Mein Lesejahr 2024

Wie in den letzten drei Jahren (2021, 2022, 2023), so habe ich mich auch 2024 darum bemüht, jede Woche einen aktuellen Titel zu lesen und auch zu besprechen. Insgesamt habe ich 54 Neuerscheinungen gelesen, um auf diese Weise einen Überblick vom Stand der Gegenwartsliteratur zu geben, wie er sich beim Blick auf das Feuilleton und die Bestseller- und Kritikerlisten ergeben könnte.

Das strengere Kriterium, nur die Nummer Eins der wöchentlichen Spiegel-Belletristik-Bestseller-Liste zu lesen, hat sich als wenig ergiebig herausgestellt, da oftmals Genrebücher (Fantasy, Krimis, Liebes- und Vampirromane und ganze Reihen derselben) die Spitzenplätze bekleiden. Dennoch bin ich meinem Vorhaben insoweit treu geblieben, als dass ich sowohl von der Kritik viel beachtete (bspw. vom SWR) und von den Buchhändlern als viel verkaufte Titel gemeldete bespreche und nur sehr selten nach Perlen in Nebengefilden fische.

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Han Kang: „Die Vegetarierin“

Die Vegetarierin von Han Kang. Literatur-Nobelpreis 2024.

2024 erhielt die südkoreanische Autorin Han Kang den Nobelpreis für Literatur. Für Die Vegetarierin erhielt sie zudem noch den Man Booker International Prize 2016. Wie Elfriede Jelinek in Die Kinder der Toten, Terézia Mora in Das Ungeheuer, Olgar Tokarczuk in Empusion, verhandelt Kang das brenzlige Verhältnis zwischen der Frau und das sie umliegenden soziale Feld in all seiner Differenziertheit und Gewaltpotentialität. Anders aber als Tokarczuk oder Jelinek, eher ähnlich zu Murata, greift Han Kang auf eine äußerst verdichtete, reduzierte Form zurück. Ihre Sprache strebt Stille, ein Schweigen an, das zwischen den Zeilen unheimliche Dimensionalität entfaltet:

Fünf Minuten, länger kann ich nicht schlafen. Dann ist er wieder da, der Traum. Wenn man ihn denn so nennen kann. In meinem Kopf ist ein Kaleidoskop von wirren Szenen. Die glühenden Augen einer Bestie, Blut, ein offener Schädel, wieder die Augen eines Raubtieres. Der Ausgangspunkt für das alles scheint mein Bauch zu sein. Wenn ich zitternd aufwache, überprüfe ich schnell, ob meine Nägel noch kurz und meine Zähne keine Fangzähne sind.
Han Kang: „Die Vegetarierin“

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Deutscher Buchpreis 2024: Die Shortlist. Mein Fazit.

Deutscher Buchpreis 2024.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels lobt seit 2005 jedes Jahr zu Beginn der Frankfurter Buchmesse den ‚Roman des Jahres‘ aus, auch Deutscher Buchpreis genannt, um über die Ländergrenze hinaus Aufmerksamkeit für deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu schaffen. Dieses Jahr standen auf der Shortlist die folgenden sechs Bücher, die ich einzeln und für sich stehend in den letzten Wochen besprochen habe:

Bevor am 14.10.2024 um 18:00 Uhr die offizielle Bekanntgabe des Siegertitels des Deutschen Buchpreises erfolgt, nun meine Auswertung.

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Ronya Othmann: „Vierundsiebzig“

Vierundsiebzig von Ronya Othmann. Deutscher Buchpreis Shortlist.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (6): Texte über den Genozid besitzen eine lange und traurige Tradition in der Menschheitsgeschichte, insbesondere seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Angefangen mit den Massakern in Kongo und Armenien, über die Verfolgungen und Massentötung der jüdischen Bevölkerung Europas im Holocaust während des Zweiten Weltkrieges, hin zu den Massentötungen in Kambodscha, in den jugoslawischen Bürgerkriegen, später Ruanda und Darfur setzt der religiös-motivierte versuchte Genozid durch den Islamischen Staat (IS) im Nordirak an der êzîdischen Bevölkerung einen weiteren traurigen Tiefpunkt in der blutigen Geschichte der Neuzeit. Ronya Othmann, selbst êzîdischer Herkunft, schreibt in Vierundsiebzig über den sogenannten Ferman 74:

