Kristine Bilkau: „Halbinsel“

Halbinsel von Kristine Bilkau. Leipziger Buchmesse-Preis.

Das Cover von Kristine Bilkaus neuestem und mit dem Buchpreis der Leipziger Buchmesse 2025 ausgezeichneten Roman Halbinsel zeigt die Rückansicht einer Frau, die die Arme hinter dem Rücken über Kreuz hält. Um sie herum wabern drei Seifenblasen. Sie wirkt entspannt, aber auch entwaffnet und ungeschützt durch ein schwarzes Kleid, das, von zwei schmalen Trägern gehalten, die Schultern und das Kreuz der Frau unbedeckt lässt. Das Cover nimmt die Thematik des Buches auf: Vulnerabilität und Einsamkeit. Bilkau führt mit dem Buch ihren letzten Roman Nebenan weiter mit dem Stoff Familie und dem Plot Verhängnisvolles Durcheinander:

Als Linn anderthalb Jahre alt war und laufen gelernt hatte, wollte sie jede Treppe allein hochklettern. Sie zappelte und schrie, sobald ich sie auf den Arm hob, auch an die Hand durfte ich sie nicht nehmen. So viele Male stand ich mit angehaltenem Atem hinter ihr, während sie wie in Zeitlupe Stufe um Stufe hochstieg und dabei gefährlich ins Wanken geriet. Jeden Moment war ich bereit, meine Tochter aufzufangen. Ich sah das Stolpern und Stürzen in grellen Details. Bei dem Gedanken an das Geräusch, den dumpfen Aufprall, kniff ich unweigerlich die Augen zusammen. Mit dem Kind war mit einem Mal eine neue, intensive Vorstellungskraft da.
Kristine Bilkau aus: „Halbinsel“

„Kristine Bilkau: „Halbinsel““ weiterlesen

Sylvia Plath: „Die Glasglocke“

Die Glasglocke von Sylvia Plath.

Wie Ingeborg Bachmanns Malina, erschienen 1971, oft mit Hinblick auf ihren Tod 1973 gelesen wird („Es war Mord.“), und Cesare Paves Turin-Trilogie und insbesondere Die einsamen Frauen (1949) auf Hinweise untersucht wird, die seinen Selbstmord im Jahr 1950 ankündigen (bspw. in der Figur Rosettas), steht auch Sylvia Plaths Die Glasglocke meistens mehr als Zeugnis und Dokument im Vordergrund denn als literarisches Werk. Ihr Roman erschien im Januar 1963 im Vereinigten Königreich, nur wenige Wochen vor ihrem Selbstmord am 11. Februar. Wie auch immer gelesen, ob autobiographisch-realistisch, politisch-feministisch, pathologisch-medizinisch, Die Glasglocke bietet eine Vielzahl an literatur-ästhetischen Anknüpfungspunkte, um zu bedauern, dass dies ihr einziger und letzter Roman geblieben ist:

Ich wußte, daß ich Mrs. Guinea dankbar sein mußte, und trotzdem empfand ich nichts. Hätte sie mir eine Fahrkarte nach Europa oder eine Kreuzfahrt rund um die Welt geschenkt, so hätte sich für mich nicht das geringste verändert, denn egal, wo ich saß – ob auf dem Deck eines Schiffes oder in einem Straßencafé in Paris oder Bangkok –, immer saß ich unter der gleichen Glasglocke in meinem eigenen sauren Dunst. Der blaue Himmel öffnete seine Kuppel über dem Fluß, und der Fluß war mit Segeln gesprenkelt. Ich machte mich bereit, aber im gleichen Augenblick legten meine Mutter und mein Bruder jeder eine Hand auf einen Türgriff. Die Reifen summten kurz auf dem Brückenrost. Wasser, Segel, blauer Himmel und schwebende Möwen flogen vorüber, wie eine unwahrscheinliche Postkarte, und schon waren wir auf der anderen Seite.
Sylvia Plath aus: „Die Glasglocke“

„Sylvia Plath: „Die Glasglocke““ weiterlesen

Cemile Sahin: „Kommando Ajax“

KOMMANDO AJAX von Cemile Sahin. Shortlist Leipziger Buchmessepreis 2025.

