Maren Kames: „Hasenprosa“

Hasenprosa von Maren Kames. Deutscher Buchpreis-Shortlist.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (3): Die Großeltern tauchen in vielen Romanen auf, aber selten stehen sie im Zentrum des Geschehens. Oft besetzen sie wichtige Nebenfiguren wie bspw. die versöhnende Großmutter Bethsy Buddenbrook im gleichnamigen Roman von Thomas Mann. Ausnahme bilden hier Romane wie Anne Rabes Die Möglichkeit von Glück, in der sich die Protagonistin am Verhalten ihres Großvater Pauls abarbeitet, oder Kim de l’Horizons Blutbuch, in welchem ein sehr distanziertes Verhältnis zur Großmutter (auch zur Mutter) wie zur gesamten Familiengeschichte zur Sprache kommt. Maren Kames nähert sich in ihrem sprachexperimentellen Roman Hasenprosa ihren Großeltern mit größerer Behutsamkeit:

Liebe Oma, ich rauche und trinke und schlafe, wann ich will. Vielleicht, stelle ich mir vor, wärst du neidisch auf mich, ich bin relativ frei, ich glaube, dir würde das auch gefallen. Ich bin immer noch schwierig. Aber ich wachse, immer ein Stückchen, wahrscheinlich weiter in mich rein. Es geht mir gut. Ich wüsste gerne, dass du weißt, ich schreibe. Noch in dem Jahr, als du gestorben bist, habe ich das erste Buch fertig geschrieben. Es ist längst nicht mehr alles so unklar wie damals. Die Aussicht darauf hätte ich dir lieber noch mitgegeben.
Maren Kames aus: „Hasenprosa“

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Clemens Meyer: „Die Projektoren“

Die Projektoren von Clemens Meyer. Shortlist Deutscher Buchpreis 2024.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (2): Der neue Roman von dem Leipziger Buchpreisträger Clemens Meyer aus dem Jahr 2008 nimmt Motive und Schreibweisen von Ivo Andrić‘ Die Brücke über die Drina auf, indem er dessen Handlung auf das 20. Jahrhundert und die jugoslawischen Bürgerkriege Anfang der 1990er Jahre ausweitet, und verknüpft diesen Handlungsstrang mit Peter Weiss‘ Die Ästhetik des Widerstandes – nur aus entgegengesetzter Richtung. Meyer zeichnet nämlich den Werdegang und Evolution des völkisch-nationalen Denkens und Handelns nach. Der Stoff des letztlich an David Foster Wallace Unendlicher Spaß angelehnten Romans entstammt dem Themenbereich Brutalität, der mit der Plotstrategie Krieg und Welt in Trümmern dynamisiert wird. Zentrale Gestalt von Die Projektoren ist Jovan, der Cowboy:

Es war einmal ein Mann, der lebte im Velebitgebirge. […] Eine Zeitlang nannten die Einheimischen ihn den Cowboy, weil er ein großes Halstuch trug, die verknoteten Enden, die Zipfel, lagen auf seinem Rücken, und vorne bedeckte ein Dreieck aus Stoff seinen Hals. Die Bergbauern und Hirten im Velebit kannten die Cowboys und die Halstücher der Cowboys aus den Filmen der Wanderkinos, die vor dem großen Krieg und nach dem großen Krieg hin und wieder in ihre Dörfer kamen, und einige wenige Groschenromane kursierten, wurden weitergereicht, zerlesen und zerfleddert, Wilder Westen, die halstuchbehangenen Cowboys auf den abgegriffenen Titelseiten.
Clemens Meyer aus: „Die Projektoren“

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Nora Bossong: „Reichskanzlerplatz“

Reichskanzlerplatz von Nora Bossong. Deuscher Buchpreis-Longlist 2024.

Reichskanzlerplatz von Nora Bossong stellt sich in die Reihe der Gegenwartsromane, die die Weimarer Republik und darauffolgende Zeit des Dritten Reiches beleuchten. Stellvertretend seien hier genannt: Daniel Kehlmanns Lichtspiel, Eva Menasses Dunkelblum und Florian Illies Liebe in Zeiten des Hasses. Hier bietet aber nicht das Öffentliche Miteinander den Stoff, sondern die Liebe, und als Plot setzt Bossong auf Unerfüllte Liebe und Eifersucht. Die geschichtlichen Umstände dienen allenfalls als Bühne für ein sehr intimes, privates Drama, das vom Ich-Erzähler Hans, der sich in Hellmut Quandt verliebt, der Hans‘ Liebe aber nicht erwidert, stattdessen die spätere Magda Goebbels umwirbt:

