen von Zurechenbarkeit aus. Heutzutage gilt das Zitat so viel wie die Schöpfung, der Plot so viel wie die Montage, die Ironie, nur ohne Maske, eben als unverbindliches Spiel, das auf diese Weise Gestaltungsräume zu öffnen sucht, die allzu strikte Kompositionsarbeit versperrt. Mit anderen Worten: die Erzählstimme wird von jedweder Erwartungshaltung befreit. Paul Auster, nicht so narrativ-radikal wie Italo Calvino in Wenn ein Reisender in einer Winternacht oder Julio Cortázar in Rayuela oder auch Christian Kracht in Eurotrash, stellt sich nichtsdestotrotz in die Tradition des dirigierend spielerischen Erzählens:

Weg, aber nicht weg, könnte man sagen, festgeklebt, die Füße an den Boden geleimt, eingesperrt in einen bedenklichen inneren Raum, in dem er zu jemandem geworden war, der zu viel Zeit zur Verfügung hatte, und da Baumgartner nicht in der Verfassung war, die Arbeit an seinem Buch über Thoreau wieder aufzunehmen oder irgendetwas anderes anzufangen, war diese Zeit ungeheuer lang und leer, eine lange Reihe leerer Tage, an denen er kaum etwas anderes tat, als [Annas] Unterwäsche zu falten und wieder zu falten und die Post mit einem stetigen Strom schamloser, schmutziger Briefe an eine Frau zu fluten, deren Körper er niemals wieder sehen oder berühren würde.
Paul Auster aus: „Baumgartner“

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Slata Roschal: „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“

Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten
Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten von Slata Roschal.

Formal experimentelle, oder wagemutige Bücher treten nicht so oft in das Licht der breiteren Öffentlichkeit. Sie gelten schnell als intellektualistische Spielerei, oder abstraktes Geplänkel mit wenig Sogwirkung und fast gar keinem Plot. In letzter Zeit schafften es dennoch ein paar Texte, bspw. Barbi Marković mit dem comicartigen, extrem restriktiven Minihorror, Iris Wolff mit dem radikal-rückwärts erzählten Lichtungen oder Teresa Präauers slapstick-filmisches-achronisches Kochen im falschen Jahrhundert. Nach 153 Formen des Nichtseins legt nun Slata Roschal mit Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten ihren nächsten Roman vor:

Durch die Pille und durch Lauras Geburt bin ich dick geworden. Nicht allzu sehr, aber ich spüre es ständig, versuche, meinen Körper nicht zufällig mit den Händen zu berühren, noch nie habe ich beide Arme gebraucht, um mich selbst zu umschlingen, nur, wenn es dringend sein muss, beim Anziehen, beim Schminken, in der Toilette. Ich habe auch keine Lust, mit dir zu schlafen, ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten.
Slata Roschal aus: „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“

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Sjón: „naeturverk/nachtarbeit“

Nachtarbeit by Sjón
Nachtarbeit von Sjón … poetische Weltversinnlichung.

Sjón, mit vollem Namen Sigurjón Birgir Sigurðsson, legt mit nachtarbeit, übersetzt von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer, eine Textmischform vor, die zwischen Prosa, Gedicht, Reflexion und Kurzgeschichte, zwischen assoziativem und nachdenklichem Schreiben hin und her wechselt. Er selbst schreibt auch fürs Theater, für den Film, verfasst Romane wie Schattenfuchs und tritt zudem als Musiker in Erscheinung. Vor diesem Hintergrund verwundert die bunte Mischform nicht:

der kopf, vom körper getrennt
die toten kommen niemandem zu hilfe
[…] ein unerwarteter gast erscheint, bleibt da für lange zeit
westwind, abgetragene erdschichten, anstrengende tage
ein körper sucht einen neuen kopf

Sjón aus: „nachtarbeit“

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Didier Eribon: „Eine Arbeiterin“       

Eine Arbeiterin: Leben, Alter und Sterben | Das große neue Buch des Autors  von »Rückkehr nach Reims« : Eribon, Didier, Finck, Sonja: Amazon.de: Bücher
Eine Arbeiterin von Didier Eribon. SWR Bestenliste 05/2024.

