Reichskanzlerplatz von Nora Bossong stellt sich in die Reihe der Gegenwartsromane, die die Weimarer Republik und darauffolgende Zeit des Dritten Reiches beleuchten. Stellvertretend seien hier genannt: Daniel Kehlmanns Lichtspiel, Eva Menasses Dunkelblum und Florian Illies Liebe in Zeiten des Hasses. Hier bietet aber nicht das Öffentliche Miteinander den Stoff, sondern die Liebe, und als Plot setzt Bossong auf Unerfüllte Liebe und Eifersucht. Die geschichtlichen Umstände dienen allenfalls als Bühne für ein sehr intimes, privates Drama, das vom Ich-Erzähler Hans, der sich in Hellmut Quandt verliebt, der Hans‘ Liebe aber nicht erwidert, stattdessen die spätere Magda Goebbels umwirbt:
[Hans,] pass bitte auf dich auf, flüsterte [Karl].
Ich spürte die Wärme seiner Hand, sie fuhr meine Schläfe entlang über meine Wange.
Du weißt, wer Hellmuts Stiefmutter heute ist?, fragte er leise. Der Teufel, antwortete er selbst, und ich erschrak über das Wort, weil es in der Dunkelheit fiel und weil Karl nicht mehr flüsterte und vielleicht weil ich immer gedachte hatte, das Worte gehöre zu Magdas Mann.
Nora Bossong aus: „Reichskanzlerplatz“
Inhalt/Plot:
Bossongs Roman Reichskanzlerplatz unterteilt sich in fünf Teile und deckt Hans‘ Lebenszeit von 1919-44 ab, von den wenigen Erzählgegenwartseinsprengseln abgesehen, die von Anfang an herausstellen, dass Hans die Kriegsjahre überlebt haben wird. Die entscheidendsten Ereignisse für den weiteren Verlauf des Romans befinden sich im ersten Kapitel, das die Jahre zwischen 1919 und 1927 behandeln. Hans wächst auf. Eines Tages steht ein neuer Schüler im Klassenraum:
Hellmut kam erst einige Monate später in unsere Klasse, blass und schmal, als sei er selbst krank. Der Tod seiner Mutter war das Erste, was wir über ihn wussten, das Zweite war, dass sein Vater ein großes Unternehmen führte, und in der Pause wurden wir von unserem Lehrer geschickt, ihm unser Beileid auszusprechen, man wusste nicht so recht ob für das eine oder das andere.
Hans hadert mit der Beileidsbekundung, ringt sich aber dann doch irgendwann durch und eine Freundschaft zwischen dem Unternehmersohn und ihm entsteht. Er geht alsbald im Hause Hellmuts ein und aus, lernt die Stiefmutter Magda kennen, die nur sieben Jahre älter als Hellmut und er ist, und fühlt sich von Tag zu Tag mehr zu Hellmut hingezogen:
Hellmut stieg dicht vor mir auf den Sprungsockel, seine Jungenbeine waren über das Schuljahr muskulöser geworden, und Flaum lag auf seinen Waden. Dann wieder wartete ich am Ufer und sah ihm zu, wie er in den Knien federnd an der Kante stand, die Arme erst zur Seite ausstreckte und dann bereits im Absprung über seinen Kopf zusammenführte. Ich blinzelte gegen die Sonne und verlor mich im Glitzern des Wassers, das beim Eintauchen seines Körpers aufspritzte.
