Cees Nooteboom: „Allerseelen“

Allerseelen von Cees Nooteboom. Schwebend aus eigener Schwere heraus. 

Allerseelen lässt sich als Abschluss einer vielleicht unbewusst angelegten Trilogie denken, die mit Rituale (1980) ansetzt, über Die folgende Geschichte (1991) seine Richtung sucht und als eine Reise durch die Nacht mit Allerseelen (1998) die Todessehnsucht durchschreitet und den Weg in die Welt der Lebenden findet. In allen drei Romanen steht der Topos Tod im Vordergrund. In Allerseelen nun auch vom Titel her:

Als die beiden anderen weg waren, lag Arthur da und schaute immer noch auf die Bilder. Allerseelen. Er wußte nicht genau, was er sich darunter vorzustellen hatte, aber er hatte den Eindruck, das Wort habe mehr mit Lebenden als mit Toten zu tun. Es mußten Tote sein, die sich noch irgendwo aufhielten, es war unmöglich, sie ganz wegzubekommen, man mußte ihnen noch Blumen bringen.
Cees Nooteboom aus: „Allerseelen“

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Han Kang: „Griechischstunden“

Griechischstunden von Han Kang. Geduldiges Dunkelsein.

Außenseiter eignen sich für die Literatur, die mit allgemeinen Mitteln, also mit der Sprache, das Besondere, einzufangen sucht. Der eigenartige Mensch lässt Ungewohntes erscheinen, da er sich unnormal verhält, gegen Konventionen verstößt und so Licht auf Verhältnisse wirft, die ansonsten im Unbewussten weiter schlummern würden. Franz Kafkas Helden können als Beispiel genannt werden, oder Gustav Flauberts Madame Bovary. Auch Haruki Murakami mit Die Stadt und ihre geheimnisvolle Mauer oder Cees Nooteboom mit Die folgende Geschichte, um einen weiteren Vertreter der Gegenwartsliteratur zu nennen, beschäftigen sich hauptsächlich mit Aussteigern und seltsamen Käuzen. Insbesondere mit letztgenanntem Kurzroman hat Han Kangs Griechischstunden viel gemein:

An dem Tag, als du mich in deine Arme nahmst, habe ich wohl, bebend vor Klarheit, das Zarte, Glühende und Unverstellte dieser Geste verstanden. Dass der menschliche Körper eine traurige Angelegenheit ist, hohl, weich und verletzlich. Die Arme. Die Achselhöhlen. Die Brust. Die Leiste. Dieser Körper, zum Umarmen geboren und dazu, Lust darauf zu machen.
Han Kang aus: „Griechischstunden“

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Cees Nooteboom: „Die folgende Geschichte“

Die folgende Geschichte von Cees Nooteboom … Berührende Lebensbilanz eines Träumers.

Bücher über Literaturliebhaber thematisieren oft Weltfremdheit und Narrentum. Paradigmatisch steht hier Miguel de Cervantes Saavedras Don Quijote Pate, in der der Titelheld durch den exzessiven Konsum von Ritterromanen verlernt zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden und bspw. Windmühlen für feindlich gesinnte Riesen hält. Neuzeitlich untersucht bspw. Elias Canetti in seinem Erstlingsroman aus dem Jahre 1936 Die Blendung besagtes Thema, in welchem er den Sinologen Peter Kien dem Irrsinn verfallen lässt. Weltfremdheit und Sprachliebe gehen so oft einher, dass es einem Klischee gleicht. Nichtsdestotrotz überzeugen viele Bücher aus dieser Tradition, alte wie auch John Williams Stoner (1965) aber auch neuere wie Cees Nootebooms Die folgende Geschichte (1991):

Weibliche Bücherwürmer, leicht ätherisch, das war bisher meine Domäne gewesen, von verschämt bis verbittert, und alle hatten sie bestens erklären können, wo der Haken bei mir war. Stinkeigensinnig oder »Meiner Meinung nach merkst du nicht einmal, ob ich da bin« waren oft gehörte Klagen, neben »Mußt du jetzt schon wieder lesen?« und »Denkst du eigentlich je an jemand anders?«. Nun, das tat ich, aber nicht an sie. Und außerdem, ja, ich mußte schon wieder lesen, denn die Gesellschaft der meisten Menschen liefert nach den vorhersehbaren Ereignissen keinen Anlaß zum Gespräch.
Cees Nooteboom aus: „Die folgende Geschichte“

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Gaea Schoeters: „Trophäe“

Trophäe von Gaea Schoeters. SWR Bestenliste 03/2024.

