Der Tod eines Kindes wird in der Literatur selten aus der Sicht eines Elternteils erzählt. Häufiger findet sich die Trauerarbeit einer Partners wie in Irvin D. und Marilyn Yaloms Unzertrennlich, Jon Fosses Der andere Name oder Helga Schuberts Der heutige Tag. Auch der Verlust der Eltern aus Sicht des Kindes bildet einen häufig bearbeiteten und gestalteten Stoff wie in Edgar Selges Hast du uns endlich gefunden, Caroline Wahls Windstärke 17 oder Alois Hotschnigs Der Silberfuchs meiner Mutter. Daniela Krien nimmt sich nun in ihrem neuesten Roman Mein drittes Leben der Thematik an, was bleibt, wenn ein Kind stirbt, und schließt so an bspw. Cees Nootebooms Allerseelen an, nur im Falle Kriens steht die trauernde Mutter im Zentrum des Geschehens:
Vor Sonja bin ich ein eigenständig fühlender, doch unvollendeter Mensch gewesen, ein Individuum ohne Zusammenhang. Ab ihrer Geburt war mein Lebensglück ihrem unterworfen. Von Beginn an und bis über ihr Ende hinaus bin ich das, was sie ist – glücklich, unglücklich, ängstlich, traurig, euphorisch, lebendig oder tot. Denn wenn ein Kind geht, nimmt es dich mit. Es lässt nicht mehr von dir zurück als eine welke Hülle.
Daniela Krien aus: „Mein drittes Leben“
Inhalt/Plot:
Lindas siebzehnjährige Tochter Sonja verunglückt auf dem Weg zu ihrer Frauenärztin tödlich, als sie auf dem Fahrrad von einem rechtsabbiegenden LKW-Fahrer übersehen wird. Linda und Richard, Sonjas Vater und Lindas Ehemann, stehen vor vollendeten Tatsachen und suchen Wege, mit dem Verlust ihrer geliebten Tochter fertig zu werden. Richard gelingt dies, aus Sicht Lindas, besser, vor allem, so ihre Vermutung, wegen seiner zwei anderen Kinder noch aus erster Ehe, Ylvie und Arvid. Überhaupt betrübt Linda, die zweite Frau in Richards Leben geworden zu sein, und auch, nur ein Kind geboren zu haben:
Aber auch ich war während der ersten Monate mit dem Baby nicht halb so glücklich, wie ich es mir vorgestellt hatte. Alles, was ich mit Sonja zum ersten Mal erlebte, hatte Richard mit Ylvie und Arvid schon hinter sich – das erste Lächeln, das Greifen, das Sichumdrehen, dann das Zahnen und die erste feste Nahrung, das Sitzen und Krabbeln. Seine Erstgeborenen hatten sein Staunen bereits aufgebraucht, seine Neugier gestillt. Sie hatten die Reihenfolge festgelegt, in der ich immer die zweite Frau und Sonja immer das dritte Kind sein würde, obwohl für mich sowohl er als auch Sonja stets die erste Stelle einnehmen würden. Dies war unumstößlich und jeder Kampf dagegen aussichtslos.
Der Konflikt hält an trotz Richards Beteuerungen, dass dem nicht so sei. Auch gibt er irgendwann den Widerstand gegen ein weiteres Kind auf und räumt die Möglichkeit eines vierten ein. In Lindas Augen aber zu spät. Zu diesem Zeitpunkt schon vergleicht sie Sonjas Entwicklung mit Ylvie und Arvid und stellt eine gewisse Mittelmäßigkeit Sonjas fest:
Ich liebte meine Tochter mehr als alles auf der Welt und war doch enttäuscht von ihr. In der Gegenwart ihrer Geschwister wirkte Sonja unscheinbar. Sie sah Ylvie ähnlich, hatte aber nicht deren Präsenz. Manchmal erschien sie mir wie eine blassere, schmalere Version ihrer Schwester, eine Schatten-Ylvie, und ich hasste mich für diesen Gedanken.