Der bald erfolgende Annäherungsversuch misslingt aber so grundlegend, dass die Freundschaft zwischen ihnen daraufhin zeitweilig auf Grundeis geht. Hellmut nämlich liebt Magda, und das versteht Hans mehr und mehr, der eifersüchtig an ihrer Seite mit ihnen Zeit verbringt, aber sich wie das fünfte Rad am Wagen fühlt. Als sie die Schule beenden, beschließt Hans einen Militärdienst abzuleisten und danach Jura zu studieren. Hellmut geht für sein Studium nach London, wo ihn Hans nur einmal besucht und danach nie wieder sieht. Hellmut nämlich stirbt auf einer Reise mit Magda nach Paris an einer Sepsis. Hans tröstet sich mit wilden Sexabenteuern im Berliner Tiergarten über den Tod Hellmuts hinweg, lässt sein Studium schleifen und beginnt eine Affäre mit Magda, die zu einer Scheidung Magdas führt. Die Abfindung erlaubt dieser eine Wohnung am Reichskanzlerplatz zu erstehen, der heute Theodor-Heuß-Platz heißt und während des Dritten Reiches den Namen Adolf-Hitler-Platz trug:
Es war ein herrschaftliches Domizil [am Reichskanzlerplatz] und das erste, das Magda selbst eingerichtet hat. In meiner Erinnerung gehe ich noch einmal durch die Räume, die Schiebetüren gleiten beiseite, ich schalte die kleine, mit Fransen betresste Lampe an und setze mich an den Flügel. […] In einer Ecke steht der Österreicher. Seine Miene ist nicht so düster wie auf den Plakaten, er lauscht aufmerksam der Musik, tritt einen Schritt näher und blickt mir über die Schulter auf die Finger.
Schubert, sage ich.
Es geht zu Herzen, antwortet Hitler.
Von da an verläuft Magdas Leben unabhängig von Hans‘ Karriere, der bald als Diplomat nach Italien, dann in die Schweiz umsiedelt. Seine Erinnerungen bleiben bei Hellmut, was hätte sein können, was gewesen wäre. In der Gegenwart, auch im Rückblick bleibt er auf der Stelle stehen, bleibt in diesem Sommer, in dem alles möglich gewesen wäre, hätten Hellmut und er zueinander gefunden:
Die Welt ging weiter, für irgendjemanden geht sie immer weiter, und ich wollte nur Blumen an Hellmuts Grab bringen, einen Nelkenstrauß, ich hatte es seit vielen Jahren vor, seit siebzehn, um genau zu sein, aber das Geschäft neben der Kirche verkaufte nichts. Die Beerdigung hatte ich damals versäumt, sie fand lange vor diesem Krieg statt, und auch wenn ich weiß, dass er damit nicht angefangen hat, denke ich wieder an Hellmuts Mutter und an den Vater von Karl […] an Madame Quandt, die einmal Friedländer hieß, und an den Jungen, der eines Morgens blass und schmal in unsere Klasse kam. Er starb sehr jung, fast noch ein Kind. Ich hätte ihn wohl gern einmal wiedergesehen.
Von der Stimmung und auch den Motiven her ähnelt Bossongs Reichskanzlerplatz der Novelle Katz und Maus von Günter Grass, nur dass es in diesem um eine unerfüllte Freundschaft zwischen dem Ich-Erzähler Pilenz und Mahlke geht, aber hier wie dort berichtet ein Ich-Erzähler sentimental über das, was hätte geschehen können, aber nie geschehen ist:
Kommt ein Zirkus in die Stadt, verdient er an mir. Ich kenne so ziemlich alle, sprach mit diesem und jenem Clown privat und hinterm Wohnwagen; aber die Herren sind oft humorlos und wollen von einem Kollegen Mahlke nichts gehört haben.
Muß ich noch sagen, daß ich im Oktober neunundfünfzig nach Regensburg, zum Treffen jener Übriggebliebenen fuhr, die es wie Du zum Ritterkreuz gebracht hatten? Man ließ mich nicht in den Saal. Drinnen spielte eine Kapelle der Bundeswehr oder machte Pause. Durch einen Leutnant, der das Absperrkommando befehligte, ließ ich Dich während solch einer Pause vom Musikpodium ausrufen: »Unteroffizier Mahlke wird am Eingang verlangt!« — Aber Du wolltest nicht auftauchen.
