In Liebe meditiert Thomas Hettche in impressionistisch-reduktionistischer Manier über das Thema Einsamkeit im Alter und über die Sehnsucht nach Liebe in Zeiten des Krieges und der Gewalt und nimmt hiermit das Thema von Bertolt Brechts Gedicht An die Nachgeborenen auf. Liebe steht insofern einerseits im engen Zusammenhang zu Natascha Wodins Die späten Tage, Helga Schuberts Der heutige Tag oder Benjamin Myers Strandgut, als seine beiden Hauptfiguren bereits über sechzig Jahre alt sind und einen Neuanfang suchen, und andererseits durch die Sorgen über den Krieg in der Ukraine, bspw., Dmitrij Kapitelmans Russische Spezialitäten oder Lukas Rietzschels Sanditz, die sich ebenfalls explizit mit dieser Thematik auseinandersetzen. Diese sehr schroffe Gegenüberstellung, ein eher zeitloses Thema, das der Liebe, mit dem sehr zeitgebundenen, das des abgeschossenen Passagierflugzeugs der Malysia Airline 2014, gibt dem Roman von Hettche von Anfang an etwas Disparates und Dissoziiertes:
Dort, wo das Flugzeug am Dnepr abgeschossen worden war, verläuft von jeher die Grenze zur großen Steppe, die bis in die Wüsten Zentralasiens reicht. Max schien es plötzlich, als spürte er so etwas wie eine unendliche Trift, und er fühlte sich dieser riesigen Weite schutzlos ausgeliefert und furchtbar allein.
Thomas Hettche aus: „Liebe“
»Fick mich noch einmal«, sagte Anna in diesem Moment leise, als empfände sie dasselbe.
Noch einmal, noch einmal, dachte er und zog sie auf die Wiese neben dem Weg, schob ihr den Rock hoch und den Slip herunter. Danach lagen sie lange schweigend nebeneinander im Gras und sahen zu den Sternen hinauf. Zum ersten Mal, seit sie zusammen waren, spürte er Scham.
Inhalt/Plot:
Das Zeitgebundene in Liebe wird zusätzlich unterstrichen durch die Chatnachrichten mit Datum und Uhrzeit. Die Liebesgeschichte der Hauptfigur, Max, ein Ocularist aus Berlin, geschieden von der in Hamburg lebenden Cleo, getrennt von seiner Ex-Freundin Yasemine in Berlin, beginnt auf einem Sommerfest, wo er, auf Platons Symposion anspielend, die Frage danach stellt, was Liebe ist. Als ihn die Antworten nicht zufrieden stellen, entfernt er sich mit einem Glas Wein, setzt sich in die Dunkelheit ans Ufer eines Gewässers und wird von einer Stimme aus dem Nichts aus seinen trüben Gedanken gerissen:
In den Obstbäumen bunte Lampions, deren Schein auf das fette Gras fiel, das wie ein Teppich unter seinen Schritten nachgab. Das unbewegte Wasser der Ostsee. Ein hölzerner Steg führte hinaus in die Dunkelheit. Er folgte ihm und spürte erleichtert, wie es immer stiller und die Luft kühler wurde. Leise zischelndes Schilf. Er ließ sich in einen der beiden Liegestühle am Ende des Stegs fallen. »Guten Abend.« Überrascht sah Max sich um.
