Als ich meinen Blog begann, im Frühjahr 2021, bekam Iris Hanika mit Echos Kammern den Preis der Leipziger Buchmesse zugesprochen. Es hat mich damals fröhlich gestimmt, ein solch buntes, lebenslustiges, verspieltes, verschrobenes Werk so geehrt zu finden. Zu diesem Zeitpunkt bin ich in Sachen Gegenwartsliteratur ziemlich unbewandert gewesen, wenn nicht sozusagen völlig ahnungslos. Iris Hanika, Clauda Durastanti mit Die Fremde, und Helga Schuberts Vom Aufstehen motivierten mich daraufhin, tiefer in die Tiefen und Untiefen des literarischen Gegenwärtigen einzutauchen, und seitdem lese ich die jeweiligen Shortlist-Titel des Georg-Büchner-Preises, des Preises des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, des Literaturnobelpreises und auch die des Leipziger Buchmesse-Preises mit lebendig sich hebendem und veränderndem Interesse.
Was hat also der Leipziger Buchmesse-Preis 2026 zu bieten?
Die Shortlist: Zentrale Themen und Gemeinsamkeiten
Die fünf Titel der diesjährigen Shortlist vom Leipziger Buchmesse-Preis 2026 lauten:
Katerina Poladjan: Goldstrand
Elli Unruh: Fische im Trüben
Norbert Gstrein: Im ersten Licht
Anja Kampmann: Die Wut ist ein heller Stern
Helene Bukowski: Wer möchte nicht im Leben bleiben
Das Thema Heimat, Heimatverbundenheit wird in allen diesen Titel konzentriert verhandelt. In Goldstrand verliert eine Familie ihr Zuhause durch die Oktoberrevolution und die Angst vor den Bürgerkriegsfolgen; in Fische im Trüben wird der Alltag von Deutschrussen in Kirgistan beschrieben und deren Versuche zurück nach Deutschland zu gelangen. In Wer möchte nicht im Leben bleiben reist eine junge Pianistin aus der DDR in das Moskau der 1980er, in die Sowjetunion, und lernt dort Internationalität und Lebendigkeit kennen, und in Im ersten Licht arbeitet sich ein österreichischer Geschichtslehrer aus seiner Vaterlandsliebe heraus und findet in England seine wirkliche Seelenheimat, in den Downs, wohingegen in Die Wut ist ein heller Stern einer Akrobatin aus dem Rotlichtmilieu die Heimat, ihr Viertel, die Reeperbahn zerstört wird und sie fliehen und sich eine neue Heimat, wahrscheinlich in den USA, aufbauen muss.
Einen starken Fokus legen fast alle Romane auf das Kunst- und Kulturmilieu, aus dem fast ausschließlich die Hauptfiguren stammen (Filmregisseur, Schriftsteller, Akrobatin, Pianistin). Nur Fische im Trüben stellt hier eine Ausnahme dar, denn der beschriebene Alltag findet in einem bäurischen Landleben statt und die Hauptfiguren wachsen erst auf, sind also noch Kinder.
Zudem behandeln fast alle Titel auf diese oder jene Weise Repression von Minderheiten: die Intellektuellen (Goldstrand) und die mennonitischen Russlanddeutschen (Fische im Trüben) in der Sowjetunion, von körperlich, geistig oder seelisch schwachen Menschen im Nazi-Deutschland (Die Wut ist ein heller Stern) und von Individuen, die typisierten Geschlechteridentitäten nicht entsprechen, in der DDR (Wer möchte nicht im Leben bleiben). Hier schert nur Im ersten Licht aus, das nur sehr am Rande Massenerschießung im Zweiten Weltkrieg und den Holocaust behandelt.
Weiterhin betonen als dynamisches Element alle Romane der Shortlist das Schweben, Vermischen von Rollen und Strukturen, die Internationalität der Existenz, das Zwischen-den-Stühlen-Sitzen und die daraus sich ergebende Frage nach Heimat, nach Verfolgung, nach Zugehörigkeit und der Sehnsucht, sich irgendwo, zumeist künstlerisch, frei entfalten zu dürfen: als Architekt und Filmregisseur (Italien/Bulgarien), als Pianistin (DDR/Sowjetunion), als Gentleman in den Downs (England/Österreich), als Akrobatin und Turnerin in einem Zirkus (Weimarer Republik/Nazi-Deutschland) und als sich dem mennonitischen Brauchtum verpflichtende Russlanddeutsche in der Sowjetunion (Kalter Krieg).