Günter Grass aus: „Katz und Maus“
Pilenz wie Hans fühlen eine Lücke, die eine Person in ihrem Leben hinterlassen und die sich nicht wieder geschlossen hat. Als eine Art Vergangenheitsbewältigung wirkt das bei Grass nach, da die Erzählung den Krieg, Mahlkes Flucht vor dem Militär, dessen plötzliches, notwendig gewordenes Verschwinden lebendig werden lässt. Bei Bossong verbleibt es strikt in der nicht erwiderten Liebe eines Jünglings zu einem anderen. Der Krieg und das Dritte Reich spielen dabei keine Rolle und tragen nur ein Hintergrundrauschen bei.
Stil/Sprache/Form:
Bossongs Sprache traut sich nur selten über einen kargen Erzählgestus hinaus. Hans repetiert sein Leben rasch, teilweise oberflächlich, mit nicht viel Tiefenspannung. Er vermeidet das, denn dort steckt nur die Trauer dieses unerfüllt gebliebenen Wunsches. Vieles wird nur angedeutet, angerissen, ja beinahe kryptisch verklausuliert:
Die Dunkelheit zog sich nie genug zurück, um nicht wenigstens uns noch in sich aufzunehmen, und in diesen Morgenstunden, mein Körper bis ins Innerste erschöpft, mein Unterleib satt und überreizt, verstand ich noch weniger als sonst, warum man für ein paar Sätze über die konsularischen Feinheiten einer längst vergangenen Konferenz einen akademischen Titel erhielt, während man das Eigentliche mit dem Dämmern des Tages verlor.
Absätze wie diese zeugen von einer unentschiedenen, unauthentischen Erzählstimme, die kompositorisch adäquat erscheint, zumal Hans ein Mitläufer, ein Hedonist und Opportunist bleibt und sich als solcher auch wohlfühlt, also das Nebulöse, Dämmerige, Verschwommene ersehnt, um sich darin zu baden und auszutoben. So beginnt auch die Affäre mit Magda, die ernst und doch nicht ernst, eben ein Spiel ist, wie alles für Hans, was nicht mit Hellmut zu tun hat:
Im Dämmerlicht, das von der Straße hereinfiel, sah ich, dass sie ihre Augen geschlossen hielt und ihre Lippen aufeinandergepresst. Sie solle mich anschauen, flüsterte ich. […] Ich flüsterte ihr zu, ich würde sie lieben. Es ging leicht, denn ich meinte es nicht allzu ernst. Ich dachte an Lulu und den Mann am Eingang, an Hellmut und seinen Arm an meinem. Ich dachte, vielleicht geht morgen die Welt unter. Man würde uns schon verzeihen, was wir taten.
Die Erzählweise von Hans bleibt definitorisch unbestimmt. Er vermeidet die klare Perspektive auf sein damaliges Selbst und das führt zu hakeligen, grammatikalisch-uneinsichtigen Tempus-Konstruktionen, die Verwirrung stiften und mit einer unklaren Erzählweise zusammengeraten, die mehr verschleiert als darlegt, mehr herumlaviert als auf den Punkt kommt:
Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht einmal, ob mir wirklich schon etwas an Hellmut lag.
Seither habe ich Paris immer gemieden. Aber ich träume oft davon. Magda und Hellmut gehen Hand in Hand einen Boulevard hinunter. Ich weiß nicht, in welchem Arrondissement er liegt und ob er überhaupt mehr ist als Kulisse, hinter der Baracken und Brachland zum Vorschein kämen.
Stellen wie diese sind narrativ nicht zu verstehen. Was ist interessant an einem Gefühl, dass es damals noch nicht gegeben hat? Gerade in der Retrospektive lässt sich so etwas nicht erzählen. Hier müsste es präsentisch-narrativ werden, eine Ich-Erzählung, die die Gegenwart erlebt und nicht über sie reflektiert („ich weiß nicht, was mich erwarten wird, aber ich öffne dennoch die Tür und …“). Noch verrückter erscheint ein Traum, der seinen Hintergrund als mögliche Kulisse analysiert. Es ist schlichtweg irrelevant für einen Traum, auf welchem Boulevard Magda und Hellmut spazieren. Relevant erscheint doch wohl nur, dass sie Hand in Hand gehen.
