Umberto Eco: „Die Insel des vorigen Tages“

Die Liebe zur Sprache als Sinnsuche auf den Sieben Weltmeeren …

Umberto Eco, Verfasser von dem Roman Der Name der Rose, aber auch von kulturkritischen Schriften wie Apokalyptiker und Integrierte, besitzt eine ganz eigene Vorstellung vom Genre des Unterhaltungsromans. Seine Bücher spielen mit dem enzyklopädischen Wissen.  Sie setzen nicht Wissen voraus, aber kulturell-historisches Orientierungsvermögen – so scheint es. Wer aber den Wissenschaftler der Semiotik zu sehr in den Gaukler des Erzählens übergehen lässt, verpasst, was den Romanen von Eco, auch in Die Insel des vorigen Tages, vorrangig bleibt, nämlich ungetrübte, sich selbst überlassene, über sich hinausgreifende Sprachfreude:

Jede Woge glitzert in schimmernder Rastlosigkeit, hier windet eine Dampfsäule sich empor, dort gurgelt ein Strudel und reißt eine Quelle auf. Bündel ekstatischer Meteore bilden den Gegengesang zur aufrührerischen und in Donnergetöse zerborstenen Luft, der Himmel ist ein Flimmern von fernsten Lichtern im Wechsel mit tiefster Finsternis, und Roberto schreibt, er habe schäumende Alpen gesehen in schlüpfrigen Furchen, die den Schaum zu Garben verwandelt hätten, und der Ceres Früchte seien in Blüte gestanden zwischen funkelnden Saphiren, und von Zeit zu Zeit seien rotglühende Opale hervorgebrochen, als habe die tellurische Tochter Proserpina das Kommando übernommen und ihre fruchttragende Mutter vertrieben.

Umberto Eco aus: „Die Insel des vorigen Tages“
„Umberto Eco: „Die Insel des vorigen Tages““ weiterlesen

Christoph Hein: „Unterm Staub der Zeit“

Unbewusstes Geschichtserleben … Spiegel Belletristik-Bestseller (April 2023)

Wie in jeder Hinsicht so gibt es auch in Bezug auf Geschichte eine direkte, aggressive Art, sich mit ihr zu befassen, oder Abstufung des Indirekten, bis hin zum sanften Aufmerken. Aggressive Sorten der DDR-Aufarbeitung suchen die Konfrontation wie Anne Rabe in Die Möglichkeit von Glück, Hari Kunzru in Red Pill oder Bettina Wilpert in Herumtreiberinnen. Eine Mittelstellung nimmt Helga Schubert beispielsweise in Vom Aufstehen oder Der heutige Tag ein. Jenny Erpenbecks Kairos oder Christoph Heins Unterm Staub der Zeit gehört einer sehr langsamen, zarten Vergangenheitsaufarbeitung an und steht in der gegenwärtigen Literaturlandschaft als Antipode von Uwe Tellkamps Der Schlaf in den Uhren gegenüer. Im Gegensatz zu diesem fällt Hein die Grenzziehung schwer:

Unsinn, Bert. [Die Abriegelung von Ost-Berlin, von der] der Kerl im Radio erzählt, das geht gar nicht. In Berlin gibt es hundert Straßen, die von Ost nach West und von West nach Ost führen. Selbst wenn sie die alle sperren, dann gibt es noch unterirdisch die U-Bahn und alle möglichen Kanäle. Dann ist da die Spree, ich brauche nur in einer mondlosen Nacht zweihundert Meter zu schwimmen und bin in Westberlin. Da können sie nichts machen. Und außerdem ist da noch die Grüne Grenze, das sind Hunderte Kilometer, die können sie ja nicht mit Stacheldraht verrammeln. Hunderte von Kilometern, nein, da wird es immer genügend Stellen geben, wo man bei Tag und Nacht rüberspazieren kann.

Christoph Hein aus: „Unterm Staub der Zeit“
„Christoph Hein: „Unterm Staub der Zeit““ weiterlesen

Helga Schubert: „Der heutige Tag“

Selbstsuche unter Belastung, Liebe und Freiheitswunsch … Spiegel Belletristik-Bestseller (05/2023)