Didier Eribon, Journalist, Soziologe und Autor von Beruf, legt mit Eine Arbeiterin einen seltsamen Hybrid vor. Autobiographisch motiviert, literaturwissenschaftlich ambitioniert, politisch agitierend handelt er auf etwas weniger als dreihundert Seiten das Thema Altern und Pflegeheime anlässlich des Todes seiner Mutter ab. In rückhaltloser Ehrlichkeit wie Emmanuel Carrère in Yoga nennt er das Kind, seine Scham, sein Versagen und seine Reue beim Namen:

Mittlerweile ist mir bewusst, dass ich zugleich dank meiner Mutter und in Abgrenzung zu ihr der Mensch geworden bin, der ich bin. In meinen Gedanken war das In-Abgrenzung-zu-ihr lange Zeit stärker als das Dank-ihr. Natürlich schäme ich mich seit Langem für all die Beispiele meines Egoismus und meiner Undankbarkeit. Mich schmerzt, wie viel Schmerz ihr mein Egoismus und meine Undankbarkeit zugefügt haben. Doch wie Albert Cohen in ‚Das Buch meiner Mutter‘ schreibt: »Etwas spät«, das schlechte Gewissen.
Didier Eribon aus: „Eine Arbeiterin“

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Michaela Maria Müller: „Zonen der Zeit“

Zonen der Zeit by Michaela Maria Müller
Zonen der Zeit von Michaela Maria Müller. Aufhebung der Kampfzonen.

Zwischen Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz und Erich Kästners Pünktchen und Anton spannt sich eine weite Palette von Berlinromanen bis zu Judith Hermanns Sommerhaus, später und Cees Nootebooms Allerseelen auf. Großstädte bringen Freiräume mit sich, spezifische Nischen, die eigene Geschichten schreiben. Michaela Maria Müller schreibt mit Zonen der Zeit einen eigenwilligen, ruhigen Roman über zwei sehr besonnene Menschen:

Ich erzählte Enni, wie [der Gedanke an die Eiszeit] meine Perspektive zurechtrückte. Und dass viel mehr hinter den Dingen stecken konnte, als man auf den ersten Blick sah.
»Und jetzt sitzen wir hier am letzten Meter. Tatsache,« sagte Enni beeindruckt. Sie schaltete die Taschenlampe aus. Bis auf ein paar Wolken, die sich vor den Mond geschoben hatten, war der Himmel klar. Wir hörten eine Weile dem Plätschern des Wassers zu.
»Flüsse wissen nichts voneinander, bis sie sich begegnen. Und dann gehören sie zusammen,« sagte ich.
Michaela Maria Müller aus: „Zonen der Zeit“

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Han Kang: „Griechischstunden“

Griechischstunden - Han Kang
Griechischstunden von Han Kang. Geduldiges Dunkelsein.

Außenseiter eignen sich für die Literatur, die mit allgemeinen Mitteln, also mit der Sprache, das Besondere, einzufangen sucht. Der eigenartige Mensch lässt Ungewohntes erscheinen, da er sich unnormal verhält, gegen Konventionen verstößt und so Licht auf Verhältnisse wirft, die ansonsten im Unbewussten weiter schlummern würden. Franz Kafkas Helden können als Beispiel genannt werden, oder Gustav Flauberts Madame Bovary. Auch Haruki Murakami mit Die Stadt und ihre geheimnisvolle Mauer oder Cees Nooteboom mit Die folgende Geschichte, um einen weiteren Vertreter der Gegenwartsliteratur zu nennen, beschäftigen sich hauptsächlich mit Aussteigern und seltsamen Käuzen. Insbesondere mit letztgenanntem Kurzroman hat Han Kangs Griechischstunden viel gemein:

An dem Tag, als du mich in deine Arme nahmst, habe ich wohl, bebend vor Klarheit, das Zarte, Glühende und Unverstellte dieser Geste verstanden. Dass der menschliche Körper eine traurige Angelegenheit ist, hohl, weich und verletzlich. Die Arme. Die Achselhöhlen. Die Brust. Die Leiste. Dieser Körper, zum Umarmen geboren und dazu, Lust darauf zu machen.
Han Kang aus: „Griechischstunden“

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Cees Nooteboom: „Die folgende Geschichte“

Die folgende Geschichte (suhrkamp taschenbuch) : Nooteboom, Cees,  Beuningen, Helga van: Amazon.de: Bücher
Die folgende Geschichte von Cees Nooteboom … Berührende Lebensbilanz eines Träumers.

