25 letzte Sommer von Stephan Schäfer befindet sich in einem Niemandsland der Prosa, weder Roman noch Sachbuch, weder narrativ-geformte Fiktion noch historisch-belegte Reflexion, weder dargelegte Introspektion noch agitierende Provokation. Es entspringt der Kategorie Selbsthilfebücher, aber ohne den therapeutischen, exemplarischen Gestus, und besitzt deshalb auch keine wirkliche Motivation, wie Irvin D. und Marilyn Yaloms Unzertrennlich, in welchem das Ehepaar den sich ankündigenden Tod Marilyns gemeinsam verarbeitet. Auch besitzt es nicht die politische Verve von Didier Eribons Eine Arbeiterin, das exemplarisch, soziologisch argumentiert. Am ehesten schließt 25 letzte Sommer an Texte wie Helga Schuberts Der heutige Tag an, in welchem es um eine Art religiöse Stundenbuch-ähnliche Konsolidierung eines ins Schwanken geratenen Selbstverständnisses geht. Bei Schubert um das der fürsorglichen, ehrerbietigen Ehefrau, bei Schäfer um das des sozial-angesehenen Erfolgsmenschen:
Eines war jedoch klar, und das fühlte sich beengend und belastend an: Irgendwo im Leben hatte ich die falsche Abzweigung genommen, den inneren Kompass verloren. Bis vor ein paar Jahren hatte ich mich noch fröhlich und frei gefühlt, hatte die Dinge, die ich tat, ob privat oder beruflich, geliebt. Doch über die Jahre hatte ich immer mehr Pflichten gegen immer weniger Freiheit eingetauscht. Nicht bewusst, eher schleichend. Ich war einer dieser Optimierer geworden, die Arbeit, Anerkennung und Geldverdienen in den Mittelpunkt ihres Lebens gestellt hatten. Streng zu sich selbst, selten zufrieden, entschlossen statt entspannt. Getrieben von Abgabeterminen, von den Erwartungen anderer und den eigenen. Ich wollte nicht das, was ich hatte, sondern das, was ich nicht hatte.
Stephan Schäfer aus: „25 letzte Sommer“
Inhalt:
25 letzte Sommer berichtet von einer Freundschaft, die der Ich-Erzähler mit einem Kartoffelbauer schließt, den er bei einem morgendlichen Spaziergang der Introspektion kennenlernt. Karl, etwa sechzig Jahre alt, wirkt frisch, lebendig und fröhlich und mit sich und seinem Leben im Reinen. Wie aus dem Nichts steigt er, beinahe nymphisch, aus dem idyllisch gelegenen See, tropfend, grinsend und wirft die Tages- wie die Lebensplanung des Ich-Erzählers um, lädt ihn zu sich auf den Hof ein und lässt ihn an seinem gelungenen Familien- und Bauernleben teilhaben:
Karl kam mit weit ausgebreiteten Armen aus der Haustür: »Da bist du ja, wie schön! Hast du es gleich gefunden? Komm rein!« Er trug eine ockerfarbene Cordhose, dazu ein blaues Poloshirt, an dem der oberste Knopf fehlte, und Sandalen ohne Socken. An seinem linken Handgelenk baumelte ein buntes, geflochtenes Armbändchen. Ich folgte ihm direkt in die Küche, die von der Diele aus abging. Alles strahlte Gemütlichkeit aus. Ein langer Holztisch, groß genug für ein ganzes Kabinett, ging quer durch den Raum, in der Ecke residierte ein alter Kohleofen aus einer längst verglühten Zeit, gusseiserne Töpfe, ineinander gestapelt zu einem schiefen Turm. Auf der Anrichte: Schüsseln mit Salat, Erdbeeren in Milch und ein großes Blech mit warmem Butterkuchen. Die geschlagene Sahne lag wie eine schlafende Wolke in einer gläsernen Schale daneben.