Tod und Krankheit kommen auf diese oder jene Weise fast in allen Romanen vor. Selten jedoch stehen sie völlig im Zentrum des beschriebenen Geschehens. Sie fungieren eher als Rahmen, als Randbegleitung, als eine Form der conditio humana, ein Schatten, der akzeptiert wird, ohne ihn völlig integrieren zu können. Derlei Versuche werden dennoch manchmal erneut unternommen. Hermann Brochs Roman Der Tod des Vergil und Arnold Metzgers philosophisches Hauptwerk Freiheit und Tod gehen dem Verschwinden dieser einer ganzen Welt nach, die mit Krankheit und Tod eines Menschen einhergehen. Helga Schubert geht mit ihrem neuesten Buch Der heutige Tag einen Mittelweg. Weder literarisch-poetisch noch theologisch-philosophisch erzählt die Ich-Erzählerin von ihrem Alltag, der hauptsächlich daraus besteht, eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung für ihren todkranken Ehemann Derden zu leisten:

Ich brachte Derden etwas zu trinken, leerte den Urinbeutel, der am Bett hing, sagte, dass ich nebenan noch schreibe und immer kommen würde, wenn er klopft, schaltete die Nachttischlampe aus, setzte mich auf seine Bettkante, zog das Deckbett über seine schmaler gewordenen Schultern, streichelte seinen Kopf, küsste seine Schläfen, seine Augenlider, er hatte sie schon beruhigt geschlossen, dann ging ich die zwei Stufen zurück zu meinem Arbeitsplatz.

Helga Schubert aus: „Der heutige Tag“
„Helga Schubert: „Der heutige Tag““ weiterlesen

Birgit Birnbacher: „Wovon wir leben“

Ruf der Freiheit … SWR Bestenliste 04/2023

Birgit Birnbachers neuester Roman, vier Jahre nach ihrem Ingeborg-Bachmann-Preis von 2019, heißt Wovon wir leben. Er gehört zu den Romanen, die das Umziehen, Zurückziehen von der Großstadt auf das Land thematisieren, von der Entfremdung, Anonymität, Geschwindigkeit des Massendaseins also zurück in die vermeintliche Idylle und Sicherheit eines mehr oder weniger nur in Fragmenten bestehenden, aber erhofft unentfremdeten Gemeinsinns. Juli Zehs Über Menschen, Daniela Kriens Der Brand, Kristine Bilkaus Nebenan, Judith Herrmanns Daheim und auch Leona Stahlmanns Diese ganzen belanglosen Dinge behandeln dieses Thema. Birnbacher legt in Wovon wir leben im Gegensatz zu diesen aber ein besonderes Augenmerk auf den Generationenkonflikt:

Ausgerechnet [Mutter] musste das sagen, die nie fortfuhr, lebte, etwas Schönes tat. Aber das sagte ich nicht, oder zumindest nicht so. Dann ergab ein Wort das andere, bis sie irgendwann über den Tisch schrie, als ich schon in der Tür stand, sie habe sich für mich halt einmal etwas Besseres gewünscht, als anderen den Hintern abzuwischen, und dass sie einfach nicht verstehe, wie ich mich freiwillig, freiwillig und ohne Not, für »so etwas« entscheiden habe können. Wo ich alles hätte tun können, ja jetzt noch tun könnte.

Birgit Birnbacher aus: „Wovon wir leben“
„Birgit Birnbacher: „Wovon wir leben““ weiterlesen

Anne Rabe: „Die Möglichkeit von Glück“

Flucht vor der eigenen Vergangenheit … SWR Bestenliste Juni

Alexander Kluge schreibt keine herkömmlichen Texte. Bücher wie Lernprozesse mit tödlichem Ausgang oder Lebensläufe – Anwesenheitsliste für eine Beerdigung erweitern die Vorstellung von Literatur ins Unabsehbare. Was jedoch gleich auffällt, Kluge nennt diese seltsamen Sprachobjekte nicht „Roman“. Sie besitzen keine auf dem Buchdeckel vorzeichneten Erklärungen. Sie fallen mit der Tür ins Haus und wabern fröhlich zwischen Geschichte und Eigensinn als Theoriebrocken und In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod als Filmtorso hin und her und beglücken und irritieren fast zu gleichen Anteilen ihr Publikum. Anne Rabe, ihres Zeichens ebenfalls Dramatikerin, Drehbuchautorin und Essayistin, schreibt ähnlich, mit dem kleinen Unterschied, dass Die Möglichkeit von Glück laut Verlag und Autorin „Roman“ sein soll.

Frau S. von der Stasi-Unterlagenbehörde hat gesagt, es gebe keine Akten. Deckel drauf und fertig. Mein Großvater [Paul], der Held meiner Kindheit, würde einer bleiben. Was treibt mich eigentlich an? Ich komme mir schäbig vor. Wie ein Praktikant beim SPIEGEL, der Anfang der 90er auf der Suche nach der Geschichte ist, die ihm zum Durchbruch verhelfen könnte.