Die Highlights der Shortlist: Aspekte und Kuriosa
Ich zähle nun nacheinander für jeden Titel auf der Shortlist auf, was mir besonders, auffällig und herausstechend beim Lesen erschienen ist:
Goldstrand: eine schwebende, sommerliche, sehr ruhige Stimmung, die einen gelassenen Hedonismus und eine besänftigende Melodie verbreitet, ohne große Höhen und Tiefen, aber mit viel Musikalität, Vielstimmigkeit und Farbenreichtum.
Fische im Trüben: spektakuläres Setting auf einer Hochebene mit Blick auf den Tain Shan, Tengri Tagh, 7349m hoch, von dem aus das ganze Treiben im Dorf Michailowka relativiert und mit einer Imposanz und Leere konfrontiert wird, die dem dortigen Leben den Boden unter den Füßen wegziehen. Heftige Kontrastfunktion für das Fremde und Unnahbare.
Im ersten Licht: eine fast nicht vorhandene Hauptfigur, die sich um etwas Abwesendes, die Erfahrung im Krieg, das Erleben des Krieges, dreht und beinahe als Stimme der Inexistenz durch den Text geistert, eine fast gruselig, zeitlich verlangsamte, fast zum Stillstand gelangende Erzählsituation.
Die Wut ist ein heller Stern: Heftige Szene in einem Krankenhaus, in welchem die Hauptfigur zwangssterilisiert wird und die die Verletzung, das Zerbiegen und Zertrümmern des eigenen Erfahrungsraumes, die Nichtung der eigenen Wünsche, die sich in einer prosaischen Trümmerlandschaft widerspiegeln, symbolisiert.
Wer möchte nicht im Leben bleiben: Eine nach Empathie suchende, intervenierende Du-Erzählstimme, die in die Geschichte ihrer Hauptfigur eingreift, aber machtlos zusehen muss, wie diese untergeht und Selbstmord begeht, ein Du, das auch im Buch nicht atmen und existieren darf.
Punktevergabe
Jeder Roman auf der Shortlist hat etwas Bemerkenswertes, doch keiner von den Romanen arbeitet diese Aspekte wirklich aus. Sie bleiben fast alle auf halbem Wege stehen, einerseits zu verdichtet und kurz, zu abbreviert wie Goldstrand und Fische im Trüben, andererseits zu ängstlich, zu zurückhaltend und abwartend wie Im ersten Licht und Wer möchte nicht im Leben bleiben, oder zu aggressiv, rasend schnell wie in Die Wut ist ein heller Stern.
Wer meinen Blog etwas länger verfolgt, weiß zudem, dass mein Buch des Jahres 2025 Goldstrand gelautet hat, und leider hat keiner der anderen Titel auf der Shortlist Katerina Poladjan in der Summe auch nur annähernd Konkurrenz gemacht. Gebe ich für Inhalt, Form, Erzählstimme, Komposition und Leseerlebnis jeweils 1 bis 5 Punkte, kommt Goldstrand auf 23 [Begründung], wohingegen
Elli Unruh: Fische im Trüben – 13 [Begründung],
Norbert Gstrein: Im ersten Licht – 12 [Begründung],
Anja Kampmann: Die Wut ist ein heller Stern – 10 [Begründung],
Helene Bukowski: Wer möchte nicht im Leben bleiben – 7 [Begründung],
Punkte erhalten. Von meiner individuellen Leseart bleibt insofern Goldstrand erneut der Favorit, wobei ich bei meiner Kritik bleibe, dass es sich Goldstrand durch die Kürze, durch die pittoreske Leichtigkeit, durch das lockere Auseinander-Träumen etwas leicht macht und eben auf diese Weise keinen nachhaltigen literarisch-substantiellen Raum hinterlässt. Kampmanns gewaltsames Die Wut ist ein heller Stern erscheint als der direkte Antipode zu Poladjan, indem sie die Sprache aus ihrer Flüssigkeit und Verwobenheit reißt und eine Art Trümmersymbolismus betreibt, der in Ein-Wort-Sätzen, sich teilweise kaum noch von Interjektionen und Schreien unterscheidend, nach Intensität jagt und so verfehlt. Auch Kampmann hinterlässt keinen Raum. Sie zertrümmert, wohingegen Poladjan teilweise verschleiert und betäubt.
