Lew Tolstoi: „Anna Karenina“ (ii: Komposition)

Anna Karenina von Lew Tolstoi.
Anna Karenina von Lew Tolstoi.

Nach dem ersten Teil meiner Lesebesprechung von Lew Tolstois Roman Anna Karenina (1877), in welchem ich die grobe inhaltliche Struktur des Romans rekonstruiert habe, widme ich mich im zweiten Teil seinen kompositorischen Eigenschaften. Insbesondere will ich auf die Schnitt- und Montagetechnik wie auch auf den dadurch implizit kommentierenden, sich einschaltenden auktorialen Erzähler eingehen. Middlemarch (1871) von George Eliot, das ein paar Jahre früher im viktorianischen England entstand, besitzt eine ähnliche Erzählinstanz, aber eine völlig verschiedene Komposition. Im Gegensatz zu Tolstoi bemüht sich Eliot (Mary Ann Evans) um eine ausgewogene balancierte Beschreibung, wohingegen Tolstoi teilweise schon brutale Montagen und tendenziöse Gegenüberstellungen wagt, die nicht nur erzählkommentierend, sondern auch die formale fiktionale Illusionen empfindlich stören. Wie im ersten Teil der Besprechung ausgeführt, stellen Anna Arkadjewna Karenina und Konstantin Dmitritsch Lewin die Hauptfiguren. Tolstois Erzählinstanz führt Anna wie folgt ein:

Anna wirkte nicht wie eine Salondame oder Mutter eines achtjährigen Sohnes; nach der Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, ihrer Frische und der ihrem Gesicht innewohnenden Lebhaftigkeit, die sich einmal in einem Lächeln, dann in einem Blick äußerte, hätte man sie eher für ein zwanzigjähriges junges Mädchen halten können, wenn nicht der ernste, zuweilen wehmütige Ausdruck ihrer Augen gewesen wäre, der Kitty faszinierte und anzog. Kitty fühlte, daß sich Anna völlig natürlich gab und nichts verbarg, daß es aber in ihr eine andere, höhere Welt gab, von komplizierter und poetischer Art, die Kitty nicht zugänglich war.
Lew Tolstoi aus: „Anna Karenina“

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Lew Tolstoi: „Anna Karenina“ (i: Inhalt)

Anna Karenina von Lew Tolstoi.
Anna Karenina von Lew Tolstoi.

Neben den außerordentlich zahlreichen Erzählungen, Dramen und philosophischen Texten schrieb Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828 – 1910) lediglich – wird die Urfassung von Krieg und Frieden (1867) als Rohform der späteren, längeren Form von 1868 betrachtet – drei Romane. Anna Karenina (1877) bildet von den dreien das Mittelstück, und die Auferstehung (1899) den Abschluss. Für viele versöhnt Tolstoi in Anna Karenina das, was in Krieg und Frieden zu breit und abstrakt, in Auferstehung zu moralisierend-predigend verkürzt wirkt: die auktorial-literarische Darstellung des Individuums im Spiegel seiner Zeit und der diversen sozioökonomischen Konflikte. Anders als in Gustave Flauberts Madame Bovary, in welchem die Exzessivität Emma Bovarys im Zentrum des Geschehens steht und den Tenor des Romans bestimmt, schickt Tolstoi die ebenfalls untreue Ehefrau Anna Arkadjewna Karenina eher als Kristallisationspunkt auf die Reise, um anhand ihres Lebens die Welt des zaristischen Russlands um das Jahr 1870 herum zu beleuchten:

Da fahre ich schon wieder in diesem Wagen! Jetzt wird mir alles wieder klar, dachte Anna, sobald sich der Wagen in Bewegung gesetzt hatte und leise schaukelnd und mit Gepolter über die kleinen Pflastersteine fuhr […] daß der Kampf ums Dasein und der Haß das einzige sind, was die Menschen miteinander verbindet … Nein, ihr bemüht euch vergeblich, wandte sie sich in Gedanken an eine Gesellschaft, die in einem Viergespann offenbar zu einem Vergnügen außerhalb der Stadt fuhr. Auch der Hund, den ihr mitgenommen habt, wird euch nicht helfen. Sich selbst kann niemand entfliehen. Als sich Pjotr dann zur Seite umdrehte und sie seinem Blick folgte, sah sie, wie ein sinnlos betrunkener Fabrikarbeiter mit hin und her schwankendem Kopf von einem Polizisten abgeführt wurde. Ja, dem ist es noch am besten gelungen, dachte sie.
Lew Nikolajewitsch Tolstoi aus: „Anna Karenina“ [Übersetzt von Hermann Asemissen]

Dem umfassenden Charakter des Werkes geschuldet, werde ich drei Blogbeiträge posten, und zwar zum Inhalt (diesen), zur Form (den nächsten) und zum kommunikativen Resümee den dann folgenden letzten.

