Shortlist Deutscher Buchpreis (4): Alltagsdokumentationen spielen, literarisch gesehen, in die Geschichtsschreibung hinüber. Romane, die das Leben abbilden, besitzen oft einen geringeren Grad formalästhetischer Durchbildung. Die Kommunikation, wie oft im Tagebuch, setzt sofort an, springt, wie im Gespräch, unmittelbar in die Szenerie selbst. Daniela Kriens Mein drittes Leben erzählt im Präsens von dem Trauma einer Mutter, die ihre Tochter verloren hat. Helga Schubert in Der heutige Tag vom Alltag mit ihrem sterbenskranken Mann, um den sie sich kümmert, auch wenn sie oft erschöpft und müde ist und sich vielleicht manchmal viel lieber wie Slata Roschal in Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten alleine in einem Hotelzimmer verbarrikadieren möchte. Thematisch schließen diese Texte an Maxie Wanders Guten Morgen, du Schöne an, die textlich, narrativ, ein weibliches Selbst- und Weltverständnis erforschen. Diese Form nimmt Martina Hefter nicht nur mit dem Titel ihres neuesten Buches Hey guten Morgen, wie geht es dir? auf, das von Juno und ihrem Alltag als Tänzerin und Pflegerin ihres MS-erkrankten Mannes handelt:
„Martina Hefter: „Hey guten Morgen, wie geht es dir?““ weiterlesenJuno Isabella Flock: Weiße Frau, lebt in Deutschland. Privilegiert. Keine Kinder. Entspricht damit nicht ganz dem Durchschnitt in Deutschland. Freiberufliche Performancekünstlerin, verdient mal mehr, mal weniger Geld. Hofft, dass sie bis an ihr Lebensende als Künstlerin arbeiten kann. Und dann tot umfallen ohne großen Beef. Flock ist über fünfzig und damit nicht mehr ganz so privilegiert […] Flock hat noch ungefähr dreiundzwanzig Lebensjahre vor sich, wenn alles gutgeht.
Martina Hefter aus: „Hey guten Morgen, wie geht es dir?
