Rezensionen 2021


Damon Galgut: „Das Versprechen“

Eine wüste Welt ergreifend und wortgewandt, mit höchsten Formansprüchen beschrieben.

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„Das Versprechen“ von Damon Galgut handelt von den Konflikten in Südafrika zwischen den 1980er Jahren und der Gegenwart. Im Zentrum des Romans steht eine weiße südafrikanische Farmerfamilie, die Swarts, die neben ihrer Farm noch einen Reptilienzoo besitzen. Am Anfang des Romans stirbt die Mutter, Rahel. Die drei Kinder, Amor, Astrid und Anton und der Vater Manie bleiben zurück, und auch das Dienstmädchen Salome. Der letzte Wunsch Rahels, den Amor als kleines Mädchen bezeugt, ist Salome das Haus zu schenken, in welchem das Dienstmädchen mit ihrem Sohn Lukas wohnt. Der Roman handelt nun von dem Aufschub, den Problemen, die Kleinkariertheiten der Familie mit diesem Versprechen umzugehen.

„Ja, sagt er [Manie] vage, wenn ich einmal ein Versprechen gegeben habe, halte ich es auch. Sicher? Wenn ich’s dir doch sage. Er zieht ein Taschentuch aus der Jackentasche und schnäuzt sich die Nase, dann schaut er hinein und nimmt das Resultat in Augenschein. Steckt es wieder ein. Worum geht es hier eigentlich?, sagt er. (Salomes Haus.) Aber auch Amor schwinden die Kräfte, und sie sinkt abermals an seine Brust. Sie sagt etwas, doch er versteht kein Wort.“

Die etwas banale Geschichte hält etwas ganz Besonderes zusammen. Sie dient lediglich dazu, als Rahmen, ein Gewusel an individuellen Schicksalen, Selbstlügen, Unzulänglichkeiten und Verzweiflung zu beschreiben. Galgut lässt alle zu Wort kommen. Er kommentiert, taucht in die Gedanken, erzählt auktorial und personal und schafft es auf diese Weise ein polyphones Erlebnis zu kreieren, das fesselt, bannt, das interessiert, weil die Figuren lebendig werden, ihr je eigene Stimme bekommen, ihre je eigene Sicht artikulieren, die meist windschief zu den Ansichten, Vorstellungen, Meinungen der anderen Familienmitglieder stehen. „Das Versprechen“ evoziert ein Gesamtbild, fokussiert entlang einer Farm, gebündelt rund um eine Familie, in denen die Opfer zum Sprechen kommen:

„Es wird geschossen, erstochen, erdrosselt, verbrannt, vergiftet, erstickt, ersäuft, erschlagen /Eheleute, die sich gegenseitig niedermetzeln/Eltern, die ihre Kinder töten und umgekehrt/Fremde, die andere Fremde umbringen. Leichen, die einfach am Straßenrand liegen gelassen werden, wie achtlos weggeworfenes Bonbonpapier. Jede einzelne davon ein Leben, oder vielmehr ein zerstörtes Leben, von dem sich konzentrische Ringe aus Schmerz nach allen Seiten ausbreiten, womöglich bis in alle Ewigkeit.“

Galgut hält sich an keine stringente Erzählposition. Er zieht heran, was ihm zum je augenblicklichen Ereignis einfällt. Seine Assoziationen sind zwar lose, jedoch nie beliebig. Seine Satzstrukturen fest und klar, obgleich Tote als Gespenster sprechen, oder von einer Innenwelt in die nächste gehüpft wird und sich hier und da ein allwissender Erzähler meldet und die Lage mit Ironie und Kopfschütteln, manchmal mit Sarkasmus kommentiert. Sein Schreibstil spiegelt das emotionale, intellektuelle Wirrwarr wider, das sich um die Geschehnisse in den Köpfen aller Beteiligten stets aufs Neue bildet. Nichts ist verstanden. Nichts ist klar. Nichts verständlich. Jede einzelne Figur kämpft mehr oder weniger erfolgreich um Klarheit, Selbsterhalt und Übersicht.

„Er [Anton] geht davon und lässt eine jäh zersprengte Gesellschaft zurück, Menschen, die sichtlich über Kreuz liegen und sich gegenseitig angiften. Was ihm in letzter Zeit des Öfteren gelungen ist. Er steigt hinauf in sein mit Büchern und Papieren vollgestopftes Zimmer, dessen Wände mit Zitaten und Merkzetteln gepflastert sind. Von dort durchs Fenster auf einen Sims und dann mittels eines kniffligen Manövers aufs Dach. Sein Lieblingsplatz ist ganz oben auf dem First. Ganz oben sitzt er am liebsten, lässt sich den warmen Wind ins Gesicht wehen und blickt hinaus auf die dunkle, nur hier und da von Lichtern durchstochene Ebene.“

„Das Versprechen“ von Damon Galgut gleicht in vielerlei Hinsicht den Romanen von Claude Simon, insbesondere dem Roman „Das Gras“. Hier wie dort werden geschickt moderne Erzählweisen verknüpft, um ein Geschichtsbild entstehen zu lassen, das Schmerz und Verzweiflung in den Vordergrund schiebt, ohne an Anklagekraft zu verlieren. Er gleicht auch sehr „Gier“ von Elfriede Jelinek, die einen selbigen kommentierenden Erzählstil pflegt und einer sich distanzierende Beobachtungsweise bedient. Aber vor allem gleicht er John M. Coetzees Roman „Schande“, der ebenfalls in Südafrika spielt und eine ganz ähnliche Thematik nur auf andere Weise verhandelt.

Mit anderen Worten Damon Galgut hat mit „Das Versprechen“ einen Roman geschrieben, der mit jedem Satz, jedem Wort, das Versprechen einlöst, mit Literatur nicht nur Geschichten zu erzählen, sondern die Welt auch beschreiben und wortgewandt bereichern zu können.


Jonathan Franzen: “Crossroads”

Unentschieden, zäh, und konfliktscheu, oder von der Kunst, Probleme zu zerreden.

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Der Roman „Crossroads” von Jonathan Franzen ist ohne Frage opulent. Er passt sich nicht den Lesegewohnheiten der Neuzeit an. Weder im Twitter-Format noch im SMS-Stil schlängeln sich bandwurmartige Sätze über die Seiten, die einen das eine oder andere Mal schwindeln lassen. Schwierig zu lesen sind die Sätze jedoch nicht. Jonathan Franzen bleibt stilistisch dem Journalismus verpflichtet. Nur eben geht er weit über das Zeitungsartikelmaß hinaus. Fast 1000 Seiten füllt der Text über die Familie Hildebrandt in New Prospect in der Nähe von Chicago. Aber Franzen fängt lieber, belletristisch, ganz von vorne an:

„Beginnen wir stattdessen mit der Betrachtung einer Frage, die auf den ersten Blick trivial, unbeantwortbar oder sogar unsinnig erscheinen mag: Warum bin ich ich und nicht jemand anders? Blicken wir in die schwindelerregenden Abgründe dieser Frage …“

In „Crossroads“ geht es schlicht gesagt um alles, das Universum und den ganzen zwischenmenschlichen Rest. Kaum ein Gefühl geht unüberleuchtet an Franzens Vivisektopie vorüber. Von Eifersucht, Hass, über Wut, Abhängigkeit, zu Erleuchtung, Scham, Peinlichkeit und Schuld, alles wird thematisiert. Nicht nur einmal, nein viele Male, immer wieder, von vielen Perspektiven, denn der Roman liest sich auktorial aus der Sicht von Marion und Russ Hildebrandt, Vater und Mutter, und den vier Kindern, Clem, Becky, Perry und Judson. Das Mikrouniversum bündelt sich, nimmt irgendwann sehr an Fahrt auf, wiewohl man bei den vielen handelnden Figuren stets ein wenig im Ungewissen bleibt. Man fragt sich bei den ersten Hunderten Seiten, was man sich von diesem Mammutprojet erhoffen soll. Man bleibt ratlos, etwa wie Perry bei der Frage, ob er seine Schwester wirklich und nicht nur aus Gewohnheit mag.

„Die Abwesenheit von Negativa ergab nicht zwingend ein Positivum. Es konnte sein, dass sich dem Auge lediglich kein Widerstand bot, wie bei einem unsichtbaren Ballon an einer Schnur. Rasend gemacht vom Anblick einer straffen, senkrechten Schnur, die im Nichts endete, liefen die Menschen ihr hinterher und dachten, es müsse, weil sie das taten, etwas extrem Begehrenswertes daran sein.“

Wirklich eindrucksvoll wird der Roman nie. Das hat mit vielem zu tun, vor allem mit der Farblosigkeit vieler Figuren mit Ausnahme von Marion. Er wirkt nie bemüht. Stilistisch gekonnt schmiegen sich die Sätze aneinander, aber weshalb man sich für eine Seifenoper aus Buchstaben interessieren sollte, bleibt fraglich. Es spinnt sich ein Netz aus Lügen, Unsicherheiten, Eitelkeiten. Irgendwie verständlich, aber irgendwie auch allzu alltäglich. Der große Wurf gelingt nicht. Franzen exponiert sich nicht. Er versteckt sich hinter Banalem. Nur selten durchbricht die Textmasse ein Hauch us-amerikanischer Wirklichkeit, eine Metropolen-Wirklichkeit, die einen ganz anderen stählernen Rhythmus besitzt als viele europäische Städte.

„In der Stille des verwaisten Campus hörte er [Clem], ganz leise und schwach, die Gewaltigkeit von Illinois – das Gerumpel eines Güterzugs, das Stöhnen von Sattelschleppern, mit denen aus dem Süden Kohle, aus dem Norden Autoteile und aus der Mitte gemästetes Vieh und atemberaubende Maiserträge herantransportiert wurden, denn alle Straßen führten zur am See gelegenen Stadt der breiten Schultern. Es tat ihm gut zu merken, dass die weitere Welt noch existierte; er fühlte sich dadurch weniger verrückt.“

Wer beinahe 1000 Seiten ohne Plot schreibt, legt keinen einfachen Unterhaltungsroman vor. Wer keinen einfachen Unterhaltungsroman vorlegt, misst sich mit James Joyce „Ulysses“, Virginia Woolf „Die Wellen“, mit Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, oder mit Jane Austens „Mansfield Park“. „Crossroads“ besitzt nicht im Mindesten die Sprachfröhlichkeit und -mächtigkeit dieser AutorInnen, nicht im Ansatz, obwohl an vielen Stellen gewollt, an manchen sogar beinahe vollzogen, aber nie wirklich gekonnt. Zu einfach ist das Beschriebene, zu flach das Problem, zu wenig detailfreudig und personenbezogen die Erzählung.

Jonathan Franzens Neuling ist nicht schlecht. Der Roman wirkt nur unentschieden. Sollte es ein zeithistorischer Roman sein? Eine Generation beschreiben? Eine Stimmung einholen? Wollte es gar eine Kierkegaardsche Glaubensabmessung in Pascalscher Provenienz werden? Man weiß es nicht. Es ist am Ende nichts und ein bisschen von allem. Das Thema Religion wird nachgerade oberflächlich abgehandelt, tiefenpsychologisch außen vorgelassen. Drogenkonsum zwar thematisiert, nicht verharmlost, aber unpoetisch analysiert. Die Frauenbewegung angedeutet, aber mit Nebensätzen abgehandelt, und der Vietnamkrieg und/oder -konflikt als Hintergrundgeschehen benutzt, um anhand von ihm Privatprobleme zu artikulieren.

Die Vivisektion der 1970er Jahre der USA mag in „Crossroads“ von Jonathan Franzen durchaus gelungen sein, aber zu welchem Ende? Am Ende überkommt das Gefühl, jemand habe sich ob der Sprachmächtigkeit ein Thema gewählt und es als Fingerübung durchexerziert. Als Fingerübung ist es gelungen. Als Roman nicht. Ich jedenfalls habe mich mit „Das letzte Gefecht“ von Stephen King viel mehr unterhalten gefühlt, und Dorothy Miller Richardson hat mit ihrem Romanzyklus „Pilgrimage“ mehr zustande gebracht. „Crossroads“ landet irgendwo dazwischen im Niemandsland.


Ariane Koch: “Die Aufdrängung”

Eine Parabel über die Entfremdung vom eigenen Fremden.

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Die Erzählung, oder der sehr kurze Debüt-Roman, „Die Aufdrängung“ von Ariane Koch behandelt das Gespenstische im Nahen, das Fremde im Bekannten, das Zu-Gast-Sein im eigenen Zuhause. Sie bekam für diesen Text, der sich schwer als Roman, aber noch weniger als Erzählung beschreiben lässt, den „aspekte“-Literaturpreis 2021 zugesprochen, der auf der Frankfurter Buchmesse verliehen wurde. Er arbeitet sich am Erwachsen-Werden, am Aufwachen, Sich-Loslösen ab. Er ist also ein coming-of-age-Roman, nur einer der absonderlichsten Sorte.

„Manchmal denke ich, ich sollte nicht mehr vom Weggehen sprechen, weil ich schon zu viel vom Weggehen gesprochen habe. Ich spreche jeden Tag vom Weggehen und werde nie müde davon. Ich frage mich, ob man nur irgendwo bleiben kann, indem man ständig vom Weggehen spricht. Wer nämlich nur vom Bleiben spricht, der ist doch innerlich schon längst weggegangen, oder?“

Das Zitat zeigt bereits ein Charakteristikum des Textes. Er handelt von einem inneren Monolog einer Ich-Erzählerin, die sich in Ellipsen und Selbstbefragungen mit ihrem Heimatdorf auseinandersetzt. Sie kennt alle. Sie kennt die Landschaft. Sie kennt das Licht, das sich vom Hang herab ins Tal wirft. Was sie nicht kennt, ist die große weite Welt, ist die Umgebung, die ein neues Licht auf die Kleinstadt werfen würde, dem sie sich zugehörig, in dem sie sich aber auch fehl am Platze fühlt, von dem sie abzureisen versucht, ohne aber die innere Kraft zu finden, ihren Plan auch in die Tat umzusetzen.

„Ich stellte mir vor, dass die Kleinstadt immer kleiner würde, auf einen winzigen Punkt zusammenschrumpfen, nur ich bliebe groß, so dass ich keinen Platz mehr darin fände. Dann fiel mir ein, dass dies bereits der Fall war.“

Der Roman beginnt also zu einem Zeitpunkt, als die innere Welt der Protagonistin über die Dorfgrenzen hinausgewachsen sind. Anstoß, alles in Frage zu stellen, wird ein Gast, ein Fremder, dem die Protagonistin ein Obdach gibt. Das Zusammenleben erweist sich als problematisch. Welten stoßen aufeinander. Verständigungsschwierigkeiten erwachsen. Besitzansprüche werden verlautbar. Die Welt gerät aus den Fugen. Alles dreht sich. Chaos zieht in das staubige, verlassene Haus der Protagonistin ein, in welchem sie ihre Kindheit erlebt hat, aus dem aber alle bis auf sie ausgezogen sind, auch ihre Eltern.

„Seit des Gastes Ankunft sind die Menschen unmutig und die Häuser klein, und durch die Fenster zieht der Wind. Man drückt alle Extremitäten an den Heizkörper und nippt an einem Tee, die Zitronenhäutchen schweben wie Quallen durch die Tasse.“

Nichts mehr ist, wie es war. Der Alltag läuft aus dem Ruder. Das Bier in der Lieblingskneipe reicht nicht mehr. Gutgemeinte Ratschläge laufen ins Leere. Ein sehr surrealistisch-anmutendes Handlungsgemenge folgt. Momentaufnahmen, kurze Bemerkungen, Phrasen neben verdichtenden Beschreibungen, Rhythmuswechseln und Deutungsverschiebungen illustrieren den langsamen Erkenntnisprozess der Erzählerin, dass Gewohnheit noch lange kein Verstehen bedeutet, dass Fremdheit auch im Bekannten und nicht nur im Unbekannten zu finden ist, dass jede Ordnung auch Chaos erzeugt, die Welt also komplex und nicht einfach ist und die Eltern selbstverständlich nicht alle Antworten parat haben.

„Ich schließe meine Rede ab, indem ich kundtue, dass ich auf dem Weg zu meinen Eltern sei, welche mir die Kleinheit doziert und sich anschließend vom Acker gemacht hätten.“

„Die Aufdrängung“ steht in einem engen Zusammenhang mit Romanen wie „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger oder Texten wie Franz Kafkas „Die Verwandlung“. Ihr Stil erinnert an Ingomar von Kieseritzky, bspw. in seinem Roman „Das Buch der Desaster“ und bleibt auf den Spuren von Henri Michaux‘ „Ein Barbar auf Reisen“ und André Breton in „L’amour fou“. Ariane Koch gibt keine Antworten. Sie stellt vielmehr ein Koordinatensystem, eine Elegie emotionaler Begrifflichkeit zur Verfügung, anhand derer sich vieles, was momentan passiert, dechiffrieren lässt, ohne Öl ins Feuer zu gießen und zur Eskalation beizutragen. Irgendwann bringt die Protagonistin es selbst auf den Punkt:

„Das Erwachen macht keinen Spaß.“

Ihren Roman zu lesen aber schon.


Abdulrazak Gurnah: “Das verlorene Paradies”

Blass getünchte, unentschiedene Sehnsucht nach einem Paradies, das keines war.

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Mit John Miltons „Paradise Lost” hat Abdulrazak Gurnahs Roman wenig zu tun. Passagen lyrischer Naturbeschreibungen, Stürme, Entwurzlungen dahingestellt, liegt ein prosaischer Text über Menschenhandel, Schuld und Sühne, über Einsamkeit, Mutlosigkeit und Verzweiflung eines Tansanias unter teilweiser Deutscher Besatzung vor. Von geschliffenem Stil kann keine Rede sein. Bruchstücke emotionaler Entfremdung zersplittern das Sittengemälde einer zerrütteten Nation.

