Esther Kinsky: „Rombo“

Rombo
Dem Schrecken eine Stimme gegeben … Longlist des Deutschen Buchpreis 2022

Die Kategorie, unter der Esther Kinskys neuester Roman Rombo gemeinhin geführt wird, lautet „nature writing“, was auf einen beschreibend-wissenschaftlichen Stil hinweist, eine Art dokumentarischer Poesie. Als Pate für diesen Stil stehen Alexander von Humboldt, Jean-Jacques Rousseau oder Henry David Thoreau. Im Gegensatz zu diesen, die mehr theorie- und reflexionslastig schreiben und der Theorie im Allgemeinen und Besonderen zugeneigt sind, weist sich Kinskys Rombo im Gegensatz zu Die Träumereien des einsamen Spaziergängers oder Walden als echter Roman aus, mit Handlung, mit Dramaturgie, Personal und sprachlicher Komposition. Er behandelt das Erdbeben im norditalienischen Friaul am 6. Mai 1976:

Das Erdbeben ist überall. In den efeuüberwucherten Trümmern eingestürzter Häuser an der Staatsstraße Nummer 13, in den Rissen und Narben der großen Gebäude, den geborstenen Grabmälern, den Schiefheiten wiederaufgebauter Kathedralen, den leeren Gassen der bienenwabig verschachtelten alten Dörfer, den hässlichen neuen Häusern und Siedlungen, die sich am Sehnsuchtsort Vorstadt aus amerikanischen Fernsehserien orientieren.

Esther Kinsky aus: „Rombo“
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Maria Kjos Fonn: “Heroin Chic”

Heroin Chic
Vom Unbehagen im eigenen Selbst …

Maria Kjos Fonns neuester Roman Heroin Chic handelt von einem jungen Mädchen, das sich der Drogensucht bis zum Äußersten überlässt. Viele Romane behandeln dieses Thema, bspw. Candy von Luke Davies oder Trainspotting von Irvine Welsh. Das Unheimliche der Drogensucht zieht immer wieder literarische Versuche an, die dem Abwärtsstrudel kommunikativ beikommen wollen. Kjos Fonn geht einen sehr eigenen Weg. Karsten Herrmann von literaturkritik nennt ihn „ebenso packend wie erschütternd“. Sandra Falke von Literarische Abenteuer konstatiert eine kausallogische Berechenbarkeit des Plots, dem sie sich dennoch nicht zu entziehen vermochte: „Allerdings ist die Selbstzerstörung und die Abwendung von allen positiven Einflüssen so sachlich und beherrscht, dass die aus einer Ich-Perspektive erzählte Lebens- (und Sterbensgeschichte) als Lektüre ebenso einen Suchtfaktor annimmt.“ Selbiges empfindet Hauke Harder von leseschatz: „Die Sprache und die Handlungssprünge berauschen und dadurch wirkt der Roman selbst wie eine Gesellschafts-Droge.“ Der Roman Heroin Chic beginnt passenderweise mit der Beschreibung eines Treffens der Narcotics Anonymous:

Hallo, ich heiße Elise, und ich bin drogenabhängig, sage ich. Ich war erwachsen, als ich zum ersten Mal Heroin ausprobiert habe. Es gab niemanden, der meine Grenzen niedergerissen hat. Sie waren einfach nicht da. Nichts war da.