Ohne zu fremdeln, lassen die beiden erwachsenen Männer sich gleich aufeinander ein und breiten ihre Lebensgeschichte voreinander aus. Karls gewinnende Persönlichkeit lässt alle Barrieren fallen, und bald verdrängt der Ich-Erzähler alle beruflichen und privaten Verpflichtungen und genießt die Ruhe und Beschaulichkeit des Lebens seines Gastgebers, der ihm von den verschiedenen Stadien seines Lebensweges berichtet und wie es zu diesem Glück, das er in vollen Zügen mit seiner Frau, seinen fünf Kindern und zehn Enkelkindern, genießt, denn auch er, Karl, hat sich einst auf einem falschem Wege befunden:
Karl folgte dem Willen der Eltern und ging den vermeintlich sicheren Weg. Abitur, Lehre zum Industriekaufmann, erste Anstellung in der Lohnabrechnung einer Maschinenbaufabrik.
»Ich war kreuzunglücklich.« Karl goss uns Wasser aus einem Tonkrug ein.
Ich fragte: »Wer oder was hat dich gerettet?«
Er trank langsam aus und antwortete, ohne nachzudenken: »Anette, mein Schutzengel.«
Anette, seine Mitbewohnerin und Krankenschwester, erzählte ihm von den vielen letzten Worten, die sie von den Kranken und vor dem Tod Stehenden erfahren hatte, die allesamt bereuten, zu wenig Zeit für sich, zu viel Zeit für andere aufgebracht zu haben. Wachgerüttelt von diesem Weckruf veränderte Karl sein ganzes Leben und widmete sich dem, was er wirklich liebte, die Kartoffel:
Hunderte von grünen Kartoffelpflanzen blinzelten aus der Erde, fein säuberlich in Reih und Glied angeordnet, eine Krähe stand einsam wie ein Schiedsrichter in der Mitte des Spielfelds. »Das ist mein gelobtes Land«, sagte Karl. »Hier spiele ich Gott.«
Behutsam schritten wir den Acker wie eine Pilgerstätte ab, und nach einer längeren Pause begann er zu erzählen, dem Tonfall nach zu urteilen eher von einer großen Liebe als von einer heimischen Pflanze: »Die Kartoffel und ich haben uns vor über dreißig Jahren kennengelernt. Eigentlich durch Zufall in einem Seminar über Nachtschattengewächse während meines Studiums.«
Karls gelungenes, durchweg harmonisches, von keiner Schattenseite verstörtes Lebensgefühl spricht den Ich-Erzähler sofort an. Sie verbringen weiterhin den Tag, sortieren Kartoffeln, machen ein Nickerchen und reden über diese und jene Lebenserfahrung. Karl beschäftigt insbesondere sein Reiseerlebnis mit Mohamed, seinem Reiseleiter durch Jordanien, der ihm, als Karl sich noch mit der Frage beschäftigte, ob er sich ein Kartoffelfeld kaufen solle oder nicht, als Entscheidungskatechismus vier Fragen offenbarte, die er sich stets stellen und beantworten müsse:
Erstens: Gibt es dir Liebe und Frieden?
Zweitens: Gibt es dir Lebensfreude und Energie?
Drittens: Gibt es dir Freiheit und Selbstbestimmung?
Viertens: Gibt es dir Ruhe und Halt?
Hiermit nun platzt der Knoten, und der Ich-Erzähler wird redselig und berichtet von den eigenen Ängsten und Nöten, von seinem Erlebnis in Tirol, als ihn eine Kinderbetreuerin nach mehrmaliger Ermahnung, sich zu beruhigen, in einen Putzraum einsperrte, von seinem Reiseerlebnis, als er sich mitten in einer lebensbedrohlichen Situation in einem Tsunami-Sturm in Thailand wiederfand, wie er die Frau seines Lebens kennenlernte, und sich im entscheidenden Moment der Schwäche von ihr akzeptiert fühlte. Am nächsten Tag bringt er dankbar Brötchen und Croissants zum Frühstück, berichtet Karl von der kurzen Phase als Tennisprofi, bevor sie gemeinsam wieder schwimmen gehen und eine Freundschaft fürs Leben beschließen.