„Schwere Düfte aus uralter Zeit hingen in der Luft, und aus den auf der Straße vor dem Haus aufgestellten Messingtöpfen stiegen Weihrauchschwaden auf. Sie überlagerten die Dünste der abgedeckten Abflussrinnen in der Mitte der Straße. Die Prozession, die der Braut das Geleit gab, wurde von zwei Männern angeführt, die eine große grüne Laterne in Form eines zwiebelförmigen Palastes mit einer Unmenge Kuppeln trugen.“

In dem Roman mischen sich nebeneinander ornamentale, fast barocke Landschaftsbilder mit in kurzen Sätzen unempathisch verfassten zwischenmenschlichen Tragödien. Gurnah gelingt es zu keinem Zeitpunkt im ganzen Roman nicht, diese Ebenen miteinander zu verweben, seinen Protagonisten Yusuf in die Welt eintauchen zu lassen, ihn in der Welt mit der Welt zu verbinden und das Erleben der Welt begreiflich werden zu lassen. Erstaunlicherweise erscheinen Passagen deshalb gewollt, wie Kollagen, wie umredigierte, unzusammenhängende Absätze, die sich zu keinem Ganzen zusammenfügen. Wird der von Yusuf beobachtete qualvolle Tod einer Frau nüchtern und protokollsatzartig wie folgt beschrieben:

„Am Spätnachmittag kamen sie schließlich an den Fluss, und als sie auf dem unbewachsenen Uferstreifen standen, sahen sie, wie eine Frau, die ins Wasser gewatet war, von einem Krokodil angegriffen wurde. Die Dorfbewohner und die Reisenden hasteten zu der Stelle, wo der Kampf stattfand, konnten sie aber nicht retten.“

So bricht das nüchterne Berichten plötzlich prunkvoll aus, nur weil Yusuf eine Bahnhofsstation erreicht:

„Kleine Gehölze knorriger Dornbüsche sprenkelten die Ebene, die vereinzelte Aufwölbungen schwarzer Felsen mit dunklen Flecken durchzogen. Wogen von Hitze und Dunst stiegen von der glühenden Erde auf, drangen Yusuf in den Mund und ließen ihn nach Atem ringen. Bei einer Station, an der sie lange hielten, blühte ein vereinzelter Jakarandabaum. Malvenfarbene und purpurne Blütenblätter bedeckten den Boden wie ein schillernder Teppich.“

Das ist nicht nur seltsam. Das ist stilistisch unbefriedigend und mindert in einem unberechenbaren Hü-und-Hott stark das Leseerlebnis. Das Sittengemälde eines armen, von Gewalt beherrschten Landes wird unentschieden beschrieben und leider nur teilweise eindrucksvoll in Szene gesetzt. Der Beobachter bleibt freischwebend und unbeteiligt. Die auktoriale Erzählweise lässt an Empathie missen, und am Ende steht man vor verschlossenen Türen und bleibt ratlos wie die in dem Buch beschriebenen Ehefrauen und Töchter Tansanias hilflos zurück.

Jean-Marie Gustave Le Clézio in „Die Wüste“, Gustave Flaubert in „Salambo“, J.M. Coetzee in „Schande“ oder Elias Canetti „Die Stimmen von Marrakesch“ lassen vielmehr von den Zerrüttungen erahnen, mit denen die Menschen in Afrika konfrontiert sind. Mich hat „Das verlorene Paradies“ vom ehemaligen Literaturprofessor Abdulrazak Gurnah maßlos enttäuscht.


Julia Engelmann: „Lass mal an uns selber glauben“

Lass mal an uns selber glauben: Meine schönsten Gedichte von [Julia Engelmann]

Little Miss Sunshine. Pure, leicht naive Poesie-Positivity.

Ich kenne Julia Engelmanns Performances nicht. Ein Lyrikband, der es in die Spiegel Bestseller-Liste schafft, weckte meine Neugier. Ich wurde belohnt, aber auf ganz andere, als vermutete Weise. Engelmann reimt, slamt, biegt und spricht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Jedes ihrer Gedichte strahlt Lebensfreude aus, Freude am Versuch, an der Improvisation, an der Leichtigkeit und Unbedarftheit, nicht alles streng zu nehmen, schon gar nicht Stilistik und Lyriktechnik.

„Stattdessen häng ich planlos vorm Smartphone,
wart bloß auf den nächsten Freitag.
»Ach, das mach ich später« ist die Baseline meines Alltags.
Ich bin so furchtbar faul wie ein Kieselstein am Meeresgrund.
Ich bin so furchtbar faul, mein Patronus ist ein Schweinehund.
Mein Leben ist ein Wartezimmer, niemand ruft mich auf.
Mein Dopamin – das spar ich immer, falls ich’s noch mal brauch.
Und du?“

Lyrik hat etwas Unverfängliches. Sie will nichts Böses. Sie will beschwingen, das Herz erleichtern, Sonnenstrahlen spenden. In diesem Sinne gibt es keine wirklich schlechte Lyrik. Vielleicht bemühte. Vielleicht repetitive. Vielleicht sehr profane und stereotype Wortkaskaden. Schlecht jedoch kann sie aus stilistisch-formalen Gründen schwerlich sein. Sie trägt keine radebrechende Schwere mit sich. Sie lebt von der Rhythmik, der Melodie, dem Tanz zwischen Klängen und befreit das Wort vom prosaischen Zwangszusammenhang. Engelmanns Poesie ist und kann keine Ausnahme sein. Sie bewirkt eine Rosskur der Gedanken.

„Ich geh auf meiner Metaebene, verfluche meine Aussicht.
Zwar löst dein Bier keine Probleme, aber meine Cola kann das auch nicht.
Ich spring von meiner Metaebene und verkleiner mal die Draufsicht,
auch wenn es noch so sicher ist – Leben in Gedanken taugt nichts.“

Wer Lyrik im klassischen Sinne erwartet, wird enttäuscht. Wer jedoch ein Licht am Ende des Tunnels erleben möchte, der kommt auf seine Kosten. Warum es dem Sonnenschein anlasten, dass er nicht nährt, und warum nicht von körperloser Schwere träumen und von dem Mehr in den Summen vieler Teile? Es gibt viele Gedichte, viel zu lesen, viele Momente, die zum Schmunzeln, Lachen anregen, die einen kurz den Alltagstrott vergessen und Leichtigkeit erleben lassen. Julia Engelmann erhebt keinen Anspruch an ihre Lyrik. Sie ist bescheiden, freundlich, partizipiert und erfreut sich daran, hier und da ein paar Neologismen, Assonanzen und Alliterationen in den Wortsalat zu schmeißen. Am Ende will sie Frieden für alle, und ein bisschen Liebe, wer will’s ihr verübeln. Silbermond und Rosenstolz zum Nachlesen.

4 von 5 Sternen, weil es hier und da nicht ganz ausgegoren ist und viel alter Wein in neuen Schläuchen geboten wird.

Wer’s formaler und stiller, weniger laut und nachdenklicher möchte, ist mit Sarah Kirschs „Sämtliche Gedichte“, insbesondere mit „Allerlei-Rau“ und „Das simple Leben“ gut beraten. Schwere, aber nichtsdestotrotz auch lebensbejahende Kost.


Hari Kunzru: „Red Pill“

Red Pill: Roman von [Hari Kunzru, Werner Löcher-Lawrence]

Bedenkliche Reise durchs Labyrinth einer Selbstfindung. Ein Anti-Zauberberg.

Hari Kunzru beschreibt in „Red Pill“ den Versuch einer Selbstfindung. Verstrickt im humanistischen Erbe, hin und her gerissen zwischen Walter Benjamin und Heinrich von Kleist durchlebt der Ich-Erzähler eine Krise mit ungewissem Ausgang. Der Plot ist nebensächlich. Hauptaugenmerk liegt auf den mäandernden Selbstreflexionen um den dünnen Erzählfaden herum, wie es oft in der Literatur der Fall ist, sofern es sich nicht um bspw. einen Liebesroman oder einen Thriller handelt.

„Rilke, der durch seine eigene riesige Einsamkeit wanderte und stundenlang niemanden sah, oder Hölderlin, dessen Wahnsinn würdevoll und kanonisch war, der Goldstandard romantischer Geisteskrankheit. Goethe wäre ideal gewesen. Kleist dagegen war ein Hysteriker, der Verfasser schriller Stücke und fragmentarischer Geschichten voller Hektik, Schlachten, Erdbeben und psychischer Schocks.“

Der Ich-Erzähler ist ein halbwegs erfolgreicher Schriftsteller, der von einer Stiftung ein Stipendium zugesprochen bekommt, um in Abgeschiedenheit, am Wannsee in Berlin-Zehlendorf, sein Buch über das „lyrische Ich“ zu beenden. Die Stiftung namens „Deuter“ besitzt aber eine Philosophie. Die Stipendiaten müssen in einem gemeinsamen Raum arbeiten. Sie leben in einer gläsernen Welt. Alles wird überwacht, kommentiert, alles ist sichtbar. Der Ich-Erzähler gerät in eine Krise, magisch angezogen und abgestoßen von Heinrich von Kleists und Henriette Vogels Selbstmord an selbiger Stelle, fühlt sich eingesperrt, rebelliert, lernt in Berlin eine Ex-Stasi-Spionin kennen, einen grobschlächtigen und größenwahnsinnigen Serienproduzenten, und flieht letztlich über Paris auf eine schottische Insel, wo er von Polizisten in Gewahrsam genommen und letztlich, nach einem kurzen Aufenthalt in einer Psychiatrie, zurück nach New York gebracht wird, wo das Buch mit der US-Präsidentenwahl von 2016 endet.

„Ich hatte an einem gewissen Punkt akzeptiert, dass ich nur auf meine Weise zu kommunizieren verstand, indem ich eine Art parataktischen Sturm undurchsichtiger kultureller Verweise entfachte und meine Leser dazu einlud, zusammen mit mir durch sie hindurchzutaumeln. Das steht nicht gerade weit oben in der Beliebtheitsskala, und wenn ich auch kein Interesse daran habe, um der Unergründlichkeit willen unergründlich zu sein, habe ich doch kein Talent für das Einfache.“

Kunzrus Roman vollzieht eine bedenkliche Gratwanderung zwischen Wahnsinn und Eingebung, zwischen Wachheit und Paranoia, zwischen Angst und Poesie. „Red Pill“ lässt sich als ein Gegenstück zu Thomas Manns „Der Zauberberg“ lesen. Hans Castorp flieht in das Sanatorium, um sich vor der Welt zu verstecken, sucht die Krankheit, um sich nicht exponieren zu müssen, sieht aber am Ende ein, dass ihm nichts übrigbleibt und das Sanatorium, seinen safe place, verlassen muss. In dieser Entwicklung wird viel gesprochen, räsoniert, die üblichen Themen durchdekliniert. So auch bei Kunzru, nur dass hier die Reise weiter in den Zauberberg hineingeht. Am Ende verwebt, verschwebt, verklebt sich alles zu einer riesigen Simulation der Realitätsentrückung.

„Ich ging in einen Lebensmittelmarkt, kaufte in einem italienischen Feinkostladen simulierte Oliven, probierte ein Stück Parmesan, das mir ein simulierter Käseverkäufer anbot, schmeckte Salz und Umami und staunte über die Technologie, Ionen zu simulieren, die durch simulierte Kanäle in die Zellen von Geschmacksrezeptoren wanderten und simulierte Axone anregten, Informationen an irgendeine Art von Datenfeld oder Konnektom weiterzugeben, das mein Gehirn repräsentierte.“

Der Roman ist nichts für leichte Nerven. Viele Ängste werden geschürt. Die Sprache zieht dennoch in ihren Bann. Die Selbstreflektiertheit des Ich-Erzählers lässt Raum zum Atmen. Er bleibt in seiner Hilflosigkeit sympathisch und empathisch. Man exponiert sich gemeinsam mit ihm einer dritten Realität, die des Textes, in welchem die des Computers in Bits and Bytes thematisiert wird. Am Ende weiß man nicht mehr, wo welcher Text aufhört oder beginnt, wo die Tradition einsetzt, die Phrase beginnt, das Zitat endet, wo der Autor sucht, oder sich bereits in seinen Verweisungen und Desillusionen gefunden und verfangen hat. Sicherlich eine Art „Fänger im Roggen“ derjenigen Generation, die noch aufwuchsen ohne Computer und denen der Computer daher nicht vollends geheuer sein kann.

Viel überzeugender ist „Klara und die Sonne“ von Kazuo Ishiguro und „Echos Kammern“ von Iris Haneka. Dennoch weiß „Red Pill“ durchaus zu überzeugen und liest sich schnell, obgleich ein gewisser Schauder, eine Art Unbehagen nach dem Lesen hängen bleibt, den man so schnell nicht mehr abschütteln kann. Kein gutes Buch für zurückgezogene, einsame Lektüre.


Marie NDiaye: “Die Rache ist mein”

Poetische Stille sanfter Verzweiflung – eindrucksvoll und nachwirkend.

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Marie NDiaye hat 2009 als erste schwarze Autorin den Prix Goncourt für „Drei starke Frauen“ zugesprochen bekommen. Sie legt nun, 2021, mit „Die Rache ist mein“ einen neuen Roman vor. Es handelt sich um die Ereignisse rundum ein Kindsmord in Bordeaux. Eine Anwältin, Maitre Susane, wird von einem Mann, Gilles Principaux, beauftragt, seine Ehefrau Marlyne zu verteidigen, die des Mordes an ihren drei Kindern, Jason, John, und Julia, angeklagt ist. Der Mann schwört auf die Unschuld seiner Frau. Die Anwältin meint den Mann aus einer Kindheitsepisode zu kennen. Sie war zehn und er fünfzehn. Doch die Erinnerungen bleiben zunächst im Dunkeln.

„Ein paar Sekunden lang blieb sie [Maitre Susane] reglos vor der hohen, olivgrünen Toreinfahrt der Nummer 27 stehen, ihre gestiefelten Füße breit in das rutschige Pflaster gestemmt, fest gegürtet in ihrem weiten, grauen Wollmantel – grau wie auch ihre kurzen, dichten Haare, die früher sehr lang, schimmernd, ihr ganzer Stolz gewesen waren.“

In dem Roman „Die Rache ist mein“ geht es um die Verstrickungen zwischen den Menschen, um die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt wie Peter Handke einmal schrieb, über das, was andere denken, was man selbst über sie denkt und von sich und sie zu meinen weiß. Der Roman besitzt eine poetische Stille, eine zarte Verzweiflung. Der eindringliche Ton lässt auf keiner Seite nach. Die Melodie geht weiter. Die Harmonie sucht sich. Die Menschen permutieren ihre Ansichten, passen sie an, ordnen sie neu, hoffen und verzweifeln, streiten und trennen sich. Kein Satz, kein Wort ist zu viel. Keine Episode, kein Absatz langweilig. Die Zeit in Bordeaux steht still, und um jeden Zentimeter Selbstwürde wird mit harten Bandagen gekämpft.

„Und so hatte sie [Maitre Susane] an diesem Morgen beschlossen, dass sie ihm, wenn er in die Kanzlei käme, als Frau mit spitzen Absätzen entgegentreten würde, autoritär, auf glamouröse Weise gebieterisch mit ihren klingenden Schritten. Sie wollte ihn nicht verführen, sondern einschüchtern, ihn nicht betören, sondern herabsetzen, diesen Mann mit der hohlen Brust, mit den bläulichen Hemden unter dem Rundhalspullover.“

NDiayes Roman besitzt eine authentische und unverwechselbare Stimme. Die Prosa fließt. Sie lässt sich rhythmisch auf den Schmerz der Figuren ein und erlaubt einen Teil der Verzweiflung zu erahnen, die die Frauen in diesem Roman erleiden. Die Erwartungshaltungen, die Verlassenheit, die Verletzbarkeit äußert sich und kämpft sich trotz Ignoranz empor zu Wehrhaftigkeit. Der Eigensinn setzt nicht aus. Jede Frau in diesem Roman geht ihren eigenen, selbstbestimmten Weg, ohne dass der Weg der Befreiung schöngeredet wird. Der Preis der Freiheit ist für alle hoch. Familien zerbrechen. Beziehungen enden.

„Nein, die Kinder zählen für Gilles Principaux nicht. Auch für das mit ihm verschworene Haus zählen sie nicht, das Haus, das alles sieht und nichts verrät, das Haus, das niemanden liebt, es jedoch vorzieht, sich mit dem Mächtigsten unter seinem Dach zu verbünden … Ja, die Häuser sind feige, die Wände geben nichts preis. Doch manchmal können wir sie dazu bringen, Zeugnis abzulegen …“

Maitre Susane legt Zeugnis ab, fordert Zeugnis ein, und der ganze Roman ist eine mimetische Form dessen, was die Anwältin zu praktizieren versucht, ohne eigenen Irrungen und Wirrungen, Fehleinschätzungen und Fehldeutungen entgehen zu können. Der Roman kennt keine Unfehlbarkeit. Er kennt lediglich temporalisierte Kommunikationsformen, die um Verständnis ringen und auf Verständnis hoffen, doch allzu oft nur auf Stummheit und Schweigen treffen. Wer Ingeborg Bachmann, Virginia Woolf, Christa Wolf, Elfriede Jelinek, Marleene Streeruwitz, um nur einige zu nennen, mag, wird von „Die Rache ist mein“ nicht enttäuscht sein. Ich empfehle danach Iris Haneka „Echos Kammern“ und Claudia Durastanti „Die Fremde“, um wieder auf fröhlichere, nichtsdestotrotz genauso eigensinnige und zutreffende Gedanken zu kommen.


Bernhard Schlink: “Die Enkelin”

Eine literarische Antwort auf politische Hilflosigkeit. Ein kurzes Aufatmen im Gefüge.

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Bernhard Schlink schreibt mit „Die Enkelin“ den Gegenroman zu Juli Zehs „Über Menschen“, knüpft an Edgar Selges Familiendrama „Hast du uns endlich gefunden“ an und vermittelt im Unmöglichen, was Christoph Hein in „Guldenberg“ nicht gelingt. Er verfällt weder in Bevormundung, Belehrung, noch in resignierter Selbstbeschimpfung wie Heinz Strunk „Es ist immer so schön mit dir“, noch imaginiert er die Versöhnung einer auf Grund gelaufenen Ehe wie Daniela Krien in „Der Brand“. Kurzum, Schlink gelingt mit „Die Enkelin“, was wenigen in der Gegenwartsliteratur gelingt. Er deeskaliert mit Sprachgefühl und kommuniziert weder mit Ehrfurcht noch mit Herablassung.