Maria Kjos Fonn aus: „Heroin Chic“
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Virginie Despentes: „Liebes Arschloch“

Liebes Arschloch
Verwirrende Zeiten und Zeilen … Spiegel Belletristik Bestseller (08/2023)

Nach Juli Zehs und Simon Urbans Zwischen Welten kommt nun ein ähnliches Projekt aus Frankreich auf den Literaturmarkt. Virginie Despentes Liebes Arschloch erscheint nachgerade als dunkles Spiegelbild von Zehs und Urbans Projekt. Hier wie dort schreiben sich eine Frau, ein Mann E-Mails miteinander. Im Plauderton konversieren sie über dieses und jenes. Bei Zeh/Urban hauptsächlich über die Tagespolitik, die Landwirtschaft und die Klimakatastrophe, bei Virginie Despentes über Drogen, das Kulturleben, MeToo und das Alt-Werden. Die Tagespolitik selbst findet auch irgendwie Erwähnung, aber nur nebenher:

Die Lockdowns haben mir geholfen durchzuhalten. Dieses Virus hat alles auf dem Planeten versaut – und uns, uns hat es geholfen. Ich konnte mich an das alles gewöhnen. Ohne obligatorisches Abendessen in der Stadt, der Alkohol fließt in Strömen, die Leute reden immer lauter, man füllt die Gläser mit Rotem oder goldenen Bläschen, die Leute lachen wegen nichts, begeistern sich am Gespräch, sind eifrig, die Party ist auf dem Höhepunkt, in einer Ecke riecht es nach Gras, das kleine Nachmittagsbierchen, Korken knallen an die Decke, aufgeregtes Geplapper nach der Premiere, man stößt an, die Gläser klingen […]

Virginie Despentes aus: „Liebes Arschloch“
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Ina Kramer: „Im Farindelwald“

Im Farindelwald
Utopisch auf Hermesflügeln des Erzählens.

Das phantastische Element gehörte von Anfang an zu den Mitteln der Literatur. Sagen und Anekdoten, Legenden und Abenteuer erlaubten, ja beförderten das Freischweifen der Imagination, das poetische Entriegeln und Tagträumen der Ernst Bloch‘schen utopischen Sinne. Es reicht an Ovids Metamorphosen, Homers Odyssee, an Dante Alighieris Göttliche Komödie oder Miguel de Cervantes Saavedras Don Quijote zu erinnern. Sie enthalten phantastische Elemente, die oftmals viel näher an Fantasy-Literatur neuerer Prägung wie J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe oder C.S. Lewis Die Chroniken von Narnia reichen, als üblicherweise angenommen wird. Auf eine gewisse Weise hat Fantasy viel mehr mit der klassischen Literatur gemein als Werke, die sich in ihrer direkten und sie auch zitierende Nachfolge sehen wie Siegfried Lenz Die Deutschstunde, Martin Walsers Ein fliehendes Pferd oder bspw. Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns, die allesamt dokumentarisch-prosaisch realistisch verfahren. Genre-behaftete Romanreihen, die üblicherweise nicht zur anspruchsvollen Literatur gezählt werden, warten deshalb unter Umständen mit Überraschungen auf. Ein Beispiel ist Ina Kramers Roman Im Farindelwald, der in der Reihe Das Schwarze Auge 1996 erschien:

Sie hörte die Träume des jungen Blaufalken, der am gestrigen Tag zum ersten Mal sein Nest verlassen hatte, sie hörte die Gedanken der alten Esche, aus dem ewigen Kreislauf der Jahreszeiten, aus Wachsen und Beharren gewoben. Sie spürte die Neugierde und Ungeduld des Bächleins und das Lied der unsichtbaren Wesen, die in ihm und an seinen Ufern wohnten, und sie atmete die ruhigen Atemzüge der Erde.

Ina Kramer aus: „Im Farindelwald“
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Annie Ernaux: „Der junge Mann“

Der junge Mann
auf den Spuren des eigenen Ichs … Spiegel Belletristik Bestseller (08/2023)

Die Nobelpreisträgerin Annie Ernaux setzt die Tradition der französischsprachigen Biographen fort. Hier lässt sich sofort an das Tagebuch der Gebrüder de Goncourt denken, oder an Michel Leiris Die Spielregeln. Noch näher wären Jean-Jacques Rousseaus Bekenntnisse, selbstredend Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit oder aber auch die verstreuten Reminiszenzen eines Claude Simon wie in Die Akazie, Jardin des Plantes oder Das Haar der Berenike. In ihrem neuesten und sehr kurzen Text Der Junge Mann reflektiert Ernaux noch einmal eingehend, fast aphoristisch das Erinnern und das Schreiben des Erinnern selbst. Das Motto von Der junge Mann lautet so auch konsequenterweise:

Wenn ich die Dinge nicht aufschreibe,
sind sie nicht zu ihrem Ende gekommen,
sondern wurden nur erlebt.