Kommando Ajax von Cemile Sahin handelt von den prekären Lebensbedingungen einer kurdischen Familie in Rotterdam. Der Text bearbeitet mit Familie einen Stoffbereich, der in der Literaturwelt in den letzten Jahren viel Beachtung gefunden hat. Sei es Radio Sarajevo von Tijan Sila (Bachmann-Preisträger 2024), Dinçer Güçyeters Unser Deutschlandmärchen (Leipziger Buchmessepreis 2023), Emine Sevgi Özdamars Ein von Schatten begrenzter Raum (Georg Büchner-Preisträger 2022) oder Necati Öziris Vatermal (Shortlist Deutscher Buchpreis 2023). In all diesen Büchern steht der Problemkreis Migration im Vordergrund, bei Sahin nun explizit, zudem, im kriminellen Milieu und schließt bei Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht an, wie weiter unten ausgeführt wird, dynamisiert von einem Plot über Gewalt, Verbrechen und Krieg:

Aber der Geschäftsmann ist nicht irgendein Mann, den Ali Ekber leichtsinnig austricksen kann. Celal musste ins Gefängnis, und der Geschäftsmann schickt einen Scharfschützen nach Rotterdam. In einem anderen Land hat Ali Ekber eine Tat ins Rollen gebracht, die seiner Familie Schaden zufügt. Der tragischste Charakter dieser Geschichte ist Keko. Der musste für die Spielsucht seines Bruders mit dem Leben bezahlen. Die nächste Strafe traf Xidir. Er musste für die Spielsucht seines Bruders mit der Freiheit bezahlen.
Cemile Sahin aus: „KOMMANDO AJAX“

„Cemile Sahin: „Kommando Ajax““ weiterlesen

Christian Kracht: „Air“

Dass eine Parallelwelt in einer erzählten Welt auftaucht, gehört zu den üblichen Weisen in der Literatur, Allegorien zu schaffen oder symbolische Vermittlungsversuche zu bewerkstelligen. Mark Twains Ein Yankee aus Conneticut an König Artus‘ Hof verarbeitet bspw. die Konfrontation von der Moderne mit dem Mittelalter, wenn er einen US-amerikanischen Vorarbeiter und Ingenieur einer Waffenfabrik in Hartford, Conneticut, die gesellschaftlichen Vorstellungen aus dem 19. Jahrhundert dem 6. Jahrhundert überstülpt. Ein anderes Beispiel wäre Astrid Lindgrens Die Brüder Löwenherz, in der die Konfrontation mit der Sterblichkeit durch den Tod in einer Parallelwelt vollzogen wird. Christian Krachts neuer Roman Air betreibt ein ähnliches Zwei-Welten-Unterfangen und bezieht sich explizit auf Lindgrens Roman:

Dort war schon das steinerne, weiß getünchte Haus mit dem Grasdach, die alte rote Telefonzelle daneben, die zur Gratisbuchhandlung umfunktioniert worden war – man nahm sich ein Buch, und wenn man Zeit hatte, stellte man ein anderes wieder hinein. Es war meistens nur Schund, dennoch hatte [Paul] neulich Die Brüder Löwenherz von Astrid Lindgren gefunden, eine schöne englische Erstausgabe, und sie mitgenommen, aber kein neues wieder nachgefüllt, und er fühlte deshalb eine unbestimmte Schuld.
Christian Kracht aus: „Air“

„Christian Kracht: „Air““ weiterlesen

Wolf Haas: „Wackelkontakt“

Wackelkontakt von Wolf Haas. Shortlist Leipziger Buchmessepreis 2025.

Bei Wackelkontakt von Wolf Haas, auf der Shortlist des Leipziger Buchmessepreises 2025, handelt es sich nicht um einen gewöhnlichen Krimi, wie es von dem Brenner-Krimi-Autor Haas zu erwarten wäre. Wackelkontakt unternimmt ein erzählerisches Experiment und reiht sich in die experimentelleren Texte ein, die ohnehin gerne von der Jury des Leipziger Buchmessepreises beachtet werden, bspw. Barbi Marković mit Minihorror, das den Preis ein Jahr zuvor zugesprochen bekommen hat. Haas betreibt aber weniger eine medienkritische Montage- und Kollagentechnik, mit der Marković subversiv gegen Erzählkonventionen vorgeht, sondern eher eine Perspektivdämonologie à la Maurits Cornelis Escher, indem er über eine Figur schreibt, die einen Roman über sich selbst liest:

Das erste Kapitel, das Escher vor dem Einschlafen gelesen hatte, war eine erschütternde Aufzählung der Gewalttaten, zu denen der Kronzeuge aussagte. Seit dem zweiten Kapitel zitterte Escher um das Leben des jungen Häftlings. Er hieß Elio, doch seit er so schön sang, nannten die Zeitungen ihn Luciano. In vier Tagen sollte er aus seiner Hochsicherheitszelle entlassen werden und seinen alten Namen für immer ablegen.  [… Elio] konzentrierte sich wieder auf das Buch, das ihm helfen sollte, so lange wach zu bleiben […] Es handelte von einem Typen, der Escher hieß wie irgendein anderer Typ, der ebenfalls Escher hieß. Escher wartete schon den halben Tag auf den Elektriker.
Wolf Haas aus: „Wackelkontakt“

„Wolf Haas: „Wackelkontakt““ weiterlesen

Gustave Flaubert: „Salammbô“

Salammbô von Gustave Flaubert. Impulskontroll-Drama.

