Moritz Baßler: „Populärer Realismus“

Populärer Realismus
Pop gegen Populismus …

Interpretationsmodelle (4): Alle wissen, dass sich über Geschmack trefflich streiten lässt, ob als stehende Wendung in Latein oder als Lied „Jede Jeck is anders“, was dem einen seine Eul‘ ist dem anderen seine Nachtigall. Literaturkritik leistet ihren eigenen Beitrag und verteilt gerne Prädikate und Preise in der kaum zu übersehbaren Flut von Neuerscheinungen. Wie interesseleitend und hilfreich bei der Lektüreauswahl diese dann auch sind, lässt sich schwerlich abschätzen und nur im Einzelfalle überprüfen. Literaturwissenschaft geht auch hier und da einen anderen Weg. Sie versucht dann zusammenfassende Oberbegriffe für Literaturfelder zu finden, um dem Chaos der Neuerscheinungen ein wenig Einhalt gebieten zu können. Moritz Baßler schlägt in Populärer Realismus seinem neuen und gleichnamigen Buch einen solchen vor:

Der Populäre Realismus ist ein Erzählen nach den audiovisuellen und heute auch nach den digitalen und sozialen Medien.

Moritz Baßler aus: „Populärer Realismus“
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Claudia Schumacher: „Liebe ist gewaltig“ [Das Debüt 2022]

Das Cover von Claudia Schumachers Debütroman zeigt eine in Öl gemalte junge Frau. Sie liegt kopfüber und schaut aus dem Bild heraus und schaut in ihr Publikum. Sie schaut still und unbesorgt, ihre Wange hinhaltend. Neben den rotgeschminkten Lippen prangt der Romantitel Liebe ist gewaltig. Wie in der Danksagung zu finden ist, handelt es sich um einen Ausschnitt aus Xenia Hausners Gemälde Baywatch. Die warmen Farben, das friedliche Motiv und das Kopfüber-Stehen deuten auf eine tieferliegende, fast prästabilierte Harmonie hin. Nur der stoische Blick der Frau lässt einen Widerstand vermuten. In ihm liegt etwas Unbestechliches, etwas Nüchternes, Zeitloses, aber auch Hinnehmendes. Im Roman jedoch geht es gleich hart zur Sache:

Papa schlug Bruno mit der Faust ins Gesicht. Aufs Auge. Auf die Lippen. Bruno winselte vor Schmerz und vor Demütigung, presste dazwischen Sätze raus wie: Papa, ich hab‘ doch nichts gemacht, Papa, hör auf, Papa, ich wollte das nicht, Papa, Papa, bitte, bitte. Und irgendwann lag er auf dem Boden. Sein linkes Auge geschwollen. Blut am Mund. Papa kickte ihm brüllend gegen den Kopf. Mit Schuhen, die er sich extra dafür angezogen hatte.

Claudia Schumacher aus: „Liebe ist gewaltig“
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Noemi Somalvico: „Ist hier das Jenseits, fragt Schwein“ [Das Debüt 2022]

Ist hier das Jenseits, fragt Schwein
Farm der Tiere, nur friedlich … Shortlist des Bloggerpreises „Das Debüt 2022“

Sprechende Tiere tauchen gar nicht so selten in der Literatur auf, bspw. die sprechenden Hunde in Franz Werfels Stern der Ungeborenen oder in Franz Kafkas Ein Bericht für eine Akademie oder als neuere Variante Bekenntnis des Affen von Shinagawa aus Haruki Murakamis Erste Person Singular. Als Träger der Haupthandlung, als Haupfiguren also, tauchen sie seltener auf. Allen voran wären da zu nennen: George Orwells Die Farm der Tiere, und Jack Londons Ruf der Wildnis oder Unten am Fluß von Richard Adams. Im Gegensatz zu den genannten Versionen existieren in Noemi Somalvicos Ist hier das Jenseits, fragt Schwein gar keine Menschen, nur Tiere und Götter:

Nacht ist nicht geworden. Deshalb gibt’s auch keinen Tagesanbruch, keine Morgenröte, keinen ersten Sonnenstrahl, der auf den Sand fällt, sodass dieser zu sirren beginnt. Wären da nicht die kleinen Insekten, die herumschwirren, man könnte meinen, bei dieser Landschaft handle es sich um ein begehbares Foto. […] Gott trottet im Abstand von etwa hundert Metern hinterher. Es ist keine Kunst, der Route von Dachs und Schwein zu folgen. Mit dem Koffer, den es wie einen Schlitten hinter sich herzieht, gräbt Schwein eine fette Linie in den Sand.

Noemi Somalvico aus: „Ist hier das Jenseits, fragt Schwein“
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Slata Roschal: „153 Formen des Nichtseins“ [Das Debüt 2022]

153 Formen des Nichtseins
Im Kampf gegen Fremdbestimmung … Shortlist des Bloggerpreises „Das Debüt 2022„

Es gibt Romane, die laut anklagen, krakeelen wie Hengameh Yaghoobifarahs Ministerium der Träume; oder jene, die larmoyant ihre soziale Existenz bedauern, indes sie von einem Leben in Saus und Braus träumen wie Kim de l’Horizon in Blutbuch. Es gibt auch solche, die mit Humor zur Sache gehen wie Tomer Gardi in Eine runde Sache oder verwundet und etwas gebrochen, aber perennierend und auf Kultur und Kunst hoffend wie Emine Sevgi Özdamar in Ein von Schatten begrenzter Raum. Bei aller Unterschiedenheit eint diese Schreibweisen, die mit den höchstdotiertesten deutschen Literaturpreisen versehen wurden, bspw. u.a. mit dem Büchner- oder den Deutscher oder Schweizer Literaturpreis, ein Ankämpfen gegen normierte, von außen aufgedrückte fremde Sprach- und Sprechweisen. Stiller, bescheidener, aber mit selbiger Stoßrichtung kommt Slata Roschals 153 Formen des Nichtseins daher:

Ich wollte mich als einen Teil der ansässigen Bevölkerung präsentieren, als einen Einheimischen, als einen Vertreter der ärmlichen, aber gebildeten, intellektuellen und aufsteigenden Mittelschicht. Mein Deutschsein war aber zu reflektiert, zu absichtlich, sobald ich das Pragmatische, die konkreten Ziele des Sprechens außer Acht ließ, wurde meine Sprache zu einer seltsamen Mischung, zu einer breit angelegten Performance, eigenartig und irritierend.

Slata Roschal aus: „153 Formen des Nichtseins“
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Marie Gamillscheg: „Aufruhr der Meerestiere“

Aufruhr der Meerestiere von Marie Gamillscheg
die Flucht vor sich selbst … Longlist für den Deutschen Buchpreis 2022

Ordnung und Evolution dienen Marie Gamillschegs Roman Aufruhr der Meerestiere als Aufhänger, um nach einem anschlussfähigen Narrativ dem eigenen Leben gegenüber zu suchen. Ordnung und Evolution schließen sich weder aus noch ein. Sie folgen aufeinander, spielen gegeneinander und miteinander, aber lassen sich schwerlich auf Kausalzusammenhänge reduzieren. Sie gleichen mehr Trägern eines polyphonen Handlungsgefüges, als Raum-Zeit-Differenten, und eignen sich so sehr für ein modernes Erzählen, das Wege aus Selbst- und Fremdzuschreibungen sucht. Hierzu gehören aus der Gegenwartsliteratur Kim de l’Horizons Blutbuch, Bernardine Evaristos Mädchen, Frau etc. oder Antje Rávik Strubels Blaue Frau. Bei Gamillscheg forscht eine Zoologin, Luise, über die Meerwalnuss, eine Art der Rippenquallen, die ihr eine ganz andere biologische Existenz vor Augen führt:

woraus nur zu schließen ist … was wiederum zeigt … die Rippenquallen einen ganz eigenen Zweig in der Evolution bilden, der sich noch vor den Schwämmen von allen anderen Tierstämmen abgespaltet hat, eine Art Schwesterngruppe zu allen anderen Lebewesen sozusagen, und dies wiederum zeigt, dass sich die Zelltypen für Muskel und das Nervensystem während der Evolution mehrfach entwickelt haben, was wiederum heißt, dass man sich endgültig von der Vorstellung einer linearen Entwicklung verabschieden muss, dass sich also alles stets vom Einfachen zum Komplexeren und immer weiterentwickelt …

Marie Gamillscheg aus: „Aufruhr der Meerestiere“
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Jürgen Habermas: „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit“

Kaum ein Denker setzt so viel Hoffnung und Erwartung in die literarische, bürgerliche Öffentlichkeit wie Jürgen Habermas. Mit seiner Habilitationsschrift Strukturwandel der Öffentlichkeit räumte er 1962 dem räsonierenden Publikum die bedeutsame Stellung ein, zwischen Gesellschaft und Staat, also zwischen Bevölkerung und Regierung zu vermitteln. 60 Jahre später erscheint nun Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit, in welchem er diese Rolle, die der literarisch und philosophisch sich bildenden und  Sachverstand sich aneignenden Räsonierenden erneut bestimmt. Noch immer gilt für sie:

Sie [eine Demokratietheorie] muss den prinzipiellen Bedeutungsgehalt der historisch vorgefundenen und bewährten, also hinreichend stabilen Verfassungsordnungen explizit machen und die rechtfertigenden Gründe erklären, die der faktisch ausgeübten Herrschaft im Bewusstsein ihrer Bürger tatsächlich legitimierende Kraft verschaffen und daher auch deren Beteiligung sichern können.

Jürgen Habermas aus: „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit“
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Mein Lesejahr 2022

Wie im letzten Jahr möchte auch dieses Mal kurz vor Neujahr mein Lesejahr Revue passieren lassen und mit meinem letzten Post des Jahres 2022 meine diesjährigen Lesehighlights nennen. Letztes Jahr unterschied ich in den Kategorien „Selbstironie“, „Selbstlosigkeit“ und „Selbstbewusstsein“ sowie ein „Jenseits der Bestseller-Listen“. Dieses Jahr möchte ich in „Vorwärts“ und „Rückwärts“ sowie in „Hoffnungsvoll“ und „Zeitlos“ unterscheiden, um die verschiedenen Erzählhaltungen zu kategorisieren: Jene, die nach vorn schauen, in eine ungewisse Zukunft, und die, die rückwärts schauen, in eine wiederentdeckte, sich aufdrängende Vergangenheit; solche, die die Zeit mittels dialektischer Bilder im Stillstand aufzulösen versuchen, und jene, die sich von der Zeit einfach nicht bange machen lassen wollen.

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Dörte Hansen: „Zur See“

Dörte Hansen: "Zur See"
Von der See und anderen Finstbarkeiten … Spiegel-Belletristik Bestseller (49/2022)

Erzählt Marie Te Navarro von einer abenteuerlustigen Schiffskapitänin in Über die See und führt Heinz Strunk in Ein Sommer in Niendorf seinen Protagonisten an die Nordseeküste, um dort wieder zu einem gewissen, wenn auch trunksüchtigen Lebensglück zu finden, entscheidet sich Dörte Hansen in ihrem neuesten Roman Zur See für ein Weder-Noch, weder Festland noch hohe See. Ihr Roman handelt von der Familie Sander, die auf einer Nordseeinsel lebt:

Auf allen Inseln gibt es einen, der die Sagen kennt, die alten und die neuen Mythen, all die wahren, halbwegs wahren, frei erfundenen Geschichten über diese See, die Menschen, ihre Schiffe, ihre Angst. Er muss sie weitersagen, ob er möchte oder nicht, denn die Geschichten suchen den Erzähler aus, nicht umgekehrt. Auf dieser Insel ist es Ryckmer Sander, der die Sagen kennt.

Dörte Hansen aus: „Zur See“
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Clemens J. Setz: „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“

Clemens J. Setz: "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre"
Das Prinzip Versteckte Kamera … Georg-Büchner-Preis 2021.

Romanen Voyeurismus vorzuwerfen, mag absurd erscheinen. Es handelt sich schließlich um Texte über Figuren, ausgestaltet im sprachlichen Medium einer auf die Figuren hin zugeschnittenen Narration. Romane wie Madame Bovary von Gustave Flaubert oder Mit doppelter Zunge von William Golding glänzen zwar mit Details, mit dem Bericht von Intimitäten; oder, um Beispiele aus der Gegenwartsliteratur zu nehmen, Ralf Rothmann in Die Nacht unterm Schnee oder Michel Houellebecqs Vernichten gehen zwar unter die Gürtellinie, aber gleichsam nie zu weit. Den Figuren wird ein erzählerischer Spielraum gewährt. Die Beobachtung rückt ihnen auf den Pelz, aber nie zu nah. Andere Romane wie Maxim Biller Der falsche Gruß oder Constantin Schreiber Die Kandidatin führen ihre Hauptfiguren vor, wodurch der Eindruck von Voyeurismus entstehen kann. Clemens J. Setz gerät mit Die Stunde zwischen Frau und Gitarre in ähnliches Fahrwasser:

Am Abend stand Natalie nackt vor einem Spiegel. Sie hatte ihn dazu extra aus dem Schrank geholt (normalerweise mochte sie keine menschengroßen Spiegel, hatte ihn aber trotzdem nicht in der alten Wohnung zurücklassen können, weil sie dauernd daran denken musste, wie der Spiegel traurig und blind wurde). Da war er, ihr hässlicher unweiblicher Körper. Mein Gott, die Kritik dieses Idioten hat dich wirklich getroffen. Nutzloses Vieh, dachte sie. Das Gesicht im Spiegel sah kindlich beleidigt aus.

Clemens J. Setz aus: „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“
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Kalenderwoche 46-47. Lesebericht.

Kalenderwoche 46-47. Lesebericht.

Wegen Wintersmüdigkeit, Angeschlagenheit und einer allgemeinen Denkträgheit gibt es nicht viel zu berichten. Hauptsächlich beschäftigte ich mich in den letzten zwei Wochen mit Elfriede Jelineks Angabe der Person. Im Laufe der Lektüre kristallisierte sich heraus, dass vieles in Jelineks neuestem Roman auf Franz Kafkas Der Prozess verwies. Zu meinem Schrecken stellte ich aber fest, dass die Kafka-Lektüre nun schon Jahrzehnte zurückliegt und ich mich kaum noch an Details erinnerte. Nur schemenhaft geisterten die Szenen in meinem Gedächtnis herum. Erschwerend kam hinzu, dass in meinem Exemplar von Der Prozess gar keine Anstreichungen und Anmerkungen zu finden gewesen sind. Mir blieb also aus Konsistenzgründen gar nichts anderes übrig, als den Roman erneut zu lesen, um meinen Eindruck, dass dieser eng mit Jelineks neustem Roman verknüpft ist, auch am Text begründen zu können. Also las ich Der Prozess [Max Brod-Ausgabe] erneut, was, je genauer ich las, zu immer mehr Verwirrung Anlass gab, die nur kurz von narrativen Stellen wie dieser unterbrochen wurde:

An einem Wintervormittag – draußen fiel Schnee im trüben Licht – saß K., trotz der frühen Stunde schon äußerst müde, in seinem Büro. Um sich wenigstens vor den unteren Beamten zu schützen, hatte er dem Diener den Auftrag gegeben, niemanden von ihnen einzulassen, da er mit einer größeren Arbeit beschäftigt sei. Aber statt zu arbeiten, drehte er sich in seinem Sessel, verschob langsam einige Gegenstände auf dem Tisch, ließ dann aber, ohne es zu wissen, den ganzen Arm ausgestreckt auf der Tischplatte liegen und blieb mit gesenktem Kopf unbeweglich sitzen.

Franz Kafka aus: „Der Prozess“
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