Anne Rabe aus: „Die Möglichkeit von Glück“
„Anne Rabe: „Die Möglichkeit von Glück““ weiterlesen

Caroline Wahl: „22 Bahnen“

Von Träumen, Wünschen und anderen Teenager-Phobien … Spiegel Belletristik-Bestseller (05/2023)

Für Jugendliche strahlen Schwimmbäder und Kinos einen eigenen Zauber aus. Im Schwimmbad das Offene, das Freie. Im Kino, das Dunkle, Mysteriöse und Heimliche. Steht in Benedict Wells Hard Land das Kino im Vordergrund, so in Annika Büsings Nordstadt das Schwimmbad. Caroline Wahl lässt in ihrem Debütroman 22 Bahnen einen Großteil ebenfalls im Schwimmbad spielen und teilt mit Büsings Roman ein ähnliches Cover und mit Wells die Vorliebe für Kinofilme. Alle drei fungieren als Coming-of-Age-Romane, deren Vorläufer und Hauptproponent J.D. Salingers Der Fänger im Roggen ist, und jeweils eigene Akzente setzen, die Schwierigkeit Jugendlicher zu beschreiben, einen Platz in der Welt zu finden:

»Geil«, sagt Marlene und bleibt stehen, als wir wie früher mit einer Weinflasche übers Feld zum Grundstück laufen und der orange, dunkelrot, rosa, hellblaue Himmel alles gibt, um uns zu beeindrucken. Marlene legt sich auf die Wiese am Feldwegrand, ich lasse mich neben sie fallen, sie nimmt meine Hand, drückt sie, ich erwidere den Druck, und wir schauen uns das Farbenspiel an.

Caroline Wahl aus: „22 Bahnen“
„Caroline Wahl: „22 Bahnen““ weiterlesen

Brigitte Reimann: „Franziska Linkerhand“

Paradigma eines freien, befreiten Erzählens …

Franz Kafka hat den größten Teil von seinem fast beendeten Roman Das Schloß in der Ich-Perspektive geschrieben und danach, per Hand, in seinem Manuskript in die Er-Perspektive umgeschrieben. Die Streichungen lassen sich in den Originalabschriften einsehen. Die Entscheidung zeigt den wesentlichen Aspekt auf, den die Erzählperspektive im Medium Roman innehat. Brigitte Reimann hat eine außergewöhnliche Wahl für ihren ebenfalls nur beinahe beendeten Roman Franziska Linkerhand gewählt:

„Da hast du [Franziskas Bruder Wilhelm] ja Glück gehabt“, sagte Franziska kalt… in diesem Augenblick verachtete ich ihn, einen Heuchler und Feigling, der sich für seinen Freund nicht engagieren wollte. Ich wäre lieber nobel gestorben… Mit siebzehn ist man ein strenger Richter über andere, und man urteilt hart, prinzipientreu; selbst ungeprüft, prüfte ich meinen Bruder.

Brigitte Reimann aus: „Franziska Linkerhand“
„Brigitte Reimann: „Franziska Linkerhand““ weiterlesen

Sebastian Hotz: „Mindset“

„Die Welle“ fürs 21. Jahrhundert? … Spiegel Belletristik-Bestseller (17/2023)

Eine der bekanntesten Schullektüren in Bezug auf die Wirkung und Mechanismen totalitärer Strukturen heißt Die Welle und wurde auf Basis eines Drehbuches von Morton Rhue alias Todd Strasser verfasst. Der Roman erschien 1981 und in der deutschen Übersetzung von Hans-Georg Noack 1984. Sebastian Hotz, Podcastproduzent und Satiriker, hat nun einen Roman geschrieben, Mindset, der den Plot und die Moral der Geschichte von Rhues Text ins 21. Jahrhundert zu bringen versucht:

Ich bin hier, weil ich mit GENESIS EGO ein Programm konzipiert habe, mit dem mein Erfolg eurer werden kann. Alles, was ihr dafür braucht, ist …«
»Mindset … Disziplin … Ego …«
Maximilian hätte es besser gefallen, wenn die Seminarteilnehmer aufgesprungen wären und ihm die drei Worte frenetisch entgegengebrüllt hätten, einzig die Stimme des Neuen [Mirko] lässt aufrichtige Begeisterung erkennen. Enttäuschend. Aber der Tag ist ja noch jung.