Stil/Sprache/Form:
Wer nach sprachlichen Böcken in 25 letzte Sommer sucht, wird sie finden. Schäfers Text lebt nicht durch ausgefeilte Sprache, ornamentale Metaphorik oder geschickt eingefädelte Allegorien. Er fällt gerne mit der Tür ins Haus:
Ich hielt kurz inne, dann fiel mir etwas ein: »Am nachhaltigsten therapiert hat mich übrigens ein Verkäufer in einem Laden für Tierbedarf.«
»Okay, da bin ich gespannt«, sagte Karl.
»Der hat mir erzählt, dass man Wellensittiche nicht zu lange eingesperrt lassen darf, sonst werden sie ängstlich und trauen sich irgendwann nicht mehr, den Käfig zu verlassen. Es sind ja oft die ganz simplen Weisheiten, die einem einleuchten.«
Schäfer legt einen eher mündlichen Bericht, eine Art transkribiertes Freundschaftsgespräch vor und vermag auf diese Weise einen sehr zugänglichen Reflexionsprozess über das Leben anzustoßen. Vom Stil, Duktus nimmt Schäfer viel vom Heimatroman auf, betont die Häuslichkeit, die Ordnung, das eingeübte traditionelle Familienleben mit Johanna, den hilfsbereiten, wohlerzogenen Kindern, die beim Kartoffelsortieren helfen, um auf diese Weise ein scharf abgegrenztes Gegenbild zum gehetzten, Smartphone-durchsetzten, umtriebigen Großstadtleben zu schaffen. Ludwig Ganghofer scheint so durch alle Szenen und Episoden hindurch, bspw. in seinem Roman Das Schweigen im Walde (1899):
Zwei Stunden später wurde im Schatten des Harfenbaumes Tafel gehalten. Nach der blauen Forelle gab’s noch einen Pfannkuchen, von welchem Gustl meinte, daß er den Pfauenzungen des Lukullus unbedingt vorzuziehen wäre. Und in den Gläsern funkelte » vinum sacrum Sebenianum«, heiliger Sebenwein, wie Gustl das klare Quellwasser getauft hatte. Fast aber wäre die ganze schöne Bescherung dieses Mahls auf der Erde gelegen, denn ein Windstoß blähte das Tischtuch wie ein Segel auf. Das war für Gustl eine lustige Würze des Schmauses, und lachend trocknete er den vinum sacrum von seiner Lederhose, auf die das umgeschleuderte Glas gefallen war.
Ludwig Ganghofer aus: „Das Schweigen im Walde“
In Ganghofers Roman geht es auch um eine Art Flucht, jedoch eher um eine dramatische Rettung im Stile eines Kolportagenromans, wohingegen Schäfer weniger durch einen Plot, als durch eine Lebenshaltung zu überzeugen sucht. 25 letzte Sommer gemahnt das alt-humanistische ‚memento mori‘ und ‚carpe diem‘ an, und gleicht so eher einer naiv-ersonnenen, nichtsdestotrotz ernstgemeinten Erlöser- und Heiligengeschichte.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Als hedonistischer Selbstfindungsversuch steht 25 letzte Sommer quer zu vielen aktuellen Themen, mit denen Karl sich nicht beschäftigen möchte. Karls rustikaler Zugang betont die Freuden des einfachen, unbesorgten, traditionellen häuslichen Lebens und steht im reflektorischen Widerspruch zu jedem Stoizismus, wie ihn bspw. Lucius Annaeus Senecas De Vita Beata – Vom glücklichen Leben repräsentiert, wo es heißt:
[…] welcher Sterbliche, der sich auch nur eine Spur echten Menschentums gewahrt hat, möchte denn Tag und Nacht durch einen schnöden Kitzel angestachelt werden, dem Geiste untreu zu werden und nur noch dem Körper zu dienen!