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Robert Musil: „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
… von der Verklärung des eigenen Selbst

1906 erschien das Debüt von Robert Musil, als dieser sich noch als Volontärassistent an der Technischen Hochschule Stuttgart verdingte und alsbald zum Studium der Philosophie, Psychologie, Mathematik und Physik in Berlin einschrieb. Die Verwirrungen des Zöglings Törleß blieb Musils einzig vollendeter Roman, da von Der Mann ohne Eigenschaften, sein zweiter Roman, 1930 nur der erste Teil erschien und Musil diesen vor seinem Tod 1942 nicht zu vollenden vermochte. Das steht im Zusammenhang mit seinem literarischen Ansatz der psychologischen Mikroskopierung, die schnell ins Ausufernde gerät. In Die Verwirrungen des Zöglings Törleß jedoch konzentrierte er seinen Stil bis aufs Äußerste:

Er hatte das Bedürfnis, rastlos nach einer Brücke, einem Zusammenhange, einem Vergleich zu suchen – zwischen sich und dem, was wortlos vor seinem Geiste stand. Aber sooft er sich bei einem Gedanken beruhigt hatte, war wieder dieser unverständliche Einspruch da: Du lügst. Es war, als ob er eine unaufhörliche Division durchführen müsste, bei der immer wieder ein hartnäckiger Rest heraussprang, oder als ob er fiebernde Finger wundbemühte, um einen endlosen Knoten zu lösen. Und endlich ließ er nach. Es schloss sich eng um ihn, und die Erinnerungen wuchsen in unnatürlicher Verzerrung.

Robert Musil aus: „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“
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Das Debüt 2022: Meine Favoriten

Das Debüt 2022

Zum ersten Mal habe ich in diesem Jahr bei der Blogger Jury zum Buchpreis Das Debüt teilgenommen.

Die Shortlist umfasste dieses Mal fünf Bücher, die aus über 70 Einsendungen von dem Organisationsteam bestehend aus Dr. Bozena Anna Badura, Janine Hasse und Sarah Jäger ausgesucht worden sind. In die nähere Auswahl gekommen sind:

Bücher lassen sich schnell, flüchtig, intensiv, akribisch, besonnen oder hektisch und so weiter lesen. Sie lassen sich reihen, stapeln, vergleichen, singularisieren, bedauern, bejubeln und begrüßen. All dies gehört zum Sprachspiel der Literatur, dem Suchen, Schwadronieren, dem Hoffen, zwischen Genre pendelnd das neue Erwarten.

Wie dem einzeln Buch überhaupt gerecht werden, lautet die Frage, die mich stets, auf jeder neuen Seite eines Buches beschleicht. Wie lesen? Auf welche Weise den Rhythmus der Wörter betonen? Wie der Erzählposition nachspürend? Was erinnern? Was vergessen? Was hinzutun? Alles, was für mich Literatur auszeichnet, bleibt in dieser Schwebesituation, Gedanken zu ermöglichen, Einblicke zu gewähren, Begriffshorizonte zu erweitern, ohne etwas zu erzwingen – vielleicht, um Jürgen Habermas etwas abzuwandeln, das ungezwungen Zwingende des schönen Schreibens.

Zum Punkt, um überhaupt eine Liste tolldreist erstellen zu können, hangele ich mich über Kategorien zur Punktegabe. Ansonsten habe ich keine Chance, mich selbst zu überraschen. Ich wähle 5 Kategorien und vergebe jeweils die Punkte von 1 bis 5 mit Kurzerklärungen.