Die Jagd als Thema wird in neuzeitlicher Literatur weniger oft aufgegriffen. Ernest Hemingways Die grünen Hügel Afrikas dienen als Paradigma der Jagd von Menschen auf Tieren in Afrika, Herman Melvilles Moby Dick als eine Jagd auf dem Meer, die aber eher eine Rachegeschichte darstellt, und ansonsten vermehrt in volkstümlicher Literatur, die das Jagen romantisieren und als Brauchtum zu verklären drohen, wie bspw. in Hermann Löns Jagdgeschichten aus Mein grünes Buch. Im kulturkritischen Diskurs finden sich weniger Beispiele. Zuletzt wohl nur in Eine runde Sache von Leipziger Buchmesse-Preisträger von 2022 Tomer Gardi, in der ein Mensch einen Menschen jagt. Hieran knüpft nun Gaea Schoeters in Trophäe an:

Der Junge. Der Bulle. Die Welt um sie herum dreht sich weiter, so wie auch das Leben bald weitergehen wird, aber Jäger und Beute stehen still: Zwischen ihnen konzentrieren sich Zeit und Abstand zu diesem kurzen, einzigartigen Augenblick, in dem Leben in Tod umschlägt. Erkenntnis flackert in den braunen Augen des Tieres auf: In einem Augenblick, so abrupt und klar wie die Sonne, die durch einen Riss in den Wolken strahlt, erkennt er die Endlichkeit seiner Existenz.
Gaea Schoeters aus: „Trophäe“

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Barbi Marković: „Minihorror“

Minihorror von Barbi Marković. Preis der Leipziger Buchmesse 2024.

Bei experimenteller Literatur stellt sich angesichts der Verständnisherausforderungen und sich oft ergebenden Verwirrungen und Desorientierungen schnell die Frage, inwiefern der Text oder die Aneignungsform, das Lesen selbst, an diesen die Schuld trägt. Wird dem Text mit einem falschen Erwartungshorizont begegnet? Wird dieser mit falschen Maßstaben gemessen oder desavouiert der Text sich selbst, scheitert am eigenen Konzept und geht von selbst in die Brüche ohne alles rezeptionsästhetische Zutun? Selbstredend lässt sich diese Frage nur im je stattfindenden Leseakt einer Antwort näher bringen. Barbi MarkovićMinihorror gehört jedenfalls offensichtlich zu dieser Art von die Rezeption herausfordernden Texten und wurde vielleicht deshalb mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2024 ausgezeichnet:

Während Mini weit vom Tod entfernt war, waren ihre Zimmerkolleginnen knapp dran, mit einem Bein schon drüben und bereits abgeschrieben. Nachts stirbt man leichter als tagsüber. Und in einem Krankenhaus ist es manchmal schwieriger zu überleben, als zu sterben, weil niemand zuschaut. Die Schmerzen und Ängste aller daliegenden Personen ufern komplett aus und vermischen sich. Wirklich, in der Nacht im Krankenhaus herrscht eine sehr ungute Atmosphäre, das kann Mini bestätigen.

Barbi Marković: „Minihorror“
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Carl Einstein: „Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders“

Bebuquin … An sich selbst irre gewordener Humanismus.