Bossong will Hans als unaufrichtig, wankelmütig inszenieren, schießt aber an einigen Stellen weit über ihr Ziel hinaus und überantwortet ihren Text teilweise der Unverständlichkeit.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Kompositorisch, von den Unverständlichkeiten und hastigen Absätzen abgesehen, bildet sich dennoch ein klares Bild von Hans‘ Liebe zu Hellmut und seiner Trauer. Das Liebesglück bleibt ihm verwehrt. Er findet es auch bei Magda nicht, die wiederum ihr Liebesglück auch nicht bei Joseph Goebbels findet, auch nicht als Übermutter der Nation. Magda und der Reichskanzlerplatz spielen aber keine Rolle. Die Zeit huscht in Hans‘ Gemüt wie Schatten über eine gespenstische Mauer. Sie bleibt flüchtig, unnahbar, unerkannt.
Ohne Hitler bricht alles zusammen, beharrte ich.
Oder es rückt Dönitz nach oder Goebbels oder weiß der Henker wer von diesen Verbrechern.
Das sind nur noch Gespenster.
[Otto] Braun sah mich prüfend an, und ich meinte, ein kurzes Flackern in seinem Blick zu sehen. Die Gespenster, Herr Kesselbach, sind wir. Meine Herren, ich habe zu arbeiten. Sie stehen im Weg.
Wie in Kehlmanns Lichtspiel die künstlerische Tragik zwischen Gefallsucht und Selbstanspruch eines Filmregisseurs Pabst nicht als Hintergrund die Generalstabspropaganda des Dritten Reiches als Bühne benötigt, so auch nicht die unerfüllte Liebe Hans‘ zu Hellmut die hineingewobene Affäre mit einer Magda Goebbels. Geschichte wirkt hier nur wie ein Kostüm, das beliebig über einen Plot gestopft wird, ohne mit den Ereignissen zu koppeln oder mit diesen eine Einheit einzugehen.
Überall war das Hakenkreuz. Rot flammte es von den Fassaden, blähte sich im Wind, flappte von den Dächern, auf jeder Mauer prangten seine schwarzen Zacken. Dreimal sah er Umzüge: Trommeln und braune Uniformen und scharfer Gleichschritt. Passanten blieben stehen und hoben die rechte Hand, und Pabst, weil er nicht auffallen wollte, tat zögernd das Gleiche – eine Sekunde nur, mit zuckender Schulter, danach fühlte er sich beschmutzt bis ins Innerste.
Daniel Kehlmann aus: „Lichtspiel“
Hinzukommt bei beiden Romanen, Lichtspiel wie Reichskanzlerplatz, eine unentschiedene Erzählweise, die präsentisches Spekulieren mit geschichtsvergessenem Fabulieren kombiniert und mglw. konstruktive Verwirrung zu stiften sucht, aber bei genauem Lesen nur Unverständnis zuwege bringen kann. Reichskanzlerplatz gelingt aber dort, wo in den privaten Augenblicken, in der Atmosphäre des Bedauerns ob einer zerstörten Jugend und Kindheit eine ignorante, ich-bezogene Nostalgie herrscht:
Mittlerweile ist das Haus zerstört, wie ich gehört habe, in einer der Bombennächte. Ich weiß nicht, was aus dem Wollkleid und der Dame geworden ist oder aus dem Mädchen in Rotkreuz-Uniform, das mich kurz darauf durch den Flur des Lazaretts führte, wie ich überhaupt wenig weiß, was aus all den Gesichtern wurde, die einmal so bedenkenlos an mir vorbeizogen.