Die offensichtliche und erste Kategorie lautet:

Narration:

Hier geht ein, ob ein Text überraschende Wendungen besitzt, vergleichsweise, mir unbekannte Topiken einführt, eine Erzähldichte und Spannung aufbaut, das Lesetempo dirigiert, eine Art Fluss und Eigendynamik erzeugt, Witz und Esprit versprüht, also ob der Text ein guter Gesprächspartner ist oder wird oder sein möchte.  

  • 5 Punkte für: Ist hier das Jenseits, fragt Schwein – da die Reise zwischen den Welten, leicht und locker, jedwede Abstrusität auffängt und dennoch mitreißt und die Frage nach Sinn und Bedeutung der Geschichte vor Lesefreude nicht einmal aufzutauchen vermag.
  • 4 Punkte für: 153 Formen des Nichtseins – da die Ich-Erzählerin unnachgiebig mit sich und der Welt ins Gericht zieht und selbst völlig in sich Widersprüchliches ausagiert, das überrascht, bspw. der vorgestellte Wutausbruch gegen die faulen Zeugen Jehovas unter der Brücke.
  • 3 Punkte für: Liebe ist gewaltig – da Thilo, der Verlobte, eben doch nicht Überhand gewinnt, Juli Ehre Mut und Kraft findet, für sich einzustehen, und der Roman so überraschende Züge eines Entwicklungsromans erhält.
  • 2 Punkte für: Lektionen in dunkler Materie – da das zwischen den Welten hängen mit der Internationalen Raumstation eine gewisse Dramatik erhalten hat.
  • 1 Punkt für: Nordstadt – da vollständig auf jede Erklärung und Logik verzichtet, und das Leben zweier junger Menschen impressionistisch und alle Verkrampftheit wiedergegeben wird.

Das führt zur nächsten Kategorie, nämlich, abgesehen von der Erzählung, dem Inhalt, die Erzählweise:

Komposition:

D.h., inwiefern die Erzählung strukturell überrascht, Zeit veranschaulicht, über Wiederholungen, Konsistenz, über Zurückbindung, Einbindung von Motiven eine Geschlossenheit erzeugt, die sowohl Anfang wie Ende plausibel werden lässt, also das Gewebe und Gewebte, das Rahmende des Textes, samt Waben und Maserungen.

  • 5 Punkte für: Nordstadt – da der Roman einem Popsong gleicht, irgendwann zu schwingen und lachen und zu weinen beginnt, in Wiederholungen und Schlaufen ein Sesam-Öffne-Dich besingt, das in Rhythmik und Insistenz zu überzeugen versteht.
  • 4 Punkte für: 153 Formen des Nichtseins – da das Unwahrscheinliche tatsächlich entsteht und aus dem losen Verbund anfänglich beliebiger Assoziationen ein Ich-Erzähl emergiert, das einen völlig neu auf die Erzählgeschichte schauen lässt.
  • 3 Punkte für: Liebe ist gewaltig – da die Erzählposition plötzlich, völlig unerwartet wechselt (aus der ersten wird eine dritte Person), und dem Lesefluss einen Stoß frische Luft und Leichtigkeit gibt.
  • 2 Punkte für: Ist hier das Jenseits, fragt Schwein – da eine eigenartige Spannung zwischen Raum und Zeit und Anwesenheit gewoben wird, was insbesondere die seltsam changierende Figur von Gottes Schwester betrifft.
  • 1 Punkt für: Lektionen in dunkler Materie – da konsequent die Möglichkeiten und Überraschungen einer Episoden-Roman-Form genutzt werden, um Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten zu können.

