Dana Vowinckel: „Anton und Alma“

Anton und Alma von Dana Vowinckel
Anton und Alma von Dana Vowinckel. Shortlist deutscher Buchpreis 2026.

Anton und Alma verhandelt im kritisch-realistischen Stil eine jüdisch-deutsche Identitätskrise innerhalb eines Beziehungsdramas und gleicht hiermit von Anfang in Stoff und Plot Dana von Suffrins Toxibaby, von derselbigen Autorin Nochmal von vorne, und eher humoristischen Varianten wie die von Tomer Gardi in Eine runde Sache. Literaturhistorisch erhält der Roman noch durch die Figur Antons deutlichen Bezug zu Philip Roths Portnoys Beschwerden (1969), des an seiner Identität leidenden, sexuell-hyperaktiven jungen Mannes. Angesiedelt im Berlin-Kreuzberg der Gegenwart wird vom Jahr 2019 an die Beziehung zwischen Anton und Alma erzählt, mit Fokus auf Anton als Objekt der Begierde, das sich immer wieder entzieht und doch immer wieder im Dunstkreis von Almas Leben auftaucht:

Alma hoffte, er würde vielleicht näher kommen, aber er blieb am Schrank neben der Zimmertür stehen, angelehnt mit seinem ganzen Gewicht, als müsste der Schrank ihn festhalten, und spielte mit seiner Halskette. Es gab keine Indizien für eine Freundin hier drin. Sie wollte, dass Anton nervös war, wie man vor einem ersten Kuss nervös war. Sie wollte das Zimmer nicht verlassen, sie wollte wissen, wie seine Bettwäsche roch, und sie wollte wissen, wie es sich anfühlen würde, mit jemandem zu schlafen, den man attraktiv fand, obwohl man ihn nicht seit der Grundschule kannte, doch dann fiel ihr ein, dass sie sich seit der Oberschule kannten. Es war Alma anscheinend unmöglich, Menschen begehrenswert zu finden, die sie nach der Volljährigkeit kennengelernt hatte, es mussten immer Männer sein, die sie kindlich, jugendlich angehimmelt hatte.

Dana Vowinckel aus: „Anton und Alma“
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Peggy Mädler: „Selbstregulierung des Herzens“

Selbstregulierung des Herzens von Peggy Mädler
Selbstregulierung des Herzens von Peggy Mädler. Longlist deutscher Buchpreis 2026.

Die Aufarbeitung der DDR eignet sich allein schon durch die übersichtliche zeitliche Beschränkung, nämlich auf vier Jahrzehnte, zum Romanstoff.  Einige Romane bearbeiten deshalb die DDR auf vollumfängliche Weise, wie zuletzt in Christoph Heins Das Narrenschiff (2025), von ihren Anfängen 1949 bis zu ihrem Ende 1989. Peggy Mädlers Selbstregulierung des Herzens kann als getreue Wiederaufnahme dieses von Christoph Hein vorangetriebenen DDR-Chronik-Projekts gelesen werden, das bislang noch einige narrative Längen und kompositorische Schwierigkeiten aufweist. Wie in diesem stehen auch bei Mädler eher leitende Angestellte und Kunstschaffende im Vordergrund, insbesondere Wirtschaftswissenschaftler und Filmschaffende, und wie bei Hein spiegelt sich das Auf und Ab der DDR in den Liebesbeziehungen der Einzelfiguren wider. Mädler konzentriert sich in Selbstregulierung des Herzens zumindest auf weniger Figuren und lediglich auf das Leben rund um eine Bungalowsiedlung nördlich von Berlin, in der Nähe von Bernau:

Es ist schon eine sehr seereiche Umgebung hier. Wie die Glieder einer Perlenkette verteilen sie sich über die Landschaft, teils durch Fließe oder Kanäle verbunden. Viele sagen, der schönste See der Umgebung sei ein großer, türkis schimmernder Waldsee mit einem Werder darin. Mit dem Fahrrad oder Moped war er vom Dorf aus gut zu erreichen und nur unbedarfte Ausflügler wussten damals nichts von den Sperrgebieten dort rund um eine geheime Funktionärssiedlung einige Kilometer weiter im Wald. Die war als Wohnsitz für die Mitglieder des Politbüros obligatorisch. Kein Feierabend von den Genossen erlaubt. Manche im Ort überkommt da noch heute die Schadenfreude, denn wer sich schon in der Arbeit nicht über den Weg traue, mache sich sicher auch im Privaten das Leben zur Hölle. Und dann schwärmen sie weiter vom samtenen See, der in ihren Beschreibungen wahlweise türkisfarben oder smaragdgrün funkeln kann.

Peggy Mädler aus: „Selbstregulierung des Herzens“
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Muri Darida: „King Cobra“

King Cobra von Muri Darida.
King Cobra von Muri Darida. Longlist deutscher Buchpreis 2026.

In die Longlist des deutschen Buchpreises werden stets ein bis zwei sprachlich innovativere Titel aufgenommen, im letzten Jahr bspw. Dorothee Elmigers Die Holländerinnen, und davor Maren Kames’ Hasenprosa. Muri Daridas King Cobra zeichnet sich ebenfalls durch Sprachexperimentiertum aus und lässt sich in der diesjährigen Auswahl als Repräsentant dessen verstehen, was einst Avantgardismus genannt wurde und in der Traditionslinie von Adornos Ästhetik steht. In dieser wendet sich die Form gegen ein Inneres und Stoffliches als zersetzende Kritik einer Gegenwart. Daridas King Cobra steht ganz im Zeichen eines solchen surrealistischen Unternehmens:

Immer dasselbe: Man ist hier, und hier ist man genau der, der man hier ist, oder die. Und dann ist man dort, und auf einmal ist man nur noch der, oder die, oder das Darüberhinaus, das man dort ist. Wie eine Ente, die lässig durchs Wasser slidet und sich denkt: Das bin ich, ein Wassertier. Dafür bin ich geschaffen. Kinn auf Hals, bisschen paddeln mit der Crew. Und dann watschelt die Ente an Land: Maßlos enttäuscht von sich selbst, vom Schotter, von ihrem ganzen verschissenen Leben, latscht sie frei von Eleganz daher. Kies piekt in ihre Schwimmhaut. Bis ein blonder Hund auf den Teich zugeschossen kommt.

Muri Darida aus: „King Cobra“
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Aisha Gamisch: „Parasiti“

Parasiti von Aisha Gamisch
Parasiti von Aisha Gamisch. Longlist deutscher Buchpreis 2026.

Parasiti von Aisha Gamisch reiht sich ein in eine realistische, an die Ästhetik von Lukács angelegte Gegenwartsliteratur, die zeithistorische Knotenpunkte literarisch erforscht und mit erzählerischen Mitteln zu erschließen sucht. Der Roman steht in sehr engem Zusammenhang mit Elli Unruhs Fische im Trüben (Shortlist Leipziger Buchpreis 2026), Svenja Leibers Nelka (Longlist deutscher Buchpreis 2026), Katerina Poladjans Goldstrand (Leipziger Buchpreis 2026) und Dmitrij Kapitelmans Russische Spezialitäten (Longlist deutscher Buchpreis 2025), um nur einige wenige zu nennen. Im Sinne des kritischen Realismus wird jedoch nicht ein Konflikt in seiner Totalität beschrieben, wie im Paradebeispiel Krieg und Frieden, sondern stattdessen aus dem Alltag heraus typische Problemzonen studiert. Im Falle von Parasiti ein sehr problematisches Ehe- und Liebesleben zwischen Lydia und ihrem Ehemann Sashka:

Ihr Sashka hat wieder gestunken, als hätte er im Klohäuschen gelegen. Wie oft hat sie ihm schon gesagt: »Wasch dich, bevor du ins Bett kommst! Trink, wenn es sein muss, aber wasch dich wenigstens!« Doch er spritzt sich immer nur Adekalon ins Gesicht. Als würde das helfen. Er ist nach Mitternacht gekommen, rumpelnd und mit einem Geruch, boshe moj! Davon ist ihr so schlecht geworden, dass sie aufstehen musste, ein paar Minuten auf und ab gehen – wie ein Geist.

Aisha Gamisch aus: „Parasiti“
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Jehona Kicaj: „ë“

ë von Jehona Kicaj
ë von Jehona Kicaj. Shortlist Deutscher Buchpreis 2025.

ë von Jehona Kicaj gehört zu einer Klasse von Texten, die eher dem Autobiographischen, kursorisch Historischen zugewandt sind als dem Fiktionalen. Als herausragendes Exemplar dieser Form erscheint Alexander Solschenizyns Der Archipel Gulag. Aufklärungs- und Dokumentarliteratur durch und durch, wurde sein Gesamtwerk 1970 mit dem Literaturnobelpreis versehen. Ähnlich gelagert lässt sich Svetlana Alexijewitschs Werk lesen, bspw. Secondhand-Zeit, die 2015 ebenfalls den Literaturnobelpreis verliehen bekommen hat. In diesen Werken steht das Sprachliche mit dem Dokumentarischen auf einem Fuß, die Sprache als Zeugnisablegen, als Erinnerungsstruktur. Mit dem Fiktionalen, dem Lebenselement des Romans, haben die meisten Werke der beiden nichts zu tun. Jehona Kicaj wählt in ë den Roman als Medium, um an das Grauen zu erinnern, das die kosovo-albanische Bevölkerung im damaligen Serbien und Kosovo ereilt hat:

Ich dachte an die Video-Aufnahmen aus dem Gerichtssaal, die ich mir am gestrigen Abend angesehen hatte. Es waren Aufnahmen aus dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag. Eine Frau aus Suhareka sagt darin aus, dass serbische Polizisten und Paramilitärs fast fünfzig Familienmitglieder in eine kleine Pizzeria unweit ihres Hauses getrieben, dann Handgranaten hineingeworfen und mit Maschinenpistolen auf alle geschossen haben, »zwanzig Minuten lang, vielleicht auch dreißig, eine endlos lange Zeit, ohne Unterbrechung«, sagt sie. Ihren Mann und vier Kinder hatte diese Frau verloren, sechzehn, vierzehn und elf Jahre alt, das eine erst einundzwanzig Monate. Vor Gericht erzählt sie, ruhig und gefasst, dass sie gesehen hat, wie ihre Tochter fünf- oder sechsmal getroffen wurde, die Schüsse, sagt sie, hatten sie »ganz zerfetzt«. Sie wäre ein »so schönes, gesundes Mädchen« gewesen.
Jehona Kicaj aus: „ë“

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Dana von Suffrin: „Nochmal von vorne“

Nochmal von vorne
Nochmal vorn vorne von Dana von Suffrin. Longlist Deutscher Buchpreis 2024.

Jüdisch-deutsches Schreiben arbeitet sich momentan gerne mittels phantastischer, zeitverschobener Elemente wie bei Tomer Gardis Eine runde Sache oder Tomer Dotan-Dreyfus‘ Birobidschan an der Vergangenheit ab. Gardi lässt eine Sintflut über Deutschland hinwegbrausen und Dotan-Dreyfus beschwört Zeitreisen im fernen Siberien. Dana von Suffrin bleibt in ihrem neuesten Roman, dem zweiten nach ihrem Debüt Otto, ziemlich auf dem Boden gewöhnlicher Tatsachen. Ihre Ich-Erzählerin Rosa verarbeitet die zerfahrene deutsch-jüdische Familiengeschichte anlässlich des Todes ihres Vaters Mordechai:

Nach einer halben oder Dreiviertelstunde kommt die Schwester zurück. Sie übergibt mir den ausgefüllten Totenschein, ich sehe ihn gar nicht an und stecke ihn in meine Tasche. Sie nickt, und dann geht sie wieder in ihr Zimmer, aber sie kommt sofort wieder heraus, kaum dass sie die Türe geschlossen hat. Eine Sache noch, sagt sie, das habe ich vergessen, es tut mir leid, ich kenne die Abläufe noch nicht gut, wollen Sie Ihren Vater noch einmal sehen? Ich antworte, dass ich nur gekommen bin, um die Papiere zu bringen und um seine Sachen abzuholen […] dann sage ich gar nichts mehr, ich möchte ja nicht für eine Esoterikerin gehalten werden.
Auf dem Heimweg, in der U-Bahn, sehen alle aus wie immer, und es gibt keine Blitze und keinen Donner, der Tag, an dem Mordechai Jeruscher gestorben ist, ist ein ganz normaler Tag.
Dana von Suffrin aus: „Nochmal von vorne“

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Deutscher Buchpreis 2024: Die Shortlist. Mein Fazit.

Deutscher Buchpreis 2024
Deutscher Buchpreis 2024.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels lobt seit 2005 jedes Jahr zu Beginn der Frankfurter Buchmesse den ‚Roman des Jahres‘ aus, auch Deutscher Buchpreis genannt, um über die Ländergrenze hinaus Aufmerksamkeit für deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu schaffen. Dieses Jahr standen auf der Shortlist die folgenden sechs Bücher, die ich einzeln und für sich stehend in den letzten Wochen besprochen habe:

Bevor am 14.10.2024 um 18:00 Uhr die offizielle Bekanntgabe des Siegertitels des Deutschen Buchpreises erfolgt, nun meine Auswertung.

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Ronya Othmann: „Vierundsiebzig“

Vierundsiebzig von Ronya Othmann.
Vierundsiebzig von Ronya Othmann. Deutscher Buchpreis Shortlist.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (6): Texte über den Genozid besitzen eine lange und traurige Tradition in der Menschheitsgeschichte, insbesondere seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Angefangen mit den Massakern in Kongo und Armenien, über die Verfolgungen und Massentötung der jüdischen Bevölkerung Europas im Holocaust während des Zweiten Weltkrieges, hin zu den Massentötungen in Kambodscha, in den jugoslawischen Bürgerkriegen, später Ruanda und Darfur setzt der religiös-motivierte versuchte Genozid durch den Islamischen Staat (IS) im Nordirak an der êzîdischen Bevölkerung einen weiteren traurigen Tiefpunkt in der blutigen Geschichte der Neuzeit. Ronya Othmann, selbst êzîdischer Herkunft, schreibt in Vierundsiebzig über den sogenannten Ferman 74:

Die Parlamentarierin, die bei ihrer Rede zusammengebrochen ist, die Reporter, die angefangen haben zu weinen, die alte Frau, die verstummt ist, und der Sheikh, der eine Geschichte nach der anderen erzählte, der sagte, er könne vierundzwanzig Stunden weitererzählen, ohne zu einem Ende zu kommen, zeigen, dass es keine Sprache gibt für das, was im August 2014 geschah. Selbst das Aneinanderreihen der Fakten, das Zählen der Toten, selbst das Datum, 3. August 2014, oder 74. Ferman, wie wir Êzîden den Genozid nennen, bleiben ein Platzhalter für etwas, wofür wir keine Worte haben. Die Sprachlosigkeit liegt noch unter der Sprache, selbst wenn ein Text da ist. Die Sprachlosigkeit ist das Unbeschreibliche, und sie ist selbst Teil des Textes. Die Sprachlosigkeit strukturiert den geschriebenen Text, legt seine Grammatik fest, seine Form, seine Worte.
Ronya Othmann aus: „Vierundsiebzig“

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Markus Thielemann: „Von Norden rollt ein Donner“

Vom Norden rollt ein Donner by Markus Thielemann
Von Norden rollt ein Donner von Markus Thielemann. Deutscher Buchpreis Shortlist.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (5): Kritische historische Themen in Verbindung mit spannungsgeladenem Handlungsverlauf schließen sich nicht aus. Insbesondere die englischsprachige Literatur besitzt eine Vielzahl von Beispielen für diese Form wie der Roman Schnee, der auf Zedern fällt von David Guterson, in welchem die Repressionen japanisch-stämmiger US-Amerikaner zur Zeit des Zweiten Weltkrieges thematisiert werden; oder Nicholas Evans, bekannt durch Der Pferdeflüsterer, in seinem Roman Im Kreis des Wolfes, in welchem der Wolf sowohl schützenswertes Leben wie eine Gefahr für die Landbevölkerung Montanas in den Rocky Mountains darstellt. Beide Romane legen Wert auf Spannungsbögen, Verdichtung und Romanzen, aber reflektieren dennoch eingehend über moralisch-politische Dimensionen des angerissenen Stoffs. Markus Thielemann legt mit Von Norden rollt ein Donner ein ähnlich gearteten Roman vor. Er handelt von Viehbauern in der Lüneburger Heide, in der plötzlich wieder Wölfe aufgetaucht sind:

Einer spricht sich für den Abschuss aus, ein anderer beleidigt ihn als Ewiggestrigen, man könne doch nicht immer nur mit dem Gewehr denken. «Der Wolf gehört eben hier nicht her, Punkt», ruft einer, «sondern in die Vergangenheit oder in andere Länder. Einfach gesagt, passt er eben nicht in unsere deutsche Kulturlandschaft.» Viele stimmen dem Mann zu. Man habe Angst um Kinder und Hunde, Kaninchen und Hühner. Im Ganzen: um seine Lebensart.
Markus Thielemann aus: „Von Norden rollt ein Donner“

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Maren Kames: „Hasenprosa“

Hasenprosa by Maren Kames
Hasenprosa von Maren Kames. Deutscher Buchpreis-Shortlist.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (3): Die Großeltern tauchen in vielen Romanen auf, aber selten stehen sie im Zentrum des Geschehens. Oft besetzen sie wichtige Nebenfiguren wie bspw. die versöhnende Großmutter Bethsy Buddenbrook im gleichnamigen Roman von Thomas Mann. Ausnahme bilden hier Romane wie Anne Rabes Die Möglichkeit von Glück, in der sich die Protagonistin am Verhalten ihres Großvater Pauls abarbeitet, oder Kim de l’Horizons Blutbuch, in welchem ein sehr distanziertes Verhältnis zur Großmutter (auch zur Mutter) wie zur gesamten Familiengeschichte zur Sprache kommt. Maren Kames nähert sich in ihrem sprachexperimentellen Roman Hasenprosa ihren Großeltern mit größerer Behutsamkeit:

Liebe Oma, ich rauche und trinke und schlafe, wann ich will. Vielleicht, stelle ich mir vor, wärst du neidisch auf mich, ich bin relativ frei, ich glaube, dir würde das auch gefallen. Ich bin immer noch schwierig. Aber ich wachse, immer ein Stückchen, wahrscheinlich weiter in mich rein. Es geht mir gut. Ich wüsste gerne, dass du weißt, ich schreibe. Noch in dem Jahr, als du gestorben bist, habe ich das erste Buch fertig geschrieben. Es ist längst nicht mehr alles so unklar wie damals. Die Aussicht darauf hätte ich dir lieber noch mitgegeben.
Maren Kames aus: „Hasenprosa“

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