
Wolfgang Koeppen mit seinem Roman Tauben im Gras (1951) gehört zu den wenigen in der deutschsprachigen Literatur, die in der Nachkriegszeit avantgardistische Ausdrucksmittel verwendet, aufgenommen und weiterentwickelt haben. Heinrich Böll, Günther Grass oder Anna Seghers schrieben klassisch. Alfred Döblin fand zuerst keinen Verleger für seinen Roman Hamlet oder Die lange Nacht nimmt kein Ende, der im Vergleich zu Berlin-Alexanderplatz aber auch eher traditionell erzählt. Wolfgang Borchert und Alfred Andersch bemühten sich um intensive, weniger um sprachexperimentelle Ausdrucksweisen. Zusammen mit Arno Schmidt (Brand’s Haide, 1951) und Hermann Broch (Tod des Vergil, 1945) stellt in diesem Sinne Koeppen eine Ausnahme dar:
Flieger waren über der Stadt, unheilkündende Vögel. Der Lärm der Motoren war Donner, war Hagel, war Sturm. Sturm, Hagel und Donner, täglich und nächtlich, Anflug und Abflug, Übungen des Todes, ein hohles Getöse, ein Beben, ein Erinnern in den Ruinen. Noch waren die Bombenschächte der Flugzeuge leer. Die Auguren lächelten. Niemand blickte zum Himmel auf.
Wolfgang Koeppen aus: „Tauben im Gras“
Inhalt/Plot:
Mit diesem Absatz beginnt Koeppen seinen Roman, der weder zeitlich noch örtlich genau lokalisiert, aber irgendwo in Süddeutschland nach 1949 spielt. Vieles spricht jedoch für das Jahr 1951 in München (das Amerikahaus, das Hofbräuhaus, und die Nachricht vom Tode des Schriftstellers André Gide). Es passiert viel in diesem Episodenroman. Es treten viele Figuren auf, verschwinden wieder, stehen mal im Zentrum, mal im Abseits des Geschehens. Die 105 episodenhaften Szenen werden hauptsächlich durch zwei Handlungsverläufe zusammengehalten: die Ehekrise zwischen dem Schriftsteller Philipp und der verarmten Erbin des Kommerzienrats-Vermögens Emilia, sowie die Beziehung zwischen der Prostituierten Carla und dem farbigen US-amerikanischen Soldaten Washington Price:
Washington gehörte zu Carlas Familie. Für eine Weile starrte Washington stumpfsinnig auf die Bilder. Wo mochte Carla sein? Was sollte er hier? Er sah sich mit seinen Blumen und den Paketen im Spiegel. Es war komisch, wie er in diesem Zimmer stand vor den Familienbildern, dem Toilettenkram und dem Spiegel. Für einen Augenblick hatte Washington das Gefühl, sein Leben sei sinnlos. Ihm schwindelte vor seinem Spiegelbild. Aus einem Zimmer der Mädchen klang Radiomusik. […] Washington hätte weinen mögen. Während er die Melodie hörte, ein Heimatlied aus einem Hurenzimmer in der Fremde (und wo war nicht Fremde?), empfand er die ganze Häßlichkeit des Daseins. Die Erde war kein Himmel.
Um die Beziehung zwischen Philipp und Emilia und Carla und Washington ballen sich viele andere Figuren: Die Kupplerin, Partyfrau Messalina und ihr hedonistischer Ehemann, der Schauspieler des Erzherzogs, Alexander, deren Tochter Hillegonda und das gläubige, pessimistische Kindermädchen Emmi; der US-amerikanische Schriftsteller Edwin, der sich für eine Lesung vorbereitet; Herr und Frau Behrend, die Eltern von Carla, mittlerweile geschieden; Odysseus und Josef, die durch die Straßen tingeln, vergnügungssüchtig, trinkend, zechend; die Prostituierte Susanne, die sich Odysseus und Josef anschließt; Christopher und sein Sohn Ezra, der Heinz, dem Sohn von Carla, einen Hund abkaufen möchte:
»Was wollen Sie für den Hund haben?« sagte er. Heinz antwortete: »Zehn Dollar.« Das konnte man machen. Für zehn Dollar konnte man es machen. Wenn der blöde Junge zehn Dollar zahlte, war er reingefallen. Der Hund war keine zehn Mark wert. Ezra sagte: »Gut.« Er wußte noch nicht, wie er’s machen würde. Aber er würde es machen. Es würde schon gehen. Er mußte Christopher was vorlügen. Christopher würde es nicht verstehen, daß es nur ein Traumgeschehen und nicht wirklich war. Er sagte: »Ich muß mir die zehn Dollar erst besorgen.« Heinz dachte ›Scheißkerl, möchtest du wohl‹. Er sagte: »Erst wenn Sie mir das Geld geben, bekommen Sie den Hund.« Der Hund zerrte unbeteiligt an dem Handel am Bindfaden.