Hans interessiert sich schlicht nicht, aber er merkt, dass ihm ein Leben entgleitet, dass ihm ein Leben entwischt, abhandengekommen ist. Er tauft es ‚Hellmut‘, sein Glück also, das nicht stattfand. All dies hat nichts mit Johanna Maria Magdalena Behrend, mit der Familie Quandt, mit Joseph Goebbels und den Verbrechen und Gräueln Nazi-Deutschlands zu tun. Die Geschichte, so wie sie gestaltet und erzählt worden ist, könnte genauso gut in Schweden oder in Hamburg der 1980er stattgefunden haben. Reichskanzlerplatz handelt von einer unerfüllten Liebe, von einem biographischen Augenblick, der sich in das Leben des Ich-Erzählers eingeschrieben hat, ein Moment, in welchem das Glück greifbar nahe vor ihm lag, sich ihm dann aber entzog:
Fast hatte ich sein Haar erreicht, spürte schon die Wärme seines Kopfes in meiner Handfläche, da drehte er sich um. Was ist?, stieß er hervor. Schnell zog ich die Hand zurück […] Bleib liegen, sagte Hellmut, ich gehe ins Gästezimmer. Er stopfte sich Decke und Kissen unter den Arm und flüsterte: Ich hätte nicht gedacht, dass du so bist.
Als er die Tür schloss, lag ich wieder in der Stille, und das Bett um mich war so leer, als wäre gerade jemand darin gestorben. Ich fühlte, wie falsch ich war, und nichts hätte ich mir mehr gewünscht als eine von Madame Quandts Tabletten.
Diesen das Leben prägende Moment hat Nora Bossong in Reichskanzlerplatz getreu als persönlichkeitsvernichtend gestaltet und erreicht dort den Wehmut, die Nostalgie, den Schmerz eines James Baldwins in Giovannis Zimmer. Der Rest des Romans lässt sich schwerlich nicht anders als eine historische Mogelpackung bezeichnen, in der gewichtige Persönlichkeiten wie Hans Bernd Gisevius und andere nur am Rande ohne alle Kontur auftauchen.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.
Nächste Woche am 24.09.2024 auf Kommunikatives Lesen:
von der Deutschen Buchpreis-Longlist Dana von Suffrin Nochmal von vorne.
Andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier.

„Historische Mogelpackung“ – das klingt nach einem relativ vernichtenden Urteil. Ich habe den Roman, der ja auch auf der Longlist des deutschen Buchpreises steht (mal sehen, was die Shortlist heute spricht…) hier bei mir liegen und bin schon gespannt auf die Lektüre. Herzliche Grüße! Barbara
Liebe Barbara, mir liegt wirklich nichts an „vernichtenden Urteilen“, ich versuche immer so ausgewogen und textnah wie möglich zu bleiben. Hier geht es aber nicht um den „Reichskanzlerplatz“, sondern um eine gescheiterte Jugendliebe eines Jungen zu einem anderen Jungen, der nichts von ihm wissen wollte. Das ganze Setting, alles drum herum spielt nicht inhaltlich hinein. Es liest sich aber flüssig, an einigen Stellen etwas abgekürzt, wenig durchlektoriert, dies an grammatischen Fehlanschlüssen, Schusseligkeiten und narrativen Einbahnstraßen klar einzusehen. Aber eine gewisse Atmosphäre transportiert es sicherlich – obgleich eben ein etwas „schaulustiger“ Beigeschmack bei mir übriggeblieben ist. Schade. Viele Grüße und ich bin gespannt, auf deinen Leseeindruck! 🙂
Ich weiß, dass Du nicht vernichtend urteilen möchtest. 🙂 Ich hatte nur den Eindruck, dass wenig Begeisterung in der Besprechung mitgeschwungen ist. Ich denke, gerade da das Werk so zwiespältig aufgenommen und rezensiert wird, wird meine Aufmerksamkeit bei der Lektüre zusätzlich geschärft sein, um mir dann selbst eine Meinung zu bilden. Falls jedoch, wie von Dir beschrieben, die „geschichtliche Dimension fehlt“, ist das Risiko auch bei mir hoch, dass die Erwartungen nicht erfüllt werden. Viele Grüße!
