Shortlist Deutscher Buchpreis (4): Alltagsdokumentationen spielen, literarisch gesehen, in die Geschichtsschreibung hinüber. Romane, die das Leben abbilden, besitzen oft einen geringeren Grad formalästhetischer Durchbildung. Die Kommunikation, wie oft im Tagebuch, setzt sofort an, springt, wie im Gespräch, unmittelbar in die Szenerie selbst. Daniela Kriens Mein drittes Leben erzählt im Präsens von dem Trauma einer Mutter, die ihre Tochter verloren hat. Helga Schubert in Der heutige Tag vom Alltag mit ihrem sterbenskranken Mann, um den sie sich kümmert, auch wenn sie oft erschöpft und müde ist und sich vielleicht manchmal viel lieber wie Slata Roschal in Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten alleine in einem Hotelzimmer verbarrikadieren möchte. Thematisch schließen diese Texte an Maxie Wanders Guten Morgen, du Schöne an, die textlich, narrativ, ein weibliches Selbst- und Weltverständnis erforschen. Diese Form nimmt Martina Hefter nicht nur mit dem Titel ihres neuesten Buches Hey guten Morgen, wie geht es dir? auf, das von Juno und ihrem Alltag als Tänzerin und Pflegerin ihres MS-erkrankten Mannes handelt:
Juno Isabella Flock: Weiße Frau, lebt in Deutschland. Privilegiert. Keine Kinder. Entspricht damit nicht ganz dem Durchschnitt in Deutschland. Freiberufliche Performancekünstlerin, verdient mal mehr, mal weniger Geld. Hofft, dass sie bis an ihr Lebensende als Künstlerin arbeiten kann. Und dann tot umfallen ohne großen Beef. Flock ist über fünfzig und damit nicht mehr ganz so privilegiert […] Flock hat noch ungefähr dreiundzwanzig Lebensjahre vor sich, wenn alles gutgeht.
Martina Hefter aus: „Hey guten Morgen, wie geht es dir?
Inhalt/Plot:
Hey guten Morgen, wie geht es dir? handelt von der etwas über fünfzigjährigen Juno, die in Leipzig lebt und auf dem Rücken liegend schlaflose Nächte verbringt, und gehört vordergründig zum Stoffbereich Liebe mit einem Plot aus Unerfüllte Liebe/Eifersucht. Aus Langeweile vertreibt sie sich die Zeit auf Instagram und beantwortet Anfragen von Love-Scammern, die ihr anzügliche, interessierte, lobhudelnde Nachrichten zukommen lassen. Juno rächt sich bei ihnen für die plumpen Versuche, indem sie Identitäten erfindet, die nichts mit ihrer Lebensrealität zu tun haben:
– Ja, meine Liebe, wahre Liebe ist etwas Wunderbares! rotes Herz
– Ich finds immer toll, wenn wahre Liebe erst im Tod ihre Wahrheit zeigt.
– Bitte sag nicht solche Sachen, Liebste!
– Doch, genau solche Dinge will ich sagen. Der Tod ist’s, der uns am Ende eint. Ich freu mich, das mit dir zu teilen, übrigens.
– Bitch.
In der virtuellen Realität der sozialen Medien findet Juno Kraft und das Selbstvertrauen, Dinge zu sagen, die sie sich im direkten Umgang nicht zu sagen wagt. Sie fühlt sich auf Schritt und Tritt beurteilt, beobachtet und findet keine Erleichterung, kein Schlupfloch, durch das sie dem gefühlten und öffentlich-vermittelten Erwartungsdruck entfliehen könnte. Mit nur spärlichen finanziellen Mitteln ausgestattet, die sich aus öffentlichen Fördergeldern für Kulturschaffende und dem vom Pflegegrad abhängigen Pflegegeld für Jupiter zusammensetzen – das Unterrichten an Volkshochschulen und der Job als Trainerin in Fitnesscentern hat sie längst aufgegeben –, kämpft sie sich durch den Alltag, mit allen Widrigkeiten, die die Krankheit Jupiters mit sich bringt. Oft sieht sich Juno am Ende ihrer Kräfte:
Juno kann nicht mehr schlafen.
Juno wird nie wieder mit Jupiter auf die Berge steigen oder ins Meer.
Juno hasst es, dass immer nur sie den Müll rausbringt, nie Jupiter.
Juno hasst sich dafür, dass sie das hasst.
Juno steht vor ihrer Wirklichkeit, die sie den Scammern verschweigt, und sie ist eine undurchdringliche Wand.
Seid froh, ihr Scammer, dass Juno so lügt.
Ihr Leben setzt sich aus einer Reihe von Maskeraden und Lügen zusammen. Sie belügt Jupiter ob ihrer nächtlichen Chateskapaden. Sie belügt ihn auch, als sie mit zwei, wahrscheinlich drogensüchtigen, Obdachlosen in einer Bar Schnaps trinken gewesen ist. Außerdem belügt sie die Dame von der Prüfstelle der Krankenkasse, um die Höhe des Pflegegeldes sicherzustellen. Juno lügt auch, als sie vergisst, Jupiters Brief einzustecken, so wie sie überhaupt im Internet, in der Selbstdarstellung ein falsches Bild von sich zu malen gewöhnt ist, und einem Tanzpartner direkt ins Gesicht lügt, als dieser sie nach ihrem Beruf fragt. Hass, Wut und Zorn, aber auch Scham begleiten Juno durch den Alltag und in ihren Erinnerungen, bspw. fühlt sie Genugtuung, dass zwei unangenehme Klassenkameraden früh verstorben sind:
Aamon und Salvan lebten jetzt nicht mehr. Juno hatte die Todesanzeige von Salvan in der Zeitung gelesen […] Aamon war noch etwas früher gestorben, verunreinigtes Ecstasy. […] Schon öfter hatte Juno gemerkt, dass sie eine fremdartige Genugtuung empfand, wenn sie an diese beiden Tode dachte. Auch jetzt wieder. Und auch jetzt erschrak sie wieder darüber.
Der Plot von Hey guten Morgen, wie geht es dir? spannt sich von September 2022 bis September 2023. In dieser Zeit besucht Juno ihre Mutter zweimal, chattet mehrere Monate mit Benu per Videostream, einem Love-Scammer, und Jupiter erleidet einen Schub, der ihn ins Krankenhaus und nachfolgend in die Reha-Klinik bringt, derweil sich Juno über ihr Alter, über Tattoos, Astrophysik und Hunde Gedanken macht und Love-Scammer auf Instagram vertreibt.
Stil/Sprache/Form:
Hefters Roman zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Setzweise aus. Die Dialoge mit den Scammern wechseln zwischen rechts- und linksbündiger Seite, nehmen so viel Raum ein und erzeugen große Leerflächen im Fließtext, der ohnehin großzügig und weiträumig, fast performativ-lyrisch gesetzt ist. Die Sprache verbleibt authentisch im alltagssprachlichen Duktus. Nur selten bricht die Schreibweise mit Dialogerwartungen und nähert sich einer literarischen Schriftsprache an:
Am dritten Tag klarte der Himmel auf. Juno fotografierte die verschneiten Berggipfel vom Balkon, schneeweiß lagen sie vor einem babyblauen Himmel, die Gegend sah jetzt viel größer aus. Auch die Nächte waren plötzlich riesig und hoch, die Milchstraße streute ihre Sterne quer über die Berge.
Beschreibungen finden selten statt. Der Text wimmelt von Emojis, raffenden Zeitsprüngen und eigenartigen Dialogsequenzen und verleihen dem Text eine Unruhe und innere Rastlosigkeit, schon alleine durch die sehr variierende Erzählzeit von Dialogen und verdichtenden Passagen. Die Lesezeit pro Seite ändert sich so von wenigen Sekunden zu Minuten. Die auktoriale Erzählinstanz, die die erzählte Welt mal aus den Augen von Juno, mal aus einem freischwebenden Blick heraus beschreibt (bspw. wenn die Erzählinstanz ruft: „Seid froh, ihr Scammer, dass Juno so lügt“), verändert nach Belieben Standpunkt und Erzählgeschwindigkeit und vermischt sogar Modi und Tempi:
Es stand vielleicht schon in den Sternen. In ungefähr zweihundert Tagen wäre wieder Herbst, sie wären mit der Erde einen halben Kreis um die Sonne geflogen. [… Juno] würde eine Packung Gewürz-Spekulatius von Gut und Günstig für eins neunundvierzig von einem der Aktionstische mit den Weihnachtsleckereien nehmen. [… und] eine unbekannte jüngere Frau, die aber trotzdem viel älter wirkte – sie trug eine Brille und ein geblümtes Kleid und schaute streng –, zu einer anderen jüngeren Frau neben ihr sagen hören, dass jetzt die alten Leute schon wieder ihre doofen Weihnachtssachen kaufen würden. Wie schlimm das sei. Sie sagte das mit der Herablassung derer, die eigentlich immer nur Gutes erlebt hatten im Leben, nie Schlechtes.
Die Zeitordnung wird empfindlich gestört. Die auktoriale Erzählinstanz weiß, was an diesem Sommertag passieren wird. Juno ahnt es nur. Für die Erzählinstanz ereignete sich das, was für Juno in der Zukunft passieren wird, in der Vergangenheit, also befindet sich die ahnende Juno in der Vorvergangenheit, und so wäre es der Klarheit der Szene dienlich gewesen, wenn sie mit „Es hatte vielleicht schon in den Sternen gestanden.“ eingeleitet worden wäre. Vor allem aber dürfte die Szene mit der jünger, aber älter wirkenden Frau nicht im Präteritum stehen („sie trug eine Brille … schaute streng“). Szenischer wäre es gewesen zu sagen, „sie würde ein Brille tragen … und streng schauen“, wie sich überhaupt die Szene am besten in einer gleichgeordneten Vorvergangenheit und noch klarer aus einer sich selbst situierenden Erzählposition inszenieren hätte lassen. Die Pointe berührt das aber letztlich nicht: Juno fühlt sich durch den Satz der jungen Frau endgültig zum alten Eisen gezählt und bricht heulend im Konsum-Markt zusammen. Hierdurch wird klar, dass Martina Hefters Roman im Grunde dem Stoffbereich Alter und dem Plot Physisches Ausgeliefertsein zuzuordnen ist, da Juno das sich an ihrem Körper manifestierende Vergehen der Zeit nicht erträgt.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Von der Erzählstimme abgesehen, wurde Hey guten Morgen, wie geht es dir? von Martina Hefter in einem dokumentarisch-realistischen Stil verfasst und lässt sich so als eine Fortschreibung und -setzung von Maxie Wanders Guten Morgen, du Schöne aus dem Jahr 1977 verstehen, in denen die Autorin neunzehn Frauen aus ihrem Leben berichten lässt. Maxie Wander verleiht ihnen eine Stimme, indem sie die zu Protokoll gegebenen Aussagen zu monologischen Selbstauskünften verdichtet, teilweise zusammenfasst, überlagert und verbindet. Besonders eine Stimme, die von Margot im Kapitel Alraune – oder Das ungelebte Leben, passt zu Martina Hefters Juno, die in ihrem Beruf als Physikerin unglücklich wird und sich mit Seitensprüngen zu trösten versucht:
Ich habe diese Liebe nicht als schön empfunden, weil mir zu vieles Ungelebte bewusst geworden ist. Ich habe versucht, davon loszukommen durch Seitensprünge. Irgendein verklemmtes Selbstgefühl war sehr geschockt. Das hat sich in einem zermürbenden psychologischen Kampf hingezogen, ich wollte nicht aufgeben, war dieser Liebe aber überhaupt nicht gewachsen. Sie hat mich belastet bis zu Magengeschwüren. Wahrscheinlich wars auch das Gefühl, beruflich festgefahren zu sein. Später habe ich die Liebesgeschichte als psychisches Doping empfunden, das mir Spannkraft gegeben hat. Vielleicht habe ich mir einfach auf erotischem Gebiet die Spannung verschafft, die ich im Beruf verloren habe.
Maxie Wander aus: „Guten Morgen, du Schöne“
Das passt genau auf Juno, die keinen wirklichen Durchbruch als Tanzkünstlerin erfährt, sich mit Stipendien und Anträgen über Wasser halten muss, und sich Kraft für die Pflegesituation aus den Love-Scammer-Chats holt. Als nämlich Benu verschwindet, merkt sie, wie wichtig ihr die Aufmerksamkeit und die Lobhudelei von ihm gewesen sind.
Vielleicht bin ich wie beide. Und habe am Ende nur mich. Vielleicht hatte ich eine Weile auch dich. Ich hab über Freundschaft nachgedacht, zum ersten Mal in meinem Leben. Vielleicht waren wir so was: Freunde. Oder hätten es werden können. Ich hatte dich gern als einen Freund. Wir sehen uns wieder, in einem anderen Leben, in einer anderen Welt. Machs gut, für immer deine Juno.
Margot in Maxie Wanders Buch begreift, dass sie sich verändern, einen anderen Beruf, ein neues Hobby ergreifen muss, denn im Alltagstrott, in ihrer Ehe, mit den Seitensprüngen, den Geheimnissen geriet sie mehr und mehr wie Juno in eine Sackgasse der Tristesse, Selbstbeschränkung und Selbstbeschimpfung. Margot beschließt zu malen, wiewohl ihr alle von klein auf davon abgeraten haben. Sie entwickelt konkrete Projekte und Bilder:
Heute würde ich keine Gemälde mehr malen. Ich würde meine Vision malen: die Angst, wie das menschliche Leben entarten kann, wie die Dinge die Menschen aushöhlen. Wie Menschen massenweise in ihren Betonzellen hausen, und keiner hat Zugang zum anderen. Und die Datschen vor der Stadt, mit Zäunen herum. Wieder Isolation. Es ist eine Tatsache, dass wir noch zu wenig Möglichkeiten für Kommunikation schaffen können.
Maxie Wander aus: „Guten Morgen, du Schöne“
Exakt um dieses Problem dreht sich auch Hefters Hey guten Morgen, wie geht es dir? Juno fühlt sich nicht nur isoliert. Sie ist isoliert. Jupiter zieht sich zurück. Sie haben kaum Kontakt miteinander. Sie geht einsam durch die Straßen von Leipzig mit vielen Erwartungen und Ängsten im Kopf und weint still vor sich hin. Für sie stellen die Sterne am Nachthimmel die einzelnen, voneinander getrennten Individuen dar, getrennt von Schwärze und einer Unendlichkeit von Leere. Sie sehnt sich nach Kontakt, aber findet keinen. Sie lügt und lässt sich belügen und begreift, dass die Schwärze im Nachthimmel und in ihren Gedanken die Sterblichkeit, den Tod symbolisiert. Sie fühlt sich alt und bricht deshalb, als sie am 14. September das Gespräch über Spekulatius mitbekommt, hilflos im Supermarkt zusammen:
[…] und der vierzehnte September, der erst noch kommen würde, war noch weit fort. Jener Tag, an dem Juno im Konsum die Spekulatius kaufen wollte und die jungen Frau sagen hörte, dass die älteren Leute, die die Weihnachtssachen im September kauften, selbst schuld wären, so ungefähr, jener Tag, an dem sie weinend zwischen den Gängen stand, weil sie nicht wusste, was sie eigentlich noch alles kaufen sollte, oder nicht kaufen, damit Jupiter einerseits überlebte, andererseits aber auch die Welt, sie, Juno […] Wer soll all das aushalten, würde Juno am vierzehnten September denken und weinend auf den Boden des Konsum Leipzig niedersinken, und niemand, der ihr wieder aufhalf.
Von Anfang an steht nämlich in Hey guten Morgen, wie geht es dir? die Angst vor dem Altsein zwischen den Zeilen. Juno photographiert tote Tiere, zählt die Jahre bis zum statistisch-wahrscheinlichen Tod, vergleicht sich mit jüngeren Tänzerinnen, überlegt, ob sie sich in ihrem Alter noch Tattoos stechen lassen darf, vergleicht sich mit den Opfern von Love-Scammern, älteren weißen Frauen, die Urlaub in Afrika machen, die Falten haben, besorgt sich um das Aussehen, lügt über ihr Alter und will und hofft noch nicht zu den alten Frauen zu gehören, die sie heimlich im Supermarkt beobachtet:
Beim Einkaufen ertappte sie sich dabei, wie sie nach älteren Frauen Ausschau hielt, hier eine und hier und hier, und da drüben bei den Fertigkuchen auch eine. Eine war stark geschminkt und bunt gekleidet, die anderen drei eher unauffällig, sie trugen gedeckte Farben. Juno schob ihren Einkaufswagen an einer der älteren Frauen vorbei. Es trennten sie wahrscheinlich kaum mehr als zehn Jahre. Vor den Kühlregalen mit den Glastüren blieb sie stehen, ihr Gesicht in einer Scheibe gespiegelt. Ein ovaler Smiley, dessen Mundwinkel gegen das Herabsinken kämpften. Heimlich dachte sie, wie doof diese Frauen doch waren, die auf die Love-Scammer reinfielen.
Am Ende, als Benu verschwindet, sie keine Ablenkung mehr hat, begreift und erkennt sie, dass sie alt geworden ist und bricht zusammen. Auf diesen Punkt arbeitet Martina Hefters Hey guten Morgen, wie geht es dir? schonungslos hin. Es ist Juno zu wünschen, dass der Moment eine Katharsis bewirkt, der sie aufwachen lässt. Leider deutet im Text nicht viel darauf hin. Der Traum scheint am Ende zu gewinnen und mit ihm der Schlaf und die Isolation und Einsamkeit, wie im Song Die immer lacht von Kerstin Ott:
Sie ist die eine, die immer lacht/ Die immer lacht/ Die immer lacht, die immer lacht, oh / Die immer lacht/ Und nur sie weiß, es ist nicht wie es scheint/ Oh sie weint, oh sie weint, sie weint/ Aber nur, wenn sie alleine ist/ Denn sie ist, wie sie ist und was sie ist/ Es ist nicht wie es scheint
Kerstin Otto: „Die immer lacht“
Nur dass Juno tanzt und nicht lacht, aber das wäre auch schon der ganze Unterschied.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.
In den nächsten zwei Wochen bis 14.10.2024 auf Kommunikatives Lesen werde ich die Shortlist des Deutschen Buchpreises besprechen, um dann wie in den Vorjahren (2023, 2022) ein eigenes Resümee zu ziehen. Bereits besprochen:
- Iris Wolff: Lichtungen,
- Clemens Meyer: Die Projektoren,
- Maren Kames: Hasenprosa.
- Martina Hefter: Hey guten Morgen, wie geht es dir?
Es folgen:
- Ronya Othmann: Vierundsiebzig
- Markus Thielemann Von Norden rollt ein Donner.
Andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier.

Ich bin jetzt schon auf dein Fazit gespannt. Mit dieser Besprechung wandert Martina Hefter auf jeden Fall auf meine „Oh, interessant“-Liste. Ich hätte eine winzige Korrektur anzubringen: „Die immer lacht“ ist von Kerstin Ott, Tanja Lasch hat es lediglich gecovert. (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Die_immer_lacht)
Neblige Morgenkaffeegrüße 🌫️🌳🍃🍂☕
Oh Danke! Ja, ich kannte noch das von Lasch, habe es sofort korrigiert und auch mit dem Remix verlinkt. Das Buch von Martina Hefter liest sich schnell und erzeugt eine eigenartige durchlässige Mischung für eigene Assoziationen. Es ist ein leichter Text, darin, dass er sich eher tänzerisch den Gedanken anschmiegt – zeitweise im Wohlgefühl, aber mich hat das Ende ein wenig paralysiert und traurig zurück gelassen. Daher musste ich mit Ott enden, das mich wieder zurück in meine Umlaufbahn gestoßen hat! Sonne für dich und den Fellträger! Viele Grüße.
Puh, das klingt ganz schön… traurig, würde ich sagen.
In diesem Jahr reizen mich wenig Nominierte, ich bin gespannt, wer dein Sieger wird.
Ich finde die Shortlist spannend, weil sie aus lauter Bücher besteht, die ich im Grunde gar nicht lesen würde – vielleicht mit Ausnahme von Clemens Meyer. Hefters Roman hat ihre Momente, aber es ist in der Tat eher ein trauriges Buch. Sie bricht nicht aus. Sie bleibt. Sie verharrt, verrammelt sich. Ihr bleiben die Sterne. Sie tanzt und träumt, das reicht ihr. Morgen kommt Markus Thielemanns Roman, und dann hoffentlich, am Samstag, Vierundsiebzig von Othmann, dann brauche ich eine kurze Atempause. Ich weiß übrigens selbst noch nicht, wer Sieger wird 😀 … ich vergebe ja nochmal relational 1-6 Punkte für meine Kategorien, und dann zähle ich zusammen, da kommen die verrücktesten Dinge bei raus. Knappes Feld dieses Mal. Viele Grüße!
Schöne Rezension ( wie immer). Interessant fand ich den Bezug zu Maxi Wanders Schönen. Die erzählten tatsächlich auch oft vom Aushalten.
Ja, Juno jammert, füllt die Leere mit Scheinkontakten, bricht nicht auf. Sie profitiert von der Pflege. Nicht materiell , aber vom Machtgefälle. Das fand ich wirklich furchtbar an diesem Roman, diese Nichtbeziehung. Jupiter will aufbrechen: vielleicht nur im Scherz oder Frust sagt er : er wolle ins Altersheim und Juno hat nichts besseres zu tun, als zu antworten,: in diese Hölle lasse sie ihn nicht gehen. Aber ist es nicht auch Hölle in einer Wohnung zu leben aus der man nicht rauskommt und sich pflegen zu lassen von jemanden der so unzufrieden ist.
Seltsames Buch, da gebe ich dir Recht.
Das Buch handelt eigentlich von Geld, davon, wie sie sich als Künstlerin über Wasser hält, welche Existenzsorgen sie besitzt – die Krankheit des Mannes dient auch als Geldquelle. Alles dreht sich in diesem Buch um Geld, es ist nahezu eine Erzählung, wie sie als freischaffende Künstlerin es schafft, die Projekte zu finanzieren, und sich dann, weil sie so perspektivlos ist, sich mit Romanzen-Chats abzulenken. Schade, dass sie in das Prekäre so wenig betont, bspw. ihre Nähe zu den Drogensüchtigen, die auf der Straße leben. Es ist ein hartes, beklemmendes Buch.
Hast du zufällig gestern das Literarische Quartett gesehen? Ich war völlig perplex, wie dieses Buch gelesen und interpretiert wurde
Mich frustriert oft der Umgang mit Literatur in diesem Format. Ich werde es mir dennoch anschauen, wenn du mich danach befragst. War Jakob Augstein dabei, der analysiert hier und da wenigstens?
Hab noch eine Folge gesehen, in der Ijoma Mangold dabei war. Den fand ich auch gut
„Interessant fand ich den Bezug zu Maxi Wanders Schönen…“ (Xeniana) Habe Wander vor Urzeiten gelesen. Zu sagen, ich erinnere viel, waere gelogen.
Ich habe nur Ausschnitte von Maxie Wander gelesen, aber hier mag ich die Fähigkeit der Autorin, sich in die Protokolle der Befragten einzufühlen und es zusammenzufassen, und in Freiheit, das Gesagte zu intensivieren, sodass es mehr als eine Transkription wurde.
Ich schaue es nicht, eigentlich, aber ich sah, dass Hej Guten Morgen besprochen wurde. Nein Augstein war nicht dabei.
Das Quartett ist auch nicht mehr dasselbe ohne Sigrid Löffler, und die war mir auch schon oft zu diskursbelastend und perspektiviert, aber stets mit Weitblick und Textverständnis. Ich überlege mir mal das Magazin von ihr zuzulegen. Eigentlich gute Idee.
Hallo Alexander, mit größtem Interesse lese ich hier erstmalig deine Analysen und schon nach einer guten Stunde stelle ich fest, dass deine analytischen Bemerkungen oft mit meinem Bauchgefühl übereinstimmen, das ich bei der einen oder anderen Lektüre hatte. Sehr fundiert, äußerst anspruchsvoll. Danke dafür!
Gestern ein Gespräch zwischen Sigrid Löffler und Denis Scheck in der ARD Mediathek gesehen. Eine kluge Kritikerin, weitaus gebildeter und analytisch präziser als Denis Scheck. Sie war damals nicht unumstritten, hatte ihre Positionen, das zeichnet auch einen Kritiker aus. Scheck hingegen ist mir zu reißerisch, selbstinszenierend, und er verreißt oft nicht nach objektiven Kriterien sondern danach, was ihm überhaupt nicht gefällt oder wen er nicht leiden kann; das gehört für mich unter die freie Meinungsäußerung, aber nicht unter Literaturkritik. Schade, dass Sigrid Löffler nicht öfter zu Gehör kommt. Ihre Literaturen hatte ich früher abonniert, heute erscheint die Zeitschrift als Magazin im Magazin von Cicero.
Ja, ich vermisse Löffler im Literarischen Quartett auch, und auch das eigenständige Magazin. Hier und da finde ich noch Kommentare, für mich gehört Löffler zu einigen Wenigen, die Literatur noch als Schriftsprache ernstnehmen. Geschmacksurteile werden ja hauptsächlich nicht als „Urteile“ interessant, sondern durch die Verwebung und Entstehung, also durch den Kontext, d.h. die Beschreibungen können in einen Lesehorizont eingeordnet werden. Wer nur Zeitung liest, wird Hefters Buchpreis-Roman anders lesen, als jemand, der noch in die Bibliothek geht, um sich dicke verstaubte Schwarten aus den Regalen zu ziehen. Danke für den Kommentar und die Hinweise!