„Die Fahrt durch den Regen, die Tropfen, die an der Scheibe herabliefen, schnell oder langsam, in kürzerer oder in längerer Spur – es machte Kaspar traurig. Manche Tropfen blieben klein, andere verschmolzen miteinander und wurden groß, alle wurden früher oder später vom Wind fortgeweht. Natürlich wusste er, dass die Tropfen nicht die Vergänglichkeit und Vergeblichkeit des Lebens offenbarten. Sie offenbarten auch nicht, dass Menschen ihre Wege nehmen und nicht zueinanderfinden, wenn der Wind des Schicksals sie nicht miteinander verschmilzt. Und doch quälte ihn alles dies.“

Das Buch handelt von einem Berliner Buchhändler, der von seiner Familie, seinem persönlichen Umfeld retten möchte, was zu retten ist, nachdem er gleich zu Anfang des Buches seine Frau tot im Badezimmer auffindet. Mittels Aufzeichnungen, Romanversuchen seiner Frau erfährt er Neues über ihre Vergangenheit, reist in die ehemalige DDR, nach Brandenburg, und knüpft neue Bekanntschaften, sucht neue Wege, zu verbinden, zu vereinen, was unvereinbar scheint. Zu tief graben sich die Mitmenschen in ihre ideologischen Welten selbst fabrizierter Identitätskonstruktionen. Der Protagonist, Kasper, ein Clown, möchte wenigstens der nächsten, neuen, noch frischen Generation Entscheidungsmöglichkeiten gewähren, Spielräume zur Entfaltung erringen, die verschüttet zu bleiben drohen in völkisch, nationaler, anti-intellektualistischer Gesinnungsproduktion.

„Ich war einmal im Winter hier [in der Neuen Wache bei der Käthe Kollwitz Plastik »Mutter mit totem Sohne«]. Ich war allein, es war still, es war kalt, es schneite. Der Schnee fiel durch das Deckenlicht, die Flocken tanzten und taumelten herab und legten sich der Mutter auf Kopf und Schultern, und der Anblick war so traurig, so schmerzlich – es waren eine Trauer und ein Schmerz, der allem galt, was nicht recht ist. Es ist nicht recht, dass Menschen im Krieg töten und sterben, dass sie gegeneinander gewalttätig werden und einander unterdrücken. Die Erde ist so groß und so reich, dass wir alle es gut auf ihr haben können.“

Der Roman ist nicht paternalistisch. Schlink betreibt keine Moralpredigt vom hohen Ross des Humanismus herunter. Er ist schlicht betroffen, hilflos, ratlos und kondensiert die Sprachlosigkeit in narrativer Geschlossenheit. Es gibt kein Entkommen. Die Probleme mehren und multiplizieren sich: Familien, die sich streiten; Autos, die brennen; Menschen, die getötet werden; Menschen, die töten; Radikale, Autonome, nach sich selbst Suchende, Drogenabhängige, Verratene, Verlorene – sie alle tummeln sich in Schlinks Roman und können nicht zueinander finden. Die Gräben, die sie um sich gezogen haben, sind zu tief. Auch Literatur vermag sie nicht zu überbrücken.

„Beim Schreiben geht es endgültig nicht mehr darum, es den anderen recht zu machen. Es geht allein um mich. Man kann nicht für andere schreiben, für die Leser oder die Kritiker oder den Verleger, für die Großmutter und die Mutter, sondern nur für sich selbst.“

Das schreibt seine verstorbene Gattin, die ihre Trauer vergeblich in Alkohol zu ertränken sucht. Das schreibt aber auch der Roman „Die Enkelin“, die von einem Protagonisten handelt, der als Hofnarr zwischen den Fronten zu vermitteln versucht, ohne wirklich helfen zu können. Am Ende bleibt ihm zu hoffen, zu warten, geduldig an sich zu halten, nicht weiter Öl ins Feuer gießen, weder verzeihen, was nicht verziehen werden kann, noch zu verurteilen oder gar zu beschimpfen, wer nicht die eigene Meinung teilt. Schlink will weder Frieden noch Krieg mit den neuen Identitäten schließen. Er möchte Kommunikation, Offenheit, Zartheit in die Welt bringen, und sein Roman schlägt deshalb bescheidene, freundliche, sanfte Töne an. Nur Gewalt, Gewalt darf einfach nicht sein und auch nicht entschuldigt werden.

Ein sehr zu empfehlender Roman, eine mitreißende Lektüre, eine Perle im Strom allseits aufblühender Identitätsliteraturen. Wer Schlinks „Die Enkelin“ mag, wird Helga Schuberts „Vom Aufstehen“ lieben, und wer sich noch tiefer in die Wunde des Völkischen bohren möchte, lese Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten“ und lerne das Fürchten, und mit Edgar Selge „Hast du uns endlich gefunden“ das Trauern und Bedauern.


Susanne Abel: “Stay away from Gretchen”

Susanne Abel "Stay away from Gretchen"

Als Dokument 5 von 5 Sternen, aber nicht als Literatur. Kaum mehr als ein Bericht.

Ausführlicher, vielleicht begründeter: https://kommunikativeslesen.com/2021…

Nachdem es nun schon seit Monaten in den Top-Seller-Listen aller renommierten Buchverkäufern gewesen ist, habe ich mich entschlossen, es nun doch zu lesen. „Stay away from Gretchen“ von Susanne Abel schreckte mich bislang (im Buchpreview) ob seiner kargen, ja, fast trostlosen sprachlichen Einfachheit und Sprödigkeit ab. Das Probelesen fand seine Bestätigung. Susanne Abel berichtet. Sie formt keine Ereignisse. Sie gibt zu Protokoll. Sie schreibt hintereinander weg, was gesehen wird. Ein Zeugenbericht, wie intensiv auch immer, wird jedoch zu keiner literarischen Form, wie sehr sich das neumodische Schreiben dies auch auf die Fahne schreibt und in der neuen Sachlichkeit der Bauhaus-Philosophie zelebriert.

„An der Tür einer Baracke drehte er sich noch einmal um und winkte. Greta hob ihre Hand. Am liebsten wäre sie ihm hinterhergerannt. Aber sie blieb stehen. Und sah ihn in der Tür verschwinden. Sie blieb. Wie versteinert. Lange und frierend. Bis sie verstand, dass die Tür verschlossen blieb. Dann ging sie durch die Kälte die zwei Kilometer nach Hause in die kleine Altstadtwohnung.“

Wie eine Kamera, die Bilderfassung eingeübt hat, wird im Sekundentakt aufgezeichnet. Sprache kann gar nicht weiter auf ihre Funktionalität als Beschreibungsform reduziert werden. Die Sätze sind nicht nur kurz. Das wäre für sich selbst genommen beinahe Stil. Nein, die Sätze sind einfallslos, fast verstümmelt. Man fragt sich: Wieso bleibt Greta stehen? Wie lange? Was geht ihr durch den Kopf? Welche Ängste, Bilder verdichten sich in ihr? Dass ich mir etwas einfallen lassen kann, daran besteht kein Zweifel. Nur nimmt mich Abel nicht mit auf die Reise durch den Reichtum ihrer Figuren. Sie liefert das bloße Rohmaterial einer literarischen Erfahrung. Nur dieses Rohmaterial besitzt jeder von sich aus: Das ist nun einmal das Leben, die Erinnerung, die Sehnsucht und Hoffnung in uns.

Wird Abel literarisch, gerät sie sichtlich an die Grenzen der Anschaulichkeit. Ihre Metaphern und Allegorien langen nicht hin. Sie strudeln, verheddern, verlieren sich in Beliebigkeit.

„Ihre Gedanken und Gefühle sind wie das hölzerne Baumaterial einer Almhütte, die hoch in den Alpen von einer Lawine zerschmettert und ins Tal gerissen, von Schneeschmelzen und heftigen Sommerregen Jahr für Jahr weiter in Gebirgsbäche gespült, in Flüsschen davongetragen wird und schließlich im Rhein landet. Dort wird es von Strudeln in die Tiefe gesogen, taucht wieder auf, verkantet sich, bleibt an der Kette einer Schiffsanlegestelle hängen – bis die nächste Welle es befreit.“

Mir fehlt jede Auffassungsgabe, eine Anschauung für Gretas Gefühle zu entwickeln, wenn ich diese mir als eine von einer Lawine zerschmetterte Almhütte vorzustellen versuche, die von Kette zu Kette der Schiffsanlegestellen in die Nordsee gespült wird. Gefühle lassen sich nicht fassen. Vertrauen oder Hoffnung zersplittern, nicht jedoch die Angst und Trauer, die diese Zerstörung begleiten. Gefühle sind kontinuierlich oder blitzlichthaft intensiv, Spuren in uns, stets gegenwärtig als eine sich anschmiegende Form, kaleidoskopisch in ihrer Einheit. Greta fühlt sich offensichtlich zerrissen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Wunsch und Realität. Gefangen zwischen Hoffnung und Sehnsucht möchte sie an einem Vergangenen festhalten, das unrettbar verloren gegangen ist. So viel versteht man. Nur geschrieben wurde es nicht.

„Dann entdeckt er [Tom] neben einer mütterlichen Pflegerin eine kleine Frau, deren Knochen nur noch von der welken Haut zusammengehalten werden. Eine Handvoll Leben, zusammengekrümmt in Embryonalstellung, dämmert sie in einer mit Fell ausgeschlagenen Sitzschale vor sich hin. Toms Hals schnürt sich zusammen. Das ist dann wohl das Endstadium, schießt es ihm in den Kopf, und er wendet sich ab.“

Die Beschreibung ist unfair. Ein Mensch besitzt Ausdruck, wie geschwächt auch immer. Der Mensch erzählt, widersteht, gibt Auskunft, selbst noch kurz vor dem Tod. Hier jedoch wird dem „Fell“ der „Sitzschale“ mehr Aufmerksamkeit gewidmet als dem Gesicht der kleinen Frau, die als „Handvoll Leben“ geradezu abgestempelt wird. Die Brutalität von Altersheimen, die Ignoranz, die alten Menschen entgegengebracht wird, findet in diesen Beschreibungen eine weitere Bestätigung.

Ich gebe dennoch zwei Sterne, weil der Bericht wertvoll, ja symptomatisch ist. Fast jeder wird viele Ähnlichkeiten zwischen dem Aufgezeichneten und dem von Verwandten Selbst-Gehörten feststellen. Auch zittert in den Zeilen von Abel der Wunsch nach Mehr, nach Liebe, Verständnis, nach Geduld und emotionalem Wachstum. Susanne Abel ist kein Boris Pasternak und legt mit „Stay away from Gretchen“ keinen „Doktor Schiwago“ der deutschen Nachkriegsgeschichte vor. Es ist eher das Rohmaterial eines Romans, der noch zu schreiben ist, und zwar der der Ängste und Verluste und Erniedrigungen, die Frauen in und nach den Kriegen fortwährend erfahren, obwohl sie die Welt zusammenhalten und sich und ihre Familien retten und vor dem Schlimmsten bewahren.

Als Dokument 5 von 5 Sternen, als Roman nur 2 von 5 und dies auch nur knapp.


Edgar Selge: “Hast du uns endlich gefunden”

Wo Geschichtsbedrängtheit sich Ausdruck bricht und Verzweiflung in Hoffnung verwandelt wird.

Ausführlicher, vielleicht begründeter: https://kommunikativeslesen.com/2021…

Edgar Selge spricht. Er schreibt seine Lebensgeschichte. Er hat den Mut, in die Zonen seiner Familiengeschichte hinabzusteigen, die schmerzen, die Schuld, Reue, Verzweiflung und Empörung auslösen, Enge, Bedrängtheit, ein Schacht und Tunnel ohne Ausweg und Fluchtmöglichkeit. „Hast du uns endlich gefunden“ ist ein Juwel im Genre der Biographie-Literaturen, artististisch, komplex, doch hautnah und simpel, aufwühlend und sachlich, souverän und doch bodenlos von Hilflosigkeit geplagt.

„Zwei verknäulte Menschen im Halbdunkel, die immer wieder aufstöhnen und schließlich gemeinsam aufs Bett sinken, sich sitzend weiter ineinanderkrallen und den Schmerz in den Körper des anderen hineinheulen. Unerreichbarer als je, wie auf einem anderen Stern scheinen sie zu sein, einem Stern, von dem auch ich stamme, der aber gerade an mir vorbeizischt.“

In diesem Roman findet keine Vergangenheitsaufarbeitung statt, hier wird nicht Resümee gezogen, etwas abgeschlossen, eine Moral der Geschichte konstruiert. „Hast du uns endlich gefunden“ legt Zeugnis von einem Innwerdungsprozess ab, der nie aufhört, nicht aufhören kann, da diese und keine anderen Dinge geschehen sind, da die Eltern diese Eltern, die Brüder diese Brüder sind, der Vater prägend, die Mutter behütend, sich in einem fort Schatten und Licht vermengen, wo Sicherheit und Geborgenheit vom Kinde ersehnt wird.

All dies ersehnt der Ich-Erzähler. Er sucht den Dialog, nicht die Absolution. Er erfindet Gespräche mit dem toten Bruder, mit dem toten Vater. Er ruft sich die wenigen wichtigen, kristallisierenden und einschneidenden Lebensereignisse vor Augen. Er steht allein mit dem Gewicht, und das Buch, der Text, er als Schreiber, kommunizieren, entlasten und erneuern sich gegenseitig. Hier bewegt Literatur. Hier existiert Hoffnung als Dialog obgleich imaginär, obgleich illusionär – im Verfassen und Veröffentlichen selbst liegt eine Hoffnung, die während des Verfassens und Schreibens möglicherweise noch nicht einmal zu erahnen war.

„[…] denn ich entdecke, dass dieser Maler [Rembrandt] eine einzigartige Fähigkeit besitzt. Seine Farbe erzählt den Zerfall. Er malt nichts anderes als den Übergang der Welt in Moder, ganz gleich, ob es sich um Steine, Stoffe oder Menschenfleisch handelt. Was für eine berauschende Entdeckung. Mir jagt das Blut durch die Adern und verrät mir, dass ich Teil dieses Kreislaufs bin. In einem Augenblick habe ich begriffen, dass es der Zerfall ist, der uns zusammenhält. Der alles zusammenhält. Wie in einem feinen Regen vibriert die ganze Welt im Zerfall.“

Der Ich-Erzähler ist selbst ein solcher Maler. Er zeigt den Niedergang, oder das Niederbleiben seiner Familie, die Hoffnungen, die vergeblich schienen, der Stolz, der ihn den Untergang führte, die Geschichtsversessenheit und das Festhalten an Verlust und Niederlage als Rechtfertigungsprogramm der Verbrechen und Gewalttaten der Nationalsozialisten. All dies im Rahmen der humanistischen Kernfamilie. „Hast du uns endlich gefunden“ von Edgar Selge ist eine gelungene Erneuerung von Alfred Anderschs „Vater eines Mörders“, von Ingeborg Bachmanns Erzählung „Unter Mörder und Irren“, von Thomas Bernhards „Auslöschung“ und Robert Musils „Die Verwirrung des Zögling Törleß“.

Mit anderen Worten ein Lichtblitz und Lichtpunkt in der Gegenwartsliteratur, die nur allzuoft nüchtern und aufgeklärt sein will, aber die Niederungen und Wunden, die wahrhaft schmerzlichen Einsichten und Erinnerungen zu oft überspült und den Schmerz gar nicht zulässt. Nicht so Edgar Selge. Er exponiert sich bedingungslos, und hierfür verdient sein Buch gelesen und immer wieder gelesen zu werden.


Ferdinand Schmalz: „Mein Lieblingstier heißt Winter“

Mein Lieblingstier heißt Winter: Roman von [Ferdinand Schmalz]

Vom Angeln ohne Haken und anderen vergeblichen Sinnsuchen.

Ferdinand Schmalz bietet mit „Mein Lieblingstier heißt Winter“ eine Urlaubsreise für den malträtierten Geist – einen wundervollen Text sich biegender, melodiöser Widersprüche, der Akt für Akt das Gesamtbild eines sinnvollen Daseins sprengt. Der Humor als Antithese zum Sinnversprechen. Winter gibt es nämlich nicht, nur sengende, brutzelnde Hitze und einen Helden, der keiner sein will, noch sein kann, der sich durchs Hitzeschwaden überzogene Wien mit Schädelbasisbruch kämpft, um noch den letzten Rest Verstand hinüber zum Feierabendbier zu retten.

„Am Rand der Stadt. Halbwildnis, die er wieder mal durchstreift. Brachland, durchzogen von vereinzelt hingestreuten Siedlungen. Reihenhäuser wie Gefängnisblocks. Dahinter sterile Vorgärten, in denen Plastikkinderrutschen erodieren. Dann wieder Schrottplätze und Autobahnverteiler. Dickflüssig liegt die Luft hier in den Straßen, die müde von dem Tag. Die Reifen schmatzen am glühenden Asphalt, der flimmernd sich schon aufzulösen scheint. Als würde er, der flüssige Asphalt, am Ende dieser Straße Wellen in die Luft schon schlagen.“

In sprachlich-fein ziseliertem Ideenreichtum zeichnet „Mein Lieblingstier heißt Winter“ eine österreichisch-geprägte Binnenland-Melancholie nach, die sich nach Stillstand sehnt, aber nur Gewalt, Verzweiflung, und Hoffnungslosigkeit erntet. Der Roman sprudelt an allen Ecken und Kanten über. Kleine Geschichten, Rückblicke, Reminiszenzen, fröhliche Sprachfreude, die sich in die Handlung wirft und vor lauter Details und Redseligkeit nicht mehr zu bremsen versteht. Figuren nach Figuren betreten die Bühne, eine skurriler als die andere, in passiver, aktiver, auktorialer Ausdrucksweise weht eine Art Mary Shelley-Frankenstein Romantik herüber, halb noch im Barock verankert, wo die Zeit aus den Angeln gehoben wird, schon ins Moderne schielend, wo atemloser Fortschritt herrscht, aber tief im Expressionismus verwurzelt, um die Sprachlosigkeit mit tolldreisten Neologismen zurückzudrängen.

