Die Georg-Büchner-Preisträgerin 2025, Ursula Krechel, beschäftigt sich in Sehr geehrte Frau Ministerin intensiv mit der römischen Geschichte, insbesondere mit Nero, dem Sohn von Iulia Agrippina. Ähnlich wie Eugen Ruge in Pompeji oder Die fünf Reden des Jowna nimmt sie die römischen Verhältnisse ins Visier, um ein erhellendes Licht auf gegenwärtige Zustände zu werfen, die in Krechels Roman durch die Figur einer Essener Kräuterladenverkäuferin namens Eva Patarak repräsentiert werden. Wie Agrippina zu Nero findet auch Eva keinen Zugang zu ihrem Sohn Philipp:
Der Sohn im inzwischen muffigen Zimmer, Kinderzimmer, Jugendzimmer, Sohneszimmer. Er nennt es sein Arbeitszimmer, wenn er mit mir spricht. Er ist zu alt für Aufforderungen. Er ist zu dickfellig (oder zu dünnhäutig?), er will nicht gestört werden. Er überragt mich um Haupteslänge. Der Sohn reitet zwischen den Websites hin und her, Wildwest in seinem Zimmer, öffnen, schließen, surfen, gekrümmter Rücken, trommelnde Fingerspitzen, wenn die Internet-Verbindung zu langsam ist. Er bewegt sich in weitläufigen Räumen, düsteren Räumen, in seinem Zimmer das blaue Licht des Bildschirms. Und dort bleibt er, beharrlich, er versenkt sich (in was?). […] Was weiß ich, was er nicht tut, sagt sich Eva Patarak.
Ursula Krechel aus: „Sehr geehrte Frau Ministerin“
Inhalt/Plot [ohne Spoiler]:
Im Grunde besitzt Sehr geehrte Frau Ministerin vier Handlungsstränge. Zum einen die mehr oder weniger kursorische Rekapitulation von Neros Muttermord an Agrippina und sein Versagen, das römische Reich zu regieren; zum anderen Evas Situation als Kräuterverkäuferin und Mutter ihres erwachsenen und arbeitsunwilligen, stark politisierten Sohnes Philipp; wie auch die Menstruationsbeschwerden und starken Blutungen einer Studienrätin für Latein namens Silke Aschauer, die als übergeordnete Erzählinstanz fungiert und in Konflikt mit religiösen Eltern durch die Wahl ihres Unterrichtsstoffes gerät. Zuletzt noch wird das Leben einer Justizministerin angerissen, die zwischen Berlin und Essen pendelt und im Grunde ein glückliches Familienleben führt.
Am Morgen sitzt die Familie beim Frühstück, zwischen den Zähnen krachendes Toastbrot, ein Ei wird aufgeklopft, der Deckel der Flasche mit dem Orangensaft springt mit einem satten Plopp auf, und dann werden Pläne geschmiedet, Familienpläne, Wunschpläne, Umarmungspläne, ein schöner Morgen. Wir könnten doch, nein, heute nicht, vielleicht nächsten Sonntag. Die Ministerin bringt es nicht über das Herz zu sagen: Am nächsten Sonntag bin ich nicht da. Also doch heute an den Baldeneysee, wenn auch das Wetter trüb ist, vielleicht nur zum Schwänefüttern.
Wie die Familienidylle der Ministerin in Gefahr gerät, mag ansatzweise als Plot herhalten, der vom Stoff her überraschenderweise nicht in Generationen, sondern Bereich Öffentliches Miteinander angesiedelt ist, da die privaten Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern kaum eine Rolle spielen und von Krechel darüberhinaus als Plot Verhängnisvolles Durcheinander gewählt wurde, der wiederum die Unübersichtlichkeit postindustrieller Sozialräume betont und beleuchtet. Hier gibt es viele Ähnlichkeiten zu Juli Zehs und Simon Urbans Zwischen Welten, insbesondere wenn der Landwirtschaftsminister von wütenden Bauern angefeindet wird, also der erzähltechnische Blick eher auf die Tagespolitik gerät und statt Figuren Konfliktlinien nachzeichnet, die aus dem Buch allein heraus überhaupt gar nicht verständlich werden können:
Ackerflächen stilllegen, versteht nichts von Landmaschinen, was für ein Quatsch, so waren Stimmen aus dem Zelt zu hören. Alles Banane. Und: Redet immer von Zukunft, in der Gegenwart brennt’s. Wer weiß denn, ob es noch eine Zukunft gibt. Eben, konterte der Minister, der jetzt auch die Contenance verlor. Du Kinderwagenschubser, brüllte jemand. Wir alle sind verantwortlich, jeder in seinem Umfeld. Machen Sie nur weiter so, der Rest ging im Gebrüll unter. Die Veranstaltung war eine kalte Dusche. Ein Desaster, sagte einer der Veranstalter, und er war knallrot im Gesicht. Wir können uns nur entschuldigen. Der Regen hatte den Platz aufgeweicht. Passen Sie auf, Herr Minister, dass Sie nicht in eine Pfütze treten.
