Bret Easton Ellis: „American Psycho“

American Psycho von Bret Easton Ellis … Realitätsverlust als Plot.

Glaubwürdige Antipathen finden sich nicht so oft in der Literatur. Oft wird als Weg aus dem Dilemma die Satire gewählt, d.h. aber schon im Vorhinein auf Glaubwürdigkeit zu verzichten und die Überzeichnung, also Karikatur zu wählen. Hiervon gibt es viele Beispiele: Heinrich Manns Der Untertan, Maxim Billers Der falsche Gruß, Vladimir Nabokovs Lolita oder kürzlich Gaea Schoeters Trophäe. American Psycho von Bret Easton Ellis geht den schwierigeren Weg und plausibilisiert den Antipathen, ohne sich über ihn lustig zu machen und ihn bloßzustellen:

Ich gehe nach Hause, sage ›gute Nacht‹ zu einem Portier, den ich nicht erkenne (es könnte irgend jemand sein), dann Überblendung auf mein Wohnzimmer hoch über der Stadt, aus der leuchtenden Wurlitzer 1015 Jukebox (die nicht so gut ist wie die rare Wurlitzer 850) in der Ecke singen die Tokens »The Lion Sleeps Tonight«. Ich masturbiere, denke erst an Evelyn, dann an Courtney, dann an Vanden und wieder an Courtney, aber kurz bevor ich komme – ein schlapper Orgasmus – an ein halbnacktes Model in einem Trägertop, das ich heute in einer Calvin-Klein-Anzeige gesehen habe.
Bret Easton Ellis aus: „American Psycho“

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Takis Würger: „Für Polina“

Für Polina von Takis Würger. Spiegel Bestseller 2024.

Klassische Musik besitzt immer noch den Nimbus eines Geheimnisses, eines Höheren, eines Edleren und besitzt auch in der Gegenwartsliteratur noch viel Anziehungskraft, insbesondere das Klavier als König der Instrumente, sei’s in Bernhard Schlinks Die Enkelin, in Edgar Selges Hast du uns endlich gefunden oder in Eckhart Nickels Punk. Ältere bekannte Romane wären Die Klavierspielerin von Elfriede Jelinek, Thomas Bernhards Der Untergeher und noch weiter zurückliegend Thomas Manns Doktor Faustus. Takis Würgers Für Polina spielt im Titel auf Ludwig van Beethovens Für Élise (1810) an, um dessen Widmungsempfängerin noch Unklarheit herrscht. Dieses Thema greift Würger in seinem dritten Roman, nach Der Club und Stella, auf, denn auch hier geht ein Lied um die Welt, dessen Widmungsempfängerin unauffindbar scheint:

Es waren kleine knisternde Funken, die aus dieser Musik stoben, als würde man in Holzkohleglut pusten, aber sie flogen schnell. Und sie flogen weit. Und dort, wo sie auf‌trafen und die Menschen »MOVER PLAYS PIANO ON THE STREET AND MOVED MY HEART« anhörten, flackerte die Glut auf, und bald loderte eine kleine Flamme, bald entfachten Feuerchen, eins in Hamburg, eins in Garmisch, eins in München, eins in Tbilisi, eins in Istanbul, und daraus sprangen neue Funken. Es entstand ein krachendes Feuer, das nicht aufzuhalten war, es überquerte Ländergrenzen und Sprachen, den Äquator und die Ozeane.
Takis Würger aus: „Für Polina“

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Samantha Harvey: „Umlaufbahnen“

Umlaufbahnen von Samantha Harvey. Booker Prize 2024.

Im Zeitalter der globalen Vernetzung von Kommunikation wächst auch eine neue Form des globalen Bewusstsein. Die neuen Transport- und Kommunikationsweisen führen zu einem neuen Raum- und Zeitgefühl, das planetare Ausmaße erlangt. In der Literatur erscheint dieses in Romanen wie dem von Joshua Groß Prana Extrem oder Leona Stahlmanns Die ganzen belanglosen Wunder. Texte dieser Art besitzen einen eher kollektiven Sog, eine gemeinschaftlich spirituell gesättigte Gegenwartsgeste und zeichnen sich durch Entgrenzungen aus wie auch Sibylle Berg in RCE. Eine ältere Variante dieser Form der Literatur findet sich bei Peter Handke, zum Beispiel in Der kurze Brief zum langen Abschied (1972), oder noch älter in Karl Philipp Moritz‘ Anton Reiser (1790). Reisen, Entgrenzen, kosmisches Bewusstsein thematisiert auch Samantha Harvey in Umlaufbahnen, das 2024 den Booker Prize zugesprochen bekommen hat:

Zu sechst hängen sie in einem großen H aus Metall über der Erde. Sie drehen sich kopfüber, vier Astronauten und Astronautinnen (aus Amerika, Japan, Großbritannien, Italien) und zwei Kosmonauten (beide aus Russland); zwei Frauen, vier Männer, eine Raumstation, bestehend aus siebzehn miteinander verbundenen Modulen, unterwegs mit achtundzwanzigtausend Kilometern die Stunde. Sie sind lediglich die letzten sechs in einer Reihe von vielen, nichts an ihrer Mission ist noch außergewöhnlich, die Anwesenheit von Menschen im Hinterhof der Erde mittlerweile Routine.
Samantha Harvey aus: „Umlaufbahnen“

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Kristine Bilkau: „Halbinsel“

Halbinsel von Kristine Bilkau. Leipziger Buchmesse-Preis.

Das Cover von Kristine Bilkaus neuestem und mit dem Buchpreis der Leipziger Buchmesse 2025 ausgezeichneten Roman Halbinsel zeigt die Rückansicht einer Frau, die die Arme hinter dem Rücken über Kreuz hält. Um sie herum wabern drei Seifenblasen. Sie wirkt entspannt, aber auch entwaffnet und ungeschützt durch ein schwarzes Kleid, das, von zwei schmalen Trägern gehalten, die Schultern und das Kreuz der Frau unbedeckt lässt. Das Cover nimmt die Thematik des Buches auf: Vulnerabilität und Einsamkeit. Bilkau führt mit dem Buch ihren letzten Roman Nebenan weiter mit dem Stoff Familie und dem Plot Verhängnisvolles Durcheinander:

Als Linn anderthalb Jahre alt war und laufen gelernt hatte, wollte sie jede Treppe allein hochklettern. Sie zappelte und schrie, sobald ich sie auf den Arm hob, auch an die Hand durfte ich sie nicht nehmen. So viele Male stand ich mit angehaltenem Atem hinter ihr, während sie wie in Zeitlupe Stufe um Stufe hochstieg und dabei gefährlich ins Wanken geriet. Jeden Moment war ich bereit, meine Tochter aufzufangen. Ich sah das Stolpern und Stürzen in grellen Details. Bei dem Gedanken an das Geräusch, den dumpfen Aufprall, kniff ich unweigerlich die Augen zusammen. Mit dem Kind war mit einem Mal eine neue, intensive Vorstellungskraft da.
Kristine Bilkau aus: „Halbinsel“

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Sylvia Plath: „Die Glasglocke“

Die Glasglocke von Sylvia Plath.

Wie Ingeborg Bachmanns Malina, erschienen 1971, oft mit Hinblick auf ihren Tod 1973 gelesen wird („Es war Mord.“), und Cesare Paves Turin-Trilogie und insbesondere Die einsamen Frauen (1949) auf Hinweise untersucht wird, die seinen Selbstmord im Jahr 1950 ankündigen (bspw. in der Figur Rosettas), steht auch Sylvia Plaths Die Glasglocke meistens mehr als Zeugnis und Dokument im Vordergrund denn als literarisches Werk. Ihr Roman erschien im Januar 1963 im Vereinigten Königreich, nur wenige Wochen vor ihrem Selbstmord am 11. Februar. Wie auch immer gelesen, ob autobiographisch-realistisch, politisch-feministisch, pathologisch-medizinisch, Die Glasglocke bietet eine Vielzahl an literatur-ästhetischen Anknüpfungspunkte, um zu bedauern, dass dies ihr einziger und letzter Roman geblieben ist:

Ich wußte, daß ich Mrs. Guinea dankbar sein mußte, und trotzdem empfand ich nichts. Hätte sie mir eine Fahrkarte nach Europa oder eine Kreuzfahrt rund um die Welt geschenkt, so hätte sich für mich nicht das geringste verändert, denn egal, wo ich saß – ob auf dem Deck eines Schiffes oder in einem Straßencafé in Paris oder Bangkok –, immer saß ich unter der gleichen Glasglocke in meinem eigenen sauren Dunst. Der blaue Himmel öffnete seine Kuppel über dem Fluß, und der Fluß war mit Segeln gesprenkelt. Ich machte mich bereit, aber im gleichen Augenblick legten meine Mutter und mein Bruder jeder eine Hand auf einen Türgriff. Die Reifen summten kurz auf dem Brückenrost. Wasser, Segel, blauer Himmel und schwebende Möwen flogen vorüber, wie eine unwahrscheinliche Postkarte, und schon waren wir auf der anderen Seite.
Sylvia Plath aus: „Die Glasglocke“

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Cemile Sahin: „Kommando Ajax“

KOMMANDO AJAX von Cemile Sahin. Shortlist Leipziger Buchmessepreis 2025.

