Kalenderwoche 38-41. Lesebericht.

Kalenderwoche 38-41. Lesebericht.

Die letzten Wochen standen ganz im Zeichen der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Statt einer wöchentlichen Wahl aus der Spiegel Belletristik Bestseller-Liste überließ ich die Wahl der Akademie des Deutschen Buchpreises und ihrer jährlich wechselnden Jury. Sie legten mir nebst Fatma Aydemirs Dschinns und Kristine Bilkaus Nebenan, noch vier weitere Bücher ans Herz, die ich bereitwillig kaufte und widerspruchslos las. Mein Blog besteht ja überhaupt hauptsächlich aus Büchern, die ich ohne äußeren Anstoß sonst nicht lesen würde, und gerade dies führt aber zu ungeahnten Einblicken und Leseerfahrungen, die ich seitdem nicht mehr missen möchte. In meinen Lektüren versuche ich stets das Beste aus den Büchern, die sich mir aufdrängen, herauszuholen. Nicht immer jedoch gelingt’s und das gibt mir weitere ästhetische wie verwickelte dialektische Rätsel auf:

Weil ästhetische Vulgarität undialektisch die Invariante sozialer Erniedrigung nachmacht, hat sie keine Geschichte; die Graffiti feiern ihre ewige Wiederkehr. Kein Stoff dürfte je als vulgär von der Kunst tabuiert werden; Vulgarität ist ein Verhältnis zu den Stoffen und denen, an welche appelliert wird.

Theodor W. Adorno aus: „Ästhetische Theorie“

Das Ringen mit dem Komplexen entlädt sich im Vulgären und Ausweichenden. So stark wie selten überkam mich beim diesjährigen Buchpreis-Lesen das ägyptische Gefühl, dass dem Eigentlichen ausgewichen wurde, das Angstvolle unausgesprochen, die wirklichen Schmerzen ungeschrieben blieben. Im Folgenden nun ein kleiner Abriss über die letzten Wochen, die doch sehr schnell zwischen Arbeit und Buchpreislesen und Herbstanfang vergingen.

Gekauft:

Annie Ernaux: Das Ereignis und Die Jahre – schon lange hatte ich vor, etwas von Ernaux zu lesen. Der diesjährige Nobelpreis für Literatur gibt mir einen guten Anlass, und, kaum gedacht, schon sind alle Bücher ausverkauft. Nur aus Glück erstand ich Das Ereignis und das Leseglück setzte sich auch sofort fort:

Ich spüre, wie die Erzählung mich mitreißt und gegen meinen Willen einen Sinn erzeugt, den eines unaufhaltsam seinen Lauf nehmenden Unglücks. Ich zwinge mich, dem Drang zu widerstehen, durch die Tage und Wochen zu hasten, und versuche mit allen Mitteln – indem ich Details nachspüre, das Imperfekt verwende, die Geschehnisse analysiere – die endlose Langsamkeit einer Zeit wiederzugeben, die sich verdichtete, ohne voranzuschreiten, wie im Traum.

Annie Ernaux aus: „Das Ereignis“

Ernaux schreibt unumwunden, direkt und schnörkellos. Der Stil erstaunt. Die verwendeten Worte sind oft schlicht, aber in ihrer Komposition entfalten sie ein eigensinniges Summen, eine Art langsames Fließen, eine Leichtigkeit, wie es beispielsweise der Wind am Meer, an der Küste hat. Überhaupt scheint mir alles küstennah, schroff und wild aus kantig-selbstbewussten Stein geschlagen und dennoch diaphan verletzlich zu bleiben. Vieles erinnert mich an Clarice Lispector im besten und weitest verstandenen Sinne.

Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter – (meine Lesebesprechung: kurz/lang). Ein Buch, dass sich selbst aus dem Weg geht. Zwei Erzählerinnen, die nicht zueinander finden, das gegenwärtige und vergangene Ich in unversöhnter Zwietracht.

