Valerie Fritsch: „Zitronen“

Zitronen von Valerie Fritsch. SWR Bestenliste 04/2024.

Zitronen heißt der vierte Roman von Valerie Fritsch, die mit Winters Garten beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2015 den Kelag- und BKS-Publikumspreis zugesprochen bekam. Finden die Ereignisse in ihrem vorletzten Roman aber in einer unspezifischen, allumfassenden Apokalypse statt, so beschränkt sich ihr neuester Roman auf eine prekäre Kindheitserfahrungen und die ersten Schritte nach einer solchen in die Erwachsenenwelt. Im Gegensatz zu anderen neueren Romanen dieses Genres spielt weder Krieg wie in Vatermal oder Radio Sarajevo oder sexuelle Übergriffigkeit wie in Ministerium der Träume oder Ein rostiger Klang von Freiheit eine Rolle. Fritsch beleuchtet in ihrem Roman wie Edgar Selge in Hast du uns endlich gefunden das klassische Thema der elterlichen Gewalt:

Der Vater redete viel, oft ohne Unterlass und ungeachtet dessen, ob er etwas zu sagen hatte und ob ihm zugehört wurde oder nicht. Leise wurde er bloß, wenn er von August abließ und sich eine Stille im Haus ausdehnte, die sich bis in die letzte Ecke schob, jedes Zimmer erfüllte, als hätte man eine tonlose Saite angeschlagen. Nirgends war auch nur ein Wort zu hören, denn wo die Fäuste sprachen, schwieg der Mensch. Die Grausamkeiten hielten den Vater aufrecht, waren die Stützmuskulatur gegen den großen, inneren Zusammenbruch. Die Härte gegen andere härtete auch ihn selbst, als wäre er ohne sie so weich, dass er in sich zusammenstürzen müsste.
Valerie Fritsch aus: „Zitronen“

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Paul Auster: „Baumgartner“

Baumgartner von Paul Auster. SWR Bestenliste und Spiegel Belletristik Bestseller 2024.

Postmodernes zeichnet sich vor allem durch das Fehlen von Zurechenbarkeit aus. Heutzutage gilt das Zitat so viel wie die Schöpfung, der Plot so viel wie die Montage, die Ironie, nur ohne Maske, eben als unverbindliches Spiel, das auf diese Weise Gestaltungsräume zu öffnen sucht, die allzu strikte Kompositionsarbeit versperrt. Mit anderen Worten: die Erzählstimme wird von jedweder Erwartungshaltung befreit. Paul Auster, nicht so narrativ-radikal wie Italo Calvino in Wenn ein Reisender in einer Winternacht oder Julio Cortázar in Rayuela oder auch Christian Kracht in Eurotrash, stellt sich nichtsdestotrotz in die Tradition des dirigierend spielerischen Erzählens:

Weg, aber nicht weg, könnte man sagen, festgeklebt, die Füße an den Boden geleimt, eingesperrt in einen bedenklichen inneren Raum, in dem er zu jemandem geworden war, der zu viel Zeit zur Verfügung hatte, und da Baumgartner nicht in der Verfassung war, die Arbeit an seinem Buch über Thoreau wieder aufzunehmen oder irgendetwas anderes anzufangen, war diese Zeit ungeheuer lang und leer, eine lange Reihe leerer Tage, an denen er kaum etwas anderes tat, als [Annas] Unterwäsche zu falten und wieder zu falten und die Post mit einem stetigen Strom schamloser, schmutziger Briefe an eine Frau zu fluten, deren Körper er niemals wieder sehen oder berühren würde.
Paul Auster aus: „Baumgartner“

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Slata Roschal: „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“

Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten von Slata Roschal.

Formal experimentelle, oder wagemutige Bücher treten nicht so oft in das Licht der breiteren Öffentlichkeit. Sie gelten schnell als intellektualistische Spielerei, oder abstraktes Geplänkel mit wenig Sogwirkung und fast gar keinem Plot. In letzter Zeit schafften es dennoch ein paar Texte, bspw. Barbi Marković mit dem comicartigen, extrem restriktiven Minihorror, Iris Wolff mit dem radikal-rückwärts erzählten Lichtungen oder Teresa Präauers slapstick-filmisches-achronisches Kochen im falschen Jahrhundert. Nach 153 Formen des Nichtseins legt nun Slata Roschal mit Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten ihren nächsten Roman vor:

Durch die Pille und durch Lauras Geburt bin ich dick geworden. Nicht allzu sehr, aber ich spüre es ständig, versuche, meinen Körper nicht zufällig mit den Händen zu berühren, noch nie habe ich beide Arme gebraucht, um mich selbst zu umschlingen, nur, wenn es dringend sein muss, beim Anziehen, beim Schminken, in der Toilette. Ich habe auch keine Lust, mit dir zu schlafen, ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten.
Slata Roschal aus: „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“

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Sjón: „naeturverk/nachtarbeit“

Nachtarbeit von Sjón … poetische Weltversinnlichung.