Bücher über Literaturliebhaber thematisieren oft Weltfremdheit und Narrentum. Paradigmatisch steht hier Miguel de Cervantes Saavedras Don Quijote Pate, in der der Titelheld durch den exzessiven Konsum von Ritterromanen verlernt zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden und bspw. Windmühlen für feindlich gesinnte Riesen hält. Neuzeitlich untersucht bspw. Elias Canetti in seinem Erstlingsroman aus dem Jahre 1936 Die Blendung besagtes Thema, in welchem er den Sinologen Peter Kien dem Irrsinn verfallen lässt. Weltfremdheit und Sprachliebe gehen so oft einher, dass es einem Klischee gleicht. Nichtsdestotrotz überzeugen viele Bücher aus dieser Tradition, alte wie auch John Williams Stoner (1965) aber auch neuere wie Cees Nootebooms Die folgende Geschichte (1991):

Weibliche Bücherwürmer, leicht ätherisch, das war bisher meine Domäne gewesen, von verschämt bis verbittert, und alle hatten sie bestens erklären können, wo der Haken bei mir war. Stinkeigensinnig oder »Meiner Meinung nach merkst du nicht einmal, ob ich da bin« waren oft gehörte Klagen, neben »Mußt du jetzt schon wieder lesen?« und »Denkst du eigentlich je an jemand anders?«. Nun, das tat ich, aber nicht an sie. Und außerdem, ja, ich mußte schon wieder lesen, denn die Gesellschaft der meisten Menschen liefert nach den vorhersehbaren Ereignissen keinen Anlaß zum Gespräch.
Cees Nooteboom aus: „Die folgende Geschichte“

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Heinrich Böll: „Ansichten eines Clowns“

Ansichten eines Clowns
Spiegel Belletristik-Bestseller 1963/64 … Literaturnobelpreis 1972

Nicht jeder Künstler ist ein Aussteiger, und nicht jeder Aussteiger ein Künstler. In der Literatur wimmelt es von vielen exzentrischen Figuren. Angefangen mit Don Quijote, mit dessen Lebensbeschreibung im gleichnamigen Buch Miguel de Cervantes den modernen Roman aus der Taufe hob, bricht die Reihe der Exoten bis in die Gegenwartsliteratur nicht ab. Heinrich Bölls Hans Schnier aus Ansichten eines Clowns, erschienen 1963, steht in dieser Tradition. Er ist Clown von Beruf und ringt mit seinem sozialen, kulturellen, politischen Umfeld der frühen Nachkriegsjahre der Bundesrepublik Deutschlands:

Ich nahm plötzlich meine Mark aus der Tasche, warf sie auf die Straße und bereute es im gleichen Augenblick, ich blickte ihr nach, sah sie nicht, glaubte aber zu hören, wie sie auf das Dach der vorüberfahrenden Straßenbahn fiel. Ich nahm das Butterbrot vom Tisch, aß es, während ich auf die Straße blickte. Es war fast acht, ich war schon fast zwei Stunden in Bonn, hatte schon mit sechs sogenannten Freunden telefoniert, mit meiner Mutter und meinem Vater gesprochen und besaß nicht eine Mark mehr, sondern eine weniger, als ich bei der Ankunft gehabt hatte. Ich wäre gern runtergegangen, um die Mark wieder von der Straße aufzulesen, aber es ging schon auf halb neun, Leo konnte jeden Augenblick anrufen oder kommen.

Heinrich Böll aus: „Ansichten eines Clowns“
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