„Und hätt man für sich dann akzeptiert, dass alles Denken und Erkennen im Grunde zum Scheitern gezwungen sei, hätt man sie als Hindernis verstanden, das man so schnell es geht zu überwinden habe, dann erst könne dieses Scheitern als Geschenk verstanden werden, als Grundvoraussetzung einer weit tieferen Erfahrung. So dringe man erst vor zum unsichtbaren, unfassbaren Kern der Wirklichkeit, den sie vor uns gekonnt verbirgt. Denn dann erst würden wir es schaffen, einen Zugang zu ihr, der sogenannten Realität, zu finden ohne den Umweg über unsren unglaublich defizitären, gärenden, gammelnden Leib.“

Schmalz stand mit dem Roman auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2021 und gewann mit Auszügen aus diesem Roman den Ingeborg-Bachmann-Preis 2017. Wer Preisen jedoch aus guten oder schlechten Gründen nicht traut, lese die ersten fünfzehn Seiten und erfreue sich an einer frischen, mutigen, fröhlichen Stimme der literarischen Gegenwart. Arthur Rimbauds „Das trunkene Schiff“ unterwandert Elfriede Jelineks „Gier“ mit Thomas Bernhards Sprachfröhlichkeit aus „Holzfällen. Eine Erregung“, garniert mit Comte de Lautréamonts Phantasmagorien aus „Die Gesänge des Maldoror“. Der Roman bezaubert und unterhält, inspiriert und entspannt und schafft es einen Erzählbogen so weit zu überspannen, dass ein guter Thriller zu einer noch besseren Literatur gerinnt.

Uneingeschränkt lesenswert. Weitere mutig-kreative Stimmen, die gegen das Eintönige anschreiben: Claudia Durastanti „Die Fremde“, Jenny Erpenbeck „Kairos“, Thomas Kunst „Zandschower Klinken“ und vor allem Iris Hanika „Echos Kammern“.


Jenny Erpenbeck: “Kairos”

Trabantenstädte der Tristesse: Freie, sprachgewandte Literatur auf der Höhe der Zeit.

Ausführlicher, vielleicht begründeter: https://kommunikativeslesen.com/2021…

Jenny Erpenbecks Roman „Kairos“ reiht sich thematisch zunächst nahtlos in die typische Gegenwartsliteratur ein. Es handelt vom geteilten Deutschland, vom Leben in der DDR, von den Versuchen einer Vergangenheitsaufarbeitung, von Politik, Liebe und Sadomasochismus, von alter Mann trifft und liebt junge Frau, Braunhemden, Ostalgie und Walter-Ulbricht-Traumata. Überraschenderweise wendet sich das Blatt nach hundert Seiten jedoch. Waren die ersten Kapitel mühsam, karg, langweilig, geradezu nebensächlich, adjektivlos, flach, so beginnt nach etwa hundert Seiten eine Tour de Force der spracherfrischenden Fremd- und Selbsterforschung.

„Etwas beginnt, etwas geht zu Ende – oder erfüllt sich. Aber dazwischen windet die Zeit sich ins Leben hinein, verflicht sich, verwächst sich, ist nur eines nie: gleichgültig, sondern immer gespannt, eingespannt zwischen einem Anfang, den man nicht wahrnimmt, weil man mit dem Leben beschäftigt ist, und einem Endpunkt, der in der Zukunft, also im Dunkel, liegt.“

Thema des Buches ist die seltsame, zerrüttete, schizophrene Liebe zwischen einem alteingesessenen DDR-Schriftsteller Hans und einer jungen Bühnenbildstudentin namens Katharina. Sie lernen sich in den späten 80er-Jahren Ost-Berlins kennen und erleben gemeinsam, getrennt, das Ende der DDR. Unglaubwürdig bleibt das Verlieben, das Annähern. Der Roman scheitert beinahe, bevor er anfängt. Die Liebe zwischen Hans und Katharina wirkt gewollt, konstruiert. Alles bleibt fern und beliebig in karger Protokollsprache verfasst. Offensichtlich fehlte der poetische Schwung, einen vierunddreißig Jahre großen Altersunterschied romantisch zu überbrücken.

„Und nun steht sie in seiner Küche und erfährt also, in welchem Fach die großen Teller sind, wo die kleinen, welches das schärfere Messer ist und wo die Streichhölzer liegen, mit denen die Gasflamme angezündet wird. Er sieht ihr dabei zu, wie sie die Eier am Rand einer Schüssel aufschlägt, und denkt, dass die Hausarbeit bei ihr wie ein Spiel aussieht.“

Wer jedoch weiterliest, wird belohnt. Die Banalität des Tristen nimmt eine ungeahnte Fahrt auf, sobald Katharina ihren eigenen Weg geht und auf ihre Rolle der masochistischen Gespielin eines frustrierten alten Mannes reduziert wird. Die DDR evoziert zwischen den Zeilen. Die Langsamkeit, die Leere, das Einsame und Karge, aber auch sehr Ruhige und Stille, vor allem das Ausweglose, Stillstehende. Je länger der Roman voranschreitet, desto mehr ziehen sich klaustrophobisch die Sätze ums Gemüt. Man kann kaum atmen. Man kann es kaum aushalten, die Trauer, die Hoffnung, die Perspektivlosigkeit. Es fehlt an allem. Es fehlt ein Außen, und es fehlt vor allem an Dynamik, Entwicklung, Fröhlichkeit des eigenen Erlebens. Die Beziehung zwischen Hans und Katharina steht symptomatisch für die politischen Hoffnung und Ideologien und gemischten Gefühle, und in kaum zu überbietender Brillanz vermag es Erpenbeck die Tristesse von Hüben und Drüben bloßzulegen, bis nichts mehr als die Trauer übrigbleibt, dass die Menschen entgegen Ingeborg Bachmanns Diktum die Wahrheit doch nicht ertragen. Allesamt nicht.

„Was er ihr vor einem Jahr geschrieben hat, fällt ihm ein: wie ein leeres, ausgeplündertes Haus fühle er sich, die elektrischen Leitungen aus der Wand gerissen, die Fenster vernagelt, die Vorhänge zugezogen, der Kleinkram, der hier und da noch herumliegt. So wird es auch hier bald aussehen, an einem Ort, der, solange er zurückdenken kann, belebt war. Das einstige Nobelrestaurant nur noch ein ramponierter Laden, genauso ramponiert wie das, was von ihrer Liebe übriggeblieben ist. Was für Hoffnungen sie damals hatten.“

„Kairos“ ist ein Abgesang auf Versöhnung. Franz Kafka sagte in einem Brief, es gebe unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns. Erpenbeck hat aus diesem Zitat ein Roman werden lassen, der hinsichtlich Rhythmus, Komposition, hinsichtlich des Sprachgefühls, des Spiels mit Andeutung, Paraphrasierung und Inszenierung von Sprachvergangenheiten und Narrationswelten in der Gegenwartsliteratur seines Gleichen sucht. Unbedingt empfehlenswert für alle Literaturbegeisterten. Eine Perle, wer das erste Drittel übersteht, sich von den abgeschmackten Plattitüden des Anfanges nicht in die Irre treiben lässt. Wer Christa Wolf vermisst, findet ihn Jenny Erpenbeck Trost und Kontinuität, selbstkritische, freie, sprachgewandte Literarizität auf der Höhe der Zeit. Danach beispielsweise „Kassandra“ von Christa Wolf lesen und „Gier“ von Elfriede Jelinek.


Dirk Rossmann und Ralf Hoppe: “Der Zorn des Oktopus”

Nicht ärgerlich … aber auch nicht gut. Drehbuchskizze für den späteren Film oder Serie?

Ausführlicher, vielleicht begründeter: https://kommunikativeslesen.com/2021…

Reichlich beworben, hochaktuell und mit brisantem Thema. Keine Recherchen gescheut, ausführlich und investigativ-innovativ. Es besteht aus Buchstaben, nein Wörtern. Manchmal sogar ganzen Sätzen. Es lässt sich nicht nur ansehen, sondern auch lesen. Was kann es sein?! Licht aus. Vorhang auf. Es ist ein Roman. Der Roman und die Fortsetzung von „Der neunte Arm des Oktopus“, nämlich Dirk Rossmanns und Ralf Hoppes Gemeinschaftswerk „Der Zorn des Oktopus“. Der Mega-Bösewicht wagt, wie das Autorenpaar, den Blick in die Zukunft:

„Ich [Amitav Rama Shah] spürte Geschehnisse, die sich aufbauten. Sehr verschwommen, anfangs. Es war wie ein Spiel. Aber ich habe diese Fähigkeiten trainiert, sie stärker und geschmeidiger gemacht. So kann ich manchmal einen Blick in eine andere Ebene, in die Zukunft fühlen. Aber in bescheidenem Ausmaß. Doch darum merke ich, wenn ich einer starken Begabung begegne.“

Die Fortsetzung ist aber eigentlich keine Fortsetzung (kein Oktopus weit und breit). Nur ganz wenige, und auch für die Handlung absolut unwichtige, Figuren wie Bao Wenliang tauchen wieder auf. „Der Zorn des Oktopus“ ist ein ‚stand alone‘ spin-off, und dieses Mal bekommt man viele bedruckte Seiten mit vielen Wörtern für sein Geld. Dumm nur, dass der Roman aufgebaut ist, wie ängstliche Handwerker ein Haus bauen, wenn sie dem zur Verfügung stehenden Material nicht trauen. Sie kleistern alles doppelt und dreifach zu. Beispielsweise beginnen die Kapitel stets mit einer Zusammenfassung dessen, was am Ende des vorherigen Kapitels geschehen ist (wie bei einer Serie). Außerdem gibt es eine Kapitelüberschrift, die auch noch einmal im Text (Ort und manchmal auch die Zeit) wiederholt wird. Manche Figuren werden fünf bis sechs Mal vorgestellt, als hätten die Autoren Angst, man könnte sie vor lauter Eintönigkeit vergessen.

„Der Mann legt auf. Sein Name ist Amitav Rama Shah, der »Guru der Millionen«. Er ist reich, erfolgreich, seine weltweiten Geschäfte expandieren. Und er hat noch viele Pläne.“

„Der fremde Mann war Amitav Rama Shah, einer der einflussreichsten spirituellen Führer der Zeit, außerdem war er Geldgeber und Schirmherr diverser NGOs, auch dieser hier.“

„Wir haben hier offenbar Amitav Rama Shah an Bord. Ich glaube, das war seine Stimme. Und das würde ganz zu ihm passen, Sie wissen schon, der Welt-Guru. Der Reiche. Der Yoga-Typ mit der Stretchlimo.“

„Jeder auf diesem Planeten, der jemals eine Zeitung gescrollt oder ein Magazin aufgeblättert hatte, kannte diesen Mann, Berichte und Fotos, Interviews und Essays waren allgegenwärtig: Amitav Rama Shah. Oder Guru-ji, wie ihn seine Anhänger nannten, Millionen von Anhängern weltweit.“

Die Liste könnte fortgesetzt werden. Fast bis zum Ende des Romans wird einer der Protagonisten noch vorgestellt. Dasselbe gilt für den Quantencomputer, der alle fünfzig Seiten erneut oberflächlich und fehlleitend beschrieben wird, oder für die Popsängerin Ariadna Ferrer Bayonne, von der alle paar Kapitel wieder gesagt wird, dass sie aus Kolumbien stamme, oder die Nobelpreis-würdige Quantenphysikerin Dr. Dr. Liu Lian, dass sie das Aushängeschild der Forschungsnation China sei. Zu allem Überfluss gibt es sogar noch ein Personenverzeichnis. Im Grunde wiederholt sich in diesem eigenartigen Machwerk so ziemlich alles permanent:

„Er [Mamarenko] erhob sich, ließ sich wieder auf die Couch plumpsen, war immer noch wackelig auf den Beinen, wie ein sozialistischer Staat kurz vor dem Zusammenbruch.“

„Pierpaoli kam auf die Beine, an Schuschkas Hand, er konnte stehen, wenn auch so wackelig wie ein sozialistischer Staat vor der Insolvenz.“

Man muss nicht allzu kritisch mit diesem Buch sein. Es ist harmlos, simpel, beinahe freundlich dümmlich. Ärgerliche Ungereimtheiten bleiben aus, oder müssten mühsam an den Haaren herbeigezogen und konstruiert werden. „Die Anomalie“ von Hervé Le Tellier ist dennoch um einiges besser, auch „Der neunte Arm des Oktopus“, vor allem jedoch die Indiana Jones-Bücher von Wolfgang Hohlbein, die haben Schwung, mehr Humor, sind kürzer und billiger, bspw. „Indiana Jones und das Gold von El Dorado“ oder „Indiana Jones und das Geheimnis der Osterinsel“, denn die chilenischen Schamaninnen und der Quantencomputer tragen die Story nicht wirklich, zumal der Protagonist Thomas Pierpaoli zwar um seine Geliebte Ariadna kämpft, aber ansonsten nicht viel Innenleben hat und gefühl- und gesichtslos bleibt wie leider die ganze weite und große Welt von „Die Rache des Oktopus“.


Thomas Kunst: „Zandschower Klinken“

Zandschower Klinken: Roman von [Thomas Kunst]

Ein musikalischer Thomas Bernhard aus der ostdeutschen Provinz. Literarischer Hochgenuss.

Ausführlicher, vielleicht begründeter: https://kommunikativeslesen.com/2022…


Das Leben auf dem Lande wird seit kurzem, und vielleicht auch wegen der Home-Office-Covid-19 Situation, idealisiert. Viele Gegenwartsromane greifen auf diesen Topos zurück. „Zandschower Klinken“ zerschneidet diesen Romantismus jedoch gekonnt und mit sprachlicher Hochgeschwindigkeitsrhythmik. Statt eine Großstädtler-Brille aufzuziehen und ein imaginäres Zurück-zur-Natur zu feiern, artikuliert Thomas Kunst auf hochversierte Art und Weise die ländliche Tristesse und die Gegenmaßnahmen, die die Individuen inszenieren, um nicht vor Langeweile und Isolation einzugehen.

„Ich sage in der sich allmählich ausbreitenden Dämmerung das Alphabet auf. Wenn beim Aussprechen der Buchstaben M, P und Y jeweils links oder rechts ein Baum am Straßenrand steht, komme ich in dieser Nacht noch unzählige Kilometer weiter. Abweichungen von zwei bis fünf Fuß sind erlaubt. Ich will ja nicht kleinlich sein. Fast die gleiche Anzahl Bäume zu beiden Seiten der Fahrerkabine. Landstraße, Autobahn, Landstraße, aber in umgekehrter Reihenfolge. Ich glaube, ich mache das jetzt jedes Wochenende. Die Welt ist das Größte auf der Erde.“

„Zandschower Klinken“ handelt von Mut, von der Fröhlichkeit der Wiederholung des Immergleichen, von steten Versuchen aufzustehen, weiterzumachen, alles neu zu erfinden. Ein fröhlicher lyrischer, musikalisch-grammatikalisch verschwobelter Tanz um die eigenen Möglichkeitswelten inszeniert eine Struktur, an der man sich festhalten kann. Die Wiederholung selbst ist das Stillstellen der Zeit. Das Atemholen. Die stete Wiederholung mit kleiner Paraphrase schärft den Blick für das Wenige, das abweicht. Sie übt Aufmerksamkeit und Fröhlichkeit ein, das Sehen von Wundern im Alltäglichen, vom Zauber im Eintönigen – denn, so praktiziert es Thomas Kunst in seinem Roman, Heraklit hat recht. Man steigt nie in denselben Fluss ein zweites Mal. Und so liest sich kein Satz wie beim ersten Mal. Etwas verändert sich, und was sich verändert ist der eigene Erwartungs- und Verständnis- und Antizipationshorizont.

„Vierte Minute. Unveränderte Bäume. Vierte Minute. Wenn ich nicht atme, verändere ich die Luftströme direkt über mir nicht. Vierte Minute. Ich will für immer in einem gestrandeten Frachter leben. Vierte Minute. Ich will die Luken im Auge behalten. Vierte Minute. Ich liege am Strand in der Nähe der Bäume. Vierte oder fünfte Minute. Vierte Minute. Die Bäume sind in der vierten Minute so ähnlich wie in der zweiten Minute. Dritte Minute. Ich trinke nie mehr. Vierte Minute. Ich werde die Uhr an meinem Handgelenk nach meiner Rückkehr auf das Boot stundenlang ins Meer halten.“

Kunst umgarnt den Leser mit kleinen Häppchen. Es ist nicht viel, was erzählt wird, aber das Wenige, das sich Wiederholende, erlaubt Tiefendimensionen zu erfahren, die umso deutlicher die Vor- und Nachteile des provinziellen, isolierten Landlebens vor dem inneren Auge auferstehen lassen. In Oppositionsschleifen, rückwärtsrollenden Konjunktionen täuschen die Orbitalgeschwindigkeiten der Paraphrasen Stillstand vor, der gar nicht möglich ist, weder im Lesen noch im Leben noch im Schreiben. Alles geht vorwärts, nur anders, und manchmal in Thomas Bernhardscher Manier in die entgegengesetzte Richtung „vierte oder fünfte Minute“ und dann wieder doch nur „die vierte“.

Der Witz von Thomas Kunst und seine eigenwillige Schreibweise mag manchen vor den Kopf stoßen. Für mich war das Lesen von „Zandschower Klinken“ ein Hochgenuss. „Klinken“, die an den Klinkenstecker von elektrischen Gitarren erinnert, an Kontakte, Kontaktersuche und Kontaktanzeigen, die es zuhauf in dem Roman zu lesen gibt, und auch „Klinken“ wie Türklinken, die etwas zu öffnen erlauben, die Verschlossenes öffnen, ja zu öffnen erst ermöglichen.

