Emily Brontë: „Sturmhöhe“

Sturmhöhe von Emily Brontë. Aktuelle Kino-Verfilmung (2026).

Sturmhöhe (Wuthering Heights) von Emily Brontë erschien 1847 unter dem Pseudonym Ellis Bell und gilt insbesondere aufgrund seiner Erzähltechnik als ein Schlüsselroman der englischsprachigen Literaturentwicklung, setzt es sich doch ästhetisch von dem gehobenem Ton einer Jane Austen bspw. in Emma (1814) oder vom dynamisch-sprengenden Abenteuererzählstil ihrer Schwester Charlotte Brontë in Jane Eyre (1847) ab. Sturmhöhe weist statt dessen vielmehr auf Romane wie Das Schloß von Franz Kafka oder die Werke aus dem französischen Existentialismus bspw. auf die von Albert Camus, allen voran aber auf die brüchigen, aus den Angeln gehobenen psychodramatischen Strukturen von Fjodor Michailowitsch Dostojewskis u.a. in Die Brüder Karamasoff voraus. In dieser Literaturtradition wird nicht die Welt zum Problem, zum Abenteuer, sondern die eigene innere instabile Persönlichkeit bricht durch:

›O, ich verglühe! Ich wollte, ich wäre droben auf den Hügeln von Wuthering Heights! Ich wollte, ich wäre wieder ein Mädchen, verwildert und wetterhart und frei und könnte über Kränkungen lachen, statt darüber rasend zu werden. Warum bin ich so verändert? Warum können ein paar Worte mich so aufregen? Ach, wäre ich nur einmal wieder in der Heide auf den Hügeln drüben – ich würde mich gewiß wiederfinden! Mach noch einmal das Fenster auf; weit! Laß es auf! Schnell, warum rührst du dich nicht?‹
›Weil ich Ihnen nicht den Tod geben möchte‹, entgegnete [Ellen Dean].
›Du meinst, du willst mir keine Möglichkeit zum Leben geben!‹ sagte [Catherine] trotzig. ›Nun, noch bin ich nicht hilflos; ich werde es selbst öffnen!‹

Emily Brontë aus: „Sturmhöhe“

Inhalt/Plot:

Die Hauptfigur von Sturmhöhe heißt Heathcliff. Als namenloses Findelkind wird er von den Straßen Londons von Mr. Earnshaw aufgelesen und mit nach Hause auf sein Anwesen Wuthering Heights (Sturmhöhe) genommen, wo er den Namens eines verstorbenen Sohnes erhält. Sein Sohn, der vierzehnjährige Hindley, fühlt sich von Anfang an durch Heathcliff bedroht, zumal Mr. Earnshaw aus nicht offensichtlichen Gründen das Findelkind vorzuziehen scheint. Seine sechsjährige Tochter Catherine jedoch mochte Heathcliff von Anfang an leiden. Er wurde getauft und in die Familie integriert. Zwei Jahre später nun stirbt Mrs. Earnshaw und das Haus gerät mehr und mehr außer Kontrolle. Hindley hasst Heathcliff regelrecht und Catherine nutzt die Schwäche des Hausherrn, ihres Vaters, aus, um einen bösen Streich nach dem anderen zu spielen. Schließlich schickt dieser Hindley, um das Haus zu beruhigen, auf die Universität:

Nur Hindley stellte sich dem Vater ernsthaft entgegen; seine Hohnreden machten den alten Mann rasend; er hob den Stock, um ihn zu schlagen, und wankte vor Wut, daß er dazu nicht mehr die Kraft hatte. Unser Pfarrer riet, man solle den jungen Herrn auf die Universität schicken, und Mr. Earnshaw war damit einverstanden, wenn auch schweren Herzens, denn er sagte: ›Hindley ist ein Tunichtgut, er wird es nie zu etwas bringen‹.

