Deutscher Buchpreis 2025: Die Shortlist. Mein Fazit.

Shortlist Deutscher Buchpreis 2025.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels lobt seit 2005 jedes Jahr zu Beginn der Frankfurter Buchmesse den ‚Roman des Jahres‘, dieses Jahr als Deutscher Buchpreis 2025 aus. Der Preis wurde bislang zwanzig Mal vergeben [die Liste mit Besprechungen findet sich hier]. Die Kriterien für den Buchpreis werden auf der Seite nicht angegeben, nur dass die Jury jährlich wechselt und von einem elfköpfigen Gremium berufen wird. Seit ein paar Jahren habe ich mir das Hobby gemacht, einen luziden Kriterienkatalog anzugeben, der helfen könnte, die jeweiligen Preisvergaben für aus literarischer Sicht etwas verständlicher werden zu lassen. Zusätzlich ordne ich im Vorfeld die Shortlist-Erscheinungen in längeren Besprechungen literaturhistorisch ein, um Kräftefelder und Vorbilder der Romane zu verorten, die alles andere als im luftleeren Raum erscheinen und deshalb freiwillige und unfreiwillige Resonanzen und Echos in ihrem Feld erzeugen.

Auf der Shortlist Deutscher Buchpreis 2025 stehen folgende Titel:

  1. Dorothee Elmiger mit „Die Holländerinnen
  2. Kaleb Erdmann mit „Die Ausweichschule
  3. Jehona Kicaj mit „ë
  4. Thomas Melle mit „Haus zur Sonne
  5. Fiona Sironic: „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
  6. Christine Wunnicke mit „Wachs
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Fiona Sironic: „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft von Fiona Sironic. Shortlist Deutscher Buchpreis 2025.

Sironic‘ Debütroman mit dem langen Titel Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft erinnert nicht nur durch diesen an Julia Josts Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht. Beide Romane lassen sich als Coming-of-Age Texte betrachten. Beide behandeln eine gleichgeschlechtliche Liebe und verhandeln zudem heißdebattierte politische Konfliktfelder. Tendiert Jost aber mehr zum Humor, zur verspielten, sich über die Dinge erhebenden Wortakrobatik, lässt sich Sironic tief in den Ernst ihrer eigenen Romanwelt fallen und nimmt hierdurch kommunikativ-parabelhafte Züge von Romanen wie bspw. Die Welle von Todd Strasser oder Die grüne Wolke von A.S. Neill an. Wie in Neills Jugendbuch spielt auch Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft  in einem apokalyptischen Weltszenario. Bei Sironic herrschen durch den Klimawandel Artensterben, Waldbrände und Hitzetode:

Ich höre im Stream von der erhöhten Sterberate. Von den Hitzetoden, die schon lange mehr geworden sind, aber inzwischen ein absurdes Hoch erreichen. Man käme nicht mehr hinterher. Eine Verringerung der allgemeinen Lebenserwartung. Ich denke an Opa, der einfach eines Tages umgefallen ist. Damals war das noch jung, 65. Wir schauen weniger auf die Endgeräte in diesen Tagen. Eine Art Alltag schleicht sich ein. Anfangs logge ich mich hin und wieder bei dem Account unserer Schule ein, überprüfe ausstehende Abgaben, bis ich es vergesse. Es hat nichts mehr mit mir zu tun.
Fiona Sironic aus: „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“

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Jehona Kicaj: „ë“

ë von Jehona Kicaj. Shortlist Deutscher Buchpreis 2025.

ë von Jehona Kicaj gehört zu einer Klasse von Texten, die eher dem Autobiographischen, kursorisch Historischen zugewandt sind als dem Fiktionalen. Als herausragendes Exemplar dieser Form erscheint Alexander Solschenizyns Der Archipel Gulag. Aufklärungs- und Dokumentarliteratur durch und durch, wurde sein Gesamtwerk 1970 mit dem Literaturnobelpreis versehen. Ähnlich gelagert lässt sich Svetlana Alexijewitschs Werk lesen, bspw. Secondhand-Zeit, die 2015 ebenfalls den Literaturnobelpreis verliehen bekommen hat. In diesen Werken steht das Sprachliche mit dem Dokumentarischen auf einem Fuß, die Sprache als Zeugnisablegen, als Erinnerungsstruktur. Mit dem Fiktionalen, dem Lebenselement des Romans, haben die meisten Werke der beiden nichts zu tun. Jehona Kicaj wählt in ë den Roman als Medium, um an das Grauen zu erinnern, das die kosovo-albanische Bevölkerung im damaligen Serbien und Kosovo ereilt hat:

Ich dachte an die Video-Aufnahmen aus dem Gerichtssaal, die ich mir am gestrigen Abend angesehen hatte. Es waren Aufnahmen aus dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag. Eine Frau aus Suhareka sagt darin aus, dass serbische Polizisten und Paramilitärs fast fünfzig Familienmitglieder in eine kleine Pizzeria unweit ihres Hauses getrieben, dann Handgranaten hineingeworfen und mit Maschinenpistolen auf alle geschossen haben, »zwanzig Minuten lang, vielleicht auch dreißig, eine endlos lange Zeit, ohne Unterbrechung«, sagt sie. Ihren Mann und vier Kinder hatte diese Frau verloren, sechzehn, vierzehn und elf Jahre alt, das eine erst einundzwanzig Monate. Vor Gericht erzählt sie, ruhig und gefasst, dass sie gesehen hat, wie ihre Tochter fünf- oder sechsmal getroffen wurde, die Schüsse, sagt sie, hatten sie »ganz zerfetzt«. Sie wäre ein »so schönes, gesundes Mädchen« gewesen.
Jehona Kicaj aus: „ë“

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Deutscher Buchpreis 2024: Die Shortlist. Mein Fazit.

Deutscher Buchpreis 2024.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels lobt seit 2005 jedes Jahr zu Beginn der Frankfurter Buchmesse den ‚Roman des Jahres‘ aus, auch Deutscher Buchpreis genannt, um über die Ländergrenze hinaus Aufmerksamkeit für deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu schaffen. Dieses Jahr standen auf der Shortlist die folgenden sechs Bücher, die ich einzeln und für sich stehend in den letzten Wochen besprochen habe:

Bevor am 14.10.2024 um 18:00 Uhr die offizielle Bekanntgabe des Siegertitels des Deutschen Buchpreises erfolgt, nun meine Auswertung.

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Markus Thielemann: „Von Norden rollt ein Donner“

Von Norden rollt ein Donner von Markus Thielemann. Deutscher Buchpreis Shortlist.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (5): Kritische historische Themen in Verbindung mit spannungsgeladenem Handlungsverlauf schließen sich nicht aus. Insbesondere die englischsprachige Literatur besitzt eine Vielzahl von Beispielen für diese Form wie der Roman Schnee, der auf Zedern fällt von David Guterson, in welchem die Repressionen japanisch-stämmiger US-Amerikaner zur Zeit des Zweiten Weltkrieges thematisiert werden; oder Nicholas Evans, bekannt durch Der Pferdeflüsterer, in seinem Roman Im Kreis des Wolfes, in welchem der Wolf sowohl schützenswertes Leben wie eine Gefahr für die Landbevölkerung Montanas in den Rocky Mountains darstellt. Beide Romane legen Wert auf Spannungsbögen, Verdichtung und Romanzen, aber reflektieren dennoch eingehend über moralisch-politische Dimensionen des angerissenen Stoffs. Markus Thielemann legt mit Von Norden rollt ein Donner ein ähnlich gearteten Roman vor. Er handelt von Viehbauern in der Lüneburger Heide, in der plötzlich wieder Wölfe aufgetaucht sind:

Einer spricht sich für den Abschuss aus, ein anderer beleidigt ihn als Ewiggestrigen, man könne doch nicht immer nur mit dem Gewehr denken. «Der Wolf gehört eben hier nicht her, Punkt», ruft einer, «sondern in die Vergangenheit oder in andere Länder. Einfach gesagt, passt er eben nicht in unsere deutsche Kulturlandschaft.» Viele stimmen dem Mann zu. Man habe Angst um Kinder und Hunde, Kaninchen und Hühner. Im Ganzen: um seine Lebensart.
Markus Thielemann aus: „Von Norden rollt ein Donner“

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Martina Hefter: „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“

Hey guten Morgen, wie geht es dir? von Martina Hefter. Deutscher Buchpreis Shortlist.