Der Roman ist in diesem Sinne ein Schlüsselroman für die Gegenwart, und zwar ein ganz besonderer. Möglicherweise nämlich tummelt sich in den abgeschotteten Inseln und Flecken und isolierten Fleckchen des Landes das Leben und die Menschen auf ganz andere Weise als es sich aus der Großstadt Entflohene erträumen oder erschreiben können. Als abstrakte Beispiele seien hier genannt: „Der Brand“ von Daniela Krien, wo ein Urlaub auf dem Lande einem Ehepaar erlaubt, zu sich zurückzufinden; „Unter Menschen“ von Juli Zehs, in welchem die Protagonistin einer scheinbaren Authentizität in der Brandenburgischen Einöde auf dem Leim geht; Eva Menasses „Dunkelblum“, wo unüberwundene Gespenster und Schicksalsschläge im Niemandsland zwischen Ungarn und Österreich herrschen; oder Christoph Heins „Guldenberg“, wo das Dorfleben ein Stadtleben nur in Klein basisdemokratische Kommunikationsprobleme generiert.

Ich empfehle Thomas Kunst „Zandschower Klinken“ rückhaltlos, und empfehle als Weiterlektüre Thomas Bernhards „Der Untergeher“ und „Der Keller. Eine Entziehung“. Viel Spaß.


Florian Illies: “Liebe in Zeiten des Hasses”

Weniger als Wikipedia. Mehr als ein Berliner Telefonbuch aus den 20er/30er Jahren.

Ausführlicher, vielleicht begründeter: https://kommunikativeslesen.com/2021…

Was immer sich Florian Illies mit seinem Werk „Liebe in Zeiten des Hasses“ vorgenommen hat, eines ist ihm mit Sicherheit gelungen, die viel beschriebenen Persönlichkeiten der Geisteswelt der Jahre von 1929-1939 mit Lächerlichkeit und Armseligkeit zu überziehen. Um es gleich vorab zu sagen, es handelt sich weder um einen Roman noch um ein Sachbuch. Es handelt sich um ein Who-is-Who der Literaturszene Deutschlands vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Dieses Who-is-Who ist wenig mehr als ein Telefonbuch. Namen nach Namen werden genannt und durch Liebschaften in bester Klatsch- und Tratschmanier in Verbindung gebracht. Wer mit wem und wann und wie lang. Illies selbst fasst es mit seinen eigenen Worten am besten zusammen.

„Sie [Leni Riefenstahl] sei, so sagt ihr Geliebter und Verlobter, der Regisseur Harry R. Sokal, süchtig nach »Erfolgsberauschtheit«. Und offenbar auch nach der Kraft der Fiktion – bis heute ist unklar, welche Geschichten ihrer Memoiren wahr sind und welche erfunden. Auf jeden Fall gab es viele Männer.“

Mehr gibt es anscheinend über Leni Riefenstahl, Alfred Kerr, Georg Grosz, Marlene Dietrich, über Theodor W. Adorno, Thomas, Klaus und Erika Mann, über Hermann Hesse, Kurt Tucholsky und so weiter nicht zu sagen, und mehr scheint Illies auch nicht in Erfahrung bringen zu können: Sie alle hatten mit Sicherheit Liebschaften. Sie stritten. Sie verhielten sich extravagant, und ja, sie schrieben auch Bücher und Theatertexte zwischen Affären und Ehekrisen und Kindergeburten. Leider dokumentiert Illies auf Schritt und Tritt, dass er an nichts als an dem sozialen Kitt interessiert ist und serviert eine Trivialität nach der anderen, die weder Werk noch die das Werk Erschaffenden näher beleuchten oder gar interessant werden lassen.

„Was für ein Frühjahr für Bertolt Brecht. Am Ostersamstag hat das Stück ‚Pioniere‘ in Ingolstadt seiner früheren Geliebten Marieluise Fleißer Premiere im Theater am Schiffbauerdamm. Ins Programm schreibt er: »Man kann an dem Stück gewisse atavistische und prähistorische Gefühlswelten studieren.« Zum Beispiel die prähistorischen Gefühlswelten des Bertolt Brecht. Im Stück nämlich erfährt das Dienstmädchen Berta, dass ihr Geliebter Korl nicht nur andere Frauen neben ihr hat, sondern darüber hinaus verheiratet ist und sogar Vater.“

Wer weder Brecht, Fleißer noch das Stück ‚Pioniere‘ kennt, wird aus dem Gesagten auch nicht schlauer. Wer es kennt, merkt, dass hier weder Sachverstand glänzt noch etwas zu den dramaturgischen, dialogischen, theater-idealtypischen Beiträgen gesagt worden ist, die Fleißer geleistet hat. Reine Verdachtshermeneutik wird praktiziert, die in den Kunstwerken nur oberflächliche Hinweise und Anschlussmöglichkeiten suchen, welches Liebesdrama dort ‚im Grunde‘ verhandelt und nur dürftig verschleiert worden ist. Dass ein Kunstwerk Eigendynamik besitzt, eine medial-hermetische Ausdrucksform erzeugt und somit von Interesse bleibt, auch noch nach Jahrzehnten, kommt Illies nicht in den Sinn. Man fragt sich dann nur, weshalb er über diese und nicht andere Menschen geschrieben hat. Ginge es um Könige, Königinnen, um Fürsten und Debütantinnen, um Prinzen und die Gefolgschaft von Lakaien, wäre möglicherweise auch nicht mehr, aber auch nicht weniger zu sagen gewesen.

Vielleicht war dies auch der geheime Sinn und Zweck von Florian Illies völlig überflüssigem Unternehmen, nämlich den seiner Meinung nach wahren Grund von dem ganzen Kulturbetrieb bloßzulegen, dass Männer und Frauen Frauen und Männer lieben, und eigentlich sonst nichts von Interesse ist. Da hilft es auch nicht auf Schritt und Tritt von der „Größe“, „dem Jahrhundertwerk“ und „Genies“ zu sprechen. Illies dokumentiert auf fast 500 Seiten kein Interesse für Details, für Sprache, Form und Stil, und es beschleicht einem am Ende das Gefühl, dass er mit den anti-intellektuellen Schergen jener Jahre eher sympathisiert, als sie anprangert. Das stimmt sicherlich nicht. Der Eindruck entsteht dennoch, und Schenkelklopfer und pubertäre Kalauer à la „Generation Golf“ helfen da auch nicht mehr.

„[…] der Schneefall wird heftiger, aber Remarque [Autor von „Im Westen nichts Neues“] spürt, wie eine große Last von seinen Schultern fällt. Am ersten Schweizer Parkplatz fährt er rechts ran und steckt sich eine Zigarette an. Der Rauch mischt sich zwischen die Schneeflocken. Er weiß nicht genau, was jetzt kommen wird. Nur das weiß er: endlich etwas Neues.“

Dasselbe habe ich mir auch gewünscht, und es leider nicht bekommen. Ein wahres Trauerspiel eines gelangweilten Kultur-Feuilletonisten.


Antje Rávik Strubel: „Blaue Frau“

Verstörende Hoffnungslosigkeit zwischen Ohnmacht und Flucht: Lesenswert.

Ausführlicher, vielleicht begründeter: https://kommunikativeslesen.com/2021…

Romane über Gewaltverbrechen pendeln zwischen Voyeurismus und Verzweiflung. Die ersteren beuten das Geschehnis aus, ob des Skandalons. Die zweiteren ergeben sich der Ohnmacht und gleichen einem Stoßgebet gen Himmel, es möge endlich Gerechtigkeit auf Erden obwalten. Die einen nehmen für sich in Anspruch, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und den Schrecken zu pädagogisieren („Der Heimweg“ von Sebastian Fitzek), die anderen die emotionale Macht der Sprache für den Einspruch zu mobilisieren („Raum“ von Emma Donoghue). Von allen typischen Varianten gelingt Antje Rávik Strubel mit „Blaue Frau“ der bestmögliche Ausweg aus einer selbstgewählten Unmöglichkeit und ausweglosen Aufgabe: das Metalyrische.

„Abendsonne hat die Bootsschuppen, das Wasser und die algenüberspülten Steine erfasst. Blätter liegen im Sand, gelb durchsprenkeltes Grün der Birken. Die Stämme sind nass, die Flechten schattig von Feuchtigkeit. Die blaue Frau kommt vom Ufer herauf. Als die Röte nachlässt, bleibt ein Schimmer auf ihrem Gesicht zurück, verschiebt es, richtet es neu ein. Die Haut wie die Faltungen des Sandes. Sie erinnert mich an jemanden.“

Die blaue Frau ist ein Engel der Geschichte, der mit rückwärtsgerichtetem Blick die Zukunft erahnt. Sie begleitet die Protagonistin Adina auf ihren Weg quer durch Mitteleuropa, aus dem tschechischen Niemandsland nahe Harrachov über Berlin, die Uckermark, nach Finnland. Auf den Pelz gerückt wird ihr überall. Eine junge Frau als Freiwild, die eigentlich Geographin und Abenteuerin werden will, aber als letzter Mohikaner zumindest den Schmerz in einer drastischen Entscheidung zu überwinden sucht, den Schmerz, benutzt, missbraucht, geschlagen, beleidigt, eingesperrt und vergewaltigt worden zu sein.

„Trotz der Stille und der Kärglichkeit des weiß getünchten Raums mit den Spuren toter Mücken an der Decke war es schön. Vor dem Fenster lag Berlin. Die Stadt funkelte. Sie war zum Greifen nah. Also machte sie es sich bequem, den Kopf auf dem Pullover, um in Ruhe nachzudenken, und dachte an Rickie. Der Pullover war alt. Es war ihr liebster, ein Abenteuerpulli, der Pullover einer Naturforscherin. Sie hatte ihn auf all ihren Expeditionen getragen. Er war mitgewachsen.“

Zum Studium bedarf es aber eines Sprachzertifikats, und um dieses zu erwerben, bedarf es Geld, und um des lieben Geldes Willen verdingt sich Adina an einen Landbesitzer, der ihren Körper gewaltätigt eintauscht, um an kulturelle Fördermittel heranzukommen. Adina flieht nach Finnland, arbeitet illegal, beginnt eine Beziehung mit einem Politikwissenschaftler, der sie überredet auf einen Benefiz-Ball zu gehen, wo sie den Mäzen der kulturellen Fördermittel wiederbegegnet. Die Vergeblichkeit der Flucht kippt in ihr um. Sie möchte Rache nehmen, aber ihre Glaubwürdigkeit steht in Zweifel, weil sie illegal und eine Frau ist. Sie findet sich isoliert.

„Vor dem Fenster stand eine alte Laterne, in deren schmiedeeisernem Gehäuse sich Käfer an Fäden erdrosselt hatten, die seit dem Sommer dort zu hängen schienen. Sie klebten in einer dichten, grauweißen Wabe, die von der Glühbirne zum Gehäusedach reichte. Die Laterne flackerte manchmal, sprang aber nicht an.“

„Blaue Frau“ thematisiert Gewaltverhältnisse ohne Voyeurismus und nimmt Partei ohne Wehklagen. Der Roman bleibt nüchtern, rhythmisch, in einer ehernen Trotzigkeit, die eine Ästhetik des Widerstands erzeugt, eine Stärke im Beschreiben, Erfassen, Fokussieren entwickelt, die ihres Gleichen sucht. Der Blick in den Abgrund gelingt, indem er Fassungslosigkeit und Verzweiflung evoziert. Die blaue Frau steht zwischen den Welten, durstig nach Leben, sehnsüchtig nach Freiheit, neugierig aufs Offene, Unvermittelte, bleibt aber gebrochen im Schatten eines übermächtigen Leidens ohne Waffen und Möglichkeit, sich Recht und Gehör zu verschaffen. Unbedingt lesenswert, aber nichts für schwache Nerven und einen entspannten Nachmittag mit Tee und Gebäck.

Vorschlag: Direkt danach als Remedium „Die Fremde“ von Claudia Durastanti lesen und sich vorstellen, dass die Fremde Adina geworden ist, die alles zurücklässt, und dann „Echos Kammern“ von Iris Hanika, und sich vorstellen, dass Adina Sophonisbe ist (im Pseudonym) und ein Exil in New York gefunden hat, wie es der äußerst gelungene Roman von Strubel am Ende vermuten lässt.


Maxim Biller: “Der falsche Gruß”

Eine Fabel übers Lügen im literarischen und außerliterarischen Sinne.

Ausführlicher, vielleicht begründeter: https://kommunikativeslesen.com/2021…

Maxim Billers Roman „Der falsche Gruß“ ist kurz – und das ist beinahe alles Gute, was man über ihn sagen kann. Von Anfang an wird klar, dass Biller Thomas Bernhard imitiert, einen auf Botho Strauß macht, mit Michel Houellebecq politischer Inkorrektheit kokettiert und einem Christian Kracht versucht den Rang abzulaufen, was die Geschmacklosigkeit der Metaphern angeht. Vor allem jedoch geht es um die Sexualisierung von Politik, Geschichte, und die Freude daran, alles zu zerreden.

„Ich dachte es immer wieder, in immer neuen, halbwegs klaren, zusammenhängenden Worten und Sätzen, aber es half mir trotzdem nicht, mich besser zu fühlen, und als ich mich endlich ausgeweint hatte, stand ich auf – immer noch steif, verzweifelt und verfroren –, ich legte mir die kratzige tschechische Wolldecke um die Schultern, ich stellte mich wie ein alter, einsamer Mann ans Schlafzimmerfenster und sah raus, in der Hoffnung, draußen etwas Interessantes zu sehen, um so vielleicht auf andere Gedanken zu kommen.“

Wie der Ich-Erzähler so hat auch der Roman nichts Eigenes zu berichten. Gäbe es nicht die Schandtaten der anderen, die Verbrechen, Massenmorde, die Vergewaltigungen, Körperverletzungen, die Übergriffe, Angriffe, ein Roman wie „Der falsche Gruß“ hätte kein Thema und der Erzähler hätte nichts zu berichten. Das Thema schließt sich parasitär an die Diskurse um politische und terroristische Gewaltexzesse, und aufgrund dieser parasitären Umschmeichelung lenkt es den Blick auf die Banalität des Bösen, die Hannah Arendt ganz sicher nicht meinte. Das Böse wird deeskaliert, und zwar im primitiven Sinne. Der Coca-Cola trinkende Austauschstudent heißt „Arafat“, und eine körperliche Entgleisung vor einem Berliner Lokal wird gleich ein „Naziverbrechen“, und Literatur wird in der Hermann Lenz-Episode als Familiengeschichte verkauft.

Maxim Biller führt seine Romanfigur vor. Er lässt sie von Anfang an lächerlich dastehen. Er lässt kein gutes Haar an ihr und alles, was ein ängstlicher Mensch anderen antun kann, Intrigen, Verleumdung, Lügen und Fliehen und das Im-Stich-Lassen in Gefahrensituationen, lässt Biller Erck Dessauer ausführen. Ein böser Blick, sagt Hegel, sieht nur Böses. Der Stil kennt keine Distanz und keine körperliche Integrität. Das Buch liest sich wie der Bericht eines Voyeurs, verkappt als Ich-Erzählung. Im Grunde also lästert Biller über seine eigene Erfindung, ohne dass es zu Humor, Witz und Spannung gereicht.

Heinrich Manns „Der Untertan“ ist viel besser aufgrund der auktoriale Distanznahme. Diederich Heßling wird nüchtern betrachtet, nicht von hoher Warte lächerlich dargestellt. Heinrich Mann ist selbst zu entsetzt, beinahe erschreckt über diesen Charakter. Biller jedoch zieht offenkundig Schadenfreude aus der Schwäche, aus den Charakterfehlern und Dummheit seines eigenen Phantasieprodukts. Thomas Bernhard betreibt die Selbstdestruktion in „Auslöschung“ konsequenter. Die Parataxen Billers sind eine schlechte Kopie, wie man im Parallellesen beider Bücher sofort bemerken kann.

Biller hat ein überhebliches Buch in einem lieblos kopierten Stil geschrieben. Wer sich aber darüber belustigt, dass die Hauptfigur beständig nach Nennung des Namens „Adolf“ onaniert, sich sowieso die ganze Zeit nur nach zwischenmenschlicher Nähe sehnt, und dem das Drei-Minuten-Stück „Schrei nach Liebe“ von der Band „Die Ärzte“ nicht ausreicht, dem wird eben dieser Song in schlichter Feuilletonsprache zwei Stunden lang als Roman feilgeboten. Das Niveau bleibt dasselbe.


Eva Menasse: “Dunkelblum”

Ein heilloses Durcheinander ohne Fokus. Ein gähnender Abgrund. Viel zu lang.

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Eva Menasse hat einen sehr langen Roman geschrieben. Wer viel liest, liest auch gerne lange Texte. Lange Texte haben den Vorteil, dass sie Figuren entwickeln, Parallelisierungen anbahnen, wie eine Sinfonie Melodien andeuten, ankündigen und erahnen lassen, um dann zum großen Finale zu gelangen. Alles löst sich ein. Brahms Erste. Beethovens Neunte. Aber nicht „Dunkelblum“. In Dörfchen Dunkelblum löst sich nichts ein. Alles bleibt beim alten. Es bleibt im Ungefähren.

„Rund um Dunkelblum übersteigt die Anzahl der Geheimnisse seit jeher die der aufgeklärten Fälle um ein Vielfaches. Es ist, als ob die Landschaft, die hier erst noch wie eine saftiggrün bestickte Samtborte aufgeschoppt und gekräuselt wurde, bevor sie abstürzt ins Flache, Gelbe und Endlose, sich grundsätzlich verwahrt gegen das Durchschautwerden.“

Ich war dem Buch sehr wohlgesonnen und habe die ersten fünfzig Seiten mit Wonne gelesen. Viel Witz. Viel Thomas Bernhard, die österreichische Mundart, der Elan im Geschwätzigen, im Kaffeeklatsch, Tratschen und Schwadronieren. Ein Mix Böses à la Elfriede Jelinek. Aber: Nichts davon hat sich aufrechterhalten können. Das Material ging nicht auf. Es entglitt. Es zerbröckelte. Das Kartenhaus brach bereits nach ein paar Karten zusammen und trotzdem bestand die Autorin darauf, so zu tun, als könnte man weiter auf Bodenlosem bauen. Die Figuren sind alle matt. Es sind zu viele. Selbst ein Panorama besitzt eine Perspektive. Nicht so in „Dunkelblum“. Die Pestsäule ist hässlich. Das Schloss ist weg. Die Gräfin verbrämt, und alle sind peinlich berührt.