Als Mr. Earnshaw bald darauf stirbt, kehrt Hindley als Hausherr von Wuthering Heights zurück und schikaniert, wo er nur kann, Heathcliff, hat es aber auch mit seiner eigenen Schwester Catherine zu tun, die zu Heathcliff hält und mit diesem sogar zum Nachbarsanwesen der Lintons, Thrushcross Grange, ausbüchst. Dort jedoch lernt Catherine Edgar kennen, der sich dynastisch und vom Erbe her gesehen als eine ausgezeichnete Partie erweist, da Catherine nach der Geburt von Hindleys Sohn Hareton als Erbin der Earnshaws vorerst nicht mehr in Frage kommt. Heathcliff gerät außer sich, als er ein Gespräch zwischen dem Hausmädchen Ellen Dean und Catherine belauscht:

›Jetzt würde es mich herabwürdigen, Heathcliff zu heiraten, und darum soll er nie wissen, wie sehr ich ihn liebe – ihn liebe, nicht weil er hübsch ist, Nelly, sondern weil er mehr mein Ich ist, als ich selber es bin. Woraus auch unsere Seelen geschaffen sein mögen: seine und meine Seele gleichen sich völlig; und Lintons Seele ist so anders, wie ein Mondstrahl anders ist als ein Blitz, oder Frost anders als Feuer.‹
Noch ehe sie zu Ende geredet hatte, bemerkte ich Heathcliffs Anwesenheit. Ich vernahm ein leichtes Geräusch, hob den Kopf und sah ihn von der Bank hinterm Herd aufstehen und davonschleichen. Er hatte alles mit angehört, und als Catherine sagte, daß es sie herabwürdigen würde, ihn zu heiraten, ging er hinaus.

So heiratet Catherine den Nachbarssohn Edgar, ihr Bruder und Familienerbe Hindley verfällt der Trunk- und Spielsucht, und Heathcliff kehrt nach seiner Flucht drei Jahre später als gemachter Mann zurück. Reich und gepflegt nistet er sich auf Wuthering Heights ein und knöpft Hindley nach und nach all sein Hab und Gut ab und ruiniert zudem noch die Ehe zwischen Catherine und Edgar und die Beziehung Edgars zu seiner Schwester Isabella. Hindleys Sohn Hareton schikaniert er wie damals Hindley ihn schikanierte und degradiert ihn vom Familienerben zum Knecht. Catherine stirbt unglücklich nach der Geburt ihrer Tochter Catherine, und Isabella, nachdem sie mit Heathcliff ein Kind gezeugt hat, aber von den Umständen und Zuständen auf Wuthering Heights entsetzt ist, flieht nach London und bringt dort Heathcliffs Sohn Linton zur Welt. Als Isabella dreizehn Jahre später stirbt, nutzt Heathcliff die Gelegenheit und bahnt eine Beziehung zwischen seinem Sohn und Catherines Tochter an und schreckt auch nicht davor zurück, diese zu kidnappen und auf Wuthering Heights einzusperren:

›Ruhe!‹ sagte der Unhold. ›Zum Teufel mit deinem Gejammer! Mit dir rede ich nicht. Miß Linton, der Gedanke, daß Ihr Vater unglücklich sein wird, bereitet mir außerordentliches Vergnügen: ich werde vor Befriedigung nicht einschlafen können. Sie hätten keinen sichereren Weg einschlagen können, um sich Ihren Aufenthalt unter meinem Dach für die nächsten vierundzwanzig Stunden zu sichern. Was Ihr Versprechen anlangt, Linton zu heiraten, so werde ich Sorge tragen, daß Sie es halten, denn Sie werden diesen Ort nicht eher verlassen, als bis es erfüllt ist.‹

Durch die Heirat wird Heathcliff nun zum Alleinerben von Thrushcross Grange und hat nach dem baldigen Tod Edgars somit beide Familienanwesen in seinen Besitz gebracht. Sein Sohn jedoch enttäuscht ihn. Linton wirkt schwächlich und weinerlich, besitzt keine Durchsetzungskraft und nur eine äußerst schwache Konstitution. Er stirbt kurz nach der Heirat und lässt Heathcliff mit seiner Schwiegertochter und Hareton, Hindleys Sohn, auf Wuthering Heights allein zurück. Am Ziele seiner Träume angekommen lässt er zu, dass sich Hareton und seine Schwiegertochter Catherine, die nach ihrer Mutter benannt worden ist, annähern. Heathcliff erkennt nämlich sich in Hareton wieder, verwildert, aber stark, durchsetzungsfähig, aber ungebildet, und in Catherine ihre Mutter. Seines Lebens überdrüssig geworden, hungert sich Heathcliff zu Tode und lässt sich neben seiner Jugendliebe Catherine beerdigen.