Ohne sich zu sehen, beginnen sie ein Gespräch, und es entsteht eine Verbindung, der sich daraufhin beide nicht wirklich mehr entziehen können. Nur kurz leuchtet ein vorübergleitender Scheinwerferstrahl die beiden an. Die Finsternis danach erzeugt just genau das Maß an Sehnsucht, das dazu führt, dass sie sich beide nach wenigen Wochen in Berlin wiedersehen. Anna, so heißt Max‘ Angebetete, lässt ihn aber wissen, dass sie nicht daran denke, ihren Ehemann mit ihm zu betrügen. Nach einigen ins Leere laufenden Chatnachrichten beschließt Max aufzugeben und schäkert alsbald mit einer emeritierten Philosophieprofessorin auf einem Weihnachtsmarkt, doch dann meldet sich Anna wieder und es kommt zu einem zweiten Treffen, dieses Mal in Stralsund, womit nun die Verwicklungen ihren gerade zu schematischen Lauf nehmen. Das zweite Moment, die Scham, taucht im Rückblick auf. Max, sich die Ereignisse vor Augen führend, überkommt ein schlechtes Gewissen:
Und die blinkenden Punkte auf der Karte Europas kommen ihm wieder in den Sinn und wie das kleine Flugzeug darauf nach Osten wanderte. Die Bilder der Trümmer. Er kann nicht begreifen, weshalb sie all das vor zehn Jahren nicht interessiert hat, die Proteste auf jenem Platz in Kiew, dessen Name niemand vorher je gehört hatte, die Besetzung der Krim, der Krieg in Europa, um den sich niemand scherte. Die Liebe ist es, denkt Max, die sich nicht schert. Und er muss wieder an das Schloss denken, an den Park, und an ihre Verzweiflung.
Max nimmt nach einer intensiven Szene, Anna hat in seinen Armen geweint, die Zuflucht zum Weltgeschehen, zum Krieg und dessen Katastrophen, um von sich und seiner Unfähigkeit abzulenken, sich auf sie und ihren Schmerz einzulassen, ihrem Du ein Ich entgegenzusetzen, das sie liebt. Stattdessen flüstert er ihr nur ein alleinstehendes „Du“ ins Ohr. Ihr Schmerz muss im Weltschmerz und Weltbrand untergehen. Die Scham, die er spürt, ist daher Angst, dass sie sein Versagen erkennt.
»Du«, sagte er leise, um sie zu beruhigen und damit sie aufhöre zu reden, weil ihn beschämte, was sie ihm alles ins Ohr flüsterte. Und noch einmal: »Du.«
Zwischen Präsens und Vergangenheit schweifend, nimmt Hettche in Liebe bewusst das Tempo wie die Spannung heraus, indem auf den ersten Seiten des Buches klar herausgestellt wird, dass Anna und Max eine Beziehung führen und später auch gemeinsam unter einem Dach leben werden. Das gemeinsame Motiv erscheint als Reetdach, das sowohl im Haus des Sommerfestes wie im gemeinsamen Haus an der Nordsee, nahe Wilhelmshaven, vor Hitze und Kälte schützt, also Anfang und Ende zugleich markiert. Diese inhaltliche Spannungslosigkeit passt zu Max‘ blitzlichtartig aufgezeichneten Reflexionen, die dissoziativ verknüpft, eine Art sinnlich-stroboskopischen Sprachverlust inszenieren.
Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Liebe mit Plot: Unerfüllte Liebe/Eifersucht
Stil/Sprache/Form:
Hettche zeichnet eine sehr stilisierte Sprachform aus. Bereits in Sinkende Sterne lag der Akzent auf einen den Inhalt in den Hintergrund drängenden Sprachimpetus. Mit Liebe lässt er nun ein pointillisiertes Erzählen folgen, das mittels rhythmischer Ornamentalität die Oberflächenphänomene verdichtet, denen Max allzu gern anheimfällt:
Max hört von fern die Motoren der riesigen Mähdrescher, die Ernte hat begonnen. Seit einer Woche hat es nicht geregnet. Das monotone Zirpen der Heuschrecken. Die Lerchen über den Feldern. Aus dieser Landschaft stammt Anna, aus dieser gleichgültigen Landschaft mit ihren Alleen, die gedankenlos über die Hügel ziehen, den Kreuzungen im Nirgendwo, den Dörfern mit ihren niedrigen Häusern an den leeren Straßen, den verschwiegenen Tümpeln mit den blaublitzenden Libellen. Die Dämmerung steigt aus den Rabatten.