„Nur ein bisschen Phantasie und es pickte zusammen, Phantasie funktionierte offenbar wie Mörtel oder Montagekleber, sogar das Abgelegenste fügte sich ein.“

Nur was sich mit Gewalt, d.h. mit Beliebigkeit fügt, schließt sich noch lange nicht zusammen, ergibt kein Ganzes. Wer Soßen zubereitet, kocht, weiß dies. Leider begriff dies die Autorin wohl auch selbst und versucht durch Kunstgriffe die Spannung künstlich zu erhöhen. Sie bemühte den Fix-Soßenbinder, indem sie ständig Cliffhanger einbaut, die sie sich dann als falscher Alarm erweisen. Große Geheimnisse werden nicht nur nicht aufgeklärt. Manchmal hat sie es sie auch plötzlich nicht gegeben, und selbst nach vierhundert Seiten werden noch neue Figuren eingeführt, als hätte man nicht bereits den Kopf voll mit all den Trivialitäten, die man sich vorher zu Gemüte gezogen hat.

„Vor Koreny [dem amtierenden Bürgermeister Dunkelblums] auf dem Schreibtisch lag ein Blatt Papier, er hatte es quer gelegt und vier Spalten gemacht: Wasserversorgung / histor. Fund Rotensteinwiese / F. Malnitz, abgängig / allgem. Fragen zur Geschichte, Klammer auf, Kriegsverbrechen, Fragezeichen, Klammer zu. An den Rand hatte er mit dünnem Strich, nur für sich, geschrieben: Grenzsicherheit, polit. Entwicklung Ungarn.“

Das subsumiert den Roman sehr gut. Mehr hätte es eigentlich nicht bedurft. „Dunkelblum“ scheitert am eigenen Vorhaben wie Christoph Hein in „Guldenberg“, Steffen Kopetzky in „Monschau“, und Daniela Krien mit „Der Brand“. Die Beschreibung des ländlichen Lebens gerät langweilig, rückwärtsgewandt, glossenhaft und beliebig. Versatzstücke flüchtiger Gedanke hangeln sich lieblos von Seite zu Seite. „Dunkelblum“ ist eine Montage aus Christian Krachts „Eurotrash“ vermengt mit Christoph Heins „Guldenberg“ und garniert mit einer Prise Thomas Bernhards „Die Auslöschung“ und Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten“.

Schade um die Mühen. Schade um die Zeit. Die gelungene Umsetzung der Idee findet man in Hermann Brochs „Der Versucher“ und in den besagten Romanen von Jelinek und Bernhard.


Hervé Le Tellier: “Die Anomalie”

Copy&Paste-Welt unterhaltsam, spannend, und einfallsreich. Eine Art Supra-Roman.

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Was gibt es zu sagen, was noch nicht gesagt wurde, und was könnte geschrieben, was noch nicht geschrieben worden ist, und vielleicht spielt das alles keine so große Rolle. Hervé Le Tellier zeigt mit „Die Anomalie“, dass große Frage keine großen, vielleicht sogar gar keine Antworten bedürfen.

„Irgendjemand hat also irgendwo in der Galaxis eine Münze geworfen, und diese ist wahrhaftig in der Luft hängen geblieben.“

Der Roman ist eine Art Pastiche der Großliteratur-Verzweiflung. Wie es vom Präsidenten der Werkstatt für Potentielle Literatur zu erwarten ist (Oulipo: L‘Ouvroir de Littérature Potentielle), verführt er weniger mit Stil als mit Einfallsreichtum. Die nüchterne Sprache des Episodenromans ahmt Raymond Queneau und Georges Perec nach, aber ohne die Weitschweifigkeit (in „Das Leben Gebrauchsanweisung“) von diesem, noch der Melancholie („Zazie in der Metro“) von jenem nachzuahmen. Le Tellier hat seinen eigenen Zugang:

„Victor schreibt, ohne Hast, mechanisch. Nach allem, was er gelesen und übersetzt hat, darunter allzu viele hübsch verpackte Albernheiten, käme es ihm unanständig vor, die Welt mit einer weiteren Eselei zu behelligen. Ihn lässt die Vorstellung kalt, eine flammende Prosa entspringe aus der simplen «Bewegung der Feder auf dem Blatt», er glaubt nicht an seine «Allmacht über den Satz», es kommt nicht in Frage, dass er «die Lider schließt, um mit offenen Augen zu sehen», oder dass er sich an diesem seelenlosen Ort «der Welt entzieht, um ihm seine eigene Verwirrung aufzuprägen», und im Übrigen hütet er sich vor Metaphern.“

Das mathematische Kalkül von den Autoren um Oulipo geht deshalb selten auf, weil sie zu reflektiert, prosaisch, ja, arithmetisch an den Erzählgegenstand herangehen, quasi einem naturwissenschaftlichen Versuchsaufbau gleichen. Le Tellier jedoch vermag in „Die Anomalie“ die Nüchternheit und Kargheit aufzusprengen, indem er einen humoristischen Thriller à la Douglas Adams hinlegt, einen wirklichen „page turner“, der einfach nur amüsiert, einen schmunzeln lässt, der nicht langweilt, der überrascht, und ja, hier und da sogar zum Denken anregt.

Für den ganz unaufmerksamen Leser ist diese Literatur jedoch nichts. Wie in einem Episodenfilm so spannt auch dieser Roman einen Kosmos zwischen vielen, hier mindestens elf Figuren auf. Die Übersicht zu behalten, ist nicht so leicht, vor allem, weil man am Anfang noch wenig Grund hat, die Figuren interessant zu finden. Billige Schocker fehlen leider auch nicht. Billige Sexhudeleien hier und da stören auch nicht wirklich, und nirgendwo bricht sie Profanes in den Stil und macht dem Lesegenuss den Garaus.

„Die Anomalie“ ist in erster Linie eine sehr intellektuelle Variante von Michael Crichton Büchern, spannend wie ein John Grisham, ulkig wie ein Douglas Adams in „Der lange dunkle Fünfuhrtee der Seele“, literarisch selbst-referenziell wie Italo Calvino „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“, und stilistisch nüchtern, aber feingeschliffen wie nur bspw. Marguerite Duras „Zerstören, sagt sie“ oder Michel Butor in „Der Zeitplan“ und Raymond Queneau aus „Stilübungen“.

Wer nur irgendeinen dieser AutorInnen mag, der wird mit „Die Anomalie“ seine Lesefreude haben. Garantiert. Wem intellektuelles Gefasel jedoch auf die Nerven geht, lieber Finger weg – es ist und bleibt eine gedankenspielerische Zwischenübung in Gute-Laune-Haben und trotzdem mit den Niederungen des Lebens Umgehen-Könnens.


Herta Müller: „Der Beamte sagte: Erzählung“

Eine Elegie des Schweigens – wo das Erzählen verlorengegangen ist.

Herta Müllers Buch ist kein Roman, keine Erzählung. Es ist auch kein Gedichtband, kein Drama, kein Sprechstück. Es ist ein Winterbuch, das sommers herauskommt, ein Widerhall des Nichtvergessens und punktierten Zerstäubens von Erinnerungen. Wer ein Prosawerk erwartet, wird enttäuscht. Wer Lyrik erwartet, dem wird die Welt nicht schöngezeichnet. Wer aber die Bemühung um Ausdruck wertschätzt, dem eröffnet das schön gestaltete Buch viele Türen.

„Der Beamte mit dem
Oh, oh, oh sagte Sie erzählen
Ihr Leben in Schlangenlinien
von innen – aber was
wir unter Erzählen verstehen
ist von außen gesehen“

Dieses Buch handelt von einem Leben unter Generalverdacht, von einer Welt, in der man lieber nicht spricht, sondern nur beobachtet, von einer Verfügungsgewalt des nächsten über den anderen. Es herrscht ein kalter Novemberwind zwischen den Zeilen. Das Reimen gibt dem Erzählten einen Hauch von Verspieltheit. Die Angst, die Zerstörung, sie ist bereits geschehen und lässt sich erfühlen. Wem das Widerreden und Mitreden selbstverständlich ist, wird die Zeilen vielleicht nicht verstehen. Sie lassen sich beinahe als Epigraph einer vergessenen Welt des 20. Jahrhunderts lesen. Dinosaurier.

„Die Nacht trägt ihre
Brotscheibe über die Berge
Meer ist keins Da
Dieses Land macht uns
Trara wenn wir uns
Jemals begegnen sprechen
wir alGebra“

Herta Müller macht es einem in keinem Buch leicht, auch nicht in diesem, wie auch nicht in der „Atemschaukel“. „Der Beamte sagte“ liest sich wie eine poetische Rhapsodie auf Josef K aus dem Kafka-Universum. Man redet nicht. Man munkelt. Man veräppelt, und der Beamte bleibt am längeren Hebel. Die Staatsmaschinerie lässt einen nicht durch das Tor. Das Tor ist zu. Es fehlt das Sesam-Öffne-Dich. Wer Franz Kafka zu schätzen weiß, wer liest, um Erfahrungswelten zu erschließen, wer sich zwischen den Worten schwebend im Ungewissen zu halten vermag, der wird die Leichtigkeit des Textes lieben, wird die kleinen Details wertschätzen, wird das Buch immer wieder lesen und es als Zeugnis eines Widerstandes begreifen.

Vögel, die im Buch häufig vorkommen, silbrig, auf Zehen, im Schnee, am Fliegen, sind frei, und so auch die Gedanken und die Poesie, und so legt Herta Müller ein Buch vor, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Widerborstig.


Valerie Fritsch: “Winters Garten”

Sprache und Liebe stärker als der Weltuntergang. Eine Perle in der Gegenwartsliteratur.

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Valerie Fritsch „Winters Garten“ lässt die Welt in einer unspezifischen Apokalypse untergehen. Die Apokalypse bleibt in der Literatur en vogue. Sie ist es seit dem Gilgamesch-Epos. Die Welt geht unter. Die Titanen zerstören, was sie erschaffen. Die Götter nehmen, was sie geben, und das Ende von Dantes „Commedia“ gipfelt im weißen, kleinen, sternklaren Punkt des nichtigen Nichts eines ewigen und erlösten, erleuchteten Jetzt. Auch Valerie Fritschs Roman handelt von der Apokalypse. Sie handelt von Werden und Vergehen eines Individuums, und vom Ende der Welt insgesamt. Die Erzählung beginnt mit einem Hirtengesang alter bukolischer Schule Vergilischer Provenienz. Anton Winter, der Protagonist, ist jung, angstlos, ein Kind, das beobachtet, erlebt, heranwächst und staunt:

„Der Großvater stand im warmen Wind und beschnitt die Sträucher und Weinreben am Haus […] Zur Blütezeit war die Luft satt an eigenartigen Gerüchen und Tausenden Insekten, die wie ein leises Murmeln aufstiegen. Liederlich und tropisch blühte es. Kadettenblau, kaiserblau, blassorange, zwetschgengelbt. Die Akeleien schwelgten. Der Eisenhut brannte.“

Es fällt schwer, das Zitat nicht bis zum Ende des Romans weitergehen zu lassen. Die Sprache ist ein Fluss, eine einzige Assonanz figurativer, illustrativer wie formaler Konvergenz. Die Worte tummeln sich, umschmeicheln und umgarnen den Sinn und die Bedeutung, dass viele Seiten und Saiten auf einmal schwingen, man mit Haut und Haaren liest und genießt. Antons Kindheit blüht. Jedoch selbst auf den ersten Seiten, in der Idylle, mischt sich Dunkelheit zwischen die Zeilen. Föten in Gläsern, Wutanfälle des Vaters, ein dunkler Wald rund herum des Hofes. Auf eine nahezu unheimliche Weise wird klar, dass das Spiel, Ringelreihen, das bewegliche Gleichgewicht, stets kurz vor dem Zusammenfallen steht.

„Zwischen Holz und Mensch wirkte ein magischer Kreislauf. Es schien, als könne jederzeit das eine zum anderen werden. Nichts musste bleiben, was es war. Alles war formbar, auch in seiner Funktion. Der Kern der Welt schien ein nucleus movens zu sein, der sich einmal in der einen und dann in einer anderen Schale versteckte.“

Der berühmte Fluss des Heraklits poetisch gestaltet, lässt Fritsch die Sprache rund um die Stille nicht zur Ruhe kommen. Hintergrund wie Vordergrund rücken zusammen. Es geht ums Ganze, wie ums Einzelne, da das Ganze nur im Einzelnen sich entfaltet. Hier im Zwischenraum von Anton und Friederike. Fritsch rückt niemandem auf die Pelle. Sie erzählt aus sicherer Distanz, aus einer allwissenden Vogelperspektive, die kein Wissen mehr kennt, nur das Gleiten und langsame Schwingen und Kreisen über das Geschehen, das empathische Bezeugen, nicht Beobachten dessen, was sich ereignet, während die Zeit dem Ende entgegenrast.

„Die Sehnsucht überlebte jede Hoffnung – alle liefen ihr hinterher. An den Wegkreuzungen warf man einander schnelle Blicke zu, ein kurzes Lächeln, wünschte sich Glück und hastete in unterschiedliche Richtungen weiter, immer mit einem Ich liebe, Ich will, Ich muss auf den Lippen, jeder in seinen Untergang, jeder zu seiner Erlösung.“

„Winters Garten“ versöhnt und erschrickt, mahnt und inspiriert, dichtet und erzählt von Leben zwischen den Wogen. Je mehr sich die Sprache in den Vordergrund drängt, desto reicher wird die Erzählung, desto mehr leben die Dinge, desto mehr lässt sich über den instrumentellen Charakter der konventionellen Zeichen hinwegsehen und erlaubst sich der Blick in die Ferne zu schweifen. Valerie Fritsch hat einen unfassbar bezaubernden Roman geschrieben, der wie Musik in den Ohren im Herzen bleibt.

Sehr zu empfehlen, und sehr verwandt mit Agustina Bessa-Luís „Die Sibylle“ und „Die Sternstunde“ von Clarice Lispector.


Kazuo Ishiguro: “Klara und die Sonne”

Poetisch, empathisch, freundlich und bezaubernd: Leseglück pur!

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Gleich vorab: Eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe und wahrscheinlich gelesen haben werde.
Ohne Erwartung, und als kein übermäßig begeisterter Freund der drögen Sprache und des Stils japanischer Literatur und sehr skeptisch in Bezug auf die Bearbeitung künstlicher Intelligenz und Kybernetik von Fachfremden (siehe die letzten Bücher von Autoren wie Daniel Kehlmann, er und sein Algorithmus, wobei mehr „er“ als Algorithmus in Vordergrund steht) begann ich Kazuo Ishiguro „Klara und die Sonne“ zu lesen. Schon von Anfang an wird klar, dass das Buch etwas Besonderes ist.

„Das [das Energie spendende Sonnenlicht] war der eine Grund, weshalb wir alle so viel über den Platz im Schaufenster nachdachten. Managerin hatte uns versprochen, dass jeder von uns an die Reihe kommen werde, und jeder sehnte diesen Moment herbei. Zum Teil hatte es auch mit dem zu tun, was Managerin die »besondere Ehre« nannte, den Laden nach außen zu repräsentieren. […] In Wahrheit ging es aber um etwas anderes, nämlich um die Sonne und ihre Nahrung, und das war uns allen stillschweigend klar.“

Man schließt Klara sofort ins Herz. Sie ist offen, ehrlich, und möchte für alle immer nur das Beste. Als künstliche Freundin ist sie daraufhin ausgelegt, und voller Besorgnis berichtet und beschreibt sie, was sie sieht, was sie sich erhofft, ob sie auch die Erwartungen erfüllt, die an sie herangetragen werden.

Das Buch ist aus ihrer Perspektive geschrieben, und so nimmt es nicht Wunder, dass manche Eindrücke verpixeln, unscharf werden, und eigentümliche Wortschöpfungen wie „Kaffeetassendamen“ und „Regenmantelherren“ das naive Weltbild unterstreichen, sehr deskriptiv, sehr einfach, und dennoch überaus ausdrucksstark. Die einfache Sichtweise auf die Welt ist herzergreifend, ihre Treue und Sorge um ihre Besitzer zieht einen in den Bann, ihr Wunsch nach Ehrlichkeit, aber auch ihre langsam sich entwickelnden Eigensinnigkeit, jedoch wiederum nur im Sinne der Menschen, mit denen sie zusammenlebt. Selbst die mürrische Haushälterin mag Klara irgendwann, freundlich, zurückhaltend, wie sie neben dem Kühlschrank steht und beobachtet und geht, wenn sie die Privatsphäre nicht stören will, ob Zuhause oder auf Reisen.

„Gleichzeitig wurde mir klar, in welchem Ausmaß die Menschen in ihrem Wunsch, der Einsamkeit zu entrinnen, Manöver vollführten, die sehr komplex und schwer zu ergründen waren, und ich verstand, dass ich vielleicht zu keinem Zeitpunkt irgendeinen Einfluss auf die Auswirkungen der Morgan-Fälle gehabt hatte.“

Als Spielgefährtin von Josie, als Aufpasserin und Aufmunterin gibt sie alles für ihre Freundin. Sie sorgt sich zu jeder Minute ihres Daseins darum, dass es Josie so gut wie möglich geht. Konflikte, Stimmungsschwankungen seitens Josie und ihrer Eltern irritieren sie, aber nimmt sie stoisch und freundlich hin. Klaras unbeugsamer Wille und Glaube an das Glück erhält sich durch die Sonne, durch die Beobachtung, durch die Interaktion und Lebendigkeit ihrer Erinnerungen, über das immer genauere Eintauchen, Mitsorgen, Mitmachen. Am Ende des Buches freut man sich, Klara kennengelernt zu haben.

Wenige Bücher schaffen es, Gestalten zu kreieren, geradezu kondensierte Charakterstudien, über sich hinausweisende Figuren, die kommunikativ einwirken und im Gedächtnis bleiben. Madame Bovary von Gustave Flaubert gehört dazu oder Don Quijote von Miguel de Cervantes, Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle oder Leopold Bloom von James Joyce, um nur einige zu nennen. Klara von Kazuo Ishiguro ist ein Geschenk an alle, die Literatur lieben, die aus Literatur Begeisterung, Intensität und Lebensmut schöpfen, utopisch, freundlich, tragisch, melancholisch, und unfassbar rührend schön. Wie eingangs bereits gesagt, einer der besten Romane, die ich gelesen habe.