Vom Stoff her gesehen handelt es sich klar um eine Generationenroman, der durch eine unerfüllte Liebe/Eifersucht als Plot in Bewegung gehalten wird. Heathcliff fungiert wie eine Art Naturkatastrophe, die über die Familien Earnshaw und Linton hereinbricht. Wie aber Waldbrände und Vulkanausbrüche bspw. zur Fruchtbarkeit der Felder beitragen, so trägt Heathcliff dazu bei, als eine Art Faustische Figur, die stets Böses will, aber Gutes bringt, dass die Earnshaws wie die Lintons am Ende einen tüchtigen Erben in Hareton besitzen und der schwächliche Hindley Earnshaw, der Hareton zu ermorden droht und sein Hab und Gut verspielt, wie auch der entscheidungsschwache Edgar Linton, jeweils den Ruin der Familie nicht herbeiführen können. Auf ihre Weise illustriert Emily Brontë in Sturmhöhe die Hegelsche List der Vernunft:

Daß der Zweck sich aber in die mittelbare Beziehung mit dem Objekt setzt und zwischen sich und dasselbe ein anderes Objekt einschiebt, kann als die List der Vernunft angesehen werden. Die Endlichkeit der Vernünftigkeit hat, wie bemerkt, diese Seite, daß der Zweck sich zu der Voraussetzung, d. h. zur Äußerlichkeit des Objekts verhält. In der unmittelbaren Beziehung auf dasselbe träte er selbst in den Mechanismus oder Chemismus und wäre damit der Zufälligkeit und dem Untergange seiner Bestimmung, an und für sich seiender Begriff zu sein, unterworfen. So aber stellt er ein Objekt als Mittel hinaus, läßt dasselbe statt seiner sich äußerlich abarbeiten, gibt es der Aufreibung preis und erhält sich hinter ihm gegen die mechanische Gewalt.
Georg Friedrich Wilhelm Hegel aus: „Wissenschaft der Logik

Mr. Earnshaw, der wohl unbewusst die Untüchtigkeit seines Sohnes erkennt und die Beeinflussbarkeit seiner Tochter befürchtet, setzt sich den Findling Heathcliff ins Haus, der zum Untergange bestimmte Chemismus, wodurch sich eine Art Katharsis vollzieht, aus der beide Familien, Lintons und Earnshaws, gestärkt hervorgehen. Der Landadel, hier repräsentiert durch die Earnshaws und Linton, instrumentalisieren (bewusst oder unbewusst) das städtische Prekariat (einen Namenlosen), um seine internen Probleme zu lösen, ohne sich dabei die Finger schmutzig machen zu müssen. Täter bleibt allein letzterer und dient hierbei noch zur allseitigen erotischen Erbauung.

Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Generationen mit Plot: Unerfüllte Liebe/Eifersucht

Stil/Sprache/Form:

Wiewohl Emily Brontë auch Gedichte geschrieben hat, erscheint ihre Sprache in Sturmhöhe alles andere als lyrisch oder poetisch. Sie verwendet eine harte, verschrobene, klafterhafte Diktion, die die Brüchigkeit der beschriebenen Welt nachvollzieht. Am ehesten gelingt es den Naturbeschreibungen den klassischen ästhetischen Ansprüchen von literarischer Sprache zu genügen. Hier erschafft sie eine Atmosphäre des Moores, der Winde, der Steine, der kalten und kargen Winterlandschaften, die unfruchtbar, von den Gezeiten, vom Wetter zerzaust und gezeichnet sind.