Shortlist Deutscher Buchpreis (4): Alltagsdokumentationen spielen, literarisch gesehen, in die Geschichtsschreibung hinüber. Romane, die das Leben abbilden, besitzen oft einen geringeren Grad formalästhetischer Durchbildung. Die Kommunikation, wie oft im Tagebuch, setzt sofort an, springt, wie im Gespräch, unmittelbar in die Szenerie selbst. Daniela Kriens Mein drittes Leben erzählt im Präsens von dem Trauma einer Mutter, die ihre Tochter verloren hat. Helga Schubert in Der heutige Tag vom Alltag mit ihrem sterbenskranken Mann, um den sie sich kümmert, auch wenn sie oft erschöpft und müde ist und sich vielleicht manchmal viel lieber wie Slata Roschal in Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten alleine in einem Hotelzimmer verbarrikadieren möchte. Thematisch schließen diese Texte an Maxie Wanders Guten Morgen, du Schöne an, die textlich, narrativ, ein weibliches Selbst- und Weltverständnis erforschen. Diese Form nimmt Martina Hefter nicht nur mit dem Titel ihres neuesten Buches Hey guten Morgen, wie geht es dir? auf, das von Juno und ihrem Alltag als Tänzerin und Pflegerin ihres MS-erkrankten Mannes handelt:

Juno Isabella Flock: Weiße Frau, lebt in Deutschland. Privilegiert. Keine Kinder. Entspricht damit nicht ganz dem Durchschnitt in Deutschland. Freiberufliche Performancekünstlerin, verdient mal mehr, mal weniger Geld. Hofft, dass sie bis an ihr Lebensende als Künstlerin arbeiten kann. Und dann tot umfallen ohne großen Beef. Flock ist über fünfzig und damit nicht mehr ganz so privilegiert […] Flock hat noch ungefähr dreiundzwanzig Lebensjahre vor sich, wenn alles gutgeht.
Martina Hefter aus: „Hey guten Morgen, wie geht es dir?

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Maren Kames: „Hasenprosa“

Hasenprosa von Maren Kames. Deutscher Buchpreis-Shortlist.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (3): Die Großeltern tauchen in vielen Romanen auf, aber selten stehen sie im Zentrum des Geschehens. Oft besetzen sie wichtige Nebenfiguren wie bspw. die versöhnende Großmutter Bethsy Buddenbrook im gleichnamigen Roman von Thomas Mann. Ausnahme bilden hier Romane wie Anne Rabes Die Möglichkeit von Glück, in der sich die Protagonistin am Verhalten ihres Großvater Pauls abarbeitet, oder Kim de l’Horizons Blutbuch, in welchem ein sehr distanziertes Verhältnis zur Großmutter (auch zur Mutter) wie zur gesamten Familiengeschichte zur Sprache kommt. Maren Kames nähert sich in ihrem sprachexperimentellen Roman Hasenprosa ihren Großeltern mit größerer Behutsamkeit:

Liebe Oma, ich rauche und trinke und schlafe, wann ich will. Vielleicht, stelle ich mir vor, wärst du neidisch auf mich, ich bin relativ frei, ich glaube, dir würde das auch gefallen. Ich bin immer noch schwierig. Aber ich wachse, immer ein Stückchen, wahrscheinlich weiter in mich rein. Es geht mir gut. Ich wüsste gerne, dass du weißt, ich schreibe. Noch in dem Jahr, als du gestorben bist, habe ich das erste Buch fertig geschrieben. Es ist längst nicht mehr alles so unklar wie damals. Die Aussicht darauf hätte ich dir lieber noch mitgegeben.
Maren Kames aus: „Hasenprosa“

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Clemens Meyer: „Die Projektoren“