[Hans,] pass bitte auf dich auf, flüsterte [Karl].
Ich spürte die Wärme seiner Hand, sie fuhr meine Schläfe entlang über meine Wange.
Du weißt, wer Hellmuts Stiefmutter heute ist?, fragte er leise. Der Teufel, antwortete er selbst, und ich erschrak über das Wort, weil es in der Dunkelheit fiel und weil Karl nicht mehr flüsterte und vielleicht weil ich immer gedachte hatte, das Worte gehöre zu Magdas Mann.

Nora Bossong aus: „Reichskanzlerplatz“

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Jean de Palacio: „Das Porträt“

Das Porträt von Jean de Palacio.

Vom Stoff her behandelt Jean de Palacios Roman Das Porträt die Liebe und erhält seine narrative Dynamik durch den Plot Unerfüllte Liebe/Eifersucht. Es steht hiermit im engen Zusammenhang zu J.M. Coetzees Der Pole und Marie Borrélys Mistral. Durch seine apokalyptische Stimmung kommuniziert es aber auch mit Simon Strauss‘ Zu zweit und Cees Nootebooms Die folgende Geschichte. In allen genannten Werken herrscht die Sehnsucht, die unerfüllte Liebe, aber auch am Horizont die Möglichkeit einer alle Lebensqualen besänftigenden Zweisamkeit. Bei de Palacio dient die Sprache als Gesamtsymbol für dieses Gefühl:

Von Marie Smith Jones [der gestorbenen weltweit einzigen Eyak-Sprecherin] wanderten Maurices Gedanken zu Elisabeth Wehland, auch sie eine Erbin und Schatzmeisterin der Sprache, die furchtsam und zitternd die schwere, stets bedrohte Bürde trug, die zweifellos im Zwiespalt war zwischen dem Wunsch, sie weiterzugeben oder sie hochmütig ganz für sich allein zu behalten, in diesem maßlosen Hochmut, zugleich Babel und das Ende einer Welt zu verkörpern, denn die Welt existierte ja letztlich nur durch den Klang der sie beschreibenden Worte.
Jean de Palacio aus: „Das Porträt“

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Daniela Krien: „Mein drittes Leben“

Mein drittes Leben von Daniela Krien.

Der Tod eines Kindes wird in der Literatur selten aus der Sicht eines Elternteils erzählt. Häufiger findet sich die Trauerarbeit einer Partners wie in Irvin D. und Marilyn Yaloms Unzertrennlich, Jon Fosses Der andere Name oder Helga Schuberts Der heutige Tag. Auch der Verlust der Eltern aus Sicht des Kindes bildet einen häufig bearbeiteten und gestalteten Stoff wie in Edgar Selges Hast du uns endlich gefunden, Caroline Wahls Windstärke 17 oder Alois Hotschnigs Der Silberfuchs meiner Mutter. Daniela Krien nimmt sich nun in ihrem neuesten Roman Mein drittes Leben der Thematik an, was bleibt, wenn ein Kind stirbt, und schließt so an bspw. Cees Nootebooms Allerseelen an, nur im Falle Kriens steht die trauernde Mutter im Zentrum des Geschehens:

Vor Sonja bin ich ein eigenständig fühlender, doch unvollendeter Mensch gewesen, ein Individuum ohne Zusammenhang. Ab ihrer Geburt war mein Lebensglück ihrem unterworfen. Von Beginn an und bis über ihr Ende hinaus bin ich das, was sie ist – glücklich, unglücklich, ängstlich, traurig, euphorisch, lebendig oder tot. Denn wenn ein Kind geht, nimmt es dich mit. Es lässt nicht mehr von dir zurück als eine welke Hülle.
Daniela Krien aus: „Mein drittes Leben“

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Saša Stanišić: „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“

Möchte die Witwe angesprochen werden … von Saša Stanišić. Spiegel Belletristik-Bestseller (2024)