Sowohl zu ihrer Mutter, die sie belügt, wie zu Richard, den sie betrügt, wie zu Sonja, für die sie sich schämt, hat Linda ein gespanntes, gefährdetes Verhältnis, und auch die Freundschaften, wie bspw. mit ihrer einstigen Klassenkameradin Esther, der sie sich ob ihrer Tochter überlegen gefühlt hat, hängen an einem seidenen Faden. Hinter der glücklichen Fassade der Familie bröckelt es an allen Ecken und Kanten, und als Sonja stirbt bricht alles auseinander. Zudem kommt heraus, als Linda mit Freya, der besten Freundin Sonjas, spricht, dass Sonja bereits Therapiestunden wegen des elterlichen Erwartungsdrucks genommen hat. Eine Welt bricht für Linda zusammen:
Freya sagte: »Ihr wart so eine heile Familie. Das wollte Sonja mit ihren Problemen nicht kaputtmachen.«
»Was meinst du damit? Welche Probleme denn?«
Meine Frage kam schärfer, als ich es beabsichtigt hatte, und Freya duckte sich und rückte ein kleines Stück von mir ab.
»Na ja … Du warst so erfolgreich und so selbstbewusst, und Richard so begabt, und ihr wart so ein gutes Paar, und Ylvie hatte diese tollen Kinder, und Arvid war an der Kunsthochschule, und Sonja hatte irgendwie das Gefühl, da nicht mithalten zu können.«
Linda beschließt nun, nach einer glimpflich verlaufenen Krebsdiagnose und erfolgreichen Operation, alleine aufs Land zu ziehen. Mein drittes Leben setzt ein, als bereits zwei Jahre vergangen sind. Richard wird ungeduldig. Freunde melden sich nicht mehr. Lindas einziger Kontakt besteht zu ihrer Mutter, Richard und Natascha und ihre Tochter Nine, die am Rand des Dorfes in einer Wohnstätte für Behinderte betreut wird und nicht sprechen, nur singen kann. Vier Erzählfäden verweben sich in Mein drittes Leben: was aus Richard und Lindas Ehe wird; wie die Freundschaft zu Esther sich entwickelt; welchen Weg Natascha und Nine aus ihrer prekären Situation finden; und ob Linda und ihre Mutter sich wieder für ein Gespräch öffnen.
Spoiler
Richard hält es nicht aus und beginnt eine neue Beziehung zu der Schriftstellerin Brida, die aber scheitert. Als bei Richard Darmkrebs diagnostiziert wird, hilft ihm Linda und sie finden wieder zueinander.
Linda bricht am Ende mit Esther völlig, da Esther nicht aufhört, Verständnis für ihre Situation zu haben. Sie hält das Gönnerhafte ihrer Freundin nicht mehr aus und sagt Lebewohl.
Durch den Wohnungsverkauf einer Leipziger Eigentumswohnung erhält Linda genug Geld, um Natascha eine Tagesbetreuung für Nine zu finanzieren, bis Natascha auf eigenen Füßen stehen kann.
Lindas Mutter besucht sie, und sie sprechen sich schließlich aus, so dass Linda sich wieder verbunden fühlt mit ihr.
Stil/Sprache/Form:
Die Sprache von Daniela Krien in Mein drittes Leben kommt wie Der Brand leicht und flüssig daher. Krien experimentiert nicht mit Sprache. Sie verwendet einen klaren und transparenten Stil, um ihre Geschichte zu erzählen. Dialogische und szenische Gestaltung findet höchstens kompositorisch, nie sprachästhetisch statt. Außergewöhnliche Worte, komplexe Satzfugungen werden vermieden. Nur sehr selten gewinnt die symbolische Ebene bei Krien eine Eigendynamik, meist bei der Beschreibung des großstädtischen Molochs:
In der brütenden Mittagshitze radle ich mit gekippter Stimmung zurück nach Hause. Der ganze Unrat der Stadt drängt sich mir auf – der Plastikmüll, die zerbrochenen Flaschen, die Lachen von verschüttetem Alkohol, in denen sich Fliegen tummeln, die Grillreste, die Krähenschwärme drumherum, die breitgelatschte Hundescheiße, die festgetreten Kaugummis, die Zigarettenstummel, die Rotzpfützen, die kaputten, schrottreifen Mietfahrräder und Elektroroller, die selbst in entlegenen Winkeln des Stadtwalds herumliegen, die geschundenen, trockenen Bäume an den Straßenrändern.
