Neige Sinno: „Trauriger Tiger“

Trauriger Tiger von Neige Sinno. Finalist Prix Goncourt 2023. Premio Strega Europeo 2024.

Trauriger Tiger von Neige Sinno gibt einige Rätsel auf. Aus dem Stoffgebiet Familie mit einem Plot aus dem Bereich Gewalt arbeitet sie das Verbrechen auf, dass ihr Stiefvater an ihr begangen hat. Von frühester Kindheit an, sie war erst sieben Jahre alt, vergewaltigte er sie regelmäßig, ohne dass ihre Geschwister oder ihre Mutter etwas davon bemerkten, und stoppte erst, aus Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft, als Sinno mit vierzehn Jahren in die Pubertät kam. In Trauriger Tiger berichtet sie von ihrem Leben, von den Erinnerungen, den Ängsten, den Zwangsvorstellungen, die sie seitdem begleiten, sehr nüchtern, trist, ja unverhüllt und direkt:

Manchmal wünschte ich mir, er möge sich nicht länger zusammennehmen und mich ein für alle Mal umbringen, damit endlich Schluss wäre. Als ich begriff, dass es in Wirklichkeit eine Ausgangstür gab, wurde es hell in mir. Die plötzliche Einsicht, dass ich nur ertragen würde, was ich ertragen konnte, dass ich gehen konnte, wann immer ich wollte, ist mir im Lauf meines gesamten Lebens eine große Hilfe gewesen. An dem Tag, als ich mich schon tot wähnte, bin ich wahrscheinlich ein wenig gestorben, und das Gespenst, das mich überlebt hat, ist die Frau, die bis heute durchgehalten hat.
Neige Sinno aus: „Trauriger Tiger“

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Wolfgang Schiffer: „Ich höre dem Regen zu“

Ich höre dem Regen zu von Wolfgang Schiffer.

Angesichts einer etwas zerbröselnden Weltstimmung scheint der Roman viel weniger geeignet als die Lyrik, um Weltscherbenlese zu betreiben. Wolfgang Schiffer verarbeitet in Ich höre dem Regen zu vor allem den Angriff der russischen Armee auf die Ukraine und die verblassende Hoffnung auf das vermittelnde Wort. Er setzt hiermit thematisch fort, was in Dass die Erde einen Buckel werfe angeklungen ist, nämlich den erhofften Widerstand des Lebens gegen den Untergangs- und Todeswillen der Menschen, der Traum, ein anderer Mensch könne folgen und friedlicher mit dem Weltall zusammenleben:

Die Pappeln würden weiter stehen und wachsen,
die Winde würden wehen, die Blumen blühen,
jedem Sommer, der Herbst, der Winter,
ein Frühling und ein neuer Sommer folgen,
jeder Nacht ein Tag und eine neue Nacht.
Und ich schließe für einen Augenblick die
Augen und denke: und mir ein anderer Mensch.

Wolfgang Schiffer aus: „Ich höre dem Regen zu“

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Eva Christina Zeller: „Muttersuchen“

Muttersuchen von Eva Christina Zeller.

Autofiktionales Erzählen lebt von der Erleichterung, dass kein narrativer Bogen gespannt werden muss. Die Lebenszeit selbst gibt den Ton an, und alles andere reiht sich, Ereignis um Ereignis, wie die Perlen auf einer mit Bestimmtheit endenden Kette (nämlich spätestens im Jetzt). Was oft übersehen wird, im autofiktionalen Genre unbeachtet bleibt, läuft auf die Verdichtung der unwillkürlichen Erinnerung hinaus: die Erleichterung vom Plot findet gerade deshalb statt, um dialektische Bilder der Erinnerung im Stillstand zu ermöglichen. Vor diesem Hintergrund erscheint autofiktionales Schreiben als viel risikoreicher. Ergeben sich nämlich keine dialektischen Bilder im Stillstand, war das Schreiben gegenstandslos. Als Beispiele seien Ronya Othmanns Vierundsiebzig genannt oder Tijan Silas, Ingeborg-Bachmann-Preisträger von 2024, Radio Sarajevo. Eva Christina Zeller dagegen besitzt das Gespür und findet die Verdichtungen in ihrem neuesten Buch Muttersuchen:

Dieses Buch ist ein Zopf. Ein alter Zopf, der aus einer stickigen Schublade befreit wurde, um neu geflochten und gezopft zu werden. In ihm werden drei Stimmen verschränkt. Drei Texte aus drei Generationen. Großvater, Mutter, Enkelin. Sie wollen wissen, wer sie sind, und wagen sich ins Fremde vor. Sie reisen nach Bosnien oder Amerika. Sie suchen eine Aufgabe im Leben.
Eva Christina Zeller aus: „Muttersuche“

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Deutscher Buchpreis 2024: Die Shortlist. Mein Fazit.

Deutscher Buchpreis 2024.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels lobt seit 2005 jedes Jahr zu Beginn der Frankfurter Buchmesse den ‚Roman des Jahres‘ aus, auch Deutscher Buchpreis genannt, um über die Ländergrenze hinaus Aufmerksamkeit für deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu schaffen. Dieses Jahr standen auf der Shortlist die folgenden sechs Bücher, die ich einzeln und für sich stehend in den letzten Wochen besprochen habe:

Bevor am 14.10.2024 um 18:00 Uhr die offizielle Bekanntgabe des Siegertitels des Deutschen Buchpreises erfolgt, nun meine Auswertung.

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Ronya Othmann: „Vierundsiebzig“

Vierundsiebzig von Ronya Othmann. Deutscher Buchpreis Shortlist.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (6): Texte über den Genozid besitzen eine lange und traurige Tradition in der Menschheitsgeschichte, insbesondere seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Angefangen mit den Massakern in Kongo und Armenien, über die Verfolgungen und Massentötung der jüdischen Bevölkerung Europas im Holocaust während des Zweiten Weltkrieges, hin zu den Massentötungen in Kambodscha, in den jugoslawischen Bürgerkriegen, später Ruanda und Darfur setzt der religiös-motivierte versuchte Genozid durch den Islamischen Staat (IS) im Nordirak an der êzîdischen Bevölkerung einen weiteren traurigen Tiefpunkt in der blutigen Geschichte der Neuzeit. Ronya Othmann, selbst êzîdischer Herkunft, schreibt in Vierundsiebzig über den sogenannten Ferman 74:

Die Parlamentarierin, die bei ihrer Rede zusammengebrochen ist, die Reporter, die angefangen haben zu weinen, die alte Frau, die verstummt ist, und der Sheikh, der eine Geschichte nach der anderen erzählte, der sagte, er könne vierundzwanzig Stunden weitererzählen, ohne zu einem Ende zu kommen, zeigen, dass es keine Sprache gibt für das, was im August 2014 geschah. Selbst das Aneinanderreihen der Fakten, das Zählen der Toten, selbst das Datum, 3. August 2014, oder 74. Ferman, wie wir Êzîden den Genozid nennen, bleiben ein Platzhalter für etwas, wofür wir keine Worte haben. Die Sprachlosigkeit liegt noch unter der Sprache, selbst wenn ein Text da ist. Die Sprachlosigkeit ist das Unbeschreibliche, und sie ist selbst Teil des Textes. Die Sprachlosigkeit strukturiert den geschriebenen Text, legt seine Grammatik fest, seine Form, seine Worte.
Ronya Othmann aus: „Vierundsiebzig“

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Markus Thielemann: „Von Norden rollt ein Donner“

Von Norden rollt ein Donner von Markus Thielemann. Deutscher Buchpreis Shortlist.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (5): Kritische historische Themen in Verbindung mit spannungsgeladenem Handlungsverlauf schließen sich nicht aus. Insbesondere die englischsprachige Literatur besitzt eine Vielzahl von Beispielen für diese Form wie der Roman Schnee, der auf Zedern fällt von David Guterson, in welchem die Repressionen japanisch-stämmiger US-Amerikaner zur Zeit des Zweiten Weltkrieges thematisiert werden; oder Nicholas Evans, bekannt durch Der Pferdeflüsterer, in seinem Roman Im Kreis des Wolfes, in welchem der Wolf sowohl schützenswertes Leben wie eine Gefahr für die Landbevölkerung Montanas in den Rocky Mountains darstellt. Beide Romane legen Wert auf Spannungsbögen, Verdichtung und Romanzen, aber reflektieren dennoch eingehend über moralisch-politische Dimensionen des angerissenen Stoffs. Markus Thielemann legt mit Von Norden rollt ein Donner ein ähnlich gearteten Roman vor. Er handelt von Viehbauern in der Lüneburger Heide, in der plötzlich wieder Wölfe aufgetaucht sind:

Einer spricht sich für den Abschuss aus, ein anderer beleidigt ihn als Ewiggestrigen, man könne doch nicht immer nur mit dem Gewehr denken. «Der Wolf gehört eben hier nicht her, Punkt», ruft einer, «sondern in die Vergangenheit oder in andere Länder. Einfach gesagt, passt er eben nicht in unsere deutsche Kulturlandschaft.» Viele stimmen dem Mann zu. Man habe Angst um Kinder und Hunde, Kaninchen und Hühner. Im Ganzen: um seine Lebensart.
Markus Thielemann aus: „Von Norden rollt ein Donner“

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Martina Hefter: „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“

Hey guten Morgen, wie geht es dir? von Martina Hefter. Deutscher Buchpreis Shortlist.

Shortlist Deutscher Buchpreis (4): Alltagsdokumentationen spielen, literarisch gesehen, in die Geschichtsschreibung hinüber. Romane, die das Leben abbilden, besitzen oft einen geringeren Grad formalästhetischer Durchbildung. Die Kommunikation, wie oft im Tagebuch, setzt sofort an, springt, wie im Gespräch, unmittelbar in die Szenerie selbst. Daniela Kriens Mein drittes Leben erzählt im Präsens von dem Trauma einer Mutter, die ihre Tochter verloren hat. Helga Schubert in Der heutige Tag vom Alltag mit ihrem sterbenskranken Mann, um den sie sich kümmert, auch wenn sie oft erschöpft und müde ist und sich vielleicht manchmal viel lieber wie Slata Roschal in Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten alleine in einem Hotelzimmer verbarrikadieren möchte. Thematisch schließen diese Texte an Maxie Wanders Guten Morgen, du Schöne an, die textlich, narrativ, ein weibliches Selbst- und Weltverständnis erforschen. Diese Form nimmt Martina Hefter nicht nur mit dem Titel ihres neuesten Buches Hey guten Morgen, wie geht es dir? auf, das von Juno und ihrem Alltag als Tänzerin und Pflegerin ihres MS-erkrankten Mannes handelt:

Juno Isabella Flock: Weiße Frau, lebt in Deutschland. Privilegiert. Keine Kinder. Entspricht damit nicht ganz dem Durchschnitt in Deutschland. Freiberufliche Performancekünstlerin, verdient mal mehr, mal weniger Geld. Hofft, dass sie bis an ihr Lebensende als Künstlerin arbeiten kann. Und dann tot umfallen ohne großen Beef. Flock ist über fünfzig und damit nicht mehr ganz so privilegiert […] Flock hat noch ungefähr dreiundzwanzig Lebensjahre vor sich, wenn alles gutgeht.
Martina Hefter aus: „Hey guten Morgen, wie geht es dir?

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Jean de Palacio: „Das Porträt“

Das Porträt von Jean de Palacio.

Vom Stoff her behandelt Jean de Palacios Roman Das Porträt die Liebe und erhält seine narrative Dynamik durch den Plot Unerfüllte Liebe/Eifersucht. Es steht hiermit im engen Zusammenhang zu J.M. Coetzees Der Pole und Marie Borrélys Mistral. Durch seine apokalyptische Stimmung kommuniziert es aber auch mit Simon Strauss‘ Zu zweit und Cees Nootebooms Die folgende Geschichte. In allen genannten Werken herrscht die Sehnsucht, die unerfüllte Liebe, aber auch am Horizont die Möglichkeit einer alle Lebensqualen besänftigenden Zweisamkeit. Bei de Palacio dient die Sprache als Gesamtsymbol für dieses Gefühl:

Von Marie Smith Jones [der gestorbenen weltweit einzigen Eyak-Sprecherin] wanderten Maurices Gedanken zu Elisabeth Wehland, auch sie eine Erbin und Schatzmeisterin der Sprache, die furchtsam und zitternd die schwere, stets bedrohte Bürde trug, die zweifellos im Zwiespalt war zwischen dem Wunsch, sie weiterzugeben oder sie hochmütig ganz für sich allein zu behalten, in diesem maßlosen Hochmut, zugleich Babel und das Ende einer Welt zu verkörpern, denn die Welt existierte ja letztlich nur durch den Klang der sie beschreibenden Worte.
Jean de Palacio aus: „Das Porträt“

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Oswald Egger: „Diskrete Stetigkeit“

Diskrete Stetigkeit von Oswald Egger … Georg-Büchner-Preis 2024

Der Stil von Oswald Egger, des Georg-Büchner-Preisträgers 2024, gilt gemeinhin eher, wie die Herausgeber des Sammelbandes Wort für Wort – Lektüren zu Oswald Egger resümieren, als „unzugänglich“, „uninterpretierbar“ und interessant scheinbar nur für die „literarische Avantgarde“, unternehmen dann jedoch selbst und im Einzelnen den Versuch, diese Aussagen zu widerlegen. Unabhängig von solchen Versuchen, lässt sich jedoch bspw. an Oswald Eggers Diskrete Stetigkeit zeigen, welcher Reichtum und Anschlussfähigkeit seinen Texten zugrunde liegt, wodurch die Behauptung, er sei hermetisch und unverständlich, sich von alleine ihrer Sinnhaftigkeit enthebt. Was Egger nämlich in Diskrete Stetigkeit durchführt, lässt sich als Sprachrettungsexkurs bezeichnen, um den Wald vor lauter Bäumen wieder sehen zu lernen:

Mitten im Leben fand ich mich wieder in einem Wald (ohne Weg). Ich schritt durch die links, rechts, links glimmenden Stämme. Aschgrau ragten die Bäume auf, glatt und gerade, wie Schäl-Säulen loderten, oder windstill kräuselnder Rauch, Stummel, Strünke und dicht-an-dicht glosendes Geäst. Dessen Pfosten, Sprossen drei bis vier Schritte auseinander standen als Holz-Wall, Bausch- und Bodenflächen fast, Felsen, Tannen, Wellen ohne Stengel und Schaft, als Pendel im Halmwald, abgeschnitten vom Pfad, doch wo war ich? war ich? ich?
Oswald Egger aus: „Diskrete Stetigkeit“

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Caroline Wahl: „Windstärke 17“

Windstärke 17 von Caroline Wahl. Spiegel Belletristik-Bestseller (2024)

Aus der Kategorie Prekäre Kindheitserfahrungen meldet sich nach 22 Bahnen der neue und zweite Roman von Caroline Wahl Windstärke 17. In Intensität, Tempo und Wucht stimmt es mit Romanen wie Ministerium der Träume von Hengameh Yaghoobifarah und Öziri Necatis Vatermal ein, d.h. harte, umgangssprachliche Kraftausdrücke werden nicht gescheut, trotz aller Verletzlichkeit, die die Figuren dieser Romanwelten aufweisen und in ihrer Sehnsucht nach Frieden und Beschaulichkeit den Schwebezustand eines Prana Extrem von Joshua Groß anstreben. Die Welt liegt aber in Trümmern, und mit Welt sind hier meist die familiären Verhältnisse und die als desaströs empfundenen Eltern-Kind-Beziehungen gemeint:

[Mama] bleibt im Türrahmen stehen, während ich »egalegalegalegal« schreibe. Im Augenwinkel sehe ich, wie sie sich umdreht und die Tür schließt. Wie sie sich umdrehte und die Tür schloss. Ich hasse mich für dieses »Egal«. Ich hasse mich, ich hasse sie, und ich hasse alles. Sie wusste, als sie an diesem frühlingshaften Dienstag an meine Tür klopfte, dass sie gehen wird, und ich wusste es irgendwie auch. Ich habe »fjsodksnd« und »egalegalegalegal« aus dem Dokument gelöscht, »Scheißkuh« dringelassen. Und habe sie gehen lassen.
Caroline Wahl aus: „Windstärke 17“

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