Seneca aus: „De Vita Beata“
In 25 letzte Sommer geht es im vollen Kontrast hierzu, gerade um das leibliche Wohl, um die Kartoffel, um die Schlagsahne, den Butterkuchen, um die Freude am kalten See, an den blumigen Lüften, den sinnlichen Eindrücken und das beruhigende, einschläfernde Gefühl des vollen Magens:
[Karl] stand auf, nahm sich ein paar Äpfel, die in einer Holzkiste auf dem Boden neben dem Herd standen, schälte sie sorgfältig, entfernte das Kerngehäuse und schnitt sie in längliche Spalten. Dann erhitzte er Butter in einer Pfanne, gab Honig dazu, karamellisierte das Ganze, rührte die Apfelstücke vorsichtig unter und ließ sie goldbraun braten. Zum Schluss bestreute er alles mit Zimt, drapierte die Apfelscheiben hübsch auf einer großen Platte, holte einen griechischen Joghurt mit mindestens 10 Prozent Fett aus dem Kühlschrank und gab überall einen großen Löffel dazu. Danach stellte er eine Kanne Espresso auf den Herd. Viele »Mmh, wie köstlich« später saßen wir rund und glücklich vor ratzeputz leer gegessenen Tellern.
Stephan Schäfers Text legt eher einen epikureischen oder kyreneischen Hedonismus nahe, und durch seine anekdotische Berichtweise, ruft 25 letzte Sommer, insbesondere durch den Reiseleiter Mohamed Assoziationen an Johann Wolfgang Goethes West-Östlicher Diwan wach, bspw. in Höheres und Höchstes:
Daß wir solche Dinge lehren,
Möge man uns nicht bestrafen:
Wie das alles zu erklären,
Dürft ihr euer Tiefstes fragen.Und so werdet ihr vernehmen,
Daß der Mensch mit sich zufrieden,
Gern sein Ich gerettet sähe,
So dadroben wie hienieden.Und mein liebes Ich bedürfte
Mancherlei Bequemlichkeiten;
Freuden, wie ich hier sie schlürfte,
Wünscht ich auch für ewge Zeiten.
Johann Wolfgang Goethe aus: „West-Östlicher Diwan“
25 letzte Sommer versucht zu versöhnen, die Widersprüche zumindest augenblickhaft zu retten, zwischen Kulturen, Traumata und Ängsten zu vermitteln und einen gemeinsamen Nenner in den bukolischen Freuden zu finden. Ähnlich lebensbejahend wie Goethe beruht dieser auf der Lebensfreude, auf dem Seelen-Baumeln-Lassen und nicht allzu vielem Räsonieren. Dass Stephan Schröder hier die Messlatte tief legt, heißt nur, dass alle eingeladen werden, ähnlichen Idealen zu folgen, eigene Wunschträume zu formulieren. Karl, als Nymphe, entsteigt dem Seelengewässer des Ich-Erzählers, der unzufrieden mit sich und seiner Welt eine andere, bessere in Gestalt des fröhlichen Kartoffelbauers zu imaginieren und zaubern versucht. In diesem Wagemut, einen Tagtraum zu formulieren, darin liegt schon eine gewisse Utopie.
Diese Luftgebilde, über einem wunderlichen Boden schwankend, hatten sich zur Zeit der Sassaniden ins Unendliche vermehrt, wie sie uns »Tausendundeine Nacht«, an einen losen Faden gereiht, als Beispiele darlegt. Ihr eigentlicher Charakter ist, dass sie keinen sittlichen Zwecke haben und daher den Menschen nicht auf sich selbst zurück, sondern außer sich hinaus ins unbedingte Freie führen und tragen.