Die dritte Kategorie lautet:

Sprachgeschmeidigkeit:

Also vor allem, inwiefern der Sprache ihre Eigendynamik abgelauscht wird, Sätze nicht nur ein Ende finden, sondern auch ineinander übergehen, Bilder, Melodien, Poesie aus Wörtern entstehen, in der Imagination ein Potpourri an Sprachmöglichkeit oder gar Spracherweiterung dargestellt, also die Lust am Text vermehrt, erhöht, in vernetzten Wortwolken weitergegeben wird.

  • 5 Punkte für: Liebe ist gewaltig – da der dritte Teil tatsächlich eine Sogwirkung und Eigendynamik aufweist, die einen den Atem anhalten lässt.
  • 4 Punkte für: Ist hier das Jenseits, fragt Schwein – da die fehlenden Artikel für die Tiere, diese allesamt nahbar und sanft erscheinen lassen, die Sprache nirgendwo an irgendeiner Stelle erzwungen und gewaltsam erscheint, alles rundend und in sich greift.
  • 3 Punkte für: Nordstadt – da Schneeflocken, kleine Details, widerhakende Erlebnisse repetiert und so entschärft werden, dass eine gewisse, stilistische Nonchalance sich einstellt, die zu einem fröhlichen Schweifen einlädt.
  • 2 Punkte für: Lektionen in dunkler Materie – da nirgendwo die Bilder und dichten Szenerien und Ereignisse gestört oder verfremdet werden und der Eindruck von Gekünsteltheit entsteht.
  • 1 Punkt für: 153 Formen des Nichtseins – da die Selbstreflexion als kontinuierliches Mittel, nackte Ehrlichkeit erlaubt und ein Sich-Selbst-zur-Rede-Stellen niemals rhetorisch geglättet wird.

Und so zur vorletzten Kategorie, die beinahe als stillschweigende Summe und Synergieeffekt der vorherigen gelten könnte:

Literarizität:

Hiermit ist gemeint, dass sich ein gewisses, überraschendes, sich verbreiterndes Lesevergnügen einstellt, ein Abenteuer, eine Erweiterung, Entfaltung eines Eigenständigen im Fluss des Buchstaben- und Wortaneinanderreihens, ein Gefüge, das Torbogen gleich, sich gegenseitig stützt, da eine zentrale Idee, die Worte durchfließt und zusammenhält; etwa durch eine Nach-, Nah- und Fernwirkung des Geschriebenen im Erinnern, im Lesen, das sich rekursiv zurückbindet und nachhallende Bedeutungsebenen freigibt.

  • 5 Punkte für: 153 Formen des Nichtseins – da sich erst ganz am Ende die Stimmungslagen zu einem Ganzen zusammenfügen, die Schnipsel und Fragmente aus dem Internet, Zeitungen und Ebay aufeinander verweisen und als Labyrinth erweisen, aus dem das Erzähl-Ich zu entfliehen sucht.  
  • 4 Punkte für: Nordstadt – da sich der Songcharakter erst im letzten Drittel des Buches findet, in Schlaufen und Reihungen parataktisch verfährt und ein Lebensgefühl optimistischer Weite trotz klaffender Schweigespiralen vermittelt und dem Kann nicht-, Darf-nicht, Soll-nicht Paroli bietet.
  • 3 Punkte für: Ist hier das Jenseits, fragt Schwein – da aus der Tristesse in den Himmel, in das Jenseits und zurück ein literarischer Raum sich setzt, der nach dem Lesen weiterschwingt.
  • 2 Punkte für: Lektionen in dunkler Materie – da das Geschwistergespräch zum Ende das Weltall verbindet, den Schmerz, die Angst, die Kürze des Daseins veranschaulicht und auf ein Mehr hoffen lässt.
  • 1 Punkt für: Liebe ist gewaltig – da Juli ein unwahrscheinliches Gleichgewicht findet, das sie zurück in die Freundschaft zu Anikó führt, wo sie sich zum ersten Mal traut, von sich zu erzählen.