Kommando Ajax von Cemile Sahin handelt von den prekären Lebensbedingungen einer kurdischen Familie in Rotterdam. Der Text bearbeitet mit Familie einen Stoffbereich, der in der Literaturwelt in den letzten Jahren viel Beachtung gefunden hat. Sei es Radio Sarajevo von Tijan Sila (Bachmann-Preisträger 2024), Dinçer Güçyeters Unser Deutschlandmärchen (Leipziger Buchmessepreis 2023), Emine Sevgi Özdamars Ein von Schatten begrenzter Raum (Georg Büchner-Preisträger 2022) oder Necati Öziris Vatermal (Shortlist Deutscher Buchpreis 2023). In all diesen Büchern steht der Problemkreis Migration im Vordergrund, bei Sahin nun explizit, zudem, im kriminellen Milieu und schließt bei Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht an, wie weiter unten ausgeführt wird, dynamisiert von einem Plot über Gewalt, Verbrechen und Krieg:

Aber der Geschäftsmann ist nicht irgendein Mann, den Ali Ekber leichtsinnig austricksen kann. Celal musste ins Gefängnis, und der Geschäftsmann schickt einen Scharfschützen nach Rotterdam. In einem anderen Land hat Ali Ekber eine Tat ins Rollen gebracht, die seiner Familie Schaden zufügt. Der tragischste Charakter dieser Geschichte ist Keko. Der musste für die Spielsucht seines Bruders mit dem Leben bezahlen. Die nächste Strafe traf Xidir. Er musste für die Spielsucht seines Bruders mit der Freiheit bezahlen.
Cemile Sahin aus: „KOMMANDO AJAX“

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Christian Kracht: „Air“

Dass eine Parallelwelt in einer erzählten Welt auftaucht, gehört zu den üblichen Weisen in der Literatur, Allegorien zu schaffen oder symbolische Vermittlungsversuche zu bewerkstelligen. Mark Twains Ein Yankee aus Conneticut an König Artus‘ Hof verarbeitet bspw. die Konfrontation von der Moderne mit dem Mittelalter, wenn er einen US-amerikanischen Vorarbeiter und Ingenieur einer Waffenfabrik in Hartford, Conneticut, die gesellschaftlichen Vorstellungen aus dem 19. Jahrhundert dem 6. Jahrhundert überstülpt. Ein anderes Beispiel wäre Astrid Lindgrens Die Brüder Löwenherz, in der die Konfrontation mit der Sterblichkeit durch den Tod in einer Parallelwelt vollzogen wird. Christian Krachts neuer Roman Air betreibt ein ähnliches Zwei-Welten-Unterfangen und bezieht sich explizit auf Lindgrens Roman:

Dort war schon das steinerne, weiß getünchte Haus mit dem Grasdach, die alte rote Telefonzelle daneben, die zur Gratisbuchhandlung umfunktioniert worden war – man nahm sich ein Buch, und wenn man Zeit hatte, stellte man ein anderes wieder hinein. Es war meistens nur Schund, dennoch hatte [Paul] neulich Die Brüder Löwenherz von Astrid Lindgren gefunden, eine schöne englische Erstausgabe, und sie mitgenommen, aber kein neues wieder nachgefüllt, und er fühlte deshalb eine unbestimmte Schuld.
Christian Kracht aus: „Air“

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Wolf Haas: „Wackelkontakt“

Wackelkontakt von Wolf Haas. Shortlist Leipziger Buchmessepreis 2025.

Bei Wackelkontakt von Wolf Haas, auf der Shortlist des Leipziger Buchmessepreises 2025, handelt es sich nicht um einen gewöhnlichen Krimi, wie es von dem Brenner-Krimi-Autor Haas zu erwarten wäre. Wackelkontakt unternimmt ein erzählerisches Experiment und reiht sich in die experimentelleren Texte ein, die ohnehin gerne von der Jury des Leipziger Buchmessepreises beachtet werden, bspw. Barbi Marković mit Minihorror, das den Preis ein Jahr zuvor zugesprochen bekommen hat. Haas betreibt aber weniger eine medienkritische Montage- und Kollagentechnik, mit der Marković subversiv gegen Erzählkonventionen vorgeht, sondern eher eine Perspektivdämonologie à la Maurits Cornelis Escher, indem er über eine Figur schreibt, die einen Roman über sich selbst liest:

Das erste Kapitel, das Escher vor dem Einschlafen gelesen hatte, war eine erschütternde Aufzählung der Gewalttaten, zu denen der Kronzeuge aussagte. Seit dem zweiten Kapitel zitterte Escher um das Leben des jungen Häftlings. Er hieß Elio, doch seit er so schön sang, nannten die Zeitungen ihn Luciano. In vier Tagen sollte er aus seiner Hochsicherheitszelle entlassen werden und seinen alten Namen für immer ablegen.  [… Elio] konzentrierte sich wieder auf das Buch, das ihm helfen sollte, so lange wach zu bleiben […] Es handelte von einem Typen, der Escher hieß wie irgendein anderer Typ, der ebenfalls Escher hieß. Escher wartete schon den halben Tag auf den Elektriker.
Wolf Haas aus: „Wackelkontakt“

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Gustave Flaubert: „Salammbô“

Salammbô von Gustave Flaubert. Impulskontroll-Drama.

Nach seinem Skandalerfolg Madame Bovary (1856), der sogar zu einer Gerichtsverhandlung ob der freizügigen, unterstellt verherrlichten Darstellung des Ehebruchs führte, veröffentlichte Gustav Flaubert sechs Jahre später Salammbô, das ebenfalls beim Publikum ein Bestseller, von der Kritik u.a. Charles-Augustin Sainte-Beuve aber eher kühl aufgenommen wurde. Salammbô stellt sich in die Tradition der historischen Romane, in die fiktionalisierte Gestalten eingebaut werden, wie Sir Wilfred of Ivanhoe in Walter Scotts Ivanhoe (1819) oder der Mönch William von Baskerville in Umberto Ecos Der Name der Rose (1980). Flaubert dramatisiert in seinem zweiten Roman die Ereignisse des nach dem Ersten Punischen Krieg in Karthago entflammenden Söldneraufstandes um eine erfundene Hauptfigur, besagte Salammbô:

In hundert Sprachen machten sich ihre wilden Lüste Luft. Immer wilder wurde der Lärm. In der Dunkelheit brüllten die verwundeten Löwen. Plötzlich leuchtete der Palast auf seiner höchsten Terrasse auf. Die mittlere Tür öffnete sich, und auf ihrer Schwelle erschien in schwarzen Gewändern Hamilkars Tochter. Sie stieg die erste Treppe hinab, die schräg am ersten Stockwerk entlangführte, dann die zweite, die dritte und blieb auf der letzten Terrasse, oben an der Treppe mit den Galeeren stehen. […] Sie ließ einen langen, entsetzten Blick über sie gleiten, dann zog sie den Kopf zwischen die Schultern, breitete die Arme aus und wiederholte mehrere Male: »Was habt ihr getan! Was habt ihr getan! Und doch hattet ihr alles, was euch ergötzen konnte, Brot, Fleisch, Öl und alles Malobathrum, das die Speicher bargen.«
Gustave Flaubert aus: „Salammbô“

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Tommie Goerz: „Im Schnee“

Im Schnee von Tommie Goerz. Spiegel Belletristik Bestseller (02/2025)

In Tommie Goerz‘ neuestem Roman Im Schnee dreht sich alles um den plötzlichen Tod eines nahestehenden Menschen: Max verliert seinen seit Kindheitstagen besten Freund George, genannt Schorsch. Im Stoffgebiet Alter angesiedelt, behandelt Goerz die Trauerverarbeitung der Physischen Ausgeliefertheit wie André Gorz‘ Brief an D., Marilyn und Irvin D. Yalom in Unzertrennlich, oder Bernhard Schlink in Die Enkelin. Anders aber als die genannten Beispiele, die stets im Großstadtmilieu spielen, siedelt Goerz den Schock des Verlustes in dem winzigen, wahrscheinlich fiktiven, oberfränkischen Dorf Austhal an:

In zwei, drei Tagen würde der Schorsch in der Zeitung stehen. Der Max sah sich die Todesanzeigen an, aber er kannte niemanden. Es waren Leute aus der Stadt. Überraschend und unerwartet stand oft dabei, auch nach langer Krankheit. Über Austhal stand in der Zeitung nichts. Kein Wunder. Und gut so, Gott sei Dank. Er schob noch ein Stück Holz nach und legte sich auf sein Chaiselongue, es war Zeit für seinen Mittagsschlaf. Das Scheit knackte im Ofen, und das Knacken trug ihn langsam davon.
Tommie Goerz: „Im Schnee“

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