Beute ich meine Mutter aus, indem ich ein Buch über sie schreibe? … Ja. Vielleicht. So wie meine Mutter meine Kindesliebe ausgebeutet hat? Meine Empathie? Nein. Ja. Vielleicht.

Daniela Dröscher aus: „Lügen über meine Mutter“

Unentschieden bis zum Schluss, zwischen allen Stühlen sitzend, kompartimentiert das Ich seine Vergangenheit und lässt diese zu einem Objekt der Wertschätzung werden. Dieselbe Thematik samt Bezug auf Ausbeutung findet sich auch in Kim l’Horizons Blutbuch.

Kim de l‘Horizon: Blutbuch – (meine Lesebesprechung: kurz/lang). Das Buch, das den Preis der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zugesprochen bekommen hat. Auch in diesem geht es um ein zwiespältiges Verhältnis zur Mutter und Großmutter:

Ich wusste immer, dass du [Großmeer] und Meer Monster seid, auf der Suche nach einem Ort, wo ihr eure Samen, eure Sämlinge hineinlegen könnt. Ich wusste immer, dass ich eine Tasche bin, ein Aufbewahrungsort, das ist meine Aufgabe hier.

Kim de l’Horizon aus: „Blutbuch“

Im Gegensatz zu Dröschers Lügen über meine Mutter wird in Blutbuch nicht klar, worin die Monstrosität von der Mutter (Meer) und der Großmutter liegt. Es wird vielmehr klar, dass das Schreiben wie bei Annie Ernaux, die auch direkt zitiert wird, als Klassenreise dient, als das Vehikel der Wahl, um aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, in denen alle arbeiten müssen, endlich entkommen zu können. Auch Jan Faktor treibt dieses Thema, das des Lebenskünstlertums, um.

Jan Faktor: Trottel – (meine Lesebesprechung: kurz/lang). Hier geht es um die Reise von Prag in die die Hauptstadt der DDR, Ost-Berlin. Auch Jan Faktors Erzähl-Ich schreibt, um seine Vergangenheit aufzuarbeiten, vor allem den Selbstmord seines Sohnes. Dieser jedoch gerät mehr zur Anekdote und Episode. Am Ende gewinnt die Lust aufs und rundums Bohème-Leben und die Wonne darüber, daran teilhaben zu können:

Deshalb muss man in Ostberlin auch nicht unbedingt arbeiten – und arbeiten gehen schon gar nicht. Im Grunde kommt es nur auf das richtige Sinnen&Denken in den passenden Kreisen an. Folglich kommen nach und nach auch die besten Nebelkrähen aus der Provinz zu uns in die reiche Armsstadt.

Jan Faktor aus: „Trottel“

Jan Faktors Trottel erzählt, wie er deshalb zum Schreiben gekommen ist, in etwa wie die Jungfrau zum Kinde, und so liest es sich auch. Dass er sich dabei aber ganz wohlgefühlt hat, ein bisschen wie Bolle, kommt gut durch. Gut gefühlt haben sich auch die Möchtegern-Bohémiens Protagonisten in Spitzweg.

Eckhart Nickel: Spitzweg – (meine Lesebesprechung: kurz/lang). Die Kunst steht bei Eckhart Nickel nicht als Brotgeberin zur Diskussion, mehr als Sinnstiftungsinstanz. Die Protagonisten sind noch zu jung, um sich um Geld Sorgen zu machen, und so liest sich der Roman verträumt als eine Art Kunstutopie, eine sorglose Existenz, die Abenteuer und Aufregung möchte statt Alltag und Banalität.

Ich lag da, döste vor mich hin und konstruierte aus den unzähligen kleinen schwarzen Löchern über mir imaginäre Bilder, die sich dank einer von mir erdachten Abfolge von Linien zu materialisieren begannen. Die Lage der Linien bestimmte sich durch das Verbinden aufeinanderfolgender Zahlen, die ich einzelnen Löchern zugeordnet hatte. Manchmal beließ ich es auch bei den Punkten, sodass die Linien mehr oder weniger unsichtbar blieben und vor meinen Augen nie gekannte Sternenbilder von sagenhafter Schönheit entstanden. Ich gab ihnen lateinische Fantasienamen wie Caissavenia, Sorscornu oder Verbablanda.