Meistens jedoch bleibt es bei sehr alltagssprachlich gehaltenen Gedanken und Gesprächen. In die emotionalen Abgründe Lindas taucht Krien nicht ab. Literarisch bleibt sie an der Oberfläche, das sichert schon die eigentümlich gewählte Erzählposition. Mein drittes Leben besitzt nämlich eine präsentisch erzählende Ich-Instanz, also ein Bewusstseinsstroms des direkt erlebenden Ichs. Diese Variante wird aus kompositorischen Gründen sehr selten gewählt. Entweder erzählt ein Ich aus seiner Vergangenheit, bspw. Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. oder Slata Roschals Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten, mit im Grunde minimaler Handlung in der Erzählgegenwart (bei Plenzdorf das Jenseits, bei Roschal das Vegetieren in einem Berliner Hotelzimmer), oder ein actiongeladener Krimi erzählt von außen, als Regisseur, in Echtzeit Verfolgungsjagden und zeitkritischen Handlungselementen wie Marc-Uwe Klings Views. Es gibt noch die Variante, dass ein Beobachter in Echtzeit wie ein Voyeur Handlungsvorgänge protokolliert wie in Alain Robbe-Grillets Die Jalousie oder Die Eifersucht. Krien jedoch verknüpft inneren Monolog mit Handlungsfortgang im Präsens:
Am Abend mache ich mich mit zaghafter Vorfreude auf den Weg zum Sommerkonzert. Ein wenig geschminkt – zum ersten Mal seit Sonjas Tod – und in ein hellgraues Leinenkleid gewandet, schlängle ich mich zwischen den dicht gedrängten Menschen auf der Rosentalwiese durch. Richard guckt zweimal her und wieder weg. Dann erkennt er mich.
Diese Protokollform wirkt befremdlich. Wie kommt es zu den Lücken? Wo ist die Ich-Erzählerin auf dem Weg zum Sommerkonzert, wo startet sie, wo befindet sie sich, bevor sie plötzlich auf der Rosentalwiese Richard sieht. Die Raffung und Verdichtung steht im Grunde einer präsentischen Ich-Erzählerin, die die Illusion eines Echtzeitherganges evoziert, nicht zur Verfügung. Woher sollte sie, aus deren Augen heraus erzählt wird, entscheiden, was sie berichtet, was nicht – hier steckt eine zweite Erzählerin in Lindas Ich, die auswählt, sich mal zu, mal wegschaltet und so dem Handlungsverlauf etwas Gespenstisches verleiht:
Im Efeu an der Sichtschutzwand lärmen die Spatzen, und eine SMS von Natascha kommt an. Ob es in einer Stunde passe, es gebe etwas Wichtiges zu besprechen. Ja, gern, schreibe ich zurück.
Ich sehe ihr zu, wie sie prüfend und mit unverhohlener Neugier durch meine Wohnung streicht, durch die große Küche und die zwei etwa gleich großen Zimmer, dann das Bad und zurück in die Küche, wo sie die Tür zum Balkon öffnet, rausschaut und die Tür sogleich wieder schließt.
Es bleibt völlig unklar, wie der Zeitsprung zwischen den Absätzen zu verstehen ist. Das Auswählen kann nur im Nachhinein stattgefunden haben, aber die Erzählgegenwart wäre dann in der Zukunft des narrativen Präsens, was eine Zeitvermischung bedeutet. Viel klarer, wäre das herkömmliche Präteritum. „Ich bekam eine SMS von Natascha, ob es in einer Stunde passe. Nach einer Stunde stand sie vor meiner Tür …“ Im Präteritum selbst, im Rückblick ergibt sich die Frage gar nicht, ob alles erzählt werden muss, da die Erzählerin die Auswahl trifft (aus der Erzählgegenwart heraus). Das Präsens jedoch soll Authentizität, die direkte Liveschaltung vermitteln, hier mit spukhafter Verbannung von ganzen Zeitabschnitten.
Es ist endgültig Herbst geworden. Die Nachmittagssonne schafft es nicht mehr über die Dächer bis in die Hinterhöfe. Ganztägig liegen sie im Schatten. Nur in Nataschas Garten gibt es noch spätes Licht. Am Tag meines letzten Arbeitseinsatzes, bevor ich die Wasseruhr abschraube und den Garten in den Winterschlaf entlasse, begegne ich den neuen Pächtern von nebenan.
