Paul Lynch: „Das Lied des Propheten“

Das Lied des Propheten von David Lynch. Booker-Preis 2023, SWR-Bestenliste.

Der Booker Preis-Träger von 2023, Paul Lynch, beschreibt in seinem Buch Das Lied des Propheten den Untergang einer Gesellschaft und setzt die Tradition der Dystopieromane fort, die literaturgeschichtlich hauptsächlich durch George Orwells 1984, Aldous Huxleys Schöne neue Welt oder Ray Bradburys Fahrenheit 451 repräsentiert werden. Gegenwärtig findet die Dystopie eigenartigerweise, von Science-Fiction-Romanen abgesehen, weniger Anklang. Hier lassen sich aber Michel Houellebecqs Die Unterwerfung oder T.C. Boyles Blues Skies nennen. Weniger religions- und geschlechtspolitisch als Houellebecq und weniger Klimakatastrophen genährt als Boyle erforscht Lynch in Das Lied des Propheten den schlagartigen Zusammenbruch eines geordneten sozialen Systems:

Wie Sie sicher schon gemerkt haben, Mr. Stack, ist das für den Staat eine schwierige Zeit, wir haben Anweisung, alle Beschuldigungen, die uns erreichen, ernst zu nehmen — Was reden Sie denn da, verdammt?, sagt Larry, das ist doch keine Beschuldigung, das ist völliger Unsinn, Sie verdrehen da etwas, nehmen eine Sache und machen eine andere daraus, das sieht mir ganz so aus, als hätten Sie das selbst getippt. Mr. Stack, zweifellos haben Sie von der Notverordnung gehört, die auf die anhaltende Krise hin, mit der sich der Staat konfrontiert sieht, vergangenen September in Kraft getreten ist, Gesetze, die dem GNSB zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zusätzliche Mittel und Befugnisse zur Verfügung stellen […]
Paul Lynch aus: „Das Lied des Propheten“

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Heinz Strunk: „Zauberberg 2“

Zauberberg 2 von Heinz Strunk. Spiegel Belletristik-Bestseller 2024-25.

Zauberberg 2, Heinz Strunks neuester Roman, steht in einer langen und sehr gepflegten und wohlbehüteten Erzähltradition: die des an seiner eigenen Monomanie zugrunde gehenden männlichen Individuums. Von der Klassik, bspw. Johann Wolfgang Goethes Die Leiden des jungen Werther, über Franz Kafkas Der Proceß in der Moderne bis hin zu Christoph Heins Der Tangospieler oder Michel Houellebecqs Vernichten in der Gegenwart finden sich stets wieder die Romane über Einzelgänger, die mit sich und der Welt abzuschließen versuchen und denen es auch meist gelingt und zwar oft final. Strunk kennt fast kein anderes Thema. Seine Protagonisten konfrontieren sich krass und gnadenlos mit sich selbst und ziehen eine erbarmungslose Bilanz:

Am Horner Kreisel nimmt er die Ausfahrt auf die A24 Richtung Berlin. Autos rauschen in schmutzig aufsprühenden Tropfenschleiern an ihm vorbei, Schneeregengrau spritzt gegen seine Windschutzscheibe. Sein Gesicht im Rückspiegel: kein schöner Anblick. Ein Pseudointellektueller, Kindergreis, Woody Allen junior, fahl, käsig, kränklich, die Augen rot und verschwommen, als hätte jemand Salz hineingestreut. Außerdem wirkt seine Miene völlig ausdruckslos, obwohl ja so viel in ihm vorgeht.
Heinz Strunk aus: „Zauberberg 2“

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Alina Bronsky: „Pi mal Daumen”

Pi mal Daumen von Alina Bronsky. Spiegel-Belletristik Bestseller 2025.