Saša Stanišić‘ Buch mit dem sehr langen Titel Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne reiht sich ein in die inhaltliche Kategorie Prekäre Kindheit, gesellt sich also zu bspw. Tijan Silas Radio Sarajevo und Necati Öziris Vatermal, lässt sich aber auch als eine komödiantische Gegenwartsverarbeitung verstehen, also im Sinne von Heike Geißlers Die Woche und Barbi Marković‘ Minihorror als Aktivistisches Agitprop. Um einen klassischen Roman handelt es sich bei Stanišić‘ Buch jedenfalls nicht. Narrative Elemente fehlen fast völlig. Literaturgeschichtlich nähert es sich dem Buch Deutschland, Deutschland über alles an, das Kurt Tucholsky zusammen mit Jean Heartfield 1929 herausgebracht hat. Viele kleine Szenen werden lose aneinander montiert:

»Ohne Plan ist sowieso am geilsten«, sprach Nico die große Wahrheit aus und lehnte sich zurück, weil man das so tat, nachdem man eine große Wahrheit ausgesprochen hatte in den Weinbergen. Faith lehnte sich auch zurück und Piero auch, ich lehnte mich auch zurück, und dann lehnte sich, ohne Scheiß, das komplette Neckartal zurück, kurz knirschte der Horizont.
Saša Stanišić aus: „Möchte die Witwe angesprochen werden …“

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Caroline Wahl: „Windstärke 17“

Windstärke 17 von Caroline Wahl. Spiegel Belletristik-Bestseller (2024)

Aus der Kategorie Prekäre Kindheitserfahrungen meldet sich nach 22 Bahnen der neue und zweite Roman von Caroline Wahl Windstärke 17. In Intensität, Tempo und Wucht stimmt es mit Romanen wie Ministerium der Träume von Hengameh Yaghoobifarah und Öziri Necatis Vatermal ein, d.h. harte, umgangssprachliche Kraftausdrücke werden nicht gescheut, trotz aller Verletzlichkeit, die die Figuren dieser Romanwelten aufweisen und in ihrer Sehnsucht nach Frieden und Beschaulichkeit den Schwebezustand eines Prana Extrem von Joshua Groß anstreben. Die Welt liegt aber in Trümmern, und mit Welt sind hier meist die familiären Verhältnisse und die als desaströs empfundenen Eltern-Kind-Beziehungen gemeint:

[Mama] bleibt im Türrahmen stehen, während ich »egalegalegalegal« schreibe. Im Augenwinkel sehe ich, wie sie sich umdreht und die Tür schließt. Wie sie sich umdrehte und die Tür schloss. Ich hasse mich für dieses »Egal«. Ich hasse mich, ich hasse sie, und ich hasse alles. Sie wusste, als sie an diesem frühlingshaften Dienstag an meine Tür klopfte, dass sie gehen wird, und ich wusste es irgendwie auch. Ich habe »fjsodksnd« und »egalegalegalegal« aus dem Dokument gelöscht, »Scheißkuh« dringelassen. Und habe sie gehen lassen.
Caroline Wahl aus: „Windstärke 17“

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Marc-Uwe Kling: „Views“

Views von Marc-Uwe Kling. Spiegel Belletristik-Bestseller (2024).

Das literarische Genre Aktivistisches Agit-Prop erfreut sich großer Beliebtheit. Es erlaubt, meist unter einem nur spärlich ausgearbeiteten Plot, Zeitgeist, Diskursen, einen Flickenteppich an Assoziationen unterzubringen. Friedrich Dürrenmatts Die Physiker stellt das Paradebeispiel dar. Es spezifiziert außerdem das Thema von Johann Wolfgang Goethes Gedicht Der Zauberlehrling von einem magischen hin zu einem technologischen Aspekt, vermengt dieses mit einem kriminologischen Plot. Selbiges, und hier in einer Reihe mit Constantin Schreibers Die Kandidatin, unternimmt Marc-Uwe Kling in seinem neuesten Roman Views:

»[Das Video] ist wirklich grausam. Ich weiß nicht, ob du …«
»Stefan«, sagt Yasira ruhig, »ich bin Hauptkommissarin beim BKA, Abteilung für schwere und Organisierte Kriminalität!« So, jetzt war es raus. »Ich hab Sachen gesehen, die dir wochenlang den Schlaf rauben würden. Ein Video kann mich nicht schocken. Gib mir das Handy!«
[…] Schon nach den ersten Sekunden weiß Yasira, dass dieses Video alles verändern wird. Es ist der Tropfen, der Funke, der Zünder. Stefan hat recht. Es ist Sprengstoff.

Marc-Uwe Kling aus: „Views“

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Theodor W. Adorno: „Ästhetische Theorie“ (ii: Kritik)

Ästhetische Theorie von Theodor W. Adorno.