Keiner weiß, was zwischen Sommer und Herbst geschehen ist. Sie sagt es nicht. Sie überspringt magisch die Zeit. Diese Erzählweise stimmt überein mit dem Auslassen von Lindas Gefühlen und Ängsten. Daniela Krien besteht auf einer künstlich-distanzierten Erzählform, vielleicht, um das Unerträgliche erträglich werden zu lassen.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Es gibt nicht viele Bücher, die sich trauen, dem Grauen unvermittelt in die Augen zu schauen. Émile Zolas Der Totschläger gehört dazu. Naturalistisch-brutal, genau, akribisch zeichnet er das heraufziehende Unglück von Gervaise in der Rue de la Goutte d’Or nach. Hier umklammert der Detail versessene Stil eine Realität, aus der sich das Lesen kaum zu befreien, noch weniger zu distanzieren vermag:
Hob sie ihre Augen über diese graue und unendlich scheinende Mauer, die den Stadtteil mit einem trostlosen Ring einfriedete, sah sie eine große Helligkeit; die Sonne brach sich in den Staubwolken über Paris, dessen morgendliche Geräusche ihr Ohr trafen. Aber immer wieder kehrte ihr Blick zur Barriere Poissonnère zurück. Den Hals vorgestreckt und ganz benommen, schaute sie die Menschen, die Tiere, die Wagen, die in ununterbrochenen Massen sich zwischen den Zollhäuschen bewegten, von der Höhe des Montmartre bis zu la Chapelle. Das war ein Gestampfe von Tieren, das wie ein Meer die Straßen füllte, sobald eine Stauung entstand, ein Aufmarsch von Arbeitern, die zur Arbeit gingen, ohne Ende, das Handwerkszeug auf dem Rücken, das Brot unter dem Arm. Und diese Masse ergoß sich immerzu nach Paris, das sie verschluckte.
Émile Zola aus: „Der Totschläger“
Langsam und unaufhaltbar zieht Zola in den Bann, obwohl er distanziert, personal, gemischt mit auktorialen Einwürfen erzählt, gar nicht erst die Ich-Perspektive erlaubt. Er inszeniert die Geschehnisse, die auf diese Weise unvermittelt ihre Wirkung und ihren blanken Horror trotz nüchternstem Duktus entfalten. Auf der anderen Seite der Skala befindet sich Paulo Coelhos Veronika beschließt zu sterben:
[Veronika] versuchte sich vorzustellen, wie es ist zu sterben, doch es gelang ihr nicht. So oder so brauchte sie sich darüber nicht den Kopf zu zerbrechen, denn sie würde es in wenigen Minuten wissen. In wieviel Minuten? Sie hatte keine Ahnung. Doch sie genoß den Gedanken, daß sie die Anwort auf die Frage erhalten würde, die sich alle stellten: Gibt es Gott? Anders als für viele Menschen war dies für sie keine lebenswichtige Frage gewesen.
Paulo Coelho aus: „Veronika beschließt zu sterben“
Nüchtern, kalkuliert erzählt Coelho, der selbst in seinem Roman vorkommt, die Momente für Veronikas selbstgewählten Freitod, den auch sie kalkuliert, fremd und distanziert betrachtet, ja, sogar genießt. Der Ton von Coelho gleicht dem von Daniela Krien gewählten in Mein drittes Leben:
Es ist kurz nach sechs und noch dunkel draußen. Richard wird erst in zwei Wochen wiederkommen. Niemand würde mich finden, wenn ich das Leben jetzt beendete. Der Gedanke verschafft mir Genugtuung; ich denke ihn wieder und wieder bis zu dem Punkt, an dem ich mit aufgeschnittenen Pulsadern ausgeblutet auf meinem Bett liege.