Sjón, mit vollem Namen Sigurjón Birgir Sigurðsson, legt mit nachtarbeit, übersetzt von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer, eine Textmischform vor, die zwischen Prosa, Gedicht, Reflexion und Kurzgeschichte, zwischen assoziativem und nachdenklichem Schreiben hin und her wechselt. Er selbst schreibt auch fürs Theater, für den Film, verfasst Romane wie Schattenfuchs und tritt zudem als Musiker in Erscheinung. Vor diesem Hintergrund verwundert die bunte Mischform nicht:

der kopf, vom körper getrennt
die toten kommen niemandem zu hilfe
[…] ein unerwarteter gast erscheint, bleibt da für lange zeit
westwind, abgetragene erdschichten, anstrengende tage
ein körper sucht einen neuen kopf

Sjón aus: „nachtarbeit“

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Didier Eribon: „Eine Arbeiterin“       

Eine Arbeiterin von Didier Eribon. SWR Bestenliste 05/2024.

Didier Eribon, Journalist, Soziologe und Autor von Beruf, legt mit Eine Arbeiterin einen seltsamen Hybrid vor. Autobiographisch motiviert, literaturwissenschaftlich ambitioniert, politisch agitierend handelt er auf etwas weniger als dreihundert Seiten das Thema Altern und Pflegeheime anlässlich des Todes seiner Mutter ab. In rückhaltloser Ehrlichkeit wie Emmanuel Carrère in Yoga nennt er das Kind, seine Scham, sein Versagen und seine Reue beim Namen:

Mittlerweile ist mir bewusst, dass ich zugleich dank meiner Mutter und in Abgrenzung zu ihr der Mensch geworden bin, der ich bin. In meinen Gedanken war das In-Abgrenzung-zu-ihr lange Zeit stärker als das Dank-ihr. Natürlich schäme ich mich seit Langem für all die Beispiele meines Egoismus und meiner Undankbarkeit. Mich schmerzt, wie viel Schmerz ihr mein Egoismus und meine Undankbarkeit zugefügt haben. Doch wie Albert Cohen in ‚Das Buch meiner Mutter‘ schreibt: »Etwas spät«, das schlechte Gewissen.
Didier Eribon aus: „Eine Arbeiterin“

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Michaela Maria Müller: „Zonen der Zeit“

Zonen der Zeit von Michaela Maria Müller. Aufhebung der Kampfzonen.

Zwischen Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz und Erich Kästners Pünktchen und Anton spannt sich eine weite Palette von Berlinromanen bis zu Judith Hermanns Sommerhaus, später und Cees Nootebooms Allerseelen auf. Großstädte bringen Freiräume mit sich, spezifische Nischen, die eigene Geschichten schreiben. Michaela Maria Müller schreibt mit Zonen der Zeit einen eigenwilligen, ruhigen Roman über zwei sehr besonnene Menschen:

Ich erzählte Enni, wie [der Gedanke an die Eiszeit] meine Perspektive zurechtrückte. Und dass viel mehr hinter den Dingen stecken konnte, als man auf den ersten Blick sah.
»Und jetzt sitzen wir hier am letzten Meter. Tatsache,« sagte Enni beeindruckt. Sie schaltete die Taschenlampe aus. Bis auf ein paar Wolken, die sich vor den Mond geschoben hatten, war der Himmel klar. Wir hörten eine Weile dem Plätschern des Wassers zu.
»Flüsse wissen nichts voneinander, bis sie sich begegnen. Und dann gehören sie zusammen,« sagte ich.
Michaela Maria Müller aus: „Zonen der Zeit“

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Cees Nooteboom: „Allerseelen“

Allerseelen von Cees Nooteboom. Schwebend aus eigener Schwere heraus. 

Allerseelen lässt sich als Abschluss einer vielleicht unbewusst angelegten Trilogie denken, die mit Rituale (1980) ansetzt, über Die folgende Geschichte (1991) seine Richtung sucht und als eine Reise durch die Nacht mit Allerseelen (1998) die Todessehnsucht durchschreitet und den Weg in die Welt der Lebenden findet. In allen drei Romanen steht der Topos Tod im Vordergrund. In Allerseelen nun auch vom Titel her:

Als die beiden anderen weg waren, lag Arthur da und schaute immer noch auf die Bilder. Allerseelen. Er wußte nicht genau, was er sich darunter vorzustellen hatte, aber er hatte den Eindruck, das Wort habe mehr mit Lebenden als mit Toten zu tun. Es mußten Tote sein, die sich noch irgendwo aufhielten, es war unmöglich, sie ganz wegzubekommen, man mußte ihnen noch Blumen bringen.
Cees Nooteboom aus: „Allerseelen“

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Han Kang: „Griechischstunden“

Griechischstunden von Han Kang. Geduldiges Dunkelsein.