Es treten noch mehr auf: Strichjungen, die den Schriftsteller Edwin ausrauben; Lehrerinnen aus Massachusetts, die Europa besuchen, darunter Kay, die Edwin kennenlernen will, mit Emilia Zeit verbringt und mit Philipp anbandelt. Der US-amerikanische Tourist Richard Kirsch, ein Verwandter von Frau Behrend; Doktor Behude, der Therapeut von Philipp und Emilia und von Schnakenbach, einem schlafkranken Chemiker. Tauben im Gras von Wolfgang Koeppen packt alles dicht ineinander. Der rote Faden bleibt aber Carlas Beziehung zu Washington, ihre Schwangerschaft, der Versuch, das Kind abtreiben zu lassen; Washingtons Utopien, Hoffnung und Träume, ein eigenes Café in Paris zu eröffnen, das niemanden ausschließt; und die Ehekrise zwischen Philipp und Emilia, ihre Versuche, Geld zu verdienen, Philipps Zögerlichkeit und Zaghaftigkeit und Unfähigkeit und Emilias Gänge zu diversen Antiquitätshändlern, um Besteck, Teppiche, Erbstücke in Geld zu verwandeln (hier eine Reverenz an Jean Pauls Siebenkäs):
Emilia läuft durch die Stadt, Lene-Levi-lief-besoffen-nächtlich: wo gehört? in der prähistorischen Zeit am Kurfürstendamm, später marschierte SA, Katzen sollen die Welt anders sehen als wir: nur braun oder gelb, Emilia sieht eine Althändlerstadt eine schmutzfarbene Stadt mit schmutzigen Händlern, sie ist auf der Geldjagd, ihr Dämon hockt ihr im Nacken, sie schleppt ihr Lord-Reise-Plaid zu den Tandlern steigt in ihre Keller steigt hinunter zu Schlangen Fröschen und Lurchen, Hercules schlug die Hydra, Emilias Hydra hat mehr als neun Köpfe, sie hat dreihundertfünfundsechzig Köpfe im Jahr, dreihundertfünfundsechzig Mal gegen das Ungeheuer Geldlosigkeit, sie verkauft was in unserer Wohnung steht […]
Vermittelnd und zusammenknüpfend steht noch die Wanderschaft Odysseus‘, der mit seinem Kofferradio durch die Stadt wandert, in Begleitung von Josef, einem älteren Dienstmann, der sich durch das Tragen von Koffern Geld verdient. Sie werden in eine Schlägerei verwickelt, die zu einer tödlichen Verletzung Josefs führt, woraufhin sich diese in einer Straßenschlacht entlädt. Einheimische, Passanten und Brauhausgäste, greifen den Jazzclub an, wo US-amerikanische Soldaten Musik hören und tanzen. Der Protest richtet sich vor allem gegen die farbigen US-Amerikaner:
Pfiffe gellten, »der Mörder und seine Hure« wurde gerufen, und wieder flogen die Steine. Die Steine flogen gegen die horizontblaue Limousine. Sie trafen Carla und Washington, sie trafen Richard Kirsch, der hier Amerika verteidigte, das freie, brüderliche Amerika, indem er den Gefährdeten beistand, die ruchlos geworfenen Steine trafen Amerika und Europa, sie schändeten den oft berufenen europäischen Geist, sie verletzten die Menschheit, sie trafen den Traum von Paris, den Traum von Washington‘s Inn, den Traum NIEMAND IST UNERWÜNSCHT, aber sie konnten den Traum nicht töten, der stärker als jeder Steinwurf ist, und sie trafen einen kleinen Jungen, der mit dem Schrei »Mutter« zum horizontblauen Wagen gelaufen war.