Das Problem von Mein drittes Leben besteht in der Unentschiedenheit, sich dem Horror des Verlustes auch sprachlich zu widmen. Das zeigt sich auch daran, dass von Sonjas Leben fast nichts berichtet wird, sie als Figur gar nicht unabhängig vom Blick der Mutter auftaucht, und auch, dass die Hündin Kaja, eine der Hauptfiguren im ersten Teil (61 Erwähnungen), im zweiten plötzlich nur noch viermal und ganz nebenher in die Erzählung eingeht und scheinbar gar nicht vermisst wird. Kriens Roman wirkt daher unentschlossen, sentimental und unsentimental zugleich, schon von der Erzählanlage her.
Ein gewählter Moment, eine tiefe Krise in der Nacht, in der die Protagonistin das Für und Wider abwägt, von Erinnerungen überwältigt, von Angst, Trauer, Verzweiflung durchflutet durchsteht, um dann eine Entscheidung für oder gegen das Leben zu treffen, hätte zum präsentischen Ich-Erzählstil gepasst, aber nicht ein über fast über zwei Jahre gestreckter Verzweiflungsakt, von dem 99% nicht erzählt wird. Am Ende bleibt Trauer, ja, ein Abbild von Verzweiflung, eine Schieflage zurück, die eher befremdet, verstört. Sollte das das Ziel von Mein drittes Leben gewesen sein, dann ist dies Daniela Krien vollends gelungen, die sprachliche Niederlage und Stummheit vor der abrupt beendeten Dauer durch den jeden Sinn unterminierenden Tod.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.
Nächste Woche am 27.08.2024 auf Kommunikatives Lesen:
vom diesjährigen Georg-Büchner-Preisträger Oswald Egger Diskrete Stetigkeit.
Andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier.

Trotz deiner vielen Kritikpunkte, erscheint mir diese Buch lesenswert.Ich weiß gar nicht recht warum, aber es zieht mich an …
Es ist stilistisch weit über das Maß der Gegenwartsliteratur erhaben. Das schon. Ich denke, es ist ein gutes Abenteuer, dies zu lesen – vielleicht entspringen auch aus anderen Erfahrungshintergründen ganz andere Dimensionen. Wie immer, spüre ich nur dem Text nach, nicht dem, was möglicherweise im Text mitschwingen soll. Würde mich interessieren, was du zu dem Text sagst. Er steht auch, wie ich heute lese, auf der Longlist des deutschen Buchpreises.
Ich werde ohnehin einen Sprung in die Lieblingsbuchhandlung machen und mich umsehen …
Vielleicht lacht dich ja auch „Monstrosa“ an, das hat mir sehr gut gefallen (nur so nebenbei, aufdringlicherweise 😀 )
Monstrosa habe ich schon sehr begeistert gelesen 😉
Ach sorry, ich erinnere mich (dunkel), dass du es kaufen wolltest. Habe ich die Rezension verpasst? Schön, dass du es gutfandest. Für mich bislang ein Jahreshighlight – kann eigentlich gar nicht kein Jahreshighlight werden, diese Wucht!
Ich habe so viel Gutes von ihren Büchern gehört, aber sie reizen mich kaum. Nach deiner Rezension noch weniger, obwohl ich mir thematisch eine Menge zum Mitfühlen vorstelle und es deshalb in Frage kommen müsste. Ich glaube, mich würde das Überspringen der Zeit auch sehr stören.
Danke für die Einblicke. 🙂
Das Überspringen erscheint ein wenig wie eine Kamera mit Bewegungssensor – mich hat vor allem gestört, dass von der Tochter immer nur gesagt wird: Pferdeschwanz, blond, Rennrad. Und das sehr häufig. Hier empfinde ich schon die fehlende Persönlichkeit der Tochter als eine Art Block – und dass die Hündin, die treue, von der die ganze Zeit erzählt wird, plötzlich in der zweiten Hälfte nur vereinzelt, nebenher, erwähnt wird, scheint mir sehr bezeichnend für die Erzählinstanz. Ich denke, als eine Art Traumastudien-Personalie bekommt es mehr Sinn als eine Form literarische Trauerverarbeitung. Danke fürs Lesen 🤗
Bin nur durch Zufall (HJ Schlichting) auf diese Seite gestossen.
Und nun erinnere ich mich, wie zu meiner Kindheit zwei Mädchen zu Tode kamen, weil die Fahrende den Lenker nicht gut handhaben konnte und so unter das nachfahrende Auto geriet.