Bukowskis Wer möchte nicht im Leben bleiben besitzt eine außergewöhnliche innovative Du-Perspektive, die sehr viel Potential gehabt hätte, zumal die Erzählinstanz wie ein guter Geist die Hauptfigur begleitet und allerlei für sie einrichtet und fürsorgliche Maßnahme ergreift. Leider schiebt sich allzu oft die Erzählinstanz selbst in den Vordergrund und die Hauptfigur bleibt ein Schatten ihrer selbst, eher ein Spielball, eine Projektionsfläche, was der hilfsbereiten Erzählperspektive zuwiderläuft und sie ins Absurde treibt. Im ersten Licht dagegen verhindert jedwede Projektion und schiebt, als direkter Antipode zu Bukowskis Erzählverfahren, das Erzählen, die Erzählfigur radikal in den Hintergrund, um einen unsichtbaren Jedermann zu inszenieren, nur um diesen am Ende völlig inkonsequent aus dem Hut zu zaubern und alles in der Retrospektive, was den Roman angetrieben und gehalten hat, rückhaltlos zu zerstören und zu politisieren.
Die Shortlist besteht also aus zwei Oppositionspaaren: zu leise/zu laut und zu viel Erzählung/zu wenig Erzählung. Elli Unruh verbleibt mit Fische im Trüben zwischen allen Stühlen und besitzt daher auch eine feine, unaufgeregte Besonderheit, die leider in diesem Roman noch nicht zur vollen Geltung hat kommen können. Zu kurz, zu anekdotisch wurden die Figuren ausgeführt, aber was hier als Skizze noch besteht und fast überzeugt, lässt sich ohne weiteres in anderen Buchprojekten ausformulieren, denen ich nach diesem Erstling optimistisch gegenüber eingestellt bin, vor allem durch den Mut, Widersprüche zu erlauben, harte Oppositionen gegeneinander zu stellen und eine Art melancholisch-nostalgischen Friedenswunsch das Wort geschrieben zu haben.
Fazit und Prognose
Mein Favorit für den Leipziger Buchmesse-Preis 2026 lautet: Goldstrand, nach Punkten und in der Summe, durch den Stil, die Form und vor allem die Komposition. Ich denke aber nicht, dass Poladjan gewinnt. Ich würde mir wünschen, Elli Unruh mit Fische im Trüben bekäme den Preis als Ermutigung, ihrer lyrischen Stimme weiter zu folgen. Ich denke aber die Radikalität von Anja Kampmanns Die Wut ist ein heller Stern wird genügend Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als dadaistische Performance und Sinnbild der Sprachzerstörung, als laute, berstende, Worte zerbrechende Kunstgeste, dass der Preis an sie gehen wird. Wenn es je eine Zeit für die Ruhigen gab, die jetzige gehört ganz sicher nicht dazu.
Ich freue mich über Kommentare, eigene Ansichten, eigene Assoziationen zum Leipziger Buchmesse-Preis 2026 und bedanke mich für die Aufmerksamkeit und das mittlerweile nun etwas mehr als ein halbes Jahrzehnt dauernde fröhliche Literatur-Bloggen und -Diskutieren mit euch.
Am 31. März setze ich dann wieder den Blog mit aktuellen Besprechungen fort.

Feines, genussvoll lesbares Fazit, toll 💐
Liebe Abendgrüße vom Lu
Lieber Lu, schön, dass dir das Fazit gefallen. Es sammelt für mich auch die teilweise sehr unterschiedlichen Eindrücke auf, die sich beim Lesen der Shortlists ergeben. Diese war aber sehr einhellig und einstimmig in Bezug auf die vorgestellten Themen. Was liest du momentan eigentlich? Viele Grüße.
Fertig gelesen habe ich gerade die Unmöglichkeit des Lebens von Matt Haig und von Richard Powers das große Spiel. Beide Romane habe ich gerne genossen.