Nach seinem Skandalerfolg Madame Bovary (1856), der sogar zu einer Gerichtsverhandlung ob der freizügigen, unterstellt verherrlichten Darstellung des Ehebruchs führte, veröffentlichte Gustav Flaubert sechs Jahre später Salammbô, das ebenfalls beim Publikum ein Bestseller, von der Kritik u.a. Charles-Augustin Sainte-Beuve aber eher kühl aufgenommen wurde. Salammbô stellt sich in die Tradition der historischen Romane, in die fiktionalisierte Gestalten eingebaut werden, wie Sir Wilfred of Ivanhoe in Walter Scotts Ivanhoe (1819) oder der Mönch William von Baskerville in Umberto Ecos Der Name der Rose (1980). Flaubert dramatisiert in seinem zweiten Roman die Ereignisse des nach dem Ersten Punischen Krieg in Karthago entflammenden Söldneraufstandes um eine erfundene Hauptfigur, besagte Salammbô:

In hundert Sprachen machten sich ihre wilden Lüste Luft. Immer wilder wurde der Lärm. In der Dunkelheit brüllten die verwundeten Löwen. Plötzlich leuchtete der Palast auf seiner höchsten Terrasse auf. Die mittlere Tür öffnete sich, und auf ihrer Schwelle erschien in schwarzen Gewändern Hamilkars Tochter. Sie stieg die erste Treppe hinab, die schräg am ersten Stockwerk entlangführte, dann die zweite, die dritte und blieb auf der letzten Terrasse, oben an der Treppe mit den Galeeren stehen. […] Sie ließ einen langen, entsetzten Blick über sie gleiten, dann zog sie den Kopf zwischen die Schultern, breitete die Arme aus und wiederholte mehrere Male: »Was habt ihr getan! Was habt ihr getan! Und doch hattet ihr alles, was euch ergötzen konnte, Brot, Fleisch, Öl und alles Malobathrum, das die Speicher bargen.«
Gustave Flaubert aus: „Salammbô“

„Gustave Flaubert: „Salammbô““ weiterlesen

Tommie Goerz: „Im Schnee“

Im Schnee von Tommie Goerz. Spiegel Belletristik Bestseller (02/2025)

In Tommie Goerz‘ neuestem Roman Im Schnee dreht sich alles um den plötzlichen Tod eines nahestehenden Menschen: Max verliert seinen seit Kindheitstagen besten Freund George, genannt Schorsch. Im Stoffgebiet Alter angesiedelt, behandelt Goerz die Trauerverarbeitung der Physischen Ausgeliefertheit wie André Gorz‘ Brief an D., Marilyn und Irvin D. Yalom in Unzertrennlich, oder Bernhard Schlink in Die Enkelin. Anders aber als die genannten Beispiele, die stets im Großstadtmilieu spielen, siedelt Goerz den Schock des Verlustes in dem winzigen, wahrscheinlich fiktiven, oberfränkischen Dorf Austhal an:

In zwei, drei Tagen würde der Schorsch in der Zeitung stehen. Der Max sah sich die Todesanzeigen an, aber er kannte niemanden. Es waren Leute aus der Stadt. Überraschend und unerwartet stand oft dabei, auch nach langer Krankheit. Über Austhal stand in der Zeitung nichts. Kein Wunder. Und gut so, Gott sei Dank. Er schob noch ein Stück Holz nach und legte sich auf sein Chaiselongue, es war Zeit für seinen Mittagsschlaf. Das Scheit knackte im Ofen, und das Knacken trug ihn langsam davon.
Tommie Goerz: „Im Schnee“

„Tommie Goerz: „Im Schnee““ weiterlesen

Leon de Winter: „Stadt der Hunde“

Stadt der Hunde von Leon de Winter. Spiegel-Belletristik Bestseller (2/2025)

In der Tradition eines Martin Suters beginnt Leon de Winter seinen Roman Stadt der Hunde reißerisch, schnell auf den Punkt gebracht. Eine Tochter geht verloren, und mit ihrem Verschwinden zerbricht das ganze Leben des Neurochirurgen Jaap Hollander. Stadt der Hunde greift das Trauma vom verschwundenen Kind auf, wie zuletzt auch Daniela Krien in Mein drittes Leben, oder ein anderer bekannter Gegenwartsliterat aus den Niederlanden, Cees Nooteboom, in Allerseelen. De Winter verknüpft dieses existentielle Thema um Tod und Abschied mit dem Nahost-Konflikt, denn die Tochter ist auf einer Birthright-Reise in der Negev-Wüste in Israel verschollen:

In diesem fieberhaften ersten Jahr nach Leas Verschwinden reduzierte Jaap seine Arbeit auf das Nötigste und flog, so oft es ging, nach Tel Aviv, wo er von einem Mitarbeiter der niederländischen Botschaft und jemandem von einer israelischen Regierungsbehörde abgeholt, über eine VIP-Route durch die Flughafengebäude gelotst und zu einem Polizei-Kleinbus gebracht wurde, der ihn in die Wüste fuhr.  […] Später, nach diesem ersten Jahr, als die Israelis ihm eröffnet hatten, dass das Rätsel nicht gelöst werden könne, heuerten er und Sam Guides an, die sie durch den Krater führten, bis die Pollocks die Reise emotional nicht mehr verkraften konnten.
Leon de Winter aus: „Stadt der Hunde“

„Leon de Winter: „Stadt der Hunde““ weiterlesen

Nora Schramm: „Hohle Räume“

Hohle Räume von Nora Schramm. Mara-Cassens-Preis 2025.

Die Selbstkritik am Kunstbetrieb taucht in der klassischen wie der modernen Literatur immer wieder auf. Ein klassisches Werk dieser Art wäre Das Werk von Émile Zola, moderne Vertreter dagegen Alte Meister oder Der Untergeher von Thomas Bernhard, und Magdalena Saiger hat mit ihrem Debüt Was ihr nicht seht aus dem Jahr 2023 einen ähnlichen thematischen Zug, wo ein namenloser Protagonist der Kunstmarketingbranche entflieht und inmitten eines Autobahnkreuzes eine riesige, für sich stehende Installation baut und nach Fertigstellung gleich wieder, ohne dass je jemand dieses Kunstwerk zu Gesicht bekommt, zerstört. Nora Schramm, die 2025 für ihren Debütroman Hohle Räume den Mara-Cassens-Preis des Literaturhauses Hamburg zugesprochen bekommen hat, stellt die Bildende Künstlerin Helene Michels ins Zentrum des narrativen Geschehens, die ihre Eltern in Stuttgart/Findelheim besucht:

Die Mutter hat bereits die getönten Gläser meiner Brille bemerkt, sie fragt sich bereits, warum immer dieses riesige schwarze Ding mitten im Gesicht, sie sorgt sich bereits um die Gesundheit meiner Augen. Ich gehe weiter auf sie zu, als Versicherung, als Beweis für was mal war, und keiner ist sich so ganz sicher, was mal war, vor allem nicht, wie es eigentlich wirklich und ehrlicherweise mal war, aber ich, die ich blass geworden bin und zielstrebig meinen Koffer über den polierten Boden des Stuttgarter Flughafens ziehe, bin offensichtlich real, bin offensichtlich ein Produkt, und zwar von dem, was mal war, und das tut gut zu wissen.
Nora Schramm aus: „Hohle Räume“

„Nora Schramm: „Hohle Räume““ weiterlesen

Joachim Meyerhoff: „Man kann auch in die Höhe fallen“

Man kann auch in die Höhe fallen von Joachim Meyerhoff … Literarisches Quartett 01/2025.

In Joachim Meyerhoffs Roman Man kann auch in die Höhe fallen tritt eine forsche, rüstige, 86jährige Mutter auf den Plan und spielt die Galionsfigur und Lichtgestalt für einen nervösen, an seinem Leben zunehmend verzweifelnden 56 Jahre alten Ich-Erzähler. Das Setting Lebensratgeber in Romanform erfreut sich großer Beliebtheit in den letztjährigen Bestsellerlisten, wie sich an Stephan Müllers 25 letzte Sommer, Mariana Lekys Kummer aller Art und auch Arno Geigers Das glückliche Geheimnis zeigen lässt. Meyerhoff jedoch zielt auf eine eher komödiantische Variante ab:

»Bitte halt an. Schnell.« »Wo denn? Was machst du denn für Geräusche? Warte, gleich.« Mit viel zu hoher Geschwindigkeit bog sie rechtwinkelig in einen Holperweg ein. Ich hüpfte im Sitz auf und ab, und das Schlaglochballett gab mir den Rest. Der Döner sprang mir auf die Füße. »Halt an!«, schrie ich. […] Ich hielt mir beide Handflächen vor den Mund und versuchte, durch Druck den drohenden Schwall niederzupressen, einen Riegel in meiner Kehle zuzuschieben. Doch es war zu spät. Ich kurbelte die Scheibe hinunter, hielt meinen Kopf aus dem Fenster und übergab mich. Meine Mutter rief: »Um Gottes willen!«, und fuhr Schlangenlinien, um mehreren Schlaglöchern auszuweichen.
Joachim Meyerhoff aus: „Man kann auch in die Höhe fallen“

„Joachim Meyerhoff: „Man kann auch in die Höhe fallen““ weiterlesen
Die mobile Version verlassen
%%footer%%