Eckhart Nickel: „Spitzweg“

Mit Phantasie gegen einschläfernde Eintönigkeit und einen unfairen Schulalltag. In der völligen Abwesenheit jeder Tristesse ist Spitzweg wahrlich ein Außenseiter in der diesjährigen Shortlist gewesen.

Weitergelesen:

Leona Stahlmann: Diese ganzen belanglosen Wunder – jede Seite liest sich wie ein Abenteuer. Fast jeder Satz beinhaltet eine unvorhersehbare Wendung. Die inhaltlichen Fäden ziehen sich langsam zusammen. Stahlmann betreibt ein Schreiben, dass im Detail einem Aufhebungsversuch des Schrecken gleichkommt. Es bezieht seine Energie und Kraft aus der Irritation:

Elstern stehlen aus Irritation. Sie picken es auf, weil es sie stört. Es bricht mit der ruhigen Kontinuität der Gärten im Winter, dem Grau und Braun, einem mit Laub zugedeckten Beet, einem nassen Holzstoß, den zerfallenden Seilen einer alten Kinderschaukel. Darum tragen sie es fort, außer Sichtweite, und lassen es fallen.

Leona Stahlmann aus: „Diese ganz belanglosen Wunder“

Stahlmanns Stil ist mir noch ein Rätsel. Sie borgt, entlehnt, entnimmt, und gibt doch mehr zurück. Ihre Sprache verläuft schräg zur Gewohnheit. Vieles bleibt im Unklaren, aber ich habe das Buch noch nicht zu Ende gelesen, und bei einem Buch wie dem von Leona Stahlmann empfinde ich dies als Glück.

Spiegel Belletristik Bestseller-Liste (KW 42):

Im Folgenden die Liste selbst, reformattiert, und mit Links versehen, bei denen bereits ein Lesebericht vorliegt:

  1. Zur See – Dörte Hansen
  2. Einsame Nacht – Charlotte Link
  3. Nachmittage – Ferdinand von Schirach
  4. Eine Frage der Chemie – Bonnie Garmus
  5. Drachenbanner – Rebecca Gablé
  6. Ian McEwan – Lektionen
  7. Fairy Tale – Stephen King
  8. Achtsam morden im Hier und Jetzt – Karsten Dusse
  9. Kummer aller Art – Mariana Leky
  10. Violeta – Isabel Allende
  11. Disney. Villains 9 – Serena Valentino
  12. Zwischen heute und morgen – Carmen Korn
  13. Stay away from Gretchen – Susanne Abel
  14. Das tiefschwarze Herz – Robert Galbraith
  15. Ein Sommer in Niendorf – Heinz Strunk
  16. Sisi – Karen Duve
  17. Lügen über meine Mutter – Daniela Dröscher
  18. Was ich nie gesagt habe – Susanne Abel
  19. Die Legende von Sleepy Hollow – Christina Henry
  20. Covet – Tracy Wolff

Meine Wahl wird wohl auf Bonnie Garmus‘ oder Dörte Hansens Roman fallen, bin mir aber noch nicht sicher. Momentan lese ich lieber Ernaux und Stahlmann. Ich wünsche allen eine gute Herbstwoche! Ich freue mich über Anmerkungen und Bemerkungen aller Art!

2 Antworten auf „Kalenderwoche 38-41. Lesebericht.“

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Mich wundert es auch. Aber wie alles Gute mehrt es sich von selbst und zieht die Kraft aus sich. Nur wenn ich langweilige Bücher lese, ebbt mein Lesepensum bedenklich ab, dann greife ich in mein Buchregal und suche Inspiration und Bestärkung in bereits Gelesenem. Mein Trick lautet: ich lese neben einem Regal voller Bücher, die mich schon vom bloßen Anblick des Buchrückens inspirieren Neues zu entdecken und zu lesen, mich daran erinnern, wie toll Lesen sein kann 🙂

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