Der steile Abhang von Penistone Crags zog ganz besonders ihre Aufmerksamkeit auf sich; besonders wenn die untergehende Sonne die kahlen Gipfel vergoldete und das ganze Land rundum in Schatten lag. Ich erklärte ihr, daß diese Goldberge nur Steine seien, in deren Klüften kaum Erde genug sei, um einen krummen Baum zu nähren.
›Und warum sind sie so voll Glanz, wenn es hier bei uns schon lange Abend ist?‹ fuhr sie fort.
›Weil sie viel, viel höher sind als wir hier‹, antwortete ich. ›Sie könnten sie niemals ersteigen; sie sind zu hoch und steil. Im Winter ist der Frost dort droben, lange bevor er zu uns kommt, und tief im Sommer habe ich in der schwarzen Höhle dort an der Nordostseite noch Schnee gefunden.‹
›O, du bist droben gewesen!‹ schrie sie entzückt. ›Dann kann ich auch hin, wenn ich erwachsen bin. Ist Papa dort gewesen, Ellen?‹
›Ihr Papa wird Ihnen sagen, Miß‹, antwortete ich eilig, ›daß die Berge einen Besuch durchaus nicht lohnen. Das Moor, das Sie mit ihm durchstreifen, ist viel schöner, und der Thrushcross Grange ist der herrlichste Platz der Welt.‹

Die Welt des Hochmoors von Yorkshire wird atmosphärisch durch viele kurze Einschübe gestaltet. Sie wirkt verlassen, isoliert, völlig vom Leben der Großstädte, vom Treiben der Menschen entfernt. Emily Brontë gestaltet hier in Sturmhöhe eine einsame, eskapistische Insel, in der sich nur diese zwei Familien kennen, völlig auf sich bezogen, mit sich bekümmert, auf sich fixiert. Die Weite des Moores wirkt wie eine Mondlandschaft, eine Grenze ins Nichts, wohin sich kaum einer verirrt.

Ich wandte mich also ab und machte mich auf den Weg. Ich wanderte langsam dahin, hinter mir flammte ein prächtiger Sonnenuntergang, vor mir hob sich der Mond in mildem Glanz. Ehe ich auf Wuthering Heights ankam, zeigte der westliche Himmel nur mehr ein glanzlos gelbes Licht, aber der strahlende Mond machte jedes Steinchen auf meinem Weg erkennbar.

In dieser Abgeschiedenheit von allen politischen, sozialen Kräften, geradezu im Windschatten der Geschichte vollzieht sich das nahe am Inzest grenzende Geschehen, bspw. heiraten Hareton und Catherine, wiewohl Haretons Vater und Catherines Mutter dieselben Eltern haben, also Bruder und Schwester sind. Erzählerisch gelingt Emily Brontë hier eine Art Vakuum und Glasglocke zu erzeugen:

1801. – Ich bin soeben von einem Besuch bei meinem Hauswirt zurückgekehrt – dem einsiedlerischen Nachbarn, mit dem ich mich nun abgeben muß. Wirklich, dies ist ein prächtiges Land! In ganz England, glaube ich, hätte ich keine andere Gegend gefunden, die so völlig dem Getriebe der Gesellschaft entrückt ist. Für den Misanthropen ein wahres Eden! Und Mr. Heathcliff und ich sind so recht ein passendes Paar, diese Einsamkeit miteinander zu teilen. Ein kapitaler Kerl! Wie argwöhnisch er die schwarzen Augen zusammenkniff, als ich bei ihm vorritt, und wie mißtrauisch er die Hände tiefer in die Jackentaschen bohrte, als ich meinen Namen nannte! Das gewann ihm gleich mein Herz, wovon er freilich nichts ahnen mochte.