Welche Ackerflächen stillzulegen sind, von welchen Landmaschinen die Rede ist, was mit „Kinderwagenschubser“ gemeint ist und was die Banane damit zu tun hat, wird aus dem Textzusammenhang nicht ersichtlich. Sehr geehrte Frau Ministerin bedient sich gegenwärtiger Diskurse eher als Füllmittel und erhält über weite Strecken einen Kommentar- und Chronik-Ticker-Charakter. Zusammenhang jedenfalls versucht der Text nicht mehr zu stiften. Statt dessen schweift er tatsächlich beständig in Nebensächlichkeiten ab wie Grapefruit-Ausquetschen, Kranich-Wanderungen, Maßschneiderei oder Beschreibungen von irgendwelchen Gemälden und Skulpturen auf öffentlichen Plätzen oder von inhaltslosen, rein strukturellen Arbeitsabläufen, die nichts erhellen, erklären und das Leben der Ministerin nur noch immer fremder erscheinen lassen:
Das Justizministerium heilte nicht das Unrecht, aber entthronte es. Das Bundesverfassungsgericht hatte gesprochen, ein neuer Aspekt, also ein revidiertes Gesetz. Recht verwaltete das Unrecht. Bescheiden trat es auf, recycelt, durchscheinend. Ein Ministerium mit bald neunhundert Mitarbeitenden: mit politischen Beamten, die die Tücken und Finten der Gesetzgebung kannten, ehrgeizigen Regierungsräten, einer davon divers, manche ausgeliehen oder besser: abgeordnet von einem der Bundesländer, wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und dann die Pyramide hinauf, Oberregierungsrätinnen in Teilzeit, frischgebackene Regierungsdirektoren, Ministerialräte. Ein Mammut, das aber agieren musste wie ein geschmeidiger Elefant.
Der Weg zurück zur Mutter-Sohn-Problematik gelingt meist in einem Hauruck-Akt. Sehr geehrte Frau Ministerin spielt auf der Kippe zwischen Glosse, Polemik, nachdenklicher Reflexion, Satire und Geschichtsschreibung. Der Roman sitzt als Sprachkunstwerk zwischen allen Stühlen und will offenkundig ungemütlich sein, indem er im Grunde eine vermeintlich neue Unübersichtlichkeit mit sprachlichen Mitteln zu zementieren sucht.
Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stil/Sprache/Form:
Krechels Roman glänzt vor allem durch seine erfindungsreiche Sprache und Ausdrucksfreude. Weder erzählerische Rahmen noch Perspektiven werden eingehalten. Die Sätze treiben gerne über sich hinaus, greifen ineinander, weben einen dichten Assoziationsteppich, der über weite Strecken des Textes den Inhalt in den Hintergrund treten lässt. Eine wuchernde Allegorie- und Metonymielust beherrscht die Vorgänge, die kaum noch ein Erzählen als vielmehr eine Art Öffentlichkeitsschreiben in Anlehnung zum nature writing genannt werden könnte. Krechels Sehr geehrte Ministerin erscheint von dieser Warte aus wie ein Gegenstück zu Esther Kinskys Rombo, das distanziert-deskriptiv in einem Erdbeben berstende Kalksteine eines Karstes im Nordosten Italiens nachzuahmen sucht, wohingegen Krechel das Raunen, Murmeln, Sprechen im öffentlichen Raum einfängt:
Und ist nicht überhaupt unsere Persönlichkeit, unser Persönlichkeitsrecht betroffen, wenn [die Frau mit der roten Mütze] dies und das über uns behauptet, ja, wahrscheinlich auch Lügen über uns verbreitet? Fake News, die uns schaden, unser Ansehen schmälern können. […] Im Fernsehen habe ich vor einigen Tagen ein Interview mit der Justizministerin gesehen. Im Wahlkreis war man stolz auf sie. Hatte man sie unterschätzt? Sie sprach davon, die Rechte der Persönlichkeit zu stärken. Stalking, Verunglimpfung, Hass, alle diese die Menschenwürde betreffenden Tatbestände müssten strenger geahndet werden, ja, es müsse zuerst ein Unrechtsbewusstsein, das weitgehend fehle, geweckt werden. Warum erst jetzt?, fragte die Interviewerin, fragte, so wie immer gefragt wird.