Die Projektoren von Clemens Meyer. Shortlist Deutscher Buchpreis 2024.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (2): Der neue Roman von dem Leipziger Buchpreisträger Clemens Meyer aus dem Jahr 2008 nimmt Motive und Schreibweisen von Ivo Andrić‘ Die Brücke über die Drina auf, indem er dessen Handlung auf das 20. Jahrhundert und die jugoslawischen Bürgerkriege Anfang der 1990er Jahre ausweitet, und verknüpft diesen Handlungsstrang mit Peter Weiss‘ Die Ästhetik des Widerstandes – nur aus entgegengesetzter Richtung. Meyer zeichnet nämlich den Werdegang und Evolution des völkisch-nationalen Denkens und Handelns nach. Der Stoff des letztlich an David Foster Wallace Unendlicher Spaß angelehnten Romans entstammt dem Themenbereich Brutalität, der mit der Plotstrategie Krieg und Welt in Trümmern dynamisiert wird. Zentrale Gestalt von Die Projektoren ist Jovan, der Cowboy:

Es war einmal ein Mann, der lebte im Velebitgebirge. […] Eine Zeitlang nannten die Einheimischen ihn den Cowboy, weil er ein großes Halstuch trug, die verknoteten Enden, die Zipfel, lagen auf seinem Rücken, und vorne bedeckte ein Dreieck aus Stoff seinen Hals. Die Bergbauern und Hirten im Velebit kannten die Cowboys und die Halstücher der Cowboys aus den Filmen der Wanderkinos, die vor dem großen Krieg und nach dem großen Krieg hin und wieder in ihre Dörfer kamen, und einige wenige Groschenromane kursierten, wurden weitergereicht, zerlesen und zerfleddert, Wilder Westen, die halstuchbehangenen Cowboys auf den abgegriffenen Titelseiten.
Clemens Meyer aus: „Die Projektoren“

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Deutscher Buchpreis 2023: Mein Fazit.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels lobt jedes Jahr zu Beginn der Frankfurter Buchmesse, dieses Jahr am 16. Oktober, den Buchpreis ‚Roman des Jahres‘ aus, um über die Ländergrenze hinaus Aufmerksamkeit für deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu schaffen. Dieses Jahr standen auf der Shortlist die folgenden sechs Bücher, für die ich jeweils ein Zitat herausgesucht habe:

«Aber was ich noch sagen wollte: Wenn jetzt so viele Tiere sterben, kleine Tiere vor allem, also Insekten und Amphibien und Fische und kleines Meeresgetier, dann…», die Kamera suchte ihn, er blickte leer vor sich hin, «… dann verschwindet so das Gewirr, das Gewirk, das, das Dickicht, ja? Die Substanz, das Gewebe, also, dann fällt alles auseinander.» [Donato] schluckte und blickte in die Runde. «Alles auseinander.»

Ulrike Sterblich aus: „Drifter“
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Daniela Dröscher: „Lügen über meine Mutter“

Ein doppelzüngiger Bericht … Spiegel Belletristik-Bestseller (37/2022)

Was zeichnet eigentlich einen Roman aus? Ist er nur eine verschriftlichte lange Rede, ein transkribiertes Gespräch, ein überlanger Monolog einer einzelnen Person? Oder gehört zum Roman eine Art eigene Sprache, die dem Alltagsgespräch eine andere, nicht unbedingt neue, dennoch weitere Dimension verleiht? Diese Fragen werfen ein Licht auf das, was gemeinhin die Authentizität des Erzählens genannt wird. Daniela Dröschers neuer Roman Lügen über meine Mutter stellt mit dem Titel ebenfalls die Frage nach Wahrheit und Wirklichkeit in Abgrenzung zur Lüge und Fiktion. Der Roman beginnt zudem mit einem dazu passenden Zitat von Emily Dickinson:

»Sag Wahrheit ganz
doch sag sie schräg
Erfolg liegt im Umkreisen
Zu strahlend tagt der
Wahrheit Schock
Unserem Begreifen
Wie Blitz durch freundliche Erklärung
Gelindert wird
dem Kind
Muss Wahrheit sachte blenden
Sonst würde jeder blind.«

Emily Dickinson aus: „Sämtliche Gedichte“ (Hrsg. G. Kübler, 1872, 1263, S. 998)
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