Im ersten Teil meiner Lektüre von Theodor W. Adornos Ästhetische Theorie beschäftigte ich mit seinem Kunstbegriff und seiner Fassung des Schönen, das er gegen Immanuel Kants Begriff aus §9 der Kritik der Urteilskraft »Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt«, aber auch gegen Georg Friedrich Hegels Definition des »Schönen als des sinnlichen Scheinens der Idee« entwickelt. In Adornos Konzept des Schönen erweist sich dies als das der Gewalt der Form durch Form entkommende Einzelne:

Das Schöne in der Kunst ist der Schein des real Friedlichen. Dem neigt noch die unterdrückende Gewalt der Form sich zu in der Vereinigung des Feindlichen und Auseinanderstrebenden.
Theodor W. Adorno aus: „Ästhetische Theorie“  

Im zweiten Teil möchte ich nun Adornos Begriff des Kunstverstehens herausarbeiten, dem ein Großteil der Ästhetischen Theorie gewidmet ist, die so als Propädeutik, wie Kunst überhaupt zu begegnen sei, verstanden werden kann. Weniger urteilt Adorno, als dass er eine Verhaltensweise Kunstwerken gegenüber einübt, die er das mimetische Verstehen nennt:

Kunstwerke sind die vom Identitätszwang befreite Sichselbstgleichheit. Der peripatetische Satz, einzig Gleiches könne Gleiches erkennen, den fortschreitende Rationalität bis zu einem Grenzwert liquidiert hat, scheidet die Erkenntnis, die Kunst ist, von der begrifflichen: das wesentlich Mimetische erwartet mimetisches Verhalten. Machen Kunstwerke nichts nach als sich, dann versteht sie kein anderer, als der sie nachmacht.

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Theodor W. Adorno: „Ästhetische Theorie“ (i: Kunst)

Ästhetische Theorie von Theodor W. Adorno. Sein Kunstbegriff.

Gleich welche Binnendifferenzierungen durchgeführt werden, sie geben Anlass zum Ärgernis. In der Literaturwissenschaft findet sich ein Beispiel in der Unterscheidung zwischen U- und E-, also unterhaltender und ernsthafter, oder Trivial- und Hochliteratur. Einer der wenigen, die noch ernsthaft diese Scheidung bis in die Tiefe seiner Begrifflichkeit hinein genommen und vertreten hat, ist, anders als Umberto Eco in Apokalyptiker und Integrierte (1964), Theodor W. Adorno und sein Begriff von der Kulturindustrie gewesen. Ungemindert besteht er auf einen emphatischen Kunstbegriff, den er seinem nur fast vollendeten Text Ästhetische Theorie (1970) zugrunde gelegt hat: 

Kunst achtet die Massen, indem sie ihnen gegenübertritt als dem, was sie sein könnten, anstatt ihnen in ihrer entwürdigten Gestalt sich anzupassen. Gesellschaftlich ist das Vulgäre in der Kunst die subjektive Identifikation mit der objektiv reproduzierten Erniedrigung. Anstelle des den Massen Vorenthaltenen wird von ihnen reaktiv, aus Rancune genossen, was von Versagung bewirkt ist und die Stelle des Versagten usurpiert. Daß niedrige Kunst, Unterhaltung selbstverständlich und gesellschaftlich legitim sei, ist Ideologie; jene Selbstverständlichkeit ist allein Ausdruck der Allgegenwart von Repression. Modell des ästhetisch Vulgären ist das Kind, das auf der Reklame das Auge halb zukneift, wenn es das Stück Schokolade sich schmecken läßt, als wäre das Sünde.
Theodor W. Adorno aus: „Ästhetische Theorie“

Dass heute die Unterscheidung zumeist nur noch ein müdes Lächeln hervorruft, zumal im Zeitalter des Midcults, also dem Versuch, Intersektionalität in der Literaturkritik zu verankern, siehe bspw. Moritz Baßler in Populärer Realismus, verdeckt aber vielleicht nur den Umstand, dass ein gewisses Maß an Formdurchdringung gar nicht mehr angestrebt, geschweige denn erwartet wird, also eine ganze Kulturpraxis (ob nun höher, niedriger eingestuft oder nicht, das spielt hierbei gar keine Rolle) zu verschwinden droht und hierauf, nicht auf die Beurteilung und Bewertung, Adornos emphatischer Kunstbegriff reagiert, der noch eine Kunst anvisiert, die das Versprechen auf ungemindertes Glück in sich trägt.

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