Insgesamt also ergibt sich, wie das im Leben nun einmal ist, ein gemischtes Bild voller Gleichartigkeiten, Besonderheiten, die das eine neben das andere stellt, ohne die Einzelheit antasten zu können. Jedes Buch hat sein eigenes Gefüge, seine eigene Stärke. Vor der unvermeidlichen Punktvergabe stellt sich die Punkteliste wie folgt dar:

  • 14 Punkte für: 153 Formen des Nichtseins  
  • 14 Punkte für: Ist hier das Jenseits, fragt Schwein
  • 13 Punkte für: Nordstadt  
  • 12 Punkte für: Liebe ist gewaltig  
  • 7 Punkte für: Lektionen in dunkler Materie  

Die ausgewählten Kategorien scheinen nur Lektionen in dunkler Materie unangemessen gewesen zu sein. Alle weiteren Titel können auf Punkte und Höchstzahl durch die unvermeidlich letzte Kategorie hoffen:

Persönliche Präferenz:

Diese Kategorie ist eindeutig, unverhohlen, moment- und augenblicksabhängig von der Lesart, die ich, wohl oder übel, mich veranlasst gesehen habe, beim jeweiligen Titel zu veranschlagen. Meine persönliche Präferenz, mit 5 zusätzlichen Punkten versehen, gilt:

153 Formen des Nichtseins von Slata Roschal, weil es mich überrascht und trotz massiver Zweifel im Laufe des Lesens mehr und mehr überzeugt hat, bis ich nicht umhin konnte, es als außergewöhnlich in jedem Sinne zu betrachten. So etwas habe ich schlicht noch nicht gelesen, so viel Ehrlichkeit, Wucht und Verletzlichkeit in einem.

Dem Organisationsteam von Das Debüt 2022 wurde also die folgende Punktevergabe mitgeteilt:

  • 3 Punkte für 153 Formen des Nichtseins,
  • 2 Punkte für Ist hier das Jenseits, fragt Schwein,
  • 1 Punkt für Nordstadt.

Gerecht geworden bin ich sicherlich keinem der Bücher, aber alle Bücher haben etwas für mich bereitgehalten, mit welchem ich nicht gerechnet habe und meine Freude und Lust auf Literatur nur bestärkt. Hierfür bedanke ich mich bei allem, den Autorinnen, dem Organisationsteam und den Mitlesenden!

Juli Zeh, Simon Urban: „Zwischen Welten“

Zwischen Welten
Im Räderwerk der Eitelkreiten … Spiegel Belletristik-Bestseller (08/2023)

Der bekannteste Briefroman in deutscher Sprache ist bislang Johann Wolfgang Goethes Die Leiden des jungen Werthers geblieben. Zu den hervorragenden Eigenschaften dieser Romangattung gehört, die Inszenierung, scheinbar in Echtzeit ablaufende Vorstellung von Authentizität. Das Publikum darf sich angesprochen fühlen. Es ist Teil eines privaten Vorganges, einer intimen Geschichte, die sich vor den eigenen Augen entfaltet. Zumeist, um das Erlebnis zu steigern, wird eine auktoriale, die Schriften herausgebende und kommentierende Stimme zugeschaltet. Diese bestätigt vor allem, dass das, was zu lesen ist, der Wahrheit entspricht und vom Publikum skrupellos verfolgt werden darf. Dieses Stilmittel findet in Juli Zehs und Simon Urbans E-Mail- und Whatsapp-Roman Zwischen Welten keine Anwendung. Das Publikum gehört zu einer Art Nachrichtendienst, der ungefragt die Aufzeichnung zweier Privatmenschen tickerartig aufzeichnet. Der Roman beginnt, indem er mit der Tür ins Haus fällt:

17:22 Uhr, Stefan per E-Mail:
Hallo Theresa!
Trotz meines WhatsApp-Terrors von heute Morgen keine Nachricht von dir. Das kann man konsequent nennen. Oder sadistisch. Diese Seite an dir ist neu. Aber ich habe ja gestern Abend viel Neues entdeckt. An dir und an mir.