Außenseiter eignen sich für die Literatur, die mit allgemeinen Mitteln, also mit der Sprache, das Besondere, einzufangen sucht. Der eigenartige Mensch lässt Ungewohntes erscheinen, da er sich unnormal verhält, gegen Konventionen verstößt und so Licht auf Verhältnisse wirft, die ansonsten im Unbewussten weiter schlummern würden. Franz Kafkas Helden können als Beispiel genannt werden, oder Gustav Flauberts Madame Bovary. Auch Haruki Murakami mit Die Stadt und ihre geheimnisvolle Mauer oder Cees Nooteboom mit Die folgende Geschichte, um einen weiteren Vertreter der Gegenwartsliteratur zu nennen, beschäftigen sich hauptsächlich mit Aussteigern und seltsamen Käuzen. Insbesondere mit letztgenanntem Kurzroman hat Han Kangs Griechischstunden viel gemein:

An dem Tag, als du mich in deine Arme nahmst, habe ich wohl, bebend vor Klarheit, das Zarte, Glühende und Unverstellte dieser Geste verstanden. Dass der menschliche Körper eine traurige Angelegenheit ist, hohl, weich und verletzlich. Die Arme. Die Achselhöhlen. Die Brust. Die Leiste. Dieser Körper, zum Umarmen geboren und dazu, Lust darauf zu machen.
Han Kang aus: „Griechischstunden“

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Cees Nooteboom: „Die folgende Geschichte“

Die folgende Geschichte von Cees Nooteboom … Berührende Lebensbilanz eines Träumers.

Bücher über Literaturliebhaber thematisieren oft Weltfremdheit und Narrentum. Paradigmatisch steht hier Miguel de Cervantes Saavedras Don Quijote Pate, in der der Titelheld durch den exzessiven Konsum von Ritterromanen verlernt zwischen Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden und bspw. Windmühlen für feindlich gesinnte Riesen hält. Neuzeitlich untersucht bspw. Elias Canetti in seinem Erstlingsroman aus dem Jahre 1936 Die Blendung besagtes Thema, in welchem er den Sinologen Peter Kien dem Irrsinn verfallen lässt. Weltfremdheit und Sprachliebe gehen so oft einher, dass es einem Klischee gleicht. Nichtsdestotrotz überzeugen viele Bücher aus dieser Tradition, alte wie auch John Williams Stoner (1965) aber auch neuere wie Cees Nootebooms Die folgende Geschichte (1991):

Weibliche Bücherwürmer, leicht ätherisch, das war bisher meine Domäne gewesen, von verschämt bis verbittert, und alle hatten sie bestens erklären können, wo der Haken bei mir war. Stinkeigensinnig oder »Meiner Meinung nach merkst du nicht einmal, ob ich da bin« waren oft gehörte Klagen, neben »Mußt du jetzt schon wieder lesen?« und »Denkst du eigentlich je an jemand anders?«. Nun, das tat ich, aber nicht an sie. Und außerdem, ja, ich mußte schon wieder lesen, denn die Gesellschaft der meisten Menschen liefert nach den vorhersehbaren Ereignissen keinen Anlaß zum Gespräch.
Cees Nooteboom aus: „Die folgende Geschichte“

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Gaea Schoeters: „Trophäe“

Trophäe von Gaea Schoeters. SWR Bestenliste 03/2024.

Die Jagd als Thema wird in neuzeitlicher Literatur weniger oft aufgegriffen. Ernest Hemingways Die grünen Hügel Afrikas dienen als Paradigma der Jagd von Menschen auf Tieren in Afrika, Herman Melvilles Moby Dick als eine Jagd auf dem Meer, die aber eher eine Rachegeschichte darstellt, und ansonsten vermehrt in volkstümlicher Literatur, die das Jagen romantisieren und als Brauchtum zu verklären drohen, wie bspw. in Hermann Löns Jagdgeschichten aus Mein grünes Buch. Im kulturkritischen Diskurs finden sich weniger Beispiele. Zuletzt wohl nur in Eine runde Sache von Leipziger Buchmesse-Preisträger von 2022 Tomer Gardi, in der ein Mensch einen Menschen jagt. Hieran knüpft nun Gaea Schoeters in Trophäe an:

Der Junge. Der Bulle. Die Welt um sie herum dreht sich weiter, so wie auch das Leben bald weitergehen wird, aber Jäger und Beute stehen still: Zwischen ihnen konzentrieren sich Zeit und Abstand zu diesem kurzen, einzigartigen Augenblick, in dem Leben in Tod umschlägt. Erkenntnis flackert in den braunen Augen des Tieres auf: In einem Augenblick, so abrupt und klar wie die Sonne, die durch einen Riss in den Wolken strahlt, erkennt er die Endlichkeit seiner Existenz.
Gaea Schoeters aus: „Trophäe“

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