Johann Wolfgang Goethe aus: „West-Östlicher Diwan“ (Noten und Abhandlungen)
Das Außer-Sich-Hinaus heißt für den Ich-Erzähler von Stephan Schäfers 25 letzte Sommer zurück zur Natur, zum einfachen Leben. Ob es bei diesen, noch sehr klischeenahen, Luftgebilden bleibt, oder ob sich neue, unerwartete Utopien ergeben, darin besteht die Herausforderung beim Lesen von diesem kleinen Büchlein, das zumindest an Goethes ungebrochenen Hedonismus und fröhlich-bunten Gedichtzyklus gemahnt.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.
Nächste Woche am 04.07.2024 auf Kommunikatives Lesen:
vielleicht dieses Mal einen Klassiker wie Sylvia Plaths Die Glasglocke.
Andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich dort.

Ich habe eine Vorliebe für schlicht formulierte Wahrheiten wie die von dem Wellensittich, denn ich glaube, dass große Weisheiten einfach sein dürfen, wenn der Empfänger komplex genug im Hirn ist. (Und wenn er es nicht ist, funktioniert es vermutlich auch, nur anders.) Könnte ein Buch für mich sein, ich achte mal darauf 😁
Danke dir, hab einen guten Tag!
Morgenkaffeegrüße ☀️🌳🎶☕🍪
Das Buch liest sich sehr unanstrengend und gut auf einer Bahnfahrt, ich persönlich würde eher Strelecky, Das Café am Rande der Welt oder so, empfehlen, oder Marianne Leky, da Stephan Schäfer doch sehr nahe am Plaudern bleibt, aber dennoch: vielleicht passt es. Bedenke aber, ich wähle eigentlich immer die mir eindrücklichsten Passagen aus. Das mit den Wellensittichen mochte ich auch: Viele Grüße und Danke fürs Lesen!!
Mariana Leky kenne ich und mag ich, Strelecky mochte ich beim oder vielleicht auch erst nach dem zweiten Buch nicht mehr, ist für eine Begründung aber zu lange her. Ich bin nicht der Ansicht, dass ein Buch hochkomplex sein muss, um „gut“ zu sein, mal sehen, ob ich den Gegenspieler als das Gegengewicht begreifen kann, der die Waage ausgleicht, oder ob ich das Ganze hauptsächlich gut gemeint finde.
Danke dir!
Abendgrüße ☀️🌳🎶🥤🍪
Nee, muss es nicht. Ich habe Strelecky zum Vergleich gelesen, und auch nur das erste Buch, das Weltbestseller wurde, was ich dort mochte, war das Abstrakte, aber all dies besagt ja nur, dass Eindrücke sich verschieben können. Ich denke, 25 letzte Sommer kann viel anstoßen, und sorgt für eine möglicherweise wichtige Atempause. Ich setze es ja nur in Beziehung und bin, vielleicht hier und da, einfach zu sprachvernarrt, um meine eigenen kleinen Vorlieben nicht hindurchblicken zu lassen. Was ich sperrig bei Schäfer fand, war das Häusliche, das sich eigentlich einmummelt, aber hier, einfach so, plötzlich sperrangelweit zeigt. Aber mglw. liegt hierin eine interessante Dialektik, die ich nicht so sehr begriffen habe. Ich hoffe inständig, dass es dir gefällt, solltest du zu dem Buch greifen 🙂 Viele Grüße und Gekraule an den Fellträger!!
Der Eindruck, den du bei mir hinterlässt, ist der eines anspruchslosen, gut gemeinten Lebenshilfeversuchs eher als eines Beitrags zur Literatur. Niemand weiß in der Literaturkritik charmanter zu vernichten als du. Nur scheint dieses Buch kein satisfaktionsfähiger „Gegner“ für deine Künste.
Nichts gegen Butterkuchen oder Kartoffeln, sie wirken als Soulfood gegen Stress und Sinnkrisen zuverlässig.
Deine Parallelführung zu Goethe habe ich gerne und erheitert genossen, lieber Alexander.