Inhalt von Tauben im Gras lässt sich als die Beschreibung eines Gewitters verstehen, das langsam heraufzieht, die Luft wird schwül, die Stimmung gedrückt, die Atmosphäre dicht und dichter, bis sich in einem Blitz, der Tod Josefs, das Gewitter entlädt und die Gewalt, das Donnern über die Stadt hereinbricht und die Einheimischen in den Schwarzen einen neuen Sündenbock sehen, die sie für ihr eigenes Elend büßen lassen wollen. Am Ende spielt es keine Rolle, wer den tödlichen Stein auf Josef geworfen hat, wer Schuld an dessen Tod, am Elend der Stadt, an der Angst, der Armut trägt. Die Gewalt erscheint als Befreiungsschlag, der in den Abgrund führt:
Der Tod treibt Manöverspiele, BEDROHUNG, VERSCHÄRFUNG, KONFLIKT, SPANNUNG. Komm-du -nun-sanfter-Schlummer. Doch niemand entflieht seiner Welt. Der Traum ist schwer und unruhig. Deutschland lebt im Spannungsfeld, östliche Welt, westliche Welt, zerbrochene Welt, zwei Welthälften, einander Feind und fremd, Deutschland lebt an der Nahtstelle, an der Bruchstelle, die Zeit ist kostbar, sie ist eine Spanne nur, eine karge Spanne, vertan, eine Sekunde zum Atem holen, Atempause auf einem verdammten Schlachtfeld.
Stil/Sprache/Form:
Koeppens Tauben im Gras knüpft klar an William Faulkners (Schall und Wahn, Als ich im Sterben lag) und John Dos Passos‘ (Manhattan Transfer, U.S.A.) Schreibtechnik an, genauso wie an Virginia Woolfs Die Wellen, James Joyces Ulysses und Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz. Die Montagetechnik, das Ineinanderfließen von inneren Monologen, Bewusstseinsströmen, von gehörten Nachrichten-Slogans, Werbungen, die pointillisierten Szenen, die Andeutungen, Überschneidungen und Unklarheiten arbeiten mit der Unübersichtlichkeit des Großstadtgefüges (Dos Passos und New York, Joyce und Dublin, Döblin und Berlin) und führen ein fragmentiertes, gehetztes, bodenloses Leben vor Augen, das im Hier und Jetzt einer offenen Zukunft entgegentreibt:
Wie Tauben im Gras, sagte Edwin, die Stein zitierend, und so war doch etwas von ihr Geschriebenes bei ihm haften geblieben, doch dachte er weniger an Tauben im Gras als an Tauben auf dem Markusplatz in Venedig, wie Tauben im Gras betrachteten gewisse Zivilisationsgeister die Menschen , indem sie sich bemühten, das Sinnlose und scheinbar Zufällige der menschlichen Existenz bloßzustellen, den Menschen frei von Gott zu schildern, um ihn dann frei im Nichts flattern zu lassen, sinnlos, wertlos, frei und von Schlingen bedroht, dem Metzger preisgegeben, aber stolz auf die eingebildete, zu nichts als Elend führende Freiheit von Gott und göttlicher Herkunft.
Vor allem montiert Koeppen auf eine Weise Satzstrukturen ineinander, dass die Zeit beim Lesen zu rasen beginnt. Der Stil schreitet atemlos voran. Er verweilt nicht. Nur in wenigen Szenen erlaubt sich der auktoriale, zwischen den Episoden und Figuren hin und her wechselnde Erzähler durchzuatmen und auf die Umgebung in Bezug auf die Figur selbst einzugehen, bspw. als Edwin in seinem Hotelzimmer beschrieben wird. Ansonsten wird entweder die Umgebung überdeutlich abgebildet unter Vernachlässigung der jeweils agierenden, wahrnehmenden Figur und ihrer Gefühle, oder die Gefühle der Figur dominieren und lassen alles andere in den Hintergrund treten. Dann und wann treten Umgebung und Figurenwelt völlig zurück, und der Erzähler spricht aus der Vogelperspektive über die Welt, die er beschreibt:
Der Autobus mit der Reisegesellschaft der Lehrerinnen aus Massachusetts passierte die Kreuzung. Sie reisten, ohne es zu ahnen, getarnt. Keinem Deutschen, der die Frauen hinter den Scheiben des Autobusses sah, fiel es ein, sie für Lehrerinnen zu halten. Es waren ja Damen, die da auf rotem Leder saßen, wohlgekleidete, schöngeschminkte, jugendlich gehaltene und wirklich junge, jedenfalls, so dachte man, reiche, gepflegte, nichtstuende, sich mit Stadtbesichtigungen die Zeit vertreibende Damen.