Es ist interessant, wie dieser Roman die Meinungen spaltet – es gibt sowohl bei Blogs als im Feuilleton großes Lob und ziemliche Verrisse … mich schreckt das Thema ab: Ich kann mich nicht dafür begeistern, dass man Nazigrößen wie Magda Goebbels, die ein ganz bestimmtes Frauenbild im Reich repräsentierte, in so einen fiktiven Zusammenhang stellt – wenn das so gemacht ist wie in Bossongs Roman scheint es die Gefahr zu erhöhen, dass die tatsächlichen Personen zu sehr verniedlicht werden, oder liege ich da falsch?
Ich teile deine Meinung vielleicht sogar noch mehr, da ich sowieso historische Romane, die fiktive Elemente enthalten, als narrativ und historiographisch äußerst problematisch empfinde. Kehlmann lässt viele Anekdoten vom Stapel und überlasst es seinem Publikum, welche Szenen es glauben möchte, über Gauß stimmt von fast nichts, geschweige denn über Alexander von Humboldt, den Pabst-Roman habe ich als rein fiktiv gelesen, und Bossongs Buch über die Quandts ist eine Art Jugendroman mit Kulisse, die nichts damit zu tun hat. Magda Goebbels taucht nicht auf. Es gibt keine geschichtliche Dimension in dem Buch. Insofern wird hier nichts „verniedlicht“ – es wird einfach vergraut, verschleiert und die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Aufarbeitung und narrativen Imaginationsvermögen verwischt. Es ist sehr schwer, diese Art Roman als Literatur zu lesen, zumindest für mich 🙂 Viele Grüße und Danke für den Kommentar!
Hmmm, ich vertraue deinen Verrissen. Die Empfehlung „mein drittes Leben“ die ich unlängst gelesen habe, hat mir dagegen sehr gut gefallen
Ich bleibe bewusst so nah am Text, wie mir möglich ist, aber damit disqualifizieren sich die Bücher keineswegs. Es gibt sicherlich Perspektiven, Fokusse, mit denen die Bücher ein gutes oder auch weitreichendes Lesegefühl und -erlebnis ermöglichen. Dieser Text aber scheint mir zu kurz, zu verhuscht und unfokussiert in Thematik geschrieben worden zu sein. Anders lässt sich die äußerst journalistische Schnellsprache und das fragmentarische Dahinerzählen kaum beschreiben. Zudem traue ich diesen Bücher kraft ihrer Recherchetiefe nicht über den Weg, wenn ich alles über die Personen in drei Minuten Wikipedia-Lektüre bestätigt finde (und nicht mehr als das). Daniela Krien bspw. empfinde ich als Traumabeschreibung durchaus gelungen, nur eben nicht kompositorisch überzeugend, da die Erzählperspektive mir unpassend schien. Aber ich lese gerne eine genauere Analyse oder Lesebeschreibung von dir und freue mich über neue Einsichten 🙂 Mir geht es im Grunde ja um das Gespräch! Viele Grüße!!
Merkwürdig, wie präsent dieser Roman in den Rezensionen ist, mehr als die anderen Kandidaten von der Longlist, so nehme ich es wahr. Wie du ihn beschreibst, ist er mangels Glaubwürdigkeit nicht einmal als Schlüsselloch für jene LeserInnen geeignet, die einen Blick ins prominente Privatleben für ihre Klatschsucht suchen. Sehr lesenswert hingegen deine Besprechung.
Danke liebe Ule! Es eignet sich tatsächlich gar nicht. Es geht nicht um Magda Goebbels. Es geht um einen fiktiven Hans-Guck-in-die-Luft 🙂 Ein wohlrecherchiertes Buch über diese historischen Figuren wäre interessant gewesen, aber nur mit einer selbst-reflektierenden Erzählinstanz, die sich durch Dokumente arbeitet und Glaubwürdigkeit durch Differenziertheit erzeugt. So geht es leider nicht, Popcornkino mit Nazikulisse, au Backe 🙂 Viele Grüße!! Und auch vielen Dank fürs Kommentieren!!