Ich versuche stets aus meinen Lektüren literarischen Mehrwert zu generieren. Der Wille Schäfers zur Weltoffenheit spiegelt sich in vielem wider, aber auch die Heimatverbundenheit, dieses Verwurzeln und Aus-Sich-Heraus-Streifen erinnerte mich an Goethes Italien und Diwan, so passte das dann auch mit der kleinen Episode in Jordanien. Kartoffeln mag ich auch – Danke für die Blumen, liebe Ule, ich gebe mir immer größte Mühe mit meinem vernetzenden Lesen. Für mich war es toll, mal wieder in meiner Goethe-Gesamtausgabe zu schmökern 🙂 … so kommt alles zusammen. Viele Grüße!!!
Mir scheint, dass der Autor nicht nicht sehr viele Klischees ausgelassen hat…
Nein, Schäfer bleibt da gnadenlos, und ich habe noch nicht einmal die beängstigendsten ausgepackt. Was mich hauptsächlich störte, war die fehlende Glaubwürdigkeit von Karls gewinnendem Wesen, sodass eine Freundschaft auf den ersten Blick schon wenige Minuten später jedes Geheimnis aufs Parkett lockt. Das ist mir dann doch ein wenig zu viel fingierte „Fiktion“ gewesen.
Nanu? Wenn ich deine Rezension lese, denke ich, ich habe ein ganz anderes Buch gehört. Ja, ich hatte die Hörbuch-Version. Und viel gelungene Ablenkung, na gut, bei so etwas Profanem wie Hausarbeit.
Für mich war es eine wunderbar ablenkende Geschichte, die sich mit Leichtigkeit und unangestrengt hören ließ. Daran kann ich auch heute nichts ehrenrühriges finden, denn manchmal (und für manche Personen) kommt eine solche Geschichte ganz einfach zum richtigen Zeitpunkt. Ganz unkompliziert und ohne allzu viel hinein zu interpretieren.
Ich käme auch ehrlich gesagt nie auf die Idee, eine solche Geschichte auf Plausibilität zu prüfen. Weder als Buchhändlerin noch als Autorin.
Trotzdem oder gerade weil ich es so anders empfunden habe als du finde ich den Post sehr aufschlussreich, also vielen herzlichen Dank.
Viele Grüße
Anja
Ja, ich denke, das Buch trifft einen gewissen Nerv. Es ist ja nicht ohne Grund erfolgreich und wird gerne gelesen. Meine Besprechungen wollen gar nichts anderes sein, als Einordnungen in den Gesamtkontext von solchen Stundenbüchlein – ich habe es deshalb mit Erbauungsliteratur verglichen und will die Wurzeln durchscheinen lassen, die es unbedingt ja sprachlich gibt. Was aber stimmt: als Hörbuch ist es etwas anderes, denn dort kann ich nicht mehrere Zeilen bereits überblicken, als Vielleser hat sich einfach beim Lesen nicht viel ergeben, da hat die Sprache nicht gezündet, mit einer erzählenden, freundlichen, fröhlichen Stimme, als Theaterstück, quasi, kann ich mir das vorstellen. Ich habe leider noch keinen Weg zum Hörbuch gefunden, leider. Schön, dass du die Besprechung trotzdem interessant fandest! Das freut mich, denn mir ist Ausgewogenheit sehr wichtig. Viele Grüße!!
Es wäre ja auch total langweilig, wenn sich immer alle einig wären, obwohl mir da spontan einige Situationen einfallen, wo mehr Einigkeit guttäte. Aber das nur am Rand und es gehört hier nicht hin.
Es kommt dann auch noch dazu, dass jedes Buch seine Leser in konkreten Lebenslagen trifft, die sie das Ganze aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten lassen. Sprich, der gute Schulz von Thun spielt auch mit rein.
Das ist eine Gemengelage, die ich seit jeher viel spannender finde als die endlosen Literaturanalysen im Deutsch-LK, wo ich teilweise eine kleine Rebellin war.