Vielleicht ließe sich das Genre social media writing nennen, eine Art Twitter-Ticker, der ineinander übergehende Feeds abbildet, unverbindliche Querverbindungen schafft, sich auf das Unbewusste, Vorbewusste von kaum noch reflektierbaren Kommunikationsprozessen einlässt wie bspw. auch Elfriede Jelinek in Angabe der Person, deren Stil mit Krechel harmoniert, fast dissoziativ-assoziativ voranschreitet, in Schlaufen, Wiederholungen, zirkulären Befangenheiten trudelt, aber dann doch die Härte und Schärfe, ja ätzende Brutalität von Jelineks Gegenwartsabwehr vermissen lässt:
Ein breiter Knorpel- und Albuminstrom schiebt sich, zähflüssig wie Magma, voran, ein Urinstrom, die Wasser des Styx, aus Billigrubin, Bilirubin, auf die Lichtung hinaus: das eiskalte Geburtswasser unsrer jungen Männer, die sich selbst gezeugt haben und gleichzeitig davon zersetzt worden sind, damit auf dem Modefoto nicht einmal die Reste, die Schatten ihrer spitzigen Geburtsmützen (aus Horn – unzerbrechlich!) mit den bunten Zuckerln drin zu erkennen wären. Rausgefischt wird das, was in diesem vielberufenen Wasser verschwunden ist, und sieh da, die Wahrheit ist das nicht! Die Wahrheit bleibt ewig das Verborgene, das Unvergängliche in den Schründen.
Elfriede Jelinek aus: „Die Kinder der Toten“
Als Form des in die Öffentlichkeit sich abrichtenden social media writing entfaltet Sehr geehrte Frau Ministerin literarisch-innovative Momente und erreicht dort unerwartete Intensität, wo sie die blutende Erzählinstanz zwischen den Stühlen von Müttern und Söhnen vor einer goldenen, die Beine gespreizten Essener Madonna kontemplativ-zweifelnd in einem Dom sitzen lässt.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Die Figurenkonstellation von Krechels neuem Roman verweist implizit auf eine Vater- und Männerproblematik. Die Söhne, Nero und Philipp, wachsen ohne Vater auf, und Boudica, die exponiert zur Mitte des Buches ihre Schmährede auf die Römer hält, mehr oder weniger von der Autorin direkt aus Otto Vehs Übersetzung von Cassius Dios 62. Buch der Römischen Geschichte heraus kopiert, hetzt über die verweichlichten römischen Männer, die statt zu kämpfen und zu erobern, sich mit Myrrhe überschütteten und wie Nero zur Kithara tanzten und Lobgesänge preisgäben. Darüberhinaus wird die Erzählinstanz, die Frau mit der roten Mütze, von zwei Frauenärztinnen mit ihren enormen Blutungen nicht ernstgenommen, mehr oder weniger mit Hormonen und Eisenpräparaten abgespeist, wohingegen der männliche Arzt sofort und lange bevor es kritisch wurde, zur Hysterektomie rät, zu der es dann letztlich auch kommen muss. Mit anderen Worten, Ursula Krechel zeichnet in Sehr geehrte Frau Ministerin kein sehr vorteilhaftes Bild von Müttern und Ärztinnen:
Ich will meinen Uterus nicht sehen, ich möchte das optimistische Gesicht der Ärztin sehen, aber ich finde es nicht mehr. Die Schleimhaut ist ein morastiger Schwamm, nun ist es zu spät für eine Kürettage, der Uterus schon viel zu groß, wie bei einer Schwangeren im vierten Monat, die Abstriche, die Schmerzen, die erneuten Wucherungen, das Blutbild, Biopsie, Koloskopie, dann noch eine Gewebeprobe. Das Ergebnis ist schockierend, positiv. In der dunklen Höhle proben die Zellen den Aufstand, sie rotten sich zusammen. Jetzt ist keine Zeit mehr zu verlieren. Wie ein Abrakadabra der Gynäkologie hört sich das Wort an: Hysterektomie. Der Arzt in der Superpraxis hat es schon in den Raum gestellt.
Krechel parallelisiert das Hoffen der Mütter auf ihre Söhne mit dem Hoffen der Ärztinnen auf selbstheilende Kräfte, obwohl es keine Gründe zur Annahme für eine solche Besserung gibt. Die Hoffnung, das größte Übel der Büchse der Pandora, wird Agrippina wie Eva, als Anspielung auf die Mutter des Menschengeschlechts, zum Verhängnis.
Das Weib [Pandora] aber hob mit den Händen den mächtigen Deckel vom Faß, ließ alles heraus und schuf der Menschheit leidvolle Schmerzen. Einzig die Hoffnung blieb dort drinnen im unzerstörbaren Haus unter dem Rand des Fasses und flog nicht heraus. Vorher nämlich fing sie der Faßdeckel ab nach dem Willen des aigisführenden Zeus, des Wolken ballenden.
Hesiod aus: „Werke und Tage“
Die Söhne geraten schlecht. Die Ärztinnen diagnostizieren falsch. Die Beziehungen gehen in die Brüche und Imperien fallen, und als die Ministerin ihrem von Musik aufgestachelten begeisterten noch sehr jungen Sohn nachläuft, bringt sie sich und das politische System in Gefahr. Leider gelingen Krechel diese Allegorisierungen nicht auf erzählerischem und daher glaubwürdigem Wege. Sie polemisiert, konstelliert, montiert Parallelen, ganz wie die von ihr gescholtene Tagespresse:
Die Zeit drängte, etwas musste geschehen. Ein politischer Scherbenhaufen war aufzukehren und, ohne viel Aufsehen zu erregen, in einem symbolischen Mülleimer zu entsorgen. Den Mülleimer zu untersuchen (zu durchwühlen?), mit ein paar Fußtritten hinein in den Schmutzhaufen, bis die dunkle Brühe aufspritzte, und dann sachlich korrekt Ohrfeigen auszuteilen, wen immer sie trafen: das war das unangefochtene Recht der Presse.
Den „symbolischen Mülleimer“ untersucht Ursula Krechel in Sehr geehrte Frau Ministerin sehr wohl, und wie das so mit Mülleimern üblich ist, findet sich irgendwie immer etwas, aber meist bildet das Gefundene kein Ganzes. Es ist zerbrochen, bereits zerstört und lässt sich nicht mehr zusammenfügen. So verhält es sich mit diesem Roman, der im Grunde, für sich genommen, im Leeren verpufft.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Nächste Woche am 05.08.2025 auf Kommunikatives Lesen werde ich Ralf Rothmanns Erzählband Museum der Einsamkeit besprechen.
Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

Ich mag Krechel unheimlich gern lesen (wenn ich auch den vorliegenden Roman erst „suchen“ muss) Ihr Schreibstil erkaert sich durch ihre Naehe zur Poesie… „Banane“ und „Kinderwagenschubser) = einfach Slang….
In dem Sinne wäre alles „einfach“ Slang, geht aber dennoch nicht aus dem Zusammenhang hervor. Sehr zeitgebunden, und auch nicht allgemeinverständlich. Muss es ja auch nicht sein. Bin gespannt auf die anderen Bücher. Danke fürs Kommentieren 😀
„Geisterbahn“ ist eines meiner liebsten Bücher! Trier (naha, Karl Marx stammt ja daher)!
Uhh, von ihr gelesen „Geisterbahn“, „Landgericht“, „Shanghai fern von wo“….alle unheimlich gut
„Landgericht“ werde ich mal anlesen. Denke auch, dass die anderen Bücher besser sind. Kann ich mir gut vorstellen. Das Sprachgefühl ist besonders.
Schade für Sie! Ich bin zum Glück nicht die Einzige, die den Roman komplex, eindrucksvoll, aber eben auch anspruchsvoll findet.
Wenn ich Dimensionen an dem Text verpasst habe, wäre ich dankbar für ein bisschen Hilfe. Tatsächlich habe ich es als sehr unvollständig empfunden: zumal Neros Mutter einfach verschwindet, die Justizministerin in ihrem Profil nicht ausgearbeitet scheint, und der Täter als solcher kaum eine Rolle spielt. Wie das gut zusammenpasst, wollte mir schwer einfallen. Welches Zentrum habe ich übersehen, welchen Fluchtpunkt? Welchen Clou hat der Attentat gehabt? Die Ratlosigkeit, die ich dem Text gegenüber verspürt habe, ließ sich auch im Nachdenken über diesen nicht beseitigen. Wie passt Nero (der Muttermörder – oder nicht?) zu Philipp? Und was haben die durchaus verschiedenen Frauentypen gemein?