Nicht selbst erlebt, sondern nur weit später gehört.
WAS für eine Tragik.
Man erzählte das viele Jahre später weiter, es war so prägend.
Das ist eine tatsächlich entsetzliche Begebenheit, die mich eher dazu motiviert, mich noch vorsichtiger im Straßenverkehr zu bewegen. Viele Grüße!
Krien hat eine sehr raue Sprache. Ähnlich der von Klüssendorf. Sie lotet die Dunkelheit mit einem Ghettoblick aus. Ich finde keine anderen Worte. Sie schreibt, weil sie schreiben muss, das merkt man, aber ihren Romanen fehlt etwas. Die Protagonisten haben keinen Himmel über sich. Deshalb lese ich sie nicht mehr, trotz ihres Stils, der Mann r sehr liegt
So wie du das beschreibst, lässt es sich sagen, ich würde es als Zusammenhang begreifen, das Ineinandergreifen, das fehlt, es zerfällt alles, und alles gerät sofort wieder in Vergessenheit. Eine eigenartige Form des Erzählens. Klüssendorf, ich habe reingelesen, finde ich stilsicherer in ihrer Nüchternheit. Ich werde mir mal ein Buch von ihr vornehmen. Viele Grüße!
Ein Abbild unserer schnelllebigen Zeit, aber dennoch erlebe ich, glaube ich, Krien anders als, lese sie anders. Sie ist eine die Spuren hinterlässt, die sich ein schreibt mit ihrer Dunkelheit.
Für die Psychologisierung bietet Krien genügend Stoff, um sich richtig auszulassen, von Trauma, über Kränkung, von Narzissmus bis hin zur Reattribuierung und Konfliktverschiebung, aber all das in diesem Buch, wo es um eine verunglückte Tochter geht, von der ständig nur gesagt, sie hatte einen blonden Zopf … irgendwie verwirrte mich der Stil, und mir ging es so schon bei „Der Brand“, aber hier geht es um Zonen der Konfliktbearbeitung und daher kommuniziert auch viel mehr mit, das sehe ich ein, nur eben, wie sehr wird es gestaltet, durch Figuren reflektiert, weitergetrieben? Mir fehlt etwas die Öffnung in ihrem Schreiben.
Gut, ich sehr ein, ich muss das lesen. Melde mich dann noch mal:)
Allerdings habe ich dieses Buch ja gar nicht gelesen und kann demzufolge auch nichts dazu sagen
Hab kurz ihre Biografie gegoogelt, passt.
Habe das Buch angelesen. Kriens Schreiben mag ich eigentlich sehr, aber dieses Buch ist tatsächlich seltsam. Ein schweres Thema, wird irgendwie oberflächlich Zehartig beschrieben. Es wirkt wenig authentisch, missbräuchlich. Ich musste es weglegen
Ich denke, dass Krien hier ein seltsames Thema aufnimmt, nämlich dasjenige bewusst eine unbewusste Traumatisierung zu erforschen, was dann in eine unbewusste Larmoyanz abgleitet, die gerecht ungerecht in die Welt hinaus schreitet. Ich denke, dass der Roman formal eine andere Sprache benötigt hätte – eine unter ihrer eigenen Last zerbrechenden Symbolik, bspw., wie bei Jelinek.
Ich habe das Buch dann doch weiter gelesen und ich bin froh darüber. Der Anfang ist sperrig, irgendwie nicht authentisch, aber dann nimmt der Roman an Fahrt auf. Er beschreibt die Krise als lange währenden Prozess, der keine Maske über den Schmerz legt. Interessant auch die Freundschaft mit der Nachbarin, die ebenfalls loslassen muss. Krien hat da für recherchiert. Die Mutter die das Sprechen mit Geschäftigkeit verweigert, die Wurzellosigkeit verursacht durch 89. Am Ende hat Krien mich beeindruckt
Mich freut es sehr, dass du dennoch dem Buch etwas abgewinnen konntest. Ich fand auch, dass die Mutter die stärkste Figur gewesen ist. Wenn du über deinen Leseeindruck schreibst, werde ich es gerne lesen! Bin gerade im Urlaub (humid, schweißtreibend in Florida). Viele liebe Grüße!