Der Ansatz, gelingende Mensch-Buch-Beziehungen zu vermitteln, egal wo beide Komponenten angesiedelt sind, ist mir auch nach 35 Jahren im Beruf immer noch der liebste.
Übrigens, der Sprecher hat weniger eine fröhliche als eine ruhige, Gelassenheit und Souveränität vermittelnde Stimme.
Beim Lesen erfasse ich oft auch ganze Abschnitte auf einen Blick, anders käme ich durch mein Pensum überhaupt nicht durch, aber ich habe auch schon ein paarmal bemerkt, dass mir da interessante Einzelheiten durch die Lappen gehen.
Einen schönen Tag wünsche ich dir.
Habe eine Vorliebe für Kartoffeln – aber auch für Goethe und hochkomplexe Bücher 🙂
Aber merci für die Besprechung!
Nun, mit Kartoffeln kann das Buch dienen – mit Komplexität nicht, hier bedient es den klaren Strich durch die Rechnung der Selbstillusion. Einfach mal aufhören, durchatmen als Devise. Warum nicht? Ich hätte dir das Buch aber auch nicht ans Herz gelegt. Noch bleibe ich dabei, Bestseller zu besprechen, und diese zu kontextualisieren – für mich ist da der Griff zum Diwan herausgesprungen. Viele Grüße!
ah Lieber Alexander, gewiss schreibste net, um mir irgendwelche Bücher ans Herz zu legen. Ich lese auch vieles net, aber Deine Besprechungen alle! Liebe Grüsse zurück! Thomas
Danke fürs Lesen. Das freut mich sehr zu hören! Und Danke auch für deine Top 100!!
Lieber Alexander, habe deine Rezension anfänglich gelesen und dann abgebrochen. Bin in den Buchladen gefahren und habe einen Gutschein eingetauscht. Nun bin ich berührt vom Sprachklang und der Tiefe. Vielleicht berühren einen Bücher immer dann, wenn man sich irgendwie am selben Punkt befindet, oder etwas ist nachvollziehbar ist deckungsgleich mit eigenen Erfahrungen, Sehnsüchten.
Das Cafe am Rande der Welt befasst sich ja mit demselben Thema. Im Gegensatz zu dir, fand ich diesen Sprachklang sehr viel näher am Plaudern, und das spirituelle hat mich beim Cafe dann endgültig rausgeworfen.
Leky mag ich sehr, interessanterweise trotz Magie oder gerade deshalb.
Ich danke dir für deine Rezension, die mich, wie immer, neugierig gemacht hat und ich freue mich darauf sie zu lesen.
Liebe Xeniana,
wie du weißt, besitze ich gar kein Sendungsbewusstsein noch -wunsch. Meine Besprechung versuchen mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln die fiktionalen Texte in die Welt der Literatur, wie sie mir vor Augen steht, einzuordnen – also Verknüpfungen, Zusammenhänge ersichtlich werden zu lassen, die vielleicht im Verborgenen schlummern. Das impliziert fast gar nicht mein Lesegefühl – es färbt Wortwahl, ein wenig die Richtung, aber im Vordergrund bleibt die Untersuchung tradierter Erzählmittel. Bücher, die ich gerne lese, können literarisch arm sein – und umgekehrt. Eine Sache jedoch, derer ich mich kaum erwehren kann, ist mein Unwille, die Arbeit, die der Text leisten müsste, selbst zu leisten, also Lücken aufzufüllen, Verständnis dort zu erzeugen, wo einfache Setzungen vorliegen. Passiert dies, steige ich aus.
Bei „25 letzte Sommer“ gibt es sehr viele plötzliche Wendungen, die ich inhaltlich (am Text) nicht plausibilisieren konnte (bspw. wie genau wurde der Bauernhof gekauft? wie genau hat sich auf Thailand der Sturm und die Panik aufgelöst? wie hat sich die Liebe des Ich-Erzählers entwickelt? was genau hat am Tennis-Star-Sein gestört? inwiefern hat sich sein Humor verändert? und von wo? … und was erhält der Text durch den bevorstehenden Tod mehr?).