Unbedingte Leseempfehlung. Wer dieses Buch mag, mag auch Helga Schuberts „Vom Aufstehen“ und „Fluchtstücke“ von Anne Michaels, und könnte sich für „Menschheit 2.0: Die Singularität naht“ von Ray Kurzweil interessieren, um aktuelle Bücher vorzuschlagen.


Daniela Krien: “Der Brand”

Desillusion in A-Dur. Trost- und sexlos in der Uckermark.

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Brandaktuell ist das Buch „Der Brand“ von Daniela Krien auf jeden Fall. Die Pandemie ist Thema. Es gibt Gesichtsmasken im Gartencenter, und Universitätsseminare werden Online abgehalten. Es gibt depressiv Verstimmte Corona-Geschädigte, aber vor allem gibt es ein Ehepaar, ein Mann, Peter, eine Frau, Rahel, die mühselig die Suppe auslöffeln, die sie sich gemeinsam eingebrockt haben. Das Basale ist Thema des Buches.

„Brot ist noch reichlich da. Sie [Rahel] deckt den Tisch draußen, spannt den Sonnenschirm auf, wässert den tönernen Weinkühler, bis er sich dunkel färbt, und wählt aus ihren mitgebrachten Weinen einen Weißburgunder. Im Kühlschrank findet sie noch zwei Lammknacker, die sie mit einem Seufzer beide Peter überlässt. Seit einiger Zeit isst sie weniger, um ihre Figur zu halten.“

Wer die Bezeichnung verschiedener Yogatypen nicht kennt, oder sie griffbereit haben möchte, dem werden diese geboten, genauso wie verschiedene Rezepte, Kochideen, und Blumennamen, die das Leben im Gartencenter wie im Garten selbst bunter gestalten. Alles rund ums Essen, um die Ernährung, um die Morgengymnastik, um das Älterwerden und gemeinsame Frühstücken wie Abendbrotessen wie wird peinlich genau beschreiben.

„Beim Abendessen legt er die Salamischeiben so auf sein Brot, dass sie den Rand der Brotscheibe nicht überlappen. Die Gurkenscheiben schneidet er exakt gleich dick; die Möhre spaltet er der Länge nach, halbiert die Hälften und legt die Stifte ordentlich aufgereiht neben die Gurkenscheiben. Ein Biss vom Brot, ein Stück Gurke, ein Karottenstift. Brot, Gurke, Karotte. Brot, Gurke, Karotte.“

Die Idee des Buches ist klar: Zurück ins einfache Leben, hinaus in die Uckermark, denn, wie die alten Frauen in dem Buch sagen: „Das Leben war früher nicht besser, aber weniger verrückt.“ Der Plot ist schnell erzählt. Die Frau, Therapeutin, wünscht sich Sex und eine Zigarette danach. Der Mann ist ein depressiver Literaturdozent, der sich in der Debatte um Geschlechteridentitäten angreifbar gemacht hat und nun an seinem schlechten Leumund leidet. Beide fahren nach Dorotheenfelde in die Uckermark, zum Domizil der einstmals besten Freundin von Rahels Mutter, und kümmern sich dort um Haus und Hof, insbesondere um die Tiere (Storch, Katze, Hühner, und Pferd).

„Der Brand“ steht im engen Verhältnis zu Juli Zehs Buch „Über Menschen“ und Helga Schuberts „Vom Aufstehen“, Judith Herrmanns „Daheim“, und „Monschau“ von Steffen Kopetzki. Allesamt betrachten das Ländliche aus der Sicht des Städters. Allesamt stellen viel in Frage, am meisten sich selbst und die eigenen Lebensentscheidungen. Allesamt beschreiben müde Menschen, Menschen, die die Orientierung verloren haben und nach irgendwelchen Wurzeln suchen, nach einem Zuhause, nach Erdung. In „Der Brand“ ist Sex die Erdung. In „Daheim“ ist es die Kunst, in „Monschau“ die Liebe, in „Über Menschen“ die Toleranz, das Gemeinschaftlich-Solidarische, in „Vom Aufstehen“ die Treue und Wahrheit, der Glauben an Gott.

In dieser Hinsicht liefert Daniela Krien einen eigenen Beitrag in dieser Serie von Corona-Romanen. „Der Brand“ handelt aber weniger von Corona als von einer altgewordenen Ehe, von Untreue, von verlorener Lebenslust, und vom Essen.

„Rahel gibt Öl und Essig, Senf, Honig, Zitrone, Pfeffer und Salz in eine kleine Schüssel. Mit einem kleinen Rührbesen schlägt sie die Zutaten, bis sie sämig sind, und kostet dann mit dem Zeigefinger. Sie ist zufrieden. Es sind die Gegensätze, die das Essen schmackhaft machen – süß und salzig, süß und scharf, süß und sauer. Sie wirft einen Blick auf Peter und fragt sich, warum er nicht sieht, dass ihre Andersartigkeit den Reiz zwischen ihnen ausmacht.“

Die phallische Kastration von Peter durch den Geschlechterdiskurs hat Spuren hinterlassen. Die Suche nach einer Vaterfigur hat Sehnsüchte bei Rahel erzeugt. Die Tochter verliebt sich in einen Akustikingenieur und will ihren Bankkaufmann-Ehemann verlassen, und der Sohn fragt sich als Soldat, ob die Nation noch hinter ihm steht, derweil man mit toten Fischen, Fröschen und Mäusen den Storch füttert.

Ich wurde nicht recht schlau aus dem Roman. Er blieb stets an der Oberfläche. Er sagte, was man so sagt, was hier und da Menschen beim Wein sagen, wenn sie sich treffen. Alles plätschert dahin. Es plaudert. Es trauert. Es beginnt irgendwie und hört auch irgendwie auf. Es ist der Roman eines einzigen Aufgebens, einer Oberflächenstarre, und am Ende bleiben alle Fragen offen und die Lesenden seltsam betroffen.

„Ein Verkäufer berät sie zu trockenheitsresistenten Pflanzen, und Rahel entscheidet sich für das Großblumige Mädchenauge und eine rosa blühende Fetthenne.“

Ich weiß wirklich nicht, warum man dieses Buch lesen oder warum man dieses Buch nicht lesen sollte. Es bleibt so weit von allem entfernt, dass ich nicht einmal weiß, ob es okay, gut, oder schlecht gewesen ist. Es hat sich einfach allem entzogen, über alles geredet und nichts irgendwo hinzufügt. Ich rate zu Helga Schuberts „Vom Aufstehen“ oder Friederike Mayröcker „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“.


Martin Heidegger: „Der Satz vom Grund“

Der Satz vom Grund

Angst vor dem Alleinsein – Romantismus und historiographische Megalomanie.

Zuerst Bemerkungen zur Ausgabe. Das Buch hat einen angenehmen Drucksatz. Die Seiten lassen sich gut anfassen. Die Färbung des Papiers erfreut die Augen, und der Umschlag besitzt eine gute Raffung und Reibung, so dass das Buch sich gut halten lässt. Nun zum Inhalt, in der Annahme, man habe nicht genau gewusst, was man erhält, wenn man Heidegger kauft und liest.

Martin Heideggers Buch „Der Satz vom Grund“ enthält eine im Wintersemester 1955/56 in Freiburg gehaltene Vorlesung nebst eines in Bremen und Wien gehaltenen Vortrages. Es empfiehlt sich beinahe zuerst die Rede zu lesen, um den politischen, kulturellen, ja emotionalen Hintergrund Heideggers zu verstehen. Es geht um den Widerstand gegen das „Atomzeitalter“ gegen das „Rechnen“ statt des „Besinnen“, gegen das „Warum“ statt des „Weil“.

In den dreizehn Vorlesungen werden dieselben Argumente nur weitläufiger herausgearbeitet, und zwar rein formell, d.h. hermeneutisch. Mittels der Etymologie werden Begriffe verknüpft, zwischen griechischen, römisch-lateinischen, deutschen, althochdeutschen, frühneuhochdeutschen und neuzeitlichen Wörtern aus philosophischen Texten. Es beginnt mit dem Grund, den Heidegger mit Gottfried Wilhelm Leibniz‘ Begriff der „ratio“ verknüpft und Immanuel Kants „transzendentaler Methode“. Über das „Nichts ist ohne Grund“ von Leibniz in der Formulierung des „principium reddendae rationis“, also „den Grund zurückgeben“ schlägt Heidegger den Bogen zur „ratio“, also dem Begriff von „Rechnung“ und „Rechenschaft“ bei Marcus Tullius Cicero, um dann über eine sehr weitgeholte Assonanz zum griechischen „logos“ eines Aristoteles, und letztlich Heraklits „cosmos“ und „arche“-Begriff zu gelangen. Mit anderen Worten, die Autorität des Geschriebenen wird herangezogen, um eine tiefere Verwandtschaft zwischen Sprechen und Sein aufzuzeigen:

„Sagen heißt, griechisch gedacht: Zum Vorschein bringen, etwas erscheinen lassen in seinem Aussehen zeigen in dem, wie es uns anblickt, weshalb das Sagen uns darüber ins Bild setzt.“

Laut Heidegger gibt es aber verschiedenes Sagen, das mythische, besinnliche, das Lyrische und Dichterische, sowie das verknüpfende, zurechnende, Zusammenhänge stiftende, Rechnende. Man könnte es als horizontale wie vertikale Versprachlichung bezeichnen. Heideggers Impetus speist sich aus dem Wunsch, dem Vertikalen Sprechen und Sagen wieder Gehör zu verschaffen.

„Jede Begründung und schon jeder Anschein von Begründbarkeit müsste das Sein zu etwas Seiendem herabsetzen. Sein bleibt als Sein grund-los. Vom Sein bleibt der Grund, nämlich als ein es erst begründender Grund, weg und ab. Sein: der Ab-grund.“

Was diese Vorlesung also umschreibt, ist ein Hören, ein Flüstern, das durch die Weltzeitalter geht, ein Großes Spiel ohne Warum, ein Spiel, das Höchste und Tiefste. So weit, so gut. Ein Großteil des Textes erschöpft sich aus einem Spiel mit Worten, aus einem Permutieren mit Begriffen und Querbeetlesen von philosophischen Schriften. Das kann inspirierend sein. Problematisch wird es an einzelnen Stellen, sobald von Epochen, Geschichte, Seinsgeschichte und Weltalter gesprochen, ja, gefaselt wird. Das völlig beliebige Spiel nämlich ereignet sich „seinsgeschichtlich“ angesichts eines Höheren.

„Das Transzendentale ist keineswegs ein vom menschlichen Denken erfundenes Verfahren. Wie das Transzendentale der Methode zurückwinkt bis in die „physis“ der Griechen, so weist es vorwärts in die neueste Epoche des Seinsgeschickes.“

Einen Stern gibt es von meiner Seite aus für den Sophismus, dass die Sprache uns spricht, das Sein sich durch uns materialisiert, wie die Marionetten eines Spieles des Kosmos sind – der letzte reflektorische Akt fehlt, nämlich die eigene historische Perspektive des limitiert-empfindenden, sich die Welt vor Augen führenden einzelnen, alleinigen Menschen, der im Chaos der Dinge laut pfeift, um keine Angst zu bekommen. Heideggers Text gibt beredtes Zeugnis von dieser, indem er sie nicht einmal mehr zu Wort kommen lässt. Wer Heidegger mag, mag vielleicht noch mehr Niklas Luhmann, Heidegger ohne Romantismus und historiographischer Megalomanie.


Heinz Strunk: “Es war immer so schön mit dir”

Geschrieben mit Ekel, Wut, Abscheu und Verdruss im Bauch.

Ausführlicher, vielleicht begründeter: https://kommunikativeslesen.com/2021…

„Es ist immer so schön mit dir“ von Heinz Strunk ist ein typischer Liebesroman. Es geht um einen vierzigjährigen Tontechniker, der tief in der Midlife Krise steckt, zermürbt vom ausgebliebenen Erfolg, ernüchtert von der eigenen Unsportlichkeit, tief getroffen von der ausbleibenden Anerkennung seiner Mitwelt flüchtet sich der Protagonist in Sexgelüsten, in eine junge Freundin, trennt sich von seiner Lebensgefährtin und hofft noch mal auf das ganz, ganz große Glück.

„Ein aufrecht stehender Sack voller Eingeweide. Qualliges, lilienweißes Fleisch. Was ist lappiger, die Haut oder das Fleisch? Aber das Beste kommt wie immer zum Schluss: der SACK. Ob sich so ein trauriger Sack noch liften ließe? Doppelte Hodenstraffung mit Schwanzbegradigung und Schwellkörpererweiterung. Was er da sieht, hat nun gar keinen Marktwert mehr. Kann er sich gleich morgen mit den anderen Ausgeleierten und Verwelkten zusammentun.
«Geil, geiler Typ, echt geiler Typ», murmelt er vor sich hin.
«Einfach nur noch geil.»“

Was wie eine Satire klingt, ist auch eine. Leider besitzt der Roman von Strunk keine Leichtigkeit, keine Liebe zu den handelnden, sprechenden, beschriebenen Figuren. Aus jeder Zeile sprießt und prangt Ekel und Abscheu vor sich und der Welt. Der Protagonist stolpert, lügt, betrügt, gleitet von einer Ungereimtheit in die andere. In kurzen, abgehackten Sätzen werden triste Phantasien, platte Urteile, und klischierte Weltweisheiten kundgegeben, die als solche beschrieben, nichtsdestotrotz sätzelang wiedergegeben werden. Der Roman ist nicht langweilig. Er ist nur traurig, ja, er beschreibt ein zerstörtes Leben, aber ohne dass die Beschreibung der Zerstörung, den faden, missmutigen, leeren, lebensfeindlichen Gedanken und Träumen etwas hinzufügen könnte. Nüchtern, karg werden die leeren Tage des Protagonisten abgehandelt, unempathisch, gefühllos, aalglatt und kalt Urteile von sich geben, alles in Grund und Boden geschimpft, ohne Witz, ohne Freundlichkeit und auch ohne Wortgewandtheit. Es ist beinahe, als würde man Fußballfans nach einem verlorengegangenen Fußballspiel zuhören, nur geht es ums Leben, das große Ganze und nicht nur um das Nationalteam.

„Was mag er fühlen, wenn er ihren dünnen Leib begeifert und begrapscht, wenn er ihr Gesicht abschlabbert wie Wild einen Salzleckstein.“

„Es ist immer so schön mit dir“ erinnert in seinem Ekel und Verdruss der „Blechtrommel“ von Günther Grass, nur ohne geschichtsumgreifende Perspektive. Wer eine Sammlung der hässlichen Wörter der deutschen Sprache sucht, kommt voll auf seine Kosten. Humor gibt es nicht. Weder Ironie, Satire, noch Witz. Im Grunde ist alles einfach nur Mist.

Hinzukommt, dass der Roman eine Verschlimmbesserung des Romans „Stiller“ von Max Frisch ist, diesen einfach mit Kraftausdrücken schlecht kopiert. Dort heißt die Ehefrau Julika, nicht Julia, der Ehemann ist auch Künstler, Bildhauer und kein Musiker, und eine Ehekrise, um eine kränkliche, anämische Lebenspartnerin steht ebenfalls im Zentrum des Geschehens. Ganz anders aber als Strunks Roman besitzt Frischs „Stiller“ einen intellektuellen Tiefgang, Verzweiflung der positiven Art, einen Wunsch nach Freiheit, Bejahung des Lebens, einen sprachlichen Schwung, den man in Strunks Roman vergeblich suchen wird. Die Depression steht allen ins Gesicht geschrieben. Selbst das Hetzen, das Aburteilen, das Verachten besitzt keine Enerviertheit wie Thomas Bernhard sie in „Die Auslöschung“ vorexerziert, um nur ein Beispiel zu nennen. Noch besitzt der Roman die depressive, masochistische Verausgabung einer Elfriede Jelinek in „Die Klavierspielerin“. Ganz zu schweigen, dass irgendwo die tiefe Melancholie von „Malina“ einer Ingeborg Bachmann erreicht werden würde.

„Ein widerwärtiger, faulig-süßlicher Gestank breitet sich aus. Nicht nur der Geruch selbst ist ekelerregend, sondern auch die Assoziationen, die er auslöst: in Zersetzung begriffene Frikadellen, vergorener Kartoffelsalat, halb verdaute Würstchen.“

Der Fäkalhumor ist pubertär, das Frauenbild unterirdisch, die Metaphern schlecht und sinnlos und lieblos zusammengezimmert. Es bleibt nicht viel übrig von „Es ist immer so schön mit dir“ – denn von Schönheit, Anmut, Emotion und Liebe, von Romantik, Hoffnung, Schmerz und Passion keine Spur. Der Roman ähnelt einem Snack am Imbiss zwischen frustrierten Bauarbeitern, die beim Flachmann über ihre Lebenspartnerin herziehen und ihren Chef zum Teufel wünschen, während sie flatulieren, rülpsen und aggressiv eine weitere Runde Bier bestellen. Jeder „Werner“-Comic und Film hat mehr zu bieten, nämlich Witz und Lebensmut. Wer jedoch gerne recht behält, dass alles zum Schlechtesten steht, alle irgendwie scheitern oder Glück gehabt haben, also seinem Selbstmitleid altmännlichen Ekel beimischen möchte, der wird mit Heinz Strunks Roman viel Freude haben. Ich hatte definitiv keine.


Johanna Adorján: “Ciao”

Selbstironie und Verblendung im Zeitalter des Internets. Leichte, aktuelle Kost, fröhlich serviert.

Ausführlicher, vielleicht begründeter: https://kommunikativeslesen.com/2021…

Der Roman „Ciao“ von Johanna Adorján wandelt auf Messers Schneide zwischen Kulturkritik, politischen Aktivismus, zwischen Journalismus und Literatur, zwischen virtueller und manifester Realität, und dabei scheint er mir nur eines sein zu wollen: Unterhaltung, eine gute Zeit, ein fröhliches Geplänkel, eine vergnügliche Lektüre bieten zu möchten, und dies gelingt ihm meines Erachtens ganz formidabel.