In diesem rastlosen Wechsel der Erzählperspektiven erzeugt Koeppen die sich verdichtende, haltlose, diese sich ballende Atmosphäre, die sich Luft verschaffen will. Sie gelingt formal, nicht inhaltlich, indem der Roman unruhig durch die Stadt springt, Gedanken, Irrtümer der einzelnen Figuren wahrnimmt, aufzeichnet, Fehleinschätzungen, Verdruss einfließen lässt und der alles überwuchernden Unordnung keinen Einhalt zu bieten vermag. Der Stoff scheint sich im Roman selbst aufzulösen:
[…] es ging um Mark und Dollar, um Mannesmark und Flitscherldollar, es ging um das, was sie Leben nannten, es ging um die Füllung des Bauches, es ging um den Rausch, um die Lust, um das Taggeld ging es, denn was sie den Tag ertragen ließ, kostete Geld, das Fressen, das Saufen, das Lieben, alles kostete Geld, Mark oder Dollar, hier wurden sie aufs Spiel gesetzt: was waren die Griechen, was war König Odysseus ohne Geld? Er hatte Wildtöteraugen. Die Glockenkapelle spielte ich-schieß-den-Hirsch-im-wilden-Forst. Alle in der Glocke jagten den weißen Hirsch ihrer Wünsche und Illusionen. Das Bier hatte sie auf imaginäre Pferde gesetzt; sie waren stolze Jäger zu Pferde.
Tauben im Gras öffnet sich dem Tagesgespräch, den Sinnfetzen, den Fragmenten einer öffentlichen Wahrnehmung, den schwankenden Wechselkursen, Nachrichten und Angstmachern. Der entriegelte Stil lässt alles zu. Alles kann bemerkt, angesprochen, bezeichnet werden. Die Sprache öffnet die Schleusen, um den Zeitgeist so ungeschminkt wie möglich einzufangen.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Die Gegenwartsliteratur nimmt auf viele Handlungsstränge von Koeppens Tauben im Gras Bezug. Beispielsweise Susanne Abels Stay away from Gretchen, das die Beziehung zwischen der weißen Carla und dem farbigen Washington in die von Greta und Robert transponiert und selbige Vorurteile und Hindernisse thematisiert. Oder Robert Seethalers Das Café ohne Namen, das in der episodenhaften Anlage auch die Nachkriegszeit, nur nicht in München, sondern in Wien, und ein paar Jahre später beschreibt, aber von der Stimmung ähnliche Hoffnungs- und Ausweglosigkeit andeutet, nur diese nicht in Gewalt eskalieren lässt. Die Figur Philipps gleicht aber vor allem der von David in James Baldwins 1956 erschienen Giovannis Zimmer, der in Paris ähnliche Zustände wie jener erlebt:
Ich starrte hinaus auf die schmale, wunderlich verkrümmte Straße, die jetzt von Sonnenlicht überflutet war und von Menschen wimmelte – Menschen, die ich nie begreifen würde. Jäh überkam mich das schmerzliche Verlangen, nach Hause zu gehen; nicht in jenes Hotel in der Pariser Seitenstraße, wo mir die Concierge den Weg mit einer unbezahlten Rechnung versperrte, sondern heimwärts über den Ozean, zu Dingen und Menschen, die ich kannte und verstand, zu all den Dingen, Orten und Menschen, die ich trotz vieler bitterer Erinnerungen hilflos liebte und immer lieben würde. Nie zuvor hatte ich etwas Ähnliches empfunden, und es erschreckte mich. Ich sah mich selbst klar und deutlich: ein Wanderer, ein Abenteurer, der haltlos durch die Welt schaukelt.