Mit dem Anbruch der Moderne fanden Versuche statt, den Stil, die Schreibweise völlig vom Inhalt zu lösen. Wegweisend wirkt hier Stéphane Mallarmé, der mittels einer Kunst für die Kunst, eines l’art-pour-l’art, zur reinen Form und Idee, zur poésie pure durchstoßen wollte. Symbolistisch, hermetisch treffen abstrakte Konstruktion aus L’après-midi d’un faune (1876) und eine Écriture automatique eines Lautréamonts mit seinen Die Gesänge des Maldoror (1874) aufeinander. Etwas später gesellt sich Carl Einstein hinzu, der 1912 mit Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders den Hermetismus in der Gattung des Romans vollendet und deshalb bis heute als das Sinnbild für absolute Prosa gilt:

[Im Kampfe mit zwei Wirklichkeiten] überkam [Nebukadnezar Böhm] eine wilde Freude, dass ihm sein Gehirn aus Silber fast Unsterblichkeit verlieh, da es jede Erscheinung potenzierte, und er sein Denken ausschalten konnte, dank dem präzisen Schliff der Steine und der vollkommen logischen Ziselierung. Mit den Formen der Ziselierung konnte er sich eine neue Logik schaffen, deren sichtbare Symbole die Ritzen der Kapsel waren. Es vervielfachte seine Kraft, er glaubte in einer anderen, immer neuen Welt zu sein mit neuen Lüsten. Er begriff seine Gestalt im Tasten nicht mehr, die er fast vergessen, die sich in Schmerzen wand, da die gesehene Welt nicht mit ihr übereinstimmte.

Carl Einstein aus: „Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders“
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Bodo Kirchhoff: „Seit er sein Leben mit einem Tier teilt“

Seit er sein Leben mit einem Tier teilt … Deutscher Buchpreisträger 2016

Altmännerliteratur behandelt oft das Thema: alter Mann liebt junge Frau. Die um viele Jahrzehnte jüngere Frau dient diesem als Jungbrunnen, als Rejuvenalisierungsmöglichkeit, ohne dass diese unbedingt sofort eine intime und romantische Beziehung eingehen müsste. Martin Walser reicht in Das Traumbuch die Zusammenarbeit mit der viel jüngeren Malerin, um sich intensive Erinnerungen wachzurufen. In Martin Mosebachs Krass agiert die junge Begleiterin lediglich als Muse des schwergewichtigen Geschäftsmannes, wohingegen dann in Bernhard Schlinks Das späte Leben Nägel mit Köpfen gemacht werden und eine Ehe mit einem Altersunterschied von 34 Jahren beschrieben wird. Bodo Kirchhoff pendelt mit Seit er sein Leben mit einem Tier teil dezent dazwischen. Sein vierundsiebzigjähriger herzkranker Protagonist Louis Arthur Schongauer muss sich Jahre nach dem Tod seiner Ehefrau eingestehen, dass er sich allein fühlt:

Möglich, dass sie die paar Dinge im Bad vergessen hat  – eher aber dort platziert, geht es ihm durch den Kopf, als er wieder vors Haus tritt, in ein Licht, als käme es allein vom See und seine Fläche bestünde aus Metallscherben in der Sonne. Schongauer schließt die Augen und stützt sich an einem der Korbstühle ab, die um den Tisch stehen  – fast die Haltung, in der er nachts im Bad seine Blase leert und dabei, weil er kein Licht macht, versehentlich die Spülung berührt und ein fast menschlicher Laut entsteht, eine Art Seufzen, als lebte er nicht allein.

Bodo Kirchhoff aus: „Seit er sein Leben mit einem Tier teilt“
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Ernest Hemingway: „Der alte Mann und das Meer“

Der alte Mann und das Meer … Nobelpreis für Literatur 1954.

Anlässlich des neu erschienen und das Gesamtwerk abschließenden Romans Wir sehen uns im August von Gabriel García Márquez bespreche ich den Kurzroman Der alte Mann und das Meer von Ernest Hemingway, der ebenfalls den Abschluss seines schriftstellerischen Schaffens bildet, als er 1952 erschien. Ursprünglich hätte der kurze Roman, der auch als verfehlte Novelle bezeichnet wird, zum 100. Geburtstag von Herman Melvilles Moby Dick 1951 in den Druck gehen sollen. Im Gegensatz aber zu García Márquez‘ Wir sehen uns im August legte Hemingway noch die letzte Hand an die Ausgabe und das Erscheinen verspätete sich. Wie in Wir sehen uns im August handelt Der alte Mann und das Meer von dem Ringen um Selbstbewusstsein, von dem Wiederfinden von Mut, Kraft und Energie angesichts einer als übermächtig empfundenen Umwelt:

Aber jetzt im Dunkeln und ohne Lichtschein und ohne Lichter und nur mit dem Wind und dem gleichmäßigen Ziehen des Segels hatte er das Gefühl, daß er vielleicht bereits tot sei. Er legte beide Hände aneinander und fühlte seine Handflächen. Sie waren nicht tot, und er konnte einfach, indem er sie öffnete und schloß, den Schmerz des Lebens hervorrufen. Er lehnte den Rücken ins Heck und wußte, daß er nicht tot war. Seine Schultern sagten es ihm.

Ernest Hemingway aus: „Der alte Mann und das Meer“
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Herta Müller: „Der Fuchs war damals schon der Jäger“

Der Fuchs war damals schon der Jäger … Literatur-Nobelpreis von 2009

1992 erschien mit Der Fuchs war damals schon der Jäger der erste Roman von Herta Müller, der ebenso die erste Publikation nach ihrer Übersiedlung aus Rumänien in die Bundesrepublik Deutschland 1987 gewesen ist. In ihrem Romandebüt behandelt Müller das Endstadium einer Diktatur, die ein Land in die Stagnation und das allumfassende gegenseitige Misstrauen gezogen hat. Verhandelt Christoph Hein in Der Tangospieler die letzten Tage der DDR auf erotomanische Weise auf der Insel Rügen und Jenny Erpenbecks Kairos die Wende durch die Augen der Protagonistin Katharina, die zeitgleich das Ende ihrer sadomasochistischen Beziehung zu einem Inoffiziellen Mitarbeiter in Berlin erlebt, so rekonstruiert Herta Müller in Der Fuchs war damals schon der Jäger die letzten Tage der Ceaușescu-Diktatur in Rumänien in Timișoara:

Aus dem Laden, in dem der Mann verschwunden ist, fällt warme Luft auf die Straße. Die Busse blasen hinter sich große Staubräder auf. Die Sonne hängt an jedem Bus, sie fährt mit. An den Ecken flattert sie wie ein offenes Hemd. Der Morgen riecht nach Benzin, und Staub, und durchgetretenen Schuhen. Und wenn jemand mit einem Brot in der Hand vorbeigeht, riecht der Gehsteig nach Hunger.

Herta Müller aus: „Der Fuchs war schon damals der Jäger“
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Iris Wolff: „Lichtungen“

Das Ende des Kalten Krieges findet nicht nur durch die DDR Eingang in die gegenwärtige deutschsprachige Literatur. Behandeln so verschiedene Erzählweisen wie Terézia Mora, Anne Rabe oder Christoph Hein die deutsch-deutsche Wendezeit, so auch Jan Faktor jene mit Blick auf die damalige Tschechoslowakei oder Herta Müller mit Fokus auf das Ende der Ceauseșcu-Diktatur in Rumänien, bspw. in Der Fuchs war schon damals der Jäger. Iris Wolff antwortet auf das literarische Schaffen der letztgenannten mit ihrem neuesten Roman Lichtungen, in welchem sie die Wendezeit in Rumänien beschreibt und wie diese eine Familie, Freundschaften auseinander und wieder zusammentreibt:

Die Auswanderung war unausweichlich. Wie eine Sucht. Jeder fürchtete, der Letzte zu sein. […] Von nun an sah Lev die Dörfer, durch die er mit seinem neuen Rad fuhr, mit anderen Augen. Er hatte zuvor kaum darauf geachtet, auch in seinem Dorf gab es verlassene Häuser, verwaiste Gärten. Auch in seinem Dorf war es über die letzten Jahre so gewesen, dass ein jeder den anderen ansah mit diesem Blick: Gehst auch du? Dass vor den Toren, auf den Bänken immer jemand von jemandem zu berichten wusste, der ging. Und mit jedem, der ging, wuchs der Gedanke, ebenfalls zu gehen. Und mit jedem, der blieb, festigte sich die Hoffnung, bleiben zu können.

Iris Wolff aus: „Lichtungen“
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