Der Universitätsalltag findet in der Literatur seltener Erwähnung als Schulzeit- und Kindheitsgeschichten. In letzter Zeit lassen sich da, bspw., Raphaela Edelbauers Die Inkommensurablen, Slata Roschals Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten oder Terézia Moras Muna anführen, und ein Klassiker stellt sicherlich John Williams Stoner, Philipp Roths Der menschliche Makel oder, weiter zurückgehend Die Blendung von Elias Canetti dar. Alina Bronsky, die mit ihren Büchern bereits zweimal (2010,2015) auf der Longlist des Preises des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gelandet ist, legt nun ein Buch über das Mathematikstudium vor, insbesondere über die auftretenden Anfangsschwierigkeiten:

Am Anfang des Semesters waren die Vorlesungen noch voll, die Leute mussten auf der Heizung oder auf dem Boden sitzen. Die Hälfte der Professoren hatte osteuropäische Namen. Sie waren besonders gefürchtet, weil sie den Stoff des ersten Uni-Semesters bereits in der neunten Klasse auf ihren spezialisierten Schulen gelernt und wenig Verständnis für das Schneckentempo in Deutschland hatten. »Warten Sie ein paar Wochen«, hatte der Studiendekan Professor Orlov bei der Begrüßungsveranstaltung gesagt. »Dann sind wir wieder unter uns.«
Alina Bronsky aus: „Pi mal Daumen“

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Über den Roman (Definition)

Roman. Eine Begriffsbestimmung.

Die Shortlist des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hat für mich bei der Besprechung der einzelnen Titel erneut die Frage aufgeworfen, was ich eigentlich unter einem Roman verstehe. Selbstredend lassen sich reale Dinge, und hierzu gehören auch Texte, nicht definieren. Was also ein Roman ist, um mit Wittgenstein zu sprechen, bestimmt die Sprachpraxis, und um die Sprachpraxis, also um den Sinn- und Bedeutungsanschluss bemühe ich mich bei meinen Versuchen des kommunikativen Lesens. Der Begriff „Roman“ besitzt ein Spannungsfeld, das ausufert, übergleitet. Sicherlich ist das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft kein Roman. E. M. Forster beschreibt 1927 in seinen Ansichten des Romans den Roman wie folgt:

Jede freie Prosadichtung von über 50 000 Worten ist im Sinne dieser Vorlesungen ein Roman […] Ich wüßte [sonst] keine vernünftige Formel, durch die sich dieser Komplex als Ganzes definieren ließe. Alles, was sich darüber sagen läßt, ist, daß er auf zwei Seiten von Bergketten abgeschlossen ist, von denen keine steil ansteigt: den gegeneinander stehenden Massiven Dichtung und Historie, und nach der dritten Seite begrenzt ist durch ein Meer – ein Meer, auf das wir bei Moby Dick stoßen werden.
E. M. Forster aus: „Ansichten des Romans“

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Thomas Mann: „Der Tod in Venedig“

Der Tod in Venedig von Thomas Mann. Ein beklemmender Befreiungsversuch.

Der Tod in Venedig von Thomas Mann handelt vor allem von einer künstlerischen Sackgasse und von dem Versuch, ihr zu entkommen. Zentral steht in dieser Novelle der Tabubruch, die Liebe eines fünfzigjährigen Schriftstellers, Gustav Aschenbach, zu einem vierzehnjährigen Jungen namens Tadziou, der als Projektionsfläche dient und jenen so wieder in die Intensität und Wirklichkeit des Lebens zurückführt. Anders als Vladimir Nabokov in Lolita geht es in Der Tod in Venedig weniger um den Vollzug der Lust am wehrlosen Kind und die uneingestandene Schuld am Missbrauch als um das imaginierte Spiel mit dem Abgrund, aus dem eine gewisse künstlerische Praxis ihre Inspiration zieht:

Das war der Rausch; und unbedenklich, ja gierig hieß der alternde Künstler ihn willkommen. Sein Geist kreißte, seine Bildung geriet ins Wallen, sein Gedächtnis warf uralte, seiner Jugend überlieferte und bis dahin niemals von eigenem Feuer belebte Gedanken auf.

Thomas Mann aus: „Der Tod in Venedig“
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James Baldwin: „Giovannis Zimmer“

Giovannis Zimmer von James Baldwin … Spiegel Belletristik-Bestseller (05/2020)

Oft drohen Romane von politisch-engagierten Schriftstellern und Schriftstellerinnen nur hinsichtlich ihrer Rolle im sozialen Kampf um Gleichberechtigung beurteilt und untersucht zu werden. Sie bleiben als Meilensteine einer Verlautbarwerdung im Gedächtnis, ohne die spezifisch literarischen Aspekte ihres Werkes, ihrer Sprache eingehender zu würdigen. Werke wie Giovannis Zimmer von James Baldwin tragen schwer an ihrer Rolle als historisch gewordenes Dokument, erschließen sie doch außergewöhnliche Dimensionen des poetischen Lebens und literarischen Ausdrucks zugleich:

Ich erinnere mich nur noch, dass wir durch die abendlichen tropisch heißen Straßen von Brooklyn gingen, wo die Hitze aus dem Asphalt quoll und von den Mauern mit mörderischer Gewalt zurückgeschleudert wurde, wo sämtliche Erwachsenen der Welt ungekämmt und laut schwatzend vor den Haustüren hockten und sämtliche Kinder der Welt auf den Gehsteigen, im Rinnstein oder auf den Feuertreppen spielten.

James Baldwin aus: „Giovannis Zimmer“
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Henri Alain-Fournier: „Der große Meaulnes“

Der große Meaulnes … Literatur, die mit Schmerz versöhnt, ohne ihn zu verleugnen …

Wie der Bewusstseinsstrom, oder stream of consciousness, mit James Joyces Ulysses (1922) als literarisches Mittel verknüpft wird und nicht mit Édouard Dujardins Geschnittener Lorbeer (1888), so wird auch die Sequenzierung und Ineinanderüberblendung der literarischen Erinnerungstechnik von Traum und Wirklichkeit meist mit Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (1913) in Verbindung gebracht und nicht mit Henri Alain-Fourniers Der große Meaulnes (1913), der zur selben Zeit entstand und zu seiner Zeit sogar populärer gewesen ist. Wie Proust taucht Alain-Fournier tief in die Mythen und Zeitlosigkeiten der Kindheit und Jugend ein:

Alle Jahre holten wir [meine Großeltern] einige Tage vor Weihnachten an der Bahnstation vom Zug um vier Uhr zwei ab. Um uns zu besuchen, hatten sie das ganze Département durchquert, beladen mit Säcken voller Kastanien und mit Lebensmitteln für Weihnachten, die in Handtücher eingewickelt waren. Sobald sie alle beide eingemummelt, lächelnd und ein wenig schüchtern die Schwelle des Hauses überschritten hatten, schlossen wir hinter ihnen alle Türen, und eine ganze Woche voller Freude begann.

Henri Alain-Fournier aus: „Der große Meaulnes“
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Theodor W. Adorno: „Ästhetische Theorie“ (ii: Kritik)

Ästhetische Theorie von Theodor W. Adorno.

Im ersten Teil meiner Lektüre von Theodor W. Adornos Ästhetische Theorie beschäftigte ich mit seinem Kunstbegriff und seiner Fassung des Schönen, das er gegen Immanuel Kants Begriff aus §9 der Kritik der Urteilskraft »Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt«, aber auch gegen Georg Friedrich Hegels Definition des »Schönen als des sinnlichen Scheinens der Idee« entwickelt. In Adornos Konzept des Schönen erweist sich dies als das der Gewalt der Form durch Form entkommende Einzelne:

Das Schöne in der Kunst ist der Schein des real Friedlichen. Dem neigt noch die unterdrückende Gewalt der Form sich zu in der Vereinigung des Feindlichen und Auseinanderstrebenden.
Theodor W. Adorno aus: „Ästhetische Theorie“  

Im zweiten Teil möchte ich nun Adornos Begriff des Kunstverstehens herausarbeiten, dem ein Großteil der Ästhetischen Theorie gewidmet ist, die so als Propädeutik, wie Kunst überhaupt zu begegnen sei, verstanden werden kann. Weniger urteilt Adorno, als dass er eine Verhaltensweise Kunstwerken gegenüber einübt, die er das mimetische Verstehen nennt:

Kunstwerke sind die vom Identitätszwang befreite Sichselbstgleichheit. Der peripatetische Satz, einzig Gleiches könne Gleiches erkennen, den fortschreitende Rationalität bis zu einem Grenzwert liquidiert hat, scheidet die Erkenntnis, die Kunst ist, von der begrifflichen: das wesentlich Mimetische erwartet mimetisches Verhalten. Machen Kunstwerke nichts nach als sich, dann versteht sie kein anderer, als der sie nachmacht.

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Theodor W. Adorno: „Ästhetische Theorie“ (i: Kunst)

Ästhetische Theorie von Theodor W. Adorno. Sein Kunstbegriff.