Was Sturmhöhe jedoch erzählerisch bei weitem mehr auszeichnet, stellt die Erzählperspektive dar. Emily Brontë lässt nämlich einen Ich-Erzähler (Mr. Lockwood) von den Geschehnissen berichten, die er von Ellen Dean, dem Hausmädchen sich berichten lässt, die wiederum vom Hörensagen anderer und Briefen, die sie gesammelt hat, zehrt. Es handelt sich dadurch um eine fast oral-tradierte Familienlegende, die durch die verschiedenen Erzählperspektiven mit Rahmenerzählung und Binnenerzählung Glaubwürdigkeit und Lebendigkeit erhält und hierdurch an Marlow von Joseph Conrad erinnert, den er als Erzählinstanz bspw. in Herz der Finsternis und Lord Jim auftreten lässt und der ebenfalls berichtet, wovon ihm selbst berichtet worden ist [Für eine genauere Analyse der Erzählweise, siehe den Blog Lesefalten]. In der deutschsprachigen Literatur gibt es hier als hervorragendes Beispiel Theodor Storms Der Schimmelreiter, das auch in seiner Unheimlichkeit und Verlassenheit Ähnlichkeiten – der Spuk, der Verbannung, die Verfluchung – mit Sturmhöhe besitzt, nämlich in den Figuren des Deichbauers Hauke Haien und des rastlos rächenden, sich empörenden Heathcliffs. Literarisch-kommunikativ, als narrativer Gestus, korrespondiert jedoch Sturmhöhe eher mit Werken eines Dostojewskis oder Kafkas.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Zentral in Sturmhöhe und anderen Werken dieser Art bleibt eine rastlose Innerlichkeit, eine in sich zerstrittene, unerklärbare Individualität. Weder Hindley noch Catherine noch Heathcliff oder Isabella lassen sich in ihrer Handlungsweise verstehen, denn sie leiden an ihrer eigenen Leere, ihrer suchenden Sehnsucht, ihrer hilflosen Flucht vor sich selbst hin zu etwas anderem als ihrer eigenen vakuumisierten Existenz. Sie halten es nicht mit sich allein aus. Die Leidenschaft entbrennt, und sie entbrennt lichterloh und völlig ungebremst, völlig irrational, wild und ungestüm als Protest und Aufstand gegen die leere, nichtssagende Moorlandschaft:

Mr. Hindley trat, Verwünschungen ausstoßend, ein und erwischte mich bei dem Bemühen, seinen Sohn im Küchenschrank in Sicherheit zu bringen. Hareton war von grauenhafter Angst besessen sowohl vor seines Vaters wildbestienhafter Zärtlichkeit als auch vor seinem wahnsinnigen Zorn; denn einerseits lief er Gefahr, zu Tode gedrückt und geküßt, und andererseits ins Feuer geworfen oder an die Wand geschleudert zu werden. So verhielt sich der arme kleine Kerl mäuschenstill – wohin ich ihn auch stecken mochte.

Die Innerlichkeit der Figuren aus Brontës Sturmhöhe besitzen eruptiven, voluntaristischen Charakter und zeichnen sich durch Unzurechnungsfähigkeit aus. Isabella schmeißt sich einem wildfremden Mann an den Hals, Catherine rennt fiebrig in den Regen hinaus und Heathcliff verbringt schmollend ganze Winternächte im Moor und wird von Catherine, seiner Ziehschwester, wie folgt bezeichnet:

Sag ihr, was Heathcliff ist: eine unverbesserliche Kreatur, ohne Feinheiten, ohne Kultur, – eine dürre Wildnis von Stein und Ginster. Es wäre ebenso herzlos, einen kleinen Kanarienvogel an einem Wintertag hinaus in den Garten fliegen zu lassen, wie dir zu empfehlen, deine Liebe an diesen Mann zu hängen. Es ist beklagenswerte Unkenntnis seines Charakters, Kind, und nichts anderes, was diesen Traum in dir erweckt hat. Bitte, bilde dir doch nicht ein, daß unter seinem herben Äußeren Güte und Zärtlichkeit verborgen sind. Er ist kein ungeschliffener Diamant, kein Edelmann im Bauernkittel: er ist ein wilder, mitleidloser, wölfischer Mann.

Und doch verzehrt sie sich nach ihm, und doch wird Isabella mit ihm ausreißen. In der Leere und Kargheit des Hochmoors von Yorkshire gibt es nur Eifersucht, Liebesaffären, Ehebruch und körperliche Gewalt, die die Eintönigkeit des Lebens unterbrechen. Hier erinnert Sturmhöhe an die wilde und pathologische Inbrünstigkeit der Figuren von Dostojewski wie Dmitrij Karamasoff in Die Brüder Karamasoff, in welchem auch um das Erbe und auch um vorenthaltene Vaterliebe gestritten wird, wie der Staatsanwalt Kirillowitsch in seiner Schlussrede ausführt:

Und das ist das Wichtigste: Nicht die Dreitausend, nicht diese Summe an sich war der Gegenstand, der Grund der heftigen und andauernden Erbitterung des Angeklagten gegen seinen Vater, hier gab es noch eine andere, eine besondere Ursache, die seinen Zorn erregte. Das war – die Eifersucht!“ Nun begann Hippolyt Kirillowitsch äußerst weitläufig und umständlich das Bild der ganzen verhängnisvollen Leidenschaft des Angeklagten für Gruschenka aufzurollen. Er begann mit jenem Tage, an dem Mitjä sich zu dieser „jungen Person“ begeben hatte, um sie „durchzuprügeln“ – „ich drücke mich mit den Worten des Angeklagten aus,“ fügte er zur Erklärung hinzu –, „doch statt sie durchzuprügeln, ließ er sich zu ihren Füßen nieder – das ist der Anfang dieser Liebe. In derselben Zeit hat auch der Alte, der Vater des Angeklagten, auf dieselbe Person sein Auge geworfen. Das ist nun freilich ein etwas sonderbares Zusammentreffen, denn beide Herzen entbrennen zu gleicher Zeit, während beide diese Person auch früher schon gesehen und gekannt hatten, plötzlich aber entbrennen sie in der unbändigsten, wie gesagt, Karamasoffschen Leidenschaft.
Fjodor Michailowitsch Dostojewski aus: „Die Brüder Karamasoff“

Wie auch bei Dostojewski in Die Brüder Karamasoff so wird auch bei Emily Brontë in Sturmhöhe der Charakter des Menschen als sein Schicksal gesetzt, aus dem es kein Entrinnen gibt. Das Innere als Verhängnis vollstreckt sich durch die Handlung und erzeugt teilweise ein klaustrophobisches Gefühl der Enge und Statik, die diese Werke in einem verschlingenden Maße inszenieren gleichsam dem unvollendet gebliebenen Roman Das Schloß von Franz Kafka. Die Langeweile als Grundproblem findet in Sturmhöhe ihren Eintritt aufs literarische Parkett, der an sich selbst wahnsinnig werdenden Charaktere. Ohne existenzielle Not bereiten sich die Menschen gegenseitig ihr Dasein zur sprichwörtlichen Hölle und nur der Tod scheint als Lösung für die zerstrittenen, sich hassenden, sich gegenseitig verfluchenden Individuen bereitzustehen – wahrlich eine, nicht nur auf das 19. Jahrhundert im Yorkshire Hochmoor beschränkte, das Fürchten lehrende, pessimistische, sich seines Sinnes entleerende Schauergeschichte.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

Andere (mir bekannte) Rezensionen:
Bookster HRO
Sören Heim

Die Kurzversion findet sich bald hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.

3 Antworten auf „Emily Brontë: „Sturmhöhe““

  1. Ach, „Sturmhöhe“ habe ich als Teenager mit Begeisterung gelesen. Ich fürchte allerdings, dass mein damaliger Blick auf Heathcliff jenem von Isabella sehr ähnlich war 🙂

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Ich glaube, es ist im Nachhinein kaum noch möglicher, diese unbescholtenen Lesarten zu reproduzieren. Ich denke, das Feuer, das Heathcliff repräsentiert, macht „Sturmhöhe“ zu so einem erfolgreichen Buch. Tatsächlich was hier aber beschrieben wird, hat wenig mit Leidenschaft, wenig mit Liebe zu tun. Es ist eher die Instrumentalisierung eines hilflosen Jungen zum Racheengel, vom Vater Catherines und Hindleys, der enttäuscht von seinen Kindern ist, herbeizitiert, ohne dass dieser Racheengel irgendwie psychodramatisch ausgestaltet worden wäre. Sehr gruselig, im Grunde. Vor diesem Hintergrund gefällt mir deine Lesart besser, es war mir nur nicht möglich sie umzusetzen. 😁

      1. Ja, heute steht mir dieser Blick auch nicht mehr zur Verfügung. Wobei ich nicht recht weiß, ob das nun ein Verlust der ein Gewinn ist. Wahrscheinlich doch ein Gewinn 🙂

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