Juli Zeh, Simon Urban aus: „Zwischen Welten“
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Hermann Hesse: „Narziß und Goldmund“

Narziß und Goldmund
Auf Schusters Rappen … Nobelpreis für Literatur 1946.

In der Gegenwartsliteratur steht die Mutter oft nicht hoch im Kurs. In Annika Brüsings Nordstadt und Claudia Schumachers Liebe ist gewaltig hassen die Figuren sogar explizit die Mutter. In Toril Brekkes Ein rostiger Klang der Freiheit und Daniela Dröschers Lügen über meine Mutter lässt sich bestenfalls von einer erzählerischen Ambivalenz sprechen, die Geschehenes im Nachhinein wiedergutzumachen versucht. In Annie Ernaux‘ Das andere Mädchen liebt die Mutter die Ich-Erzählerin nicht genug, und in Kim de l’Horizons Blutbuch geraten die Mutter und Großmutter zeitweilig gar zu „Monstren“. Vor diesem Hintergrund ist es eine willkommene Abwechslung in Hermann Hesses Narziß und Goldmund eine andere Art von Erinnerung an die Mutter zu lesen:

Nie in meinem Leben habe ich jemand so geliebt wie meine Mutter, so unbedingt und glühend, nie habe ich jemand so verehrt, so bewundert, sie war Sonne und Mond für mich. Weiß Gott, wie es möglich war, dies strahlende Bild in meiner Seele zu verdunkeln und allmählich diese böse, bleiche, gestaltlose Hexe aus ihr zu machen, die sie für den Vater und für mich seit vielen Jahren war.

Hermann Hesse aus: „Narziß und Goldmund“
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Arno Geiger: „Das glückliche Geheimnis“

Das glückliche Geheimnis
Künstler oder Nicht-Künstler sein … Spiegel Belletristik-Bestseller (07/2023)

Ein entscheidender Hinweis findet sich direkt auf der Titelseite von Arno Geigers neuestem Buch Das glückliche Geheimnis: Dort steht nur der Verlag und keine Gattungsbezeichnung. Es handelt sich also nicht um einen Roman oder um eine Erzählung. Und in der Tat, wiewohl das Buch in der Belletristik Bestseller-Liste geführt wird, ordnet es sich in die Reihe der Sachbücher/Autobiographien ein. Buecheratlas nennt es eine autobiographische Erzählung. „Der Autor schont sich ganz und gar nicht“, was „zu vielen aufschlussreichen Passagen“ führt. Für literaturoutdoors ist es “Seite um Seite ein Mitgerissenwerden in Neugierde und Spannung“, wobei feinerreinerbuchstoff es aufgrund seiner „Lebensweisheiten“ und Alltagsbetrachtungen „einem ruhigen, leisen, unaufgeregten und liebevollen Schatzkästchen“ gleichsetzt und leckerekekse unsicher bleibt,  „wie offen und wahrheitsgetreu diese Erzählungen und Berichte sind, aber unterhaltsam sind sie auf jeden Fall.“ Arno Geigers Das glückliche Geheimnis sperrt sich also gegen eindeutige Zuordnungen und dies hat viel mit der zugrundeliegenden Ambivalenz des Ich-Erzählers zu tun, der sein Doppelleben bloßlegt:  

In der Welt der Geheimnisse gibt es jetzt ein Geheimnis weniger. Ein glückliches Geheimnis ist gelüftet. Der dunkle Deckmantel meines Doppellebens liegt am Boden. Weil ich es so will. Und warum? Um zu versuchen, endlich der zu sein, der ich bin? Oder um mich endgültig abzusondern und zu sagen, ich gehöre nicht zu euch? Vermutlich ein bisschen von beidem. Auf alle Fälle erfordert es Überwindung, mich zu zeigen.

Arno Geiger aus: „Das glückliche Geheimnis“
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