Gleich welche Binnendifferenzierungen durchgeführt werden, sie geben Anlass zum Ärgernis. In der Literaturwissenschaft findet sich ein Beispiel in der Unterscheidung zwischen U- und E-, also unterhaltender und ernsthafter, oder Trivial- und Hochliteratur. Einer der wenigen, die noch ernsthaft diese Scheidung bis in die Tiefe seiner Begrifflichkeit hinein genommen und vertreten hat, ist, anders als Umberto Eco in Apokalyptiker und Integrierte (1964), Theodor W. Adorno und sein Begriff von der Kulturindustrie gewesen. Ungemindert besteht er auf einen emphatischen Kunstbegriff, den er seinem nur fast vollendeten Text Ästhetische Theorie (1970) zugrunde gelegt hat: 

Kunst achtet die Massen, indem sie ihnen gegenübertritt als dem, was sie sein könnten, anstatt ihnen in ihrer entwürdigten Gestalt sich anzupassen. Gesellschaftlich ist das Vulgäre in der Kunst die subjektive Identifikation mit der objektiv reproduzierten Erniedrigung. Anstelle des den Massen Vorenthaltenen wird von ihnen reaktiv, aus Rancune genossen, was von Versagung bewirkt ist und die Stelle des Versagten usurpiert. Daß niedrige Kunst, Unterhaltung selbstverständlich und gesellschaftlich legitim sei, ist Ideologie; jene Selbstverständlichkeit ist allein Ausdruck der Allgegenwart von Repression. Modell des ästhetisch Vulgären ist das Kind, das auf der Reklame das Auge halb zukneift, wenn es das Stück Schokolade sich schmecken läßt, als wäre das Sünde.
Theodor W. Adorno aus: „Ästhetische Theorie“

Dass heute die Unterscheidung zumeist nur noch ein müdes Lächeln hervorruft, zumal im Zeitalter des Midcults, also dem Versuch, Intersektionalität in der Literaturkritik zu verankern, siehe bspw. Moritz Baßler in Populärer Realismus, verdeckt aber vielleicht nur den Umstand, dass ein gewisses Maß an Formdurchdringung gar nicht mehr angestrebt, geschweige denn erwartet wird, also eine ganze Kulturpraxis (ob nun höher, niedriger eingestuft oder nicht, das spielt hierbei gar keine Rolle) zu verschwinden droht und hierauf, nicht auf die Beurteilung und Bewertung, Adornos emphatischer Kunstbegriff reagiert, der noch eine Kunst anvisiert, die das Versprechen auf ungemindertes Glück in sich trägt.

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Anna Katharina Fröhlich: „Die Yacht“

Die Yacht von Anna Katharina Fröhlich. Eine neue Italienische Reise.

Italien als Sehnsuchtsort spielt in der Literatur seit Johann Wolfgang Goethes Italienische Reise eine stets wieder aufflammende Rolle. Als neuere Beispiele seien Birgit Birnbachers Wovon wir leben, Bodo Kirchhoffs Seit dem er sein Leben mit einem Tier teilt oder Martin Mosebachs Krass genannt, als älteres steht Thomas Manns Der Tod in Venedig und Joseph von Eichendorffs Das Leben eines Taugenichts als Paradigma schlechthin für den Italienmythos Pate. Anna Katharina Fröhlich verarbeitet in Die Yacht das klassische Thema mit einer eindrucksvollen Leichtigkeit. Vor allem die Freude an der Natur, der Landschaft, der Umgebung spielt eine herausragende Rolle:

An den folgenden Morgen stand Martha vor Sonnenaufgang auf, um an die unterhalb des Hauses gelegene Bucht zu gehen und weit hinaus ins Meer zu schwimmen.
Aus dem Wasser hörte sie das Krähen eines fernen Hahns und die Schreie eines Esels. Zu dieser Stunde, wenn der Himmel die Farben einer Kirschblüte durchlief, lag über der Bucht das kalte Licht des frühen Morgens. Die Pinienstämme schienen schwarz, doch wenn die Sonne aufstieg, leuchteten die Bäume grün, funkelten mit einem Schlag die Wellenkämme und durchstrahlte der Schein das Wasser bis auf den sandigen Grund.

Anna Katharina Fröhlich aus: „Die Yacht“

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