James Baldwin aus: „Giovannis Zimmer“
Als Philipp in Tauben im Gras die junge, ein Abenteuer suchende US-Amerikanerin Kay mit auf sein Hotelzimmer nimmt, ereignet sich ein selbiger Zweifel, ein Zweifel in Philipp, der sich und die Welt in der Krise sieht und sich in Hoffnungslosigkeit und Unentschiedenheit manifestiert. Philipp ist ahnungslos. Er gefährdet seine Ehe mit Emilia, kann doch nicht Kay widerstehen, weiß um seine Schuld, seine Verantwortung, vermag sich jedoch nicht durchzuringen, seinen Träumen zu entsagen und mit Emilia ein Leben aufzubauen. Statt dessen bricht Philipp wie David in Giovannis Zimmer sein Versprechen:
Kay ist reizend, aber ich bin gar nicht versessen darauf, ich will gar nicht sie, ich will das andere Land, ich will die Weite, ich will die Ferne, einen anderen Horizont, ich will die Jugend, das junge Land, ich will das Unbeschwerte, ich will die Zukunft und das Vergängliche, den Wind will ich, und da ich nichts anderes will wäre das andere ein Verbrechen?‹ Nach ein paar Schritten dachte Philipp ›ich will das Verbrechen‹.
James Baldwin aus: „Giovannis Zimmer“
Die ganze Stadt will das Verbrechen, die Gewalt, den Exzess, denn in diesem löst sich alle Spannung, alle Vergangenheit auf. Die Gewalt löscht die Kommunikation, das Gedächtnis nicht aus, aber sie verändert sie total. Sie zieht einen Schlussstrich. Nach ihr ist nichts mehr, wie es war. Tauben im Gras von Wolfgang Koeppen zeichnet diese bedrohliche Situation nach. Das Weiß gegen Schwarz, das Bekannte gegen das Fremde, das Schuldige gegen das Unschuldige, oder in der trunksüchtigen Figur Emilias, das Nüchterne gegen das Betrunkene, Emilia als Dr. Jekyll gegen Mr. Hyde zugleich. Tauben im Gras spürt sprachlich dem Verhängnis nach, dass auf zu viel Unordnung und Chaos ein gefährliches Verlangen nach Ordnung und Führung entsteht, das sich in Gewalt entlädt, um klare Verhältnisse zu schaffen, denn scheinbar, so Wolfgang Koeppen, sind Menschen eben keine Tauben im Gras:
War der Gedanke, daß der Mensch sich gefährdet und als Objekt des Zufalls empfand, so allgemein, daß ihn der verehrte Dichter und die viel weniger verehrte Lehramtskollegin fast gleichzeitig äußern konnten? Miss Wescott verwirrte das. Sie war keine Taube oder sonst ein Vogel. Sie war ein Mensch, eine Lehrerin, sie hatte ein Amt, auf das sie sich vorbereitet hatte und immer wieder vorbereitete, sie hatte Pflichten, und sie suchte sie zu erfüllen.
Wolfgang Koeppen spielt in Tauben im Gras Ordnung gegen Unordnung aus, lässt Dichtung in Prosa und Prosa in Dichtung übergehen, um der eigenen Zeit den Spiegel vorzuhalten. Statt Schwarz gegen Weiß plädiert er für ein Taubengrau, das zwischen den Zeilen gurrt und schimmert und Übergänge und Improvisationen zwischen den Extremen erlaubt, auf dass diese ihre gegeneinander gerichtete Schärfe verlieren.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.
Außerplanmäßig werde ich ab und zu Besprechungen zu Klassikern posten. In diesem Zuge soll nach und nach mein Ein Kanon an Leben und Inhalt gewinnen.
Andere aktuelle und Klassiker-Kurzrezensionen findet sich vorab bereits hier.


Tolle professionelle Besprechung eines tollen Romans, immer noch.
Liebe Grüße vom Lu
Danke, lieber Lu, mich hat das Buch auch begeistert. Sind die beiden nächsten Teile der Trilogie auch so gut? Gruß Alexander