Sebastian Hotz aus: „Mindset“
„Sebastian Hotz: „Mindset““ weiterlesen

Benjamin von Stuckrad-Barre: „Noch wach?“

Sich entziehen auf popliterarisch … Spiegel Belletristik-Bestseller (18/2023)

Engagement und Literatur kommen nicht voneinander los. Literatur drängt zur Rede, wie die Rede zur Literatur. Sie suchen Wirkung und Genuss in einem, Bedeutung und Entfesselung der Sprache zugleich. Auf diese Weise will die Literatur, und hierzu gehört Benjamin von Stuckrad-Barres neuer Roman Noch wach?, die Welle schlagen, auf der sie mitzuschwimmen gedenkt, gibt sich den Wallungen der Intensitäten aber nun mit reinstem Gewissen hin. Derlei Beispiele gibt es einige: Pablo Neruda und Wladimir Majakowski in der Lyrik, Virginie Despentes in Das Leben des Vernon Subutex oder Liebes Arschloch im Roman, oder, etwas selbstreferenzieller Thomas Bernhard in beispielsweise Holzfällen. Gemächlicher, aber nichtsdestotrotz bis in die letzten Sprachwinkel politisiert ist Der Butt von Günter Grass oder Die verlorene Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll, mit der er 1974 die Machenschaften des Sensationsjournalismus an den Pranger gestellt hat:

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

Heinrich Böll aus: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“

Benjamin von Stuckrad-Barre nimmt in seinem neuesten Roman Noch wach? direkt Bezug auf Heinrich Bölls Text. In diesem geht es jedoch weniger um den Journalismus und das Geschäft desselbigen als um das Ambiente, in welchem dieser gegenwärtig oder üblicherweise stattfindet:

Mein Freund beschrieb indessen mit leuchtenden Augen die Hölle: Nicht jeder wird hier ein Büro haben, einen festen Schreibtisch. Das findet sich dann immer neu, PROJEKTBEZOGEN. Das da drüben werden ja eben keine Räume im eigentlichen Sinne, sondern Halbinnen-, Halbaußen-Kammern.
Er liebe ja Streit, sagte er immer. Auseinandersetzung! Wettstreit der Ideen! Flache Hierarchien! Widerworte! Diskurs! Konsens killt Innovation, wir müssen streitbar bleiben, und wenn alles zu glatt läuft: selbst die Gegenposition einnehmen!

Benjamin von Stuckrad-Barre aus: „Noch wach?“
„Benjamin von Stuckrad-Barre: „Noch wach?““ weiterlesen

Martin Suter: „Melody“

Lieber ein Ende mit Illusionen als gar keins … Spiegel Belletristik-Bestseller 16/2023

Wer die alten Jerry-Cotton-Romane kennt, weiß, wie beliebt diese waren und noch immer sind. Sie zeigen distinguierte Männer von Schrot und Korn, die Frauen in Notlagen retten, kein Abenteuer scheuen und keinen Drink ablehnen. Martin Suter schreibt in dieser Tradition. Sein letzter Roman Einer von euch fiel in der Feuilletonkritik durch. Es hieß, es sei „ein richtig schlechtes Buch“.

Melody findet günstigere Aufnahme. Gerhard Matzig (Süddeutsche Zeitung) sagt: „Mit zwei, drei Sätzen wird Tom lebendig, eine vielschichtige Figur, für die man sich interessiert. Suter erzählt glänzend. Ein paar wenige Striche reichen ihm. Weil die Striche sitzen. Es ist wie mit einem guten Krawattenknoten.“ Und Monika Willer (Westfalenpost) schreibt: „Martin Suter gilt als Meister einer eleganten Feder, die so fein geschliffen ist, dass man die Stiche oft erst hinterher spürt.“ Einhellig also die Meinung, die Tanja Kewes (Handelsblatt) wie folgt zusammenfasst: „Martin Suter ist eine der großen Figuren des Literaturbetriebs.“ Selbst- und Fremdinszenierung liegt dem Autor Martin Suter in der Tat:

Tom hatte Stotz gegoogelt. Er war einst eine wichtige Persönlichkeit gewesen. Nationalrat. Mitglied der liberalen Wirtschaftspartei, Königsmacher und Geldgeber. In der Wirtschaft spielte er eine große Rolle als Banken-, Versicherungen- und Maschinenindustrie-Verwaltungsrat. Daneben war er Kunstmäzen und langjähriges Mitglied des Verwaltungsrats der Oper und dessen Präsident während elf Jahren.

Martin Suter aus: „Melody“
„Martin Suter: „Melody““ weiterlesen
Die mobile Version verlassen
%%footer%%