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Georg Lukács: „Die Eigenart des Ästhetischen“ (i: Kunstbegriff)

Die Eigenart des Ästhetischen von Georg Lukacs.
Die Eigenart des Ästhetischen von Georg Lukács.

In der Reihe Ästhetik-Grundlagen fehlt nach Georg Wihelm Friedrich Hegels idealistisch-heroischer, Immanuel Kants subjektivistisch-verspielter und Theodor W. Adornos kritisch-formalistischer noch ein Repräsentant der parteilich-klassizistischen oder engagierten Kunstauffassung. Von den in Frage kommenden – Friedrich Schiller, Jean-Paul Sartre,  Aristoteles oder Georg Lukács – hat nur der letztere ein umfassendes, gründliches Begriffskompendium verfasst, nämlich das fast zweitausendseitige Buch Die Eigenart des Ästhetischen, das auch fast um die Hälfte gekürzt als Ästhetik in vier Bänden 1963 im Luchterhand Verlag erschienen ist. Bekanntlich steht Lukács in einer marxistischen Denktradition. Doch seine Ästhetik fand weder auf der einen noch auf der anderen Seite Anklang. Sie steht als eigener Begriffsrahmen ziemlich isoliert und monolithisch für eine Form der Ästhetik, die sich weitestgehend mit dem aufklärerischen Impetus identifiziert und in der Kunst den Gipfel der menschlichen Tätigkeit sieht:

So erhöht die künstlerische Form den Menschen. […] Sie ist die eigene Welt des Menschen, wie wir gezeigt haben, im subjektiven wie im objektiven Sinne, und zwar so, daß die höchsten konkreten Möglichkeiten von Mensch und Welt in sinnlich unmittelbarer Verwirklichung seiner besten Bestrebungen real und ihm zutiefst eigen vor ihm stehen.

Georg Lukács aus: „Die Eigenart des Ästhetischen“

Wie auch in den vorherigen Zusammenfassungen von Adornos, Hegels und Kants Ästhetik beginne ich die drei Teile umfassende Besprechung von Lukács‘ Ästhetik mit seinem Kunstbegriff.

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Svenja Leiber: „Nelka“

Nelka von Svenja Leiber
Nelka von Svenja Leiber. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Nelka von Svenja Leiber thematisiert ein rohes Thema, das der Kriegsgefangenschaft und Vergewaltigung im Zweiten Weltkrieg, mit märchenhaften Mitteln, die das Grauen, aber auch das Durchhaltevermögen der Figuren auszutarieren verstehen. Leibers Roman steht hiermit im Zusammenhang mit Annett Gröschners Schwebende Lasten, Susanne Abels Gretchen-Saga oder auch Elli Unruhs Fische im Trüben. All diese Romane zeichnet einen warmen Ton aus. Leicht entrückt, schillernd schwebend über dem sich ausbreitenden Schrecken ihrer von Mord und Totschlag handelnden Stoffe ruhen sie in sich als Märchen ohne unmittelbare Moral, aber mit klarer Empathie für ihre Figuren. Nelka erzählt von der gleichnamigen Tochter eines Apfelbauern aus Lwów:

Womit beginnen? Mit den Herren oder mit den Knechten? Mit den Erzählten oder den Unerzählten? Womit beginnen? Mit dem Kummer oder mit dem Trost? Es muss von allem handeln, und es muss vorn beginnen, und seinen Anfang nahm es vor vielen Jahren im armen Kronland Galizien, in der Stadt Lemberg, damals gerade polnisch Lwów, wo ein Mann namens Wendelin Lechner lebte, der aber kein Pole war, dafür ein nicht unbekannter Pomologe. Oder jedenfalls den Bauern und Pächtern bekannt, die eine Ahnung von Äpfeln hatten, diesen so selbstverständlichen und dabei so eigenartigen Früchten, verwandt mit Erdbeeren und Rosen, die angeblich einmal im Paradies wuchsen, in seiner Mitte sogar, und die doch auch das Paradies zerstörten und die Menschen lehrten, sich zu schämen, was immer Scham ist und was immer das Paradies gewesen sein mochte, eine Idee oder schon Ideologie.