Hettche erforscht die Grenze zum Lyrischen in Liebe, traut aber dessen kondensierenden, symbolischen Charakter nicht über den Weg, weshalb die Assoziationen lose aneinandergereiht bleiben, als meditative Atmosphäre, als Driften, ohne sich letztlich zu einem überraschenden Ganzen zusammenzufügen. Der ganze Roman wirkt wie ein langsamer Auflösungsprozess, der unter der Hand stattfindet. Max verliert sich, hat sich vielleicht nie gehabt, aber im Laufe des Textes entgleiten ihm zunehmend die Gestalten und Gegenstände, was in einer vegetativen Phantasie gipfelt:
»Wenn ich neben ihr lag, spürte ich das Gewicht ihres Körpers wie Gravitation, eine Anziehungskraft, die mich festhielt in völligem Einverstandensein. Erfüllung ist, glaube ich, das richtige Wort. Die Empfindung: Unsere Maße sind dieselben. Angemessenheit wie Musik. Schluss mit allem Nichtgenügen. Manchmal kam es mir vor, als wären wir Pflanzen.«
Das bewusste Unterlassen jedweder Konsistenz führt zu einer Schrumpfform des Erzählens, in der die Figuren nur Schattenrisse ihrer selbst bleiben. Hettche kreiert mit Max eine Hauptfigur, die nahe am Verstummen lebt, sich zurückgezogen hat und im Rückzug, in der Isolation, Angst vor sich selbst bekommt und deshalb die Nähe anderer sucht, ohne diese jedoch an sich heranzulassen. Sein letztes Refugium bleibt die Berührung, die Physis, das Atmen, das Sich-Spüren, in dieser Ozeanität will er abtauchen und verbleiben und, scheinbar, nach und nach wortlos versinken.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Hettche gibt den Lektüreschlüssel für Liebe am Ende selbst in die Hand: in den Zeiten des Krieges und der allseitigen Entfremdung erwecken nur Berührung, von außen zugeführte, intensive erotische Impulse aus der nahezu vollständigen stoischen Totenstarre. Max sucht bei Anna Zuflucht vor seiner eigenen Einsamkeit. Seine Form der Liebe lässt sich plastisch an der Situation ablesen, in der Anna ins Krankenhaus fährt, also für eine Zeit unverfügbar ist und er sofort an die emeritierte Philosophieprofessorin denkt, die er damals auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin wiedergetroffen hat:
Weshalb er wohl gerade jetzt daran denken muss In jenem nasskalten Winter, als das mit Anna zu Ende war, kam es Anfang Dezember auf dem Wochenmarkt an dem kleinen Platz im ruhigen Westen der Stadt, in dessen Nähe sich seine Praxis befand, wo er aufgewachsen war und damals auch wieder lebte, zu einer Begegnung, die er nie vergessen hat. Der Stand mit den Adventskränzen. Er kannte die Frau kaum, hatte sie bei gemeinsamen Freunden vielleicht zweimal gesehen und erst, als sie einander grüßten, fiel ihm wieder ein, dass sie Professorin für Philosophie war und ganz in der Nähe wohnte.
Er buchstabiert es nicht aus, aber Hettche zeigt, dass Max ein Ersatz für Anna suchen muss, nun, wo sie für ein paar Tage das gemeinsame Haus verlassen hat. Liebe erweist sich im Grunde als eine Meditation darüber, was Liebe nicht ist. Max, der sich Geschichten und Theorien über die Liebe skizzieren lässt, lebt im Außen, lässt sich Treiben, will sich inspirieren lassen, ohne selbst zu inspirieren. Sein passives Moment treibt die Frauen aus seinem Leben, just dann, so lässt sich vermuten, wenn die Maske der Schweigsamkeit fällt und diese auf Leerheit und nicht Fülle vermuten lässt. Das Rätsel entpuppt sich als Scharade. Leider unterstreicht Hettches sprachliche Gestaltung dieses Entpuppen und Entlarven lediglich, statt es als poetische Herausforderung zu betrachten, es syntagmatisch über sich hinauszuführen, bspw. durch verstörend intensive Bilder oder hilflos manische Kommunikationsversuche. Hettches Welt drängt Max aber nicht in die Enge. Sie zerfällt um ihn herum im Schrei einer Möwe:
Die Stille war gespenstisch. Und plötzlich hatte er das beklemmende Gefühl, als läge er in dieser tiefen Stille wie in einem unsichtbaren Futteral, keine Welt mehr jenseits des fluffigen Graus, nie mehr, die Zeit hörte auf. Es gab nichts mehr zu wollen, niemand würde kommen, und so bliebe es. Panik erfasste ihn, ihm wurde schwindelig, und er stolperte richtungslos durch den Sand. Da hörte er den Flügelschlag eines großen Vogels und eine Möwe schrie im Nebel über ihm so herz-zerreißend, als habe man sie vergessen und sie empfände ebenso wie er. Da wusste er: Wir verlaufen uns in unserer eigenen Einsamkeit, aber die Welt will das nicht. Und die Liebe ist keine Privatsache, sondern die Weise, wie wir wurzeln in der Welt.
