Deutscher Buchpreis 2026: Die Shortlist. Mein Fazit.

Shortlist des deutschen Buchpreises

Auch dieses Jahr habe ich wieder einige Titel der Long- und alle Titel der Shortlist gelesen, um an dieser Stelle einen kleinen Überblick über den diesjährigen vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ausgelobten Deutschen Buchpreis zu geben. Als Hobbyblogger hoffe ich wegen des engbemessenen Zeitraumes zwischen Bekanntgabe der Shortlist und Preisverleihung stets darauf, die meisten Titel der Shortlist bereits im Vorfeld gelesen zu haben. Das Kalkül ging aber nicht auf, und so musste ich dieses Mal vier, und zudem noch umfangreiche Bücher in drei Wochen unterbringen, um noch rechtzeitig ein Fazit ziehen zu können. Schon jetzt kann ich sagen, dass die Dichte der stilistisch interessanten Bücher dieses Jahr, im Vergleich zu den vorherigen Jahren, sehr hoch gewesen ist, so dass für mich bis zum Ende nicht klar war, welches Buch mein Favorit werden wird. Wie auch in den letzten Jahren lasse ich einfach mein Bewertungssystem entscheiden und überrasche mich dann selbst. In diesem Jahr stehen auf der Shortlist des deutschen Buchpreises folgende Titel. Jeder Titel ist verlinkt mit der langen und ausführlichen Rezension, die auf diesem Blog zuvor bereits erschienen ist:

  1. Elias Hirschl: „Schleifen“  
  2. Dana Vowinckel: „Anton und Alma“  
  3. Franziska Gänsler: „Orca“  
  4. Shida Bazyar: „Die Lücken“  
  5. Valeria Gordeev: „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“  
  6. Peggy Mädler: „Selbstregulierung des Herzens“  

Bevor nun am 5. Oktober 2026 der Siegertitel bekanntgegeben wird, hier meine Auswertung.

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Dana Vowinckel: „Anton und Alma“

Anton und Alma von Dana Vowinckel
Anton und Alma von Dana Vowinckel. Shortlist deutscher Buchpreis 2026.

Anton und Alma verhandelt im kritisch-realistischen Stil eine jüdisch-deutsche Identitätskrise innerhalb eines Beziehungsdramas und gleicht hiermit von Anfang in Stoff und Plot Dana von Suffrins Toxibaby, von derselbigen Autorin Nochmal von vorne, und eher humoristischen Varianten wie die von Tomer Gardi in Eine runde Sache. Literaturhistorisch erhält der Roman noch durch die Figur Antons deutlichen Bezug zu Philip Roths Portnoys Beschwerden (1969), des an seiner Identität leidenden, sexuell-hyperaktiven jungen Mannes. Angesiedelt im Berlin-Kreuzberg der Gegenwart wird vom Jahr 2019 an die Beziehung zwischen Anton und Alma erzählt, mit Fokus auf Anton als Objekt der Begierde, das sich immer wieder entzieht und doch immer wieder im Dunstkreis von Almas Leben auftaucht:

Alma hoffte, er würde vielleicht näher kommen, aber er blieb am Schrank neben der Zimmertür stehen, angelehnt mit seinem ganzen Gewicht, als müsste der Schrank ihn festhalten, und spielte mit seiner Halskette. Es gab keine Indizien für eine Freundin hier drin. Sie wollte, dass Anton nervös war, wie man vor einem ersten Kuss nervös war. Sie wollte das Zimmer nicht verlassen, sie wollte wissen, wie seine Bettwäsche roch, und sie wollte wissen, wie es sich anfühlen würde, mit jemandem zu schlafen, den man attraktiv fand, obwohl man ihn nicht seit der Grundschule kannte, doch dann fiel ihr ein, dass sie sich seit der Oberschule kannten. Es war Alma anscheinend unmöglich, Menschen begehrenswert zu finden, die sie nach der Volljährigkeit kennengelernt hatte, es mussten immer Männer sein, die sie kindlich, jugendlich angehimmelt hatte.

Dana Vowinckel aus: „Anton und Alma“
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Aisha Gamisch: „Parasiti“

Parasiti von Aisha Gamisch
Parasiti von Aisha Gamisch. Longlist deutscher Buchpreis 2026.

Parasiti von Aisha Gamisch reiht sich ein in eine realistische, an die Ästhetik von Lukács angelegte Gegenwartsliteratur, die zeithistorische Knotenpunkte literarisch erforscht und mit erzählerischen Mitteln zu erschließen sucht. Der Roman steht in sehr engem Zusammenhang mit Elli Unruhs Fische im Trüben (Shortlist Leipziger Buchpreis 2026), Svenja Leibers Nelka (Longlist deutscher Buchpreis 2026), Katerina Poladjans Goldstrand (Leipziger Buchpreis 2026) und Dmitrij Kapitelmans Russische Spezialitäten (Longlist deutscher Buchpreis 2025), um nur einige wenige zu nennen. Im Sinne des kritischen Realismus wird jedoch nicht ein Konflikt in seiner Totalität beschrieben, wie im Paradebeispiel Krieg und Frieden, sondern stattdessen aus dem Alltag heraus typische Problemzonen studiert. Im Falle von Parasiti ein sehr problematisches Ehe- und Liebesleben zwischen Lydia und ihrem Ehemann Sashka:

Ihr Sashka hat wieder gestunken, als hätte er im Klohäuschen gelegen. Wie oft hat sie ihm schon gesagt: »Wasch dich, bevor du ins Bett kommst! Trink, wenn es sein muss, aber wasch dich wenigstens!« Doch er spritzt sich immer nur Adekalon ins Gesicht. Als würde das helfen. Er ist nach Mitternacht gekommen, rumpelnd und mit einem Geruch, boshe moj! Davon ist ihr so schlecht geworden, dass sie aufstehen musste, ein paar Minuten auf und ab gehen – wie ein Geist.

Aisha Gamisch aus: „Parasiti“
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Leipziger Buchmesse Preis 2026: Die Shortlist. Mein Fazit.

Als ich meinen Blog begann, im Frühjahr 2021, bekam Iris Hanika mit Echos Kammern den Preis der Leipziger Buchmesse zugesprochen. Es hat mich damals fröhlich gestimmt, ein solch buntes, lebenslustiges, verspieltes, verschrobenes Werk so geehrt zu finden. Zu diesem Zeitpunkt bin ich in Sachen Gegenwartsliteratur ziemlich unbewandert gewesen, wenn nicht sozusagen völlig ahnungslos. Iris Hanika, Clauda Durastanti mit Die Fremde, und Helga Schuberts Vom Aufstehen motivierten mich daraufhin, tiefer in die Tiefen und Untiefen des literarischen Gegenwärtigen einzutauchen, und seitdem lese ich die jeweiligen Shortlist-Titel des Georg-Büchner-Preises, des Preises des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, des Literaturnobelpreises und auch die des Leipziger Buchmesse-Preises mit lebendig sich hebendem und veränderndem Interesse.

Was hat also der Leipziger Buchmesse-Preis 2026 zu bieten?

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Elli Unruh: „Fische im Trüben“

Fische im Trüben von Elli Unruh.
Fische im Trüben von Elli Unruh. Shortlist Leipziger Buchmessepreis 2026.

Shortlist des Leipziger Buchmesse-Preises 2026: Fische im Trüben behandelt das Thema Umsiedlung, Heimatverlust und Vertreibung anhand einer aus der Ukraine vertriebenen Familiengeschichte von (mennonitischen) Russlanddeutschen, die sich nach Bürger- und Weltkriegswirren im entfernten Kirgisien der1950er Jahre wiederfinden. Der Debütroman von Elli Unruh spannt einen Erinnerungsraum in der Weite und Breite der kirgisischen Steppe auf und schließt sich Werken wie Birobidschan eines Tomer Dotan-Dreyfus oder Herta Müllers Atemschaukel an, aber geht auch den Spuren eines Siegfried Lenz aus Heimatmuseum nach, indem die Erinnerung, das museales Verarbeiten, das Festhalten am Brauchtum in diesen Romanen selbst problematisch, fast zu einer Drangsal werden. Unruhs Roman lebt jedensfalls vor allem und zuvörderst von der beschriebenen Leere und Weite der Landschaft vor dem über 7000 Meter hohen Tian Shan:

Zuletzt im Sommer, wenn die Steppe wie das Fell einer Saiga [Antilope] im tiefen Licht der Sonne steht und im Osten das Tian Shan-Gebirge mit langgestreckten Hängen, Gletscherfirst und wind- und eisgeschärften Kämmen jeden Tag eher in der Dunkelheit versinkt, neigen sich, von Äpfeln beladen, die Äste der Bäume im Gärtchen Almaly [Apfel] schon fast bis zum Boden. Wenn nicht bald jemand zur Ernte kommt, brechen sie ab, dann war alles umsonst.
Elli Unruh aus: „Fische im Trüben“

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