Svenja Leiber aus: „Nelka“
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Christine Wunnicke: „Die Dame mit der bemalten Hand“

Die Dame mit der bemalten Hand von Christine Wunnicke
Die Dame mit der bemalten Hand von Christine Wunnicke. Georg-Büchner-Preisträgerin 2026.

Christine Wunnicke, Georg-Büchner-Preisträgerin 2026, schreibt seit geraumer Zeit, wie sie es selbst bezeichnet, Roman-Haikus, das sind kurze, knappe, weniger als zweihundert Seiten umfassende Prosatexte, die über ein Ereignis, eine historisch belegte Begebenheit lyrisch-poetisch meditieren. 2025 hat sie eine solche Begebenheit in Wachs beschrieben, wo sie die Freundschaft oder Beziehung zwischen Marie Marguerite Bihéron, Anatomikerin, und Madeleine Basseporte, Zeichnerin, im Frankreich des 18. Jahrhunderts imaginierte. Wie mit Wachs 2025, genauer hier besprochen, stand sie auch mit Die Dame mit der bemalten Hand 2020 auf der Shortlist des deutschen Buchpreises. In diesem schmalen Bändchen beschreibt sie die Begegnung zwischen Musa al-Lahuri und Carsten Niebuhr im Jahr 1764 auf der Insel Elephanta, der indischen Stadt Mumbai (Bombay) vorgelagert. Wie es dazugekommen ist, erzählt Niebuhr al-Lahuri in etwas geschwülstigen Worten:

»Es war einmal«, fiel ihm Niebuhr heftig ins Wort, »vor einer Zeit, die mir miserabel lang erscheint, in Almanya ein Mann, der meinte, dass man Gottes Wort besser begreift, wenn man in Arabien jeden Stein umdreht und schaut, was darunter ist. Dieser Mann war unser Befehlshaber und ist jetzt meiner, noch immer, nehme ich an. Er ist gelehrt und ein Scheusal. Meine Pflicht war, und ist es noch immer, nehme ich an, zu messen: die Länge und Breite und Höhe von allem und wie lang alles dauert und wo sich alles befindet und wie sich alles zueinander verhält. Die Gefährten lagen krank in Sues. Immer lagen sie krank. Unterdessen maß ich das Rote Meer, hier und dort seine Breite, und wie lang alles dauert, die Ebbe und Flut.«

Christine Wunnicke aus: „Die Dame mit der bemalten Hand“
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Robert Seethaler: „Die Straße“

Die Straße von Robert Seethaler.
Die Straße von Robert Seethaler. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Wie in dem Vorgängerroman Das Café ohne Namen rahmt in Die Straße eine Geschäftseröffnung die Handlung, dieses Mal statt eines Cafés ein Antiquariat, das in eine ehemalige Kohlenhandlung einzieht. Im Gegensatz jedoch zu seinem Vorgänger richtet Seethaler sein Augenmerk dieses Mal weniger auf eine Handvoll Figuren, als dass er eine ganze Straße in ihrem Murmeln, in ihren Gedanken, Ängsten, Sorgen und Hoffnungen erscheinen lässt, die Heidestraße, wohl in einer deutschsprachigen Stadt Anfang der 1980er Jahre. Etwas ähnliches hat Christoph Hein mit Guldenberg (2021) für ein Dorf in den 2000ern unternommen, wie der Klassiker Georges Perec in Das Leben Gebrauchsanweisung (1978), worin die Bewohner eines ganzen Mietshauses zu Wort kommen, ein jedes Appartement besucht und beschrieben und ein Aquarell-Puzzle zu lösen versucht wird. Die Straße bietet aber kein intellektuelles Puzzle das Hintergrundmotiv. Es lässt die Leute direkt reden, frei von der Leber weg:

Ich übertreibe, wenn ich sage, dass sie säuft wie ein Büffel und frisst wie ein Schwein? Hast du nicht gesehen, wie sie im Südstern einen ganzen Knödel auf ihre Gabel gespießt und hineingebissen hat und wie der Saft herausgequollen, über ihr Kinn gelaufen und auf ihre dottergelbe Bluse getropft ist? Natürlich hast du es gesehen, weil es ja der ganze Gastraum gesehen hat. Es konnte ja gar niemand mehr woanders hinschauen als auf diesen Knödel, der in ihrem aufgerissenen Mund verschwindet und dort zerquetscht, zermalmt und zermanscht wird, bis der braune Saft herausquillt und die Bluse und den Rock und die Tischdecke und den ganzen Abend versaut.