Es geht um Henriette und Hans Benedek. Sie, eine ehemalige Dichterin, er, ein Kulturkritiker in der Berliner Zeitung „Die Zeitung“, und es geht um Xandia Lochner, eine Social-Media-Aktivistin und um die Macht der sozialen Medien. Xandia mag die Gedichte von Henriette und bittet deshalb um ein Treffen. Das Treffen verläuft schräg, und sowohl Henriette wie Xandia verlieren das Interesse aneinander. Hans dagegen wittert eine Chance, hier beginnt der zweite Teil des Romans, sein Image aufzupolieren, und plant eine Porträtserie rund um die Internetprominente „Xandia“. Ab diesem Moment jedoch geht wirklich alles für ihn schief.

Statt jedoch die ProtagonistInnen auflaufen zu lassen, diese oder jene Seite zu diffamieren, gelingt dem Roman von Adorján das Kunststück mit Schwung, Selbsthumor, mit Augenzwinkern über ernste Themen zu räsonieren, ohne plakativ, zynisch, politisch zu werden. In erster Linie handelt es sich um eine Charakterstudie, um das Stolpern, Irren und Wirren zwischen allen Stühlen, um das Bemühen, Blamieren, Akzeptieren des Veraltetseins, um Orientierungsversuche eines Planlosen ohne Aggressivität oder kommunikative Gewalt.

„Er [Hans] hoffte, dass es noch nicht schmierig rüberkam, wenn er darauf vorschlug, sich zu duzen. Nie fühlte er sich älter als in den Momenten, in denen eine Anfang Zwanzigjährige im Redaktionsflur zu ihm sagte: »Können Sie mir mit dem Drucker helfen, Herr Benedek, da ist irgendwie Papierstau.«“

Im Gegensatz zu Henriette kann Hans sein Älterwerden nicht akzeptieren und seine Traumata auch nicht überwinden. Statt diese Schwächen jedoch gegen ihn auszuspielen, was ein Leichtes gewesen wäre, entscheidet sich Adorján für Humor, und was herauskommt, ist ein wunderbarer Slapstick durch den Alltag eines Kulturredakteurs im Zeitalter von Twitter. An manchen Stellen ähnelt „Ciao“ sehr an Douglas Adams, an dessen feinen Humor, an die langsame, freundliche Art, auf die Welt zu blicken, beispielsweise in dem Buch „Die letzten ihrer Art“. In diesem Sinne mag „Ciao“ beinahe eine zoologische Studie ohne Ranküne, ohne Auftrag, oder Agenda sein. Mehr eine sehr geduldig beobachtete Beschreibung von Selbstverleugnung, Ignoranz, und Flucht auf allen Seiten des Kulturgeschehens.

„Der Weg auf den Heiligenberg stieg steil an, er [Hans] war völlig aus der Puste. Unbegreiflich, dass ihm als Kind nie aufgefallen war, wie dörflich es hier war, dachte er, eigentlich wie in den Bergen. An den Hängen wuchs Wein, auf dem Gehweg trat man alle paar Meter in matschige Pflaumen, er war an mehreren Gärten vorbeigekommen, in denen Hühner gehalten wurden.“

Wer fröhliche Literatur mag, eine sehr nette Urlaubslektüre, wer sich gerne zum Schmunzeln und Lachen hinreißen lässt, sich und alle ein wenig weniger ernstnehmen möchte, dem sei dieser wunderbare Roman ans Herz gelegt. Ich habe selten so oft und so gerne herzlich gelacht, ohne die Empathie und die Freundlichkeit für die herumstolpernden ProtagonistInnen zu verlieren. Die heitere Gelassenheit von Johanna Adorján erinnert an britischen Humor und Höflichkeit, vergleichbar mit „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ von Laurence Sterne und „Echos Kammern“ von Iris Hanika.


Quentin Tarantino: “Es war einmal in Hollywood”

Und das ewig Langweilige zieht sich und uns dahin …

Ausführlicher, vielleicht begründeter: https://kommunikativeslesen.com/2021…

Die Frage lautet: Wieviel bleibt von dem Roman „Es war einmal in Hollywood“ übrig, wenn man die Wörter „lange Beine“, „Minirock“, „verdammt“, „Steve McQueen“, „Hippie“, und alle möglichen Varianten und Beschimpfungen weiblicher Geschlechtsteile und sexueller Ausrichtungen abzieht? Von der Ein-Sterne-Bewertung kann man schon sehen, nicht viel. Der Inhalt ist fürchterlich schnell umrissen. Es handelt sich um Hollywood in den Sechzigern und Siebzigern. Es handelt von Western. Es handelt von einem abgehalfterten Serien-Schauspieler und seinem Stuntdouble. Es handelt von männlichen Sprücheklopfern, gaffenden Blicken, Pantoffelheldgehabe und die Wünsche, ganz groß rauszukommen.

Aber inwiefern handelt es sich um einen Roman? Einen Plot gibt es nicht. Der Protagonist, Rick Dalton, versucht, sich selbst neu zu erfinden und entschließt sich, Italo-Western zu drehen, und sich ein Beispiel an seinem Nachbarn, Roman Polanski, zu nehmen, indem er mit vorpubertären Mädchen flirtet. Charles Bukowski und Michel Houellebecq in ihrer transgressiven und regressiven Fiktionalität und Geschmacklosigkeit nacheifernd, gibt es Szenen in Quentin Tarantinos Roman, die gefährlich nahe an der Schmerzgrenze des Erträglichen/Zuträglichen gehen.

Tarantinos Roman ist quälend und gähnend langweilig. Der eigentliche Plot ist das Nähkästchenplauderei eines ehemaligen Videothekars, der vorgibt, sich vorzüglich im Who-is-Who der Hollywoodfilmwelt auszukennen. Exemplarisch für die vielen Pseudo-Informationen, die so uninteressant sind, dass niemand sie im Ernst nachprüfen wird, hier ein Ausschnitt:

„Wendkos war dabei, einen Film für eine kleine britische Produktionsfirma mit Namen Oakmont Productions vorzubereiten, die einen internationalen Vertriebsvertrag mit MGM hatte. Oakmont war auf im Zweiten Weltkrieg angesiedelte Action-Abenteuer mit überschaubarem Budget spezialisiert, die (größtenteils) in den Londoner Pinewood Studios gedreht und mit Engländern besetzt wurden, abgesehen vom Hauptdarsteller, der meist aus dem Fernseh bekannter amerikanischer Schauspieler war. Beispiele dafür waren Boris Sagals »Alarmstart für Geschwader Braddock« mit Christopher (»Rat Patrol«) George, »Moskito-Bomber« greifen an mit David (»Solo für O. N.C. E.L. «) McCallum, Billy Grahams »Tauchfahrt in die Hölle« mit einem James Caan zwischen »Der Pate« und »El Dorado«, Walter Graumans »The Last Escape« mit Stuart (»Der Marshall von Cimarron«) Whitman und Wendkos’ »Sturm auf die eiserne Küste« mit Lloyd (»Abenteuer unter Wasser«) Bridges.

Seitenlang geht es um Verbindungen, Netzwerke, Besetzungslisten, Regisseure, ihre Vorlieben, ihre Erfolge und Misserfolge. Stellenweise überkommt einen das Gefühl, jemand hätte ein Filmlexikon durcheinandergewürfelt und hier und da den Namen Rick Dalton eingefügt, um einen Plot zu imitieren. Sprachlich handelt es sich um unterstes Niveau. Permanent werden ein und dieselben Dinge paraphrasiert. Mehrere Anekdoten werden vom Erzähler, von den Protagonisten, und dann nochmals von den beschriebenen Filmszenen selbst wiedergegeben. Beispielsweise wie Rick Dalton die Hauptrolle Steve McQueens in dem Film »Gesprengte Ketten« beinahe bekommen hätte. Witz stellt sich nicht ein.

Pseudokritik am oberflächlichen Umgang und Gehabe in Hollywood darein zu lesen, mag wer will. Es ist schlicht und ergreifend Einfallslosigkeit, und zwar über das Erträgliche hinaus. Man kann getrost den Autor wieder für sich sprechen lassen, als Fazit sozusagen:

[… an dieser Stelle habe ich nun schon mehrere Varianten, mit Stern, ohne Stern, mit Auslassungen, Tarantinos Sprache selbst zu Wort kommen lassen, wie er über Charles Manson, über Sex, über Einvernehmlichkeit, Gewalt gegen Frauen, und Männlichkeit denkt und schreibt. Jedes Zitat führte zu einer Löschung dieser Rezension … ich überlasse es, den interessierten Leser und Leserinnen, sich ein Bild von dem zu machen, was in dem Buch so vor sich geht. Im Folgenden eine weitere Illustration über die Wortmächtigkeit des Autoren und die Langweiligkeit des Textes …]

„Im Autoradio hört Cliff die Stimme von Robert W. Morgan (genannt der »Boss Tripper«), dem Frühschicht-Discjockey des Mittelwellensenders 93 KHJ, der seiner Zuhörerschaft aus Frühaufstehern zuruft: »Good Morgan, Boss Angeles!« In den Sechzigern und frühen Siebzigern pulsierte ganz Los Angeles zum Beat von 93 KHJ. Es war als Boss Radio bekannt, und es war bekannt dafür, die Boss-Sounds der Boss-Jocks von Boss Angeles zu spielen.“

Wer jetzt noch Lust hat, diesen Roman zu lesen, der wird nicht enttäuscht werden. Wer nun doch lieber Abstand davon nehmen möchte, der findet mit Henry Miller „Im Wendekreis des Krebses“ und Jean Genet „Tagebuch eines Diebes“ oder mit Louis-Ferdinand Célines „Reise ans Ende der Nacht“, oder James Baldwins „Giovannis Zimmer“ mehr als äquivalenten Ersatz. Er findet Literatur. „Es war einmal in Hollywood“ ist es beim besten Willen nicht.


Simon Beckett: “Die Verlorenen”

Vorhersehbarer Ramsch, nicht mal auf Hochglanz poliert.

Ausführlicher, vielleicht begründeter: https://kommunikativeslesen.com/2021…

Wer zu einem Thriller greift, erwartet keine literarischen Höheflüge. Poetische Sprachkunstwerke betiteln sich nicht selbst als Thriller, wiewohl ein William Faulkner und Georges Simenon Gegenbeispiele, vielleicht aber Ausnahmen darstellen. Simon Becketts „Die Verlorenen“ jedoch ist ungenießbar, und meines Erachtens nicht einmal ein „Thriller“. Von der ersten bis zur letzten Zeile lässt sich durch halbwegs aufmerksames Lesen beinah alles vorhersagen. Wenn vier Mal „eine rote Pudelmütze“ auf zwei Seiten gesagt wird, liegt ganz sicher die „rote Pudelmütze“ irgendwann im Schlamm und ein Kind ist tot.

Noch schlimmer als dieser Nichtstil, den Alexa von Amazon perfekt simulieren könnte, ist das hanebüchene Konstrukt von Plot. Wahrscheinlich gibt es die goldene Himbeere auch für Romane/Thriller. Gibt es diese, hat Simon Beckett die Himbeere aus Platin verdient, eine Platintrophäe für eine Lose-Fakt-Sammlung von Klischees und Trivialitäten, die zusammengewürfelt und -geklebt und auf den Buchmarkt geworfen wurde. Der ganze Plot von „Die Verlorenen“ lässt sich mit einer x-beliebigen männlichen Vorstadtfigur erzählen, denn keine Wendung hat etwas damit zu tun, dass der Protagonist Jonah ein Polizist, eine Ex-Ehemann, ein Vater ist, oder dass die Geschichte in London spielt. Ja, selbst der Plot ist beliebig, denn das, was erzählt wird, hätte man mit einer Bestechung, mit einer Korruptionsaffäre, mit einem Drogenhandel oder einem Ehezwist oder Eifersuchtsdrama motivieren können.

„Unter einem großen Buntglasfenster blieb er [Jonah] stehen. Eine verschrammte, durchsichtige Abdeckung schützte es vor den Randalen weniger frommer Gemeindemitglieder, und ohne dass die Sonne ihnen Leben einhauchte, wirkten die Farben stumpf und matt. Heilige und Engel mit feisten Gesichtern starrten dumpf in eine Welt hinaus, die ihnen fremd war. Ein Zustand, den Jonah kannte.“

Und Simon Beckett auch, wie man hinzufügen möchte. Die Beschreibungen, die Beckett meisterlich aus dem Ärmel zaubert, treiben nie die Handlung voran. Es ist beinahe eine Kunst, einen Text zu schreiben, in welchem jedes Detail austauschbar, jede Figur unwirklich, und jeder Handlungsfortschritt vorhersehbar und doch beliebig bleibt. Wiederholungen und Dopplungen sind an der Tagesordnung. Dem Autor fällt einfach nicht viel zu seinen Figuren ein, die weder fühlen, noch nachtragen, noch irgendetwas anderes symbolisieren als Schachfiguren in einer Welt des Schwarzweiß zu sein, in der alles irgendwie mit allem ständig in Verbindung steht und Glaubwürdigkeit keine Chance mehr hat. Ein hervorragendes Beispiel gibt die Beschreibung der Journalistin Corinne Daly.

„Für Beerdigungen war dieses Kleid ein bisschen zu schick, aber sie hatte geahnt, dass Jonah Colley dort auftauchen würde, und das Kleine Schwarze brachte ihre Beine wirklich verdammt gut zur Geltung.“

Nur eine Seite später steht:

„Sie nahm den Aufzug in die Tiefgarage. Normalerweise ging sie zu Fuß, aber die verdammten Pumps brachten sie um. Zwar brachten sie ihre Beine toll zur Geltung, aber der Preis dafür war hoch.“

Um dann ein paar Seiten später wie folgt beschrieben zu werden:

„Er [Jonah] ließ ihr den Vortritt. Sie ging ins Wohnzimmer, legte die Handtasche auf den Couchtisch, setzte sich aufs Sofa und ließ sich mit einem Seufzer gegen die Lehne sinken. So blieb sie sitzen, die langen Beine vor sich ausgestreckt, den Kopf nach hinten gelehnt. Jonah wurde sich plötzlich bewusst, wie attraktiv sie war.“

Ein furchtbar zu lesendes, kaum zu ertragendes, dahingezimmertes, lieblos geschriebenes Machwerk. Wer Fremdschämen, sexistische Klischees, Einfallslosigkeit, stumpfsinnige Dialoge und die Sprache von Google-Translator erleben möchte, der Instantnachrichten zum Thriller verklärt, greife zu. Dies war das erste und letzte Buch, das ich von Simon Beckett gelesen habe. Gegen Simon Beckett ist Sebastian Fitzek Meister seiner Klasse, der wenigstens nur schlecht erfindet, aber so schreiben kann, dass einem nicht die Haare zu Berge stehen.


Claudia Durastanti: “Die Fremde”

Ein Liebesbrief ans Leben von einer Autorin, die mit dem Kopf durch die Wand will.

Ausführlicher, vielleicht begründeter: https://kommunikativeslesen.com/2021…

Claudia Durastanti, Jahrgang 1984, schreibt mit „Die Fremde“ ein Buch, das sich immer wieder zu lesen lohnen wird. Es platzt nur so vor Einfällen, Anekdoten, Wortspielereien. Durastanti vermischt alles und erlaubt sich alles. Man weiß nie trennscharf, was wirklich geschehen, was hinzuerfunden, was völlig aus der Luft gegriffen ist. Sie begreift die Sprache als Akt der Selbstfindung, das Leben als Abenteuer, die Herkunft als aufhebbares Schicksal und die Verbindlichkeit und das Verhängnis zwischen Liebenden und Gleichgesinnten. Sie schreibt über ihre Eltern, beide taub, über ihren Bruder, ihre Familie, Großeltern in Brooklyn, über ihr Leben in der Basilicata, über Süditalien, über London, was es heißt, arm zu sein, verrückte Eltern zu haben, eine drogenabhängige Kusine zu versorgen, einen anderen mit Haut und Haaren zu lieben.

„Nur wenn ich zu den alten Docks [in London] gehe und zwischen den Lagerhallen der einstigen Schifffahrtsunternehmen herumlaufe, erinnere ich mich, wie es passiert ist: Von hier ging die Ansteckung aus. Die Ansteckung ist eine Geschichte aus dem Osten. Hier legten die Schiffe mit Gewürzen und Tieren aus fernen Ländern an, und der Wunsch nach neuen Dingen wurde zu einer magischen Sucht.“

Durastanti spricht, schreibt, fabuliert, wie ihr der tolldreiste Schnabel gewachsen ist, nimmt kein Blatt vor den Mund, spricht über Politik, über Liebe, über die Moderne, die Geschichte, was es heißt, Migrantin zu sein, Journalistin, Kritikerin, Cineastin, Tochter, Geliebte, und Studentin der Anthropologie, einfach zwischen allen Stühlen zu sitzen, genug Geld zu verdienen, und doch trotz sozialen Erfolges und Aufstiegs noch immer wie ein Mensch aus ärmlichen Verhältnissen zu essen. Mit ihr zusammen entdeckt man die Welt neu, sieht neue Details, freut sich über ihren Erfindungsreichtum, darüber, dass sie schreibt und ihr Schreiben teilt. „Die Fremde“ strotzt vor Lebensfreude, Übermut, Größenwahnsinn und Selbstreflektiertheit, die ihres Gleichen sucht und ein Gemisch erzeugt, das einen lustvoll schwindlig werden lässt.

„Ich spaziere durch London, ohne durch eiserne Tore zu gehen, Vulkane oder Einöden voller Dornbüsche zu überwinden, ich gehe über den regenschleimigen Asphalt mit einer Freude und Kühnheit, aus der im Lauf der Zeit Müdigkeit wird, doch ich gehe weiter voran, und wenn ich in der Ferne den Turm erblicke, widerstehe ich ihm nicht mehr. Wie die Risse aus staubigem, violettem Licht bei den selten sichtbaren Sonnenuntergängen über den Häusern, die mich überwältigen, beherrscht mich seine Kraft, sein Licht.“

Alle, die das Intime, Befremdliche, das Changieren der Literatur zwischen Vertrauen, Verstecken, Maskieren und Preisgeben mögen, die autobiographischen Texten den Mangel an rotem Faden verzeihen, die sich gerne einