Valerie Fritsch: „Zitronen“

Zitronen von Valerie Fritsch. SWR Bestenliste 04/2024.

Zitronen heißt der vierte Roman von Valerie Fritsch, die mit Winters Garten beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2015 den Kelag- und BKS-Publikumspreis zugesprochen bekam. Finden die Ereignisse in ihrem vorletzten Roman aber in einer unspezifischen, allumfassenden Apokalypse statt, so beschränkt sich ihr neuester Roman auf eine prekäre Kindheitserfahrungen und die ersten Schritte nach einer solchen in die Erwachsenenwelt. Im Gegensatz zu anderen neueren Romanen dieses Genres spielt weder Krieg wie in Vatermal oder Radio Sarajevo oder sexuelle Übergriffigkeit wie in Ministerium der Träume oder Ein rostiger Klang von Freiheit eine Rolle. Fritsch beleuchtet in ihrem Roman wie Edgar Selge in Hast du uns endlich gefunden das klassische Thema der elterlichen Gewalt:

Der Vater redete viel, oft ohne Unterlass und ungeachtet dessen, ob er etwas zu sagen hatte und ob ihm zugehört wurde oder nicht. Leise wurde er bloß, wenn er von August abließ und sich eine Stille im Haus ausdehnte, die sich bis in die letzte Ecke schob, jedes Zimmer erfüllte, als hätte man eine tonlose Saite angeschlagen. Nirgends war auch nur ein Wort zu hören, denn wo die Fäuste sprachen, schwieg der Mensch. Die Grausamkeiten hielten den Vater aufrecht, waren die Stützmuskulatur gegen den großen, inneren Zusammenbruch. Die Härte gegen andere härtete auch ihn selbst, als wäre er ohne sie so weich, dass er in sich zusammenstürzen müsste.
Valerie Fritsch aus: „Zitronen“

Inhalt/Plot:

August Drach heißt der Protagonist von Zitronen und lebt mit seinen Eltern in der Provinz. Seine Mutter, Lilly, ehemalige Krankenschwester, träumt von einem Leben der Reichen und Schönen. Sie ersehnt sich ein Dasein wie Lady Diana, erträgt ihren gewalttätigen Ehemann trotz finanzieller Sorgen ob seines guten Aussehens und harrt der Dinge in der Hoffnung auf eine glückliche Wende ihres Schicksal:

So kam es vor, dass Lilli Drach in einer Wolke aus Pflaume und Orangenblüte inmitten ihrer Versäumnisse lebte, zwischen Geschirrtürmen saß, auf denen die Essensreste trockneten, bis sie von den Tellern pellten, der Müll auf dem Boden zwischen den nackten Zehen raschelte und der Staub in den selten betretenen Zimmern lag wie ein leiser Schnee, in dem man bei einem Blick über die Schulter die eigenen Fußspuren sah.

Eines Tages aber verschwindet der Vater spurlos, lässt Frau und Kind ohne Nachricht zurück, die nun beide ein Leben in isolierter Zweisamkeit zu führen beginnen. Plötzlich, ohne den schlagenden Vater als Antipoden, finden sie nicht mehr zueinander. Lilly verliert ihre Rolle als Trösterin und Behüterin und eine Entfremdung zwischen Mutter und Sohn schleicht sich ein. Als August aber erkrankt, fühlt sich Lilly wieder nützlich, und als auch noch durch die Krankheit ein Mann wieder in ihr familiäres Leben tritt, Otto Ziedrich, beschließt sie, auch um ihre einstige Krankenschwestertätigkeit wieder zu beleben, August krank und elend zu halten.

August war so müde, dass er nicht wusste, ob er wachte oder schlief, hatte einen metallischen Geschmack im Mund und fühlte sich so schwer im eigenen Körper, als wären seine Organe durch die runden Messinggewichte der Küchenwaage ersetzt, als lägen ihm Lider aus Blei auf den Augen, als wäre ihm der Kopf mit Gold ausgegossen. […] Hatte er sich in der Früh auch gesund gefühlt, nahm er auf [seiner Mutter] Ruf hin doch rasch seinen Platz in der Krankheit wieder ein und schlüpfte nach einem Glas trübem Wasser, das sie ihm gab, wie auf Befehl in müde Glieder, wie man in eine Jacke und in eine Hose stieg.

Zwischen Otto und Lilly entwickelt sich eine Liebe, die selbst die Gewalt, die Lilly an ihrem Sohn verübt, entschuldigt. Als jedoch August von einem Blitz getroffen und ins Krankenhaus gebracht wird, zieht Otto die Reißlinie, mietet seinem Stiefsohn eine Wohnung und befreit ihn aus den Klauen Lillys. In der Stadt schlägt sich August durch, lügt und dichtet sich Lebensläufe zusammen, bis er Ava trifft, sich in sie verliebt und ein inniges Leben mit ihr sich zu wünschen beginnt, das leider alsbald trotz überstürzter Heirat in Eifersucht und Zwietracht ausartet:

Anfangs war Ava geschmeichelt von der Macht, die sie über August zu haben schien, und verwechselte seine nervöse Eifersucht mit Romantik, erzählte ihren Freundinnen bei einem Martini im Atelier stolz, wie sehr ihr Mann sie anbetete. Auch habe er kein Talent dafür, allein zu sein, sagte sie entschuldigend und erzählte den Frauen, wie er, wenn er etwas falsch machte, mit kindlicher Inständigkeit um Verzeihung bat, so dass sie nicht umhinkonnte, ihn für seine Fehler zu bedauern, statt zu schelten, und ihn für einen Augenblick noch mehr liebte, als sie es ohne den Missgriff imstande gewesen wäre.

August will sie an sich binden, und je mehr er sie an sich zu binden sucht, desto mehr entfernt sie sich. Es kommt zum Eklat, und August rettet sich zurück in das Haus seiner Kindheit, fährt seine Mutter besuchen, die nach dem Tode Ottos und durch eine schwere Krebserkrankung nur noch auf den Tod wartet und August hoffnungslos durch Schwäche und Alter ausgeliefert bleibt.

August, rief eine Stimme, als käme sie aus einer großen Ferne. Lilly Drach saß in der Mitte des Raumes in einem Rollstuhl wie auf einem Thron. Gleich sah er, wie alt und wie krank sie geworden war. Die Jahre und der Krebs hatten sie schmal gemacht wie einen Ast, dürr bis in die Finger, ein Bein nicht stärker als der Arm eines Gesunden. Ihr Gesicht wie ein Apfel im Winter, mit einer Haut, die sich um Mund und Nase zusammenzog. Es war eine Magerkeit, die tief aus ihrem Inneren aufzusteigen schien.

Stil/Sprache/Form:

In gewohnt sprachlich dichter Manier, mit rhythmischem Feingefühl, Augenmaß für die Syntax und abwechslungsreichen Metaphern, überbordenden Bildern aus Natur, Möbelstaub und festgefahrenen, idyllisch-bukolischen Träumen zimmert Fritsch eine Märchenatmosphäre zusammen, die an das barocke Spielmann-Drama erinnern, an fahrende Sänger, an eine Art Fabel, die nur auf mystische Wesen wartet, die eingreifen und bspw. den Sohn erretten. Märchen, Verträumtheit, ja, eine fließende ozeanische Sprachlandschaft formt sich im Verlauf der sich ausbreitenden Geschichte:

Der Himmel war voller Schwalben, Doppeldeckerschirme mit Fransen und Rüschen, rot und weiß, ausgebleicht von der Sonne, warfen Schatten zwischen den Tontöpfen der Agaven, Palmlilien und Zitronenbäume. Kakteen reckten sich in die warme Luft. In den durchhängenden Stoffbahnen der Liegestühle sammelte sich Sand und Staub. Ein Licht herrschte, als hätte man mit einem Mal andere Augen. Es roch krautig, nach heißem Stein und Salz, süß, wenn der Wind vom Land her kam.

Hierzu passt die Versessenheit Lillys, Horoskope als Ratgeber für ihr Leben und das ihrer Mitmenschen zu lesen. Geheimnisvolle Dinge geschehen: Das Verschwinden des Mädchens aus der Nachbarschaft oder das Verschwinden des Ehemannes. Eine gewisse Zeitlosigkeit durchwebt die Sprache und die Sinngebungsstrategeme, die sich hinter dem Rücken unterlaufen, verbinden und eine atmosphärisch-gedehnte, ausgesparte Ruhe in die Tragik und Ereignisabfolge des Geschehens bilden, so sehr, dass die Erzählung fast episodisch, anagrammatikalisch im Sinne antiker orakelhafter Praxen wirkt, die die Vermissten wiederbringen sollen:

Nur Lilly Drach stand der Nachbarin [der Mutter des vermissten Mädchens] bei, auf ihre Weise. Sie packte August an der Hand und brachte ihr die Horoskope, die verhießen, dass doch noch alles gut würde, kleine, ausgeschnittene Papierfetzen, die die Mutter der Vermissten sich an die Innenseite des Pullovers neben die Photographie ihrer Tochter nähte, die sie wie einst die Soldatenmütter auf der Höhe des gebrochenen Herzens trug. Wenn sie sich bewegte, den Arm hob oder sich an die Wand lehnte, raschelte die Hoffnung zwischen dem dunklen Stoff und über den Rippen, die sich durch die Haut drückten.

Fritsch bedient sich ausgewogener, wohlproportionierten barocker Sprachgesten, die die Details, die Momente in den Ereignissen und Bildern auseinanderhalten und nur lose, assoziativ verbinden. Hier besitzt die Beschreibung Eigenschaften einer Fuge, die immer wieder, nur transponiert, ein Thema wiederholt, einschreibt, um die Augenblickshaftigkeit der Emotionen mit den nachhallenden Gedächtniseffekten zu kontrastieren. Überhaupt, durch diese Verfugung und lose Ineinanderführung besitzt Fritsches Sprache etwas Drohendes und Bedeutungshaftes, das Walter Benjamin kennzeichnend für diese Literaturepoche empfand:

Die Worte erweisen sich noch in ihrer Vereinzelung verhängnisvoll. Ja man ist versucht zu sagen, schon die Tatsache, daß sie, so vereinzelt, noch etwas bedeuten, gibt dem Bedeutungsrest, der ihnen verblieb, etwas Drohendes. Dergestalt wird die Sprache zerbrochen, um in ihren Bruchstücken sich einem veränderten und gesteigerten Ausdruck zu leihen. Das Barock hat in die deutsche Rechtschreibung die Majuskel eingebürgert. Nicht nur der Anspruch auf Pomp sondern zugleich das zerstückelnde, dissoziierende Prinzip der allegorischen Anschauung kommt darin zur Geltung.
Walter Benjamin aus: „Ursprung des deutschen Trauerspiels

Schicksalshaftigkeit, Zeitlosigkeit, getragene Form und entspannte Erzählhaltung konfligieren jedoch mehr und mehr mit einer sich zuspitzenden Fabel der Geschichte, die Valerie Fritsch zum Ende hin ausarbeitet, fast bis zur Schmerzgrenze und eines sehr gewollten, verkürzenden, sich nicht ankündigenden Schlusses. Form und Inhalt treiben so in Zitronen mehr und mehr auseinander, unterstützen sich nicht, sondern beginnen sich zu widersprechen und das Leseerlebnis langsam zu zersetzen.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Fritschs Roman distanziert sich durch die Erzählstimme eindeutig von Betroffenheitsliteraturen und solchen, die diskursive Impulse geben wollen wie Vatermal oder Radio Sarajevo. Die prekären Kindheitserfahrungen werden nicht angedeutet. Sie werden in einen beinahe naturhaften Gesamtzwangszusammenhang präsentiert, wodurch sie nicht entschärft, sondern in ihrer ästhetischen Wirkung äußerst intensiviert, als episodenhaftes Grauen und ungemindert Schreckliches gestaltet werden. Hierin schließt Fritsch an die barocke Literatur an, wie bspw. von Daniel Casper von Lohenstein in Großmütiger Feldherr Arminius:  

Eine elende Glückseligkeit! rieff Marcomir / welche den Leib mästet / das Gemüthe bebürdet / und die Seele besudelt. Freylich wohl zeucht die Gemeinschafft mit frembden Völckern / die Erfindung so vielerley Künst eden Gliedern eine grosse Gemächligkeit / der Tugend aber einen unschätzbaren Verlust zu. Jemehr das Glücke und die Natur dem Leben liebkoset / ie in gefährlichern Zustand versetzt sie es. Was in Rosen verfaulet / wird in Nesseln erhalten. Die im Elende tauren /werden von Glückseligkeit verderbet. Daher ist die Natur daselbst / wo sie raue Klippen / kalte Lufft /sandichtes Erdreich geschaffen / eben so wenig für grausam zu schelten / als die Mütter zu Sparta / die ihre Söhne abzuhärten selbte für dem Altar der Orthischen Diana biß auffs Blut / zuweilen auch auff den Tod peitschen lassen.
Daniel Casper von Lohenstein aus: “Großmütiger Feldherr Arminius“ [Das andere Buch]

Seltsamerweise verlässt Valerie Fritschs Erzählinstanz die barocken Bahnen, sobald sie thematisch an Rache, an Psychologisierung über die symbolische Verarbeitung des Allegorischen rührt. Sie entkleidet den literarischen Gestus, der unverzeihlich und untrüglich beschreibt, indem sie ihm nicht vertraut, indem sie Klarheit und Parteilichkeit dort fordert, wo sie überhaupt nicht in Frage gestellt wurde. Diese Geste zerstört die Figur von August und verwischt die Grenzen von Opfer und Tätern bis zur Unkenntlichkeit, wodurch das allegorisiert-dynamische Verhältnis am Ende sogar ins Leere läuft:

Plötzlich verstand er. Ohne weiter nachdenken zu müssen, kannte er die Lösung des Rätsels. Irgendwann holt die Vergangenheit jeden ein. Alles kommt wieder, nichts lässt einen los. August geriet außer sich. Etwas schlug um in seinem Kopf, und etwas Unheimliches geschah in seiner Brust. Jede Befreiung kommt zu spät, aber im Augenblick ihrer Erfüllung ist sie prometheisch, überlebensgroß, gleißend bis zur Blindheit.

Lebte der Text bis dato durch Duldung, zerstört er sich am Ende selbst durch Explikation. Zitronen wirkte stark dort, wo eine vermeintliche Nüchternheit aufrechterhalten wurde, ein Starren in den Schrecken, ein ornamental-naturwüchsiges Grauen, dem August nur durch Stoizismus und Besonnenheit standzuhalten vermochte und von einer tragenden, sprachlich untermauerten Erzählhaltung unterstützt wurde.

Er sah Zitronen, die am dunklen Himmel standen wie Sterne. Eingestürzte Schneckenhäuser. Menschen in unmenschlichen Positionen.  […] Erkannte Massen, die sich einem Muskel gleich um Davonlaufende schlossen und noch auf die Toten einprügelten, Leichen, denen man die Gesichter abgeschabt hatte, totgetrampelte Menschen, die mit leeren Augen zum Himmel sahen. Wurde heimgesucht von den Bildern versehrter Leiber, durch deren Löcher man in eine ferne Weite oder eine mikroskopische Nähe schaute. Sah die einen über die anderen fallen und herfallen. Fand sich selbst auf beiden Seiten der Zerstörung, mal hier, mal dort, stets gelähmt von Hilflosigkeit. Und sosehr er sich auch umblickte in seinem Traum, das Rettende wuchs nirgendwo.

Es hätte keinerlei Freiheit, keinerlei großer Gesten, noch weniger eines brutalen Befreiungsschlages bedurft. Eine kleine hätte vollauf genügt: Die wohlverdiente Ruhe für August, nicht vergiftet, geschlagen, nicht drangsaliert zu werden, einen Sonnenuntergang genießen zu dürfen, eine zärtliche Hand, die keine brutalen und besitzergreifenden Absichten verfolgt, aber das stand nicht auf dem Programm von Zitronen, und die Lehre, dass auf böse Taten böse folgen, nun, die stand ja sowieso nie zur Debatte, und lässt dennoch, banal und schlicht, das narrative Kartenhaus mit einem Schlag vollends in sich zusammenfallen.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.

Nächste Woche am 25.06.2024 auf Kommunikatives Lesen:
weiß ich noch nicht – vielleicht 25 letzte Sommer von Stephan Schäfer.

Eine Kurzversion der Besprechung und noch andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich dort

2 Antworten auf „Valerie Fritsch: „Zitronen““

  1. Christiane – Home of abc.etüden ;-) Christiane lebt im Süden Hamburgs, hat einen bunten Schreib-/Gedichte-Blog und einen Regenblog und schreibt, fotografiert und liest gern ;-) https://365tageasatzaday.wordpress.com/ https://regensucherin.wordpress.com/
    Christiane sagt:

    Hab schon öfter darüber gelesen. Sehr interessant, dein Blick, und die Zusammenhänge, die du siehst. Ich habe das Buch neulich in den Bücherhallen gesehen und noch geschwankt … 🤔😉
    Morgenkaffeegrüße 🌤️🌳🎶☕🍪

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Ich mag Fritschs Erzählstil sehr – ich mag auch, dass sie eine gewisse Zeitlosigkeit zu evozieren versteht, nur sobald sie anfängt psychologisch zu werden, entgleisen für mich die Erzählebenen. Das passt nicht mehr, und das Ende erschien, zumindest mir, wie ein „jetzt ist mal Schluss“-Schluss … eine Hauruckaktion, die für mich das Buch vom Ende her völlig (wirklich) zerstört hat (auch von der Erzählanlage her). Vielleicht habe ich es auch nicht verstanden (wiewohl das Rachemotiv sehr klar ist). Vielleicht packt es dich ja! Viele Grüße in den und aus dem regnerischen Morgen! 🙃

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