Die Parlamentarierin, die bei ihrer Rede zusammengebrochen ist, die Reporter, die angefangen haben zu weinen, die alte Frau, die verstummt ist, und der Sheikh, der eine Geschichte nach der anderen erzählte, der sagte, er könne vierundzwanzig Stunden weitererzählen, ohne zu einem Ende zu kommen, zeigen, dass es keine Sprache gibt für das, was im August 2014 geschah. Selbst das Aneinanderreihen der Fakten, das Zählen der Toten, selbst das Datum, 3. August 2014, oder 74. Ferman, wie wir Êzîden den Genozid nennen, bleiben ein Platzhalter für etwas, wofür wir keine Worte haben. Die Sprachlosigkeit liegt noch unter der Sprache, selbst wenn ein Text da ist. Die Sprachlosigkeit ist das Unbeschreibliche, und sie ist selbst Teil des Textes. Die Sprachlosigkeit strukturiert den geschriebenen Text, legt seine Grammatik fest, seine Form, seine Worte.
Ronya Othmann aus: „Vierundsiebzig“

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Markus Thielemann: „Von Norden rollt ein Donner“

Von Norden rollt ein Donner von Markus Thielemann. Deutscher Buchpreis Shortlist.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (5): Kritische historische Themen in Verbindung mit spannungsgeladenem Handlungsverlauf schließen sich nicht aus. Insbesondere die englischsprachige Literatur besitzt eine Vielzahl von Beispielen für diese Form wie der Roman Schnee, der auf Zedern fällt von David Guterson, in welchem die Repressionen japanisch-stämmiger US-Amerikaner zur Zeit des Zweiten Weltkrieges thematisiert werden; oder Nicholas Evans, bekannt durch Der Pferdeflüsterer, in seinem Roman Im Kreis des Wolfes, in welchem der Wolf sowohl schützenswertes Leben wie eine Gefahr für die Landbevölkerung Montanas in den Rocky Mountains darstellt. Beide Romane legen Wert auf Spannungsbögen, Verdichtung und Romanzen, aber reflektieren dennoch eingehend über moralisch-politische Dimensionen des angerissenen Stoffs. Markus Thielemann legt mit Von Norden rollt ein Donner ein ähnlich gearteten Roman vor. Er handelt von Viehbauern in der Lüneburger Heide, in der plötzlich wieder Wölfe aufgetaucht sind:

Einer spricht sich für den Abschuss aus, ein anderer beleidigt ihn als Ewiggestrigen, man könne doch nicht immer nur mit dem Gewehr denken. «Der Wolf gehört eben hier nicht her, Punkt», ruft einer, «sondern in die Vergangenheit oder in andere Länder. Einfach gesagt, passt er eben nicht in unsere deutsche Kulturlandschaft.» Viele stimmen dem Mann zu. Man habe Angst um Kinder und Hunde, Kaninchen und Hühner. Im Ganzen: um seine Lebensart.
Markus Thielemann aus: „Von Norden rollt ein Donner“

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Maren Kames: „Hasenprosa“

Hasenprosa von Maren Kames. Deutscher Buchpreis-Shortlist.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (3): Die Großeltern tauchen in vielen Romanen auf, aber selten stehen sie im Zentrum des Geschehens. Oft besetzen sie wichtige Nebenfiguren wie bspw. die versöhnende Großmutter Bethsy Buddenbrook im gleichnamigen Roman von Thomas Mann. Ausnahme bilden hier Romane wie Anne Rabes Die Möglichkeit von Glück, in der sich die Protagonistin am Verhalten ihres Großvater Pauls abarbeitet, oder Kim de l’Horizons Blutbuch, in welchem ein sehr distanziertes Verhältnis zur Großmutter (auch zur Mutter) wie zur gesamten Familiengeschichte zur Sprache kommt. Maren Kames nähert sich in ihrem sprachexperimentellen Roman Hasenprosa ihren Großeltern mit größerer Behutsamkeit:

Liebe Oma, ich rauche und trinke und schlafe, wann ich will. Vielleicht, stelle ich mir vor, wärst du neidisch auf mich, ich bin relativ frei, ich glaube, dir würde das auch gefallen. Ich bin immer noch schwierig. Aber ich wachse, immer ein Stückchen, wahrscheinlich weiter in mich rein. Es geht mir gut. Ich wüsste gerne, dass du weißt, ich schreibe. Noch in dem Jahr, als du gestorben bist, habe ich das erste Buch fertig geschrieben. Es ist längst nicht mehr alles so unklar wie damals. Die Aussicht darauf hätte ich dir lieber noch mitgegeben.
Maren Kames aus: „Hasenprosa“

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Clemens Meyer: „Die Projektoren“

Die Projektoren von Clemens Meyer. Shortlist Deutscher Buchpreis 2024.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (2): Der neue Roman von dem Leipziger Buchpreisträger Clemens Meyer aus dem Jahr 2008 nimmt Motive und Schreibweisen von Ivo Andrić‘ Die Brücke über die Drina auf, indem er dessen Handlung auf das 20. Jahrhundert und die jugoslawischen Bürgerkriege Anfang der 1990er Jahre ausweitet, und verknüpft diesen Handlungsstrang mit Peter Weiss‘ Die Ästhetik des Widerstandes – nur aus entgegengesetzter Richtung. Meyer zeichnet nämlich den Werdegang und Evolution des völkisch-nationalen Denkens und Handelns nach. Der Stoff des letztlich an David Foster Wallace Unendlicher Spaß angelehnten Romans entstammt dem Themenbereich Brutalität, der mit der Plotstrategie Krieg und Welt in Trümmern dynamisiert wird. Zentrale Gestalt von Die Projektoren ist Jovan, der Cowboy:

Es war einmal ein Mann, der lebte im Velebitgebirge. […] Eine Zeitlang nannten die Einheimischen ihn den Cowboy, weil er ein großes Halstuch trug, die verknoteten Enden, die Zipfel, lagen auf seinem Rücken, und vorne bedeckte ein Dreieck aus Stoff seinen Hals. Die Bergbauern und Hirten im Velebit kannten die Cowboys und die Halstücher der Cowboys aus den Filmen der Wanderkinos, die vor dem großen Krieg und nach dem großen Krieg hin und wieder in ihre Dörfer kamen, und einige wenige Groschenromane kursierten, wurden weitergereicht, zerlesen und zerfleddert, Wilder Westen, die halstuchbehangenen Cowboys auf den abgegriffenen Titelseiten.
Clemens Meyer aus: „Die Projektoren“

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Doris Wirth: „Findet mich“

Findet mich von Doris Wirth. Deutscher-Buchpreis 2024-Longlist.

Sobald sich die Frage nach Sinn stellt, gibt es im wesentlichen drei Wege, mit ihr umzugehen: Sie weltanschaulich-konstruktiv zu verschleiern; sie zu ignorieren oder sie begriffspulverisierend bis zur Dissoziation zuzulassen. Doris Wirth in Findet mich entschließt sich wie eine Elfriede Jelinek in Lust oder eine Marlene Streeruwitz in Partygirl für letzteres. Im Stoffkreis Familie/Generationen, mit einer Plotdynamik in Sachen Prekäre Kindheitserfahrungen und Aussteiger sucht die Ich-Erzählerin Florence in Findet mich nicht mehr den Sinn in den Ereignissen in ihrer Familie, im Verhalten ihres Vaters Erwin, ihrer Mutter Maria und dem ihres Bruders Lukas, nein, sie setzt auf rhapsodisches, rhythmisches Abhandeln des im Kern Unverständlichen:

Erwin stellt sich [auf ihrer Vernissage] mit einem Glas Weißwein neben Florence, legt den Arm um sie und schaut sie aufgekratzt an. »Das ist genial hier!«, sagt er mit lauter Stimme. Dann hält er ihr einen Vortrag über seine Ideen, ausgelöst durch die Bilder, Florence lächelt schmal.
Als sie daheim ist, klappt sie ihren Laptop auf und tippt ein paar Wörter in die Suchmaske. Dann schickt sie Maria eine Mail mit zwei Links.
»Ich mache mir Sorgen um Papa«, schreibt sie dazu.
Doris Wirth aus: „Findet mich“

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