Die Szene bleibt illustrativ. Er findet nicht zu sich. Er wird aus sich heraus gerissen, und meint deshalb nicht die Liebe, als er über die Privatsache spricht, sondern sich selbst. Er selbst will sich in einem anderen spiegeln und durch den anderen, in der Liebe des anderen, sich selbst lieben lernen. Der Schrei der Möwe ersetzt seinen eigenen Schrei. Würde er die Verbundenheit mit der Welt fühlen, von der er wurzelnd spricht, würde er zurückrufen, hinter der Möwe hinterher rennen, die Arme heben und den Nebel und die Kälte vertreiben, sich gegen die Starre aufrichten. Stattdessen bleibt er passiv-rezeptiv stehen, lauscht und fühlt sich verstanden. In diesem Sinne, sehr konsequent, aber auf seine Weise seine eigene Figur konterkarierend, nimmt Hettche das Motiv von Bertolt Brecht in An die Nachgeborenen auf:
Dabei wissen wir doch:
Auch der Hass gegen die Niedrigkeit
verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.
Bertolt Brecht aus: „An die Nachgeborenen“ [1939]
Bei Hettche gerät Brechts Motiv ins Passiv-Privative. Der, der nicht lieben kann, will geliebt werden und wird geliebt, aber zu seiner Verzweiflung stets nur auf Zeit. Um der Zeit entgegenzuarbeiten, auch dem Altern, dissoziiert er sich und betreibt Mimikry mit seiner Umgebung, löst sich auf, und in diesem Auflösungsprozess lässt Hettche seine Figur treiben und legt mit Liebe einen Roman als schiere Verzweiflungsgeste vor, nämlich leben und lieben zu wollen, es aber schier nicht zu können.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Andere (mir bekannte) Rezensionen:
Buch-Haltung
Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

Thomas Hettches „Pfaueninsel“ und „Herzfaden“ mochte ich sehr. Mit „Sinkende Sterne“ bin ich allerdings nicht wirklich warm geworden. Daher bin ich immer noch unschlüssig, ob ich „Liebe“ wirklich lesen möchte. Mal sehen, aber aktuell ist mir wohl nicht nach „schieren Verzweiflungsgesten“, sondern mehr nach etwas sommerlicher Leichtigkeit. Danke für die Rezension und herzliche Grüße!
Beide Bücher, die du nennst, liebe Barbara, kenne ich nicht. Vielleicht sollte ich wirklich mal ältere Bücher von ihm lesen. Die letzten beiden wirkten eher desolat, auf mich, poetisch gesehen. Eher sehr zurückhaltend, gepresst, und ganz und gar nicht gleitend und fröhlich, expressiv. Mir ist auch nach sommerlicher Leichtigkeit zumute. Viele herzliche Grüße zurück!!
Danke für die Rezension. Ich habe aber ohnehin noch ein paar deprimierende Bücher auf der Liste 🙃
Das Buch ist seltsam – bricht sich selbst den Boden unter den Füßen weg, ein eigenartige Komposition. Es ist nicht per se deprimierend, auf der Oberfläche, mehr als Atmosphäre im Hintergrund, genau gelesen. Je weniger man sich von der eher symbolischen Sprache leiten lässt, desto gruseliger wird es. Was liest du als nächstes? … ps: Irving habe ich 100 Seiten gelesen, und fand es einfach zu langweilig. Ich habe es nicht ausgehalten. Interessiert es dich wirklich?
Doch, deine Meinung zum Irving hätte mich schon interessiert, aber wenn er dich langweilt, ist das ja auch schon eine kräftige Aussage 😉 Was ich als nächstes lese, muss ich erst – ja vielleicht auswürfeln – es gibt da einige Kandidaten …