Hab einen schönen Tag, lieber Buchmagier Alexander 💐
Liebe Grüße vom Lu
PS: Gratuliere! Poladjan hat gerade gewonnen 💐
Bin völlig baff, muss ich ehrlich gestehen. Hätte ich nicht gedacht, weil ich vielleicht aus den Jahren zuvor gewöhnt gewesen bin, dass meine Favoriten am schlechtesten abschneiden. Nach „Die Holländerinnen“ nun auch mein Buch des Jahres. Ich muss da wieder umdenken. Freut mich sehr für Poladjan, von der ich bislang nur gute Bücher gelesen haben 😀 Danke fürs Mitfiebern!!
Ich habs auch sehr gern gelesen, obgleich ich keines der Bücher kenne.
Liebe Gerda, Danke für den Besuch und das Lesen 🙂 Die Gegenwartsliteratur bleibt ein Mischmasch. Es fehlt noch der Filter der Zeit – viele dieser Bücher erfahren kaum eine weitere Auflage. Manche aber vielleicht schon, wer weiß! Viele Grüße!
Ich habe dein Fazit sehr gerne gelesen, ich habe bislang nur Anja Kampmanns Roman gelesen und auch wenn ich anfangs ziemlich mühe hatte mich reinzufinden, mochte ich den am Ende sehr.
Aktuell höre ich Goldstrand als Hörbuch. Bin noch recht am Anfang aber bereits sehr angetan.
Ich weiß noch nicht, ob ich noch weitere von der Shortlist lesen werde, mal schauen, vielleicht lese ich in das eine oder andere noch mal rein, um mir ein Urteil zu bilden, ob ich es kaufen möchte.
Ganz liebe Grüße, Sabine
Wenn du nur eines noch liest, dann vielleicht Elli Unruh, das viele gute Momente für mich gehabt hat und diese Hochplateaustimmung ausbreitet. Das fand ich imponierend. Danke fürs Lesen. Ich denke Kampmann wird den Preis auch abräumen. Viele liebe Grüße zurück!!
Deine Fazits sind immer ein Sahnehäubchen auf deine Rezensionen. Ich mag deine sorgfältiges Abwägen sehr und auch die Nachvollziehbarkeit deiner Entscheidungen, da du dir ein System, eine Struktur geschaffen hast – allein das bewundere ich immer wieder sehr.
Morgenteegrüße 🌤️🎶🛋️🍵
Liebe Christiane, Danke für die netten Worte. Für mich sind die Fazits wichtig, um das Geschehen für mich zu rekapitulieren und eine innere Ruhe in Bezug auf die Schnelllebigkeit dieses Geschäfts zu bewahren. Außerdem mag ich es, wenn ich eine Handschrift, ein Interesse entdecke, eine gewisse bewegliche Gegensatzpaarung. Mich freut es, dass die Urteile nachvollziehbar sind. Das könnte ja eben das kommunikative Lesen ermöglichen, aber oft habe ich das Gefühl, ich lese diese Titel allein :O … Halt die Ohren steif, Christiane, und herzliche Grüße!!
Bist du bestimmt nicht (allein beim Lesen), aber ich glaube, dass viele glauben, dir und deiner geschliffenen Ausdrucksweise nicht das Wasser reichen zu können. Das was du machst, ist schon eine ziemlich hohe Ebene, die haben nicht immer alle. 🤔😉
Herzliche Abendgrüße zurück und danke! 🎶🛋️🍵
Nun, ich möchte im Grunde viele Anreize geben, das literarische Werk selbst zum Vorschein zu bringen. Mich interessieren die Eindrücke von anderen sehr – nur leider erschöpfen sich diese oft im Gefallen/Nichtgefallen, ohne Suche und Vertiefung im Text, was mich ja gerade umtreibt. Wieso empfinde ich einen Text überhaupt gelungen? Wo sind meine blinde Flecken, wenn ich ihn nicht gelungen finde? Wie erweitere ich meine Optik? Ich bin eigentlich sehr nahbar, auch wenn es vielleicht nicht den Anschein hat. Danke für deine Einschätzung. Ich freue mich über Interaktion sehr. Viele Morgenkaffeegrüße (fürs Bier ist es noch zu früh 😀 ). ✌️🥳🙃
@Christiane: Wenns darum geht bin ich gern bereit das Niveau in den Kommentaren nach unten zu ziehen und reiche das literarische Bier 🍻 – glaub das nimmt Alex auch 😁
Na dann Prost! 🍻
Ich bevorzuge Lebendigkeit gegenüber gekünsteltem Niveau immer. Da kann ein Bier auch helfen 😀