Das alles muss nicht stören. Es kann sogar das Leseerlebnis steigern, und all dies hätte ich für mich gewünscht, hat sich hier nicht ergeben. Strelecky hat mich amüsiert (und da er abstrakt blieb, war für mich die Setzung des Cafés auch inhaltlich abgesichert – nämlich als Traum). Mir fehlt in „25 letzte Sommer“ die Reflexion und der Zusammenhang, und dennoch kann es Ideen geben, inspirieren, kann es als Lektüre zwischendurch dienen. Ich freue mich, wenn das Buch einen Nerv bei dir getroffen hat.
Viele liebe Grüße, Alexander
Ich hab doch gar nichts von Sendungsbewusstsein geschrieben. Bin irritiert.
Ich werde sehen, wie es mir am Ende des Buches geht, Bisher erlebe ich es eher als symbolistisch. Ich erwarte keine realitätsnahe Handlung. Das nicht nachvollziehbare, die Lücken, sind nicht das was mir auffällt, so lange das Bild stimmt.
Um es noch mal verständlich zu machen: ich war, wie so oft , von deiner Rezension angetan, wollte das Buch selbst lesen, selbst erfassen, auf eine andere Art und Weise als du es tust- zunächst. Um es später mit deiner Art der Betrachtung einzuordnen.
In deiner Anrwort war Ärger zu spüren bzw. zu lesen. Worauf.? Da fehlt mir ein Puzzlestück, eine Information.
Überhaupt kein Ärger – wie du an den anderen Kommentaren vielleicht gesehen hast, hat man mir und auch woanders mehr als deutlich zu verstehen gegeben, dass ich dem Buch ein wenig unrecht tue. Nur darauf habe ich reagiert, und das auch gar nicht als problematisch empfunden. Ich lese übrigens auch oft Rezensionen erst nach eigenem Lesen, das finde ich, sobald mich ein Text interessiert, auch viel hilfreicher, so habe ich beides, die Reflexion und die Intuition. Ich gebe aber zu, dass manchmal der Platz, auf dem ich hier die Texte bespreche, zu eng gefasst ist, und ich eigentlich weiter ausholen müsste, das aber vermeide, um nicht Bandwurmartikel zu posten 😁 kein Verdruss, kein Ärger!! Ich hoffe, du hast auch einen schönen Sonntagmorgen!! Und auch habe ich mich sehr über deinen Kommentar gefreut und bin gespannt auf deine Eindrücke!
Der Kontext
Hab das Buch gelesen. Auf einer entstressenden Fahrt über die Kieler Fördem spiegelglattes Meer. Da passte das Buch ganz gut.
Das Buch hat mich verärgert hinterlassen, weil es ambitionslos isr. Plattitüden über Plattitüden, tatsächlich wird nichts näher ausgeführt oder eingebettet. Puh.
Das Bild vom Wellensirrich mochte ich auch.
Wahrscheinlich trifft dieses Buch den Nerv des sich verlangsamen wollen, aber da gibt es so viel intensivere Bücher: das Geräusch einer Schnecke beim essen, oder dieser Autor der mal über Madeleines schrieb.
Ein Buch, welches es bevorzugt schwammig und oberflächlich zu bleiben. Schade
Förde
Entschuldige die Vertippungen
Ach die Vertippungen. Sind doch toll! Mich stören die nicht 🙂
Ja, ich denke auch, dass das Buch ein paar Untiefen umschifft. Es soll zu mehr Mut inspirieren. Schön, wenn es das schafft. Mich haben die Klischees etwas abgeschreckt, aber mit Klischees fängt es an, vielleicht ist das nächste Buch besser. Wäre doch schön!!