Robert Seethaler aus: „Die Straße“
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Fleur Jaeggy: „Die letzten Tage von Ingeborg“

Die letzten Tage von Ingeborg von Fleur Jaeggy
Die letzten Tage von Ingeborg von Fleur Jaeggy.

Ingeborg Bachmann, die am 25. Juni 1926 geboren wurde und am 17. Oktober 1973 in Rom an den Folgen eines Verbrennungsunfalles bereits früh verstarb, hätte in diesem Jahr also ihren 100. Geburtstag feiern können. Anlässlich dieses Jubiläums gibt es viele Neuerscheinungen und Wiederauflagen von Biographien und Monographien, die das Leben der Dichterin unter die Lupe nehmen. Neben Fleur Jaeggys Die letzten Tage von Ingeborg gehört auch das Erinnerungsbuch ihres Bruders, Heinz Bachmann, Ingeborg Bachmann, meine Schwester zu den persönlichsten Büchern, denn beide haben Ingeborg Bachmann aus nächster Nähe und auch bis zu ihrem Tod gesprochen und erlebt und sprechen auf diese Weise aus erster Hand. Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern fokussieren sich diese beiden Texte zudem weniger auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Dichterin, allen voran auf die mit Paul Celan und Max Frisch. Jaeggy sogar sucht noch mehr als Bachmanns Bruder Heinz das Schweigen zwischen den Zeilen, verarbeitet so eine Trauer, die bis heute anhält:

Mit Ingeborg redeten wir über das Alter, sie lächelte bei dem Wort, aber war weder mit dem Herzen dabei noch mit einem echten Lächeln. Ich stellte mir ein langes Leben ohne Tod vor, ein Haus auf dem Land, eine Mauer, ich schilderte ihr die äußere Architektur und band sie mit einer Schnur fest. Und zwischen den Mauern ein Garten, und ich sagte: wir beide. Ich war schrecklich überzeugt. Die störrische Überzeugtheit von etwas, das nicht eintritt. Ich hatte die kommenden Jahre eingerichtet, vielleicht auch im Traum, und hatte sie, Ingeborg, bei mir.

Fleur Jaeggy aus: „Die letzten Tage von Ingeborg“
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Elias Hirschl: „Schleifen“

Schleifen von Elias Hirschl.
Schleifen von Elias Hirschl.

Manche wissenschaftliche Probleme erhalten, aus berechtigten, meist aber aus unberechtigten Gründen einen Nimbus, der zu einer literarischen Bearbeitung lockt. Es gibt viele Beispiele, wie bspw. Alan Lightmans Und immer wieder die Zeit, das eine etwas irrige poetische Versinnbildlichung der Einsteinschen Relativitätstheorie betreibt, oder Benjamin Labatuts Maniac, der sich mit den quantenmechanischen Problemen des Physikers Pau Ehrenfest beschäftigt, oder Dietmar Daths Dirac oder Gentzen, wobei es im letzteren um die Grundlagenkrise der Mathematik Anfang des 20. Jahrhunderts geht. All diese Romane eignen sich einen eher unbedarften, verspielten Zugriff auf die wissenschaftliche Diskurswelt an, der oft nicht annähernd das Zentrum der Problematik begrifflich erfasst, geschweige denn informativ über das Wissensfeld aufklärend wirken könnte. Elias Hirschl dagegen findet in Schleifen einen Weg, die Sprach- und Grundlagenkrise der Mathematik poetisch produktiv werden zu lassen, ohne zu versimplifizieren oder zu diffusionieren.

Es ist nicht schwer ersichtlich, dass der Ursprung allen Übels die Benennung der Dinge ist. Der Glaube daran, es wäre möglich, Gegenständen eine Bedeutung zuzuschreiben, eine Bezeichnung, die stabil auf ihnen liegt, wie eine Grabinschrift, die für immer die Person markiert, die unter ihr liegt. Aber auch diese Leiche verwest. Auch dieser Stein zerbröselt. Auch diese Inschrift verwischt im Wind, und mit jeder neuen Inschrift, die die Zunge aus der Luft formt, als feuchte Hand in flüchtigem Lehm, wird eine Spaltung hervorgerufen, eine Dissemination, die den Lauf der Sprache ändert, die dem Redefluss Seitenarme verpasst, in denen die Semantik ausufert.

Elias Hirschl aus: „Schleifen“
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Immanuel Kant: „Die Kritik der Urteilskraft“ (ii: Maßstäbe)

Kritik der Urteilskraft von Immanuel Kant
Kritik der Urteilskraft von Immanuel Kant.

Nach der Rekonstruktion der ästhetischen Urteilskraft und den subjektiven Bedingungen der Möglichkeit, einen Gegenstand als schön zu erfahren, möchte ich in diesem Teil über die Bedingungen auf der Gegenstandsseite, also über ihre ästhetische Zweckmäßigkeit, Vermutungen anstellen, über die Kant so gut wie fast gar nichts in Die Kritik der Urteilskraft verlautbaren lässt. Die Frage stellt sich also dahingehend, welche Eigenschaften muss ein Gegenstand besitzen, welche darf er nicht haben, um als schön erscheinen zu können. Vor diesem Hintergrund lässt sich ein Grundzug der Kantischen Ästhetik interpolieren und mit den historisch verbürgten Beispielen von Kunstwerken plausibilisieren, die Kant gemocht hat. Sicherlich betont Kant an mehreren Stellen, hierin David Hume verwandt, dass Schönheit mehr im Urteilenden als im Beurteilten liegt:

Dasjenige Subjektive aber an einer Vorstellung, was gar kein Erkenntnisstück werden kann, ist die mit ihr verbundene Lust oder Unlust; denn durch sie erkenne ich nichts an dem Gegenstande der Vorstellung, obgleich sie wohl die Wirkung irgend einer Erkenntnis sein kann. Nun ist die Zweckmäßigkeit eines Dinges, sofern sie in der Wahrnehmung vorgestellt wird, auch keine Beschaffenheit des Objekts selbst (denn eine solche kann nicht wahrgenommen werden), ob sie gleich aus einem Erkenntnisse der Dinge gefolgert werden kann.

Immanuel Kant aus: „Die Kritik der Urteilskraft“
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Thomas Hettche: „Liebe“

Liebe von Thomas Hettche
Liebe von Thomas Hettche. Spiegel Belletristik Bestseller 2026.

In Liebe meditiert Thomas Hettche in impressionistisch-reduktionistischer Manier über das Thema Einsamkeit im Alter und über die Sehnsucht nach Liebe in Zeiten des Krieges und der Gewalt und nimmt hiermit das Thema von Bertolt Brechts Gedicht An die Nachgeborenen auf. Liebe steht insofern einerseits im engen Zusammenhang zu Natascha Wodins Die späten Tage, Helga Schuberts Der heutige Tag oder Benjamin Myers Strandgut, als seine beiden Hauptfiguren bereits über sechzig Jahre alt sind und einen Neuanfang suchen, und andererseits durch die Sorgen über den Krieg in der Ukraine, bspw., Dmitrij Kapitelmans Russische Spezialitäten oder Lukas Rietzschels Sanditz, die sich ebenfalls explizit mit dieser Thematik auseinandersetzen. Diese sehr schroffe Gegenüberstellung, ein eher zeitloses Thema, das der Liebe, mit dem sehr zeitgebundenen, das des abgeschossenen Passagierflugzeugs der Malysia Airline 2014, gibt dem Roman von Hettche von Anfang an etwas Disparates und Dissoziiertes:

Dort, wo das Flugzeug am Dnepr abgeschossen worden war, verläuft von jeher die Grenze zur großen Steppe, die bis in die Wüsten Zentralasiens reicht. Max schien es plötzlich, als spürte er so etwas wie eine unendliche Trift, und er fühlte sich dieser riesigen Weite schutzlos ausgeliefert und furchtbar allein.
»Fick mich noch einmal«, sagte Anna in diesem Moment leise, als empfände sie dasselbe.
Noch einmal, noch einmal, dachte er und zog sie auf die Wiese neben dem Weg, schob ihr den Rock hoch und den Slip herunter. Danach lagen sie lange schweigend nebeneinander im Gras und sahen zu den Sternen hinauf. Zum ersten Mal, seit sie zusammen waren, spürte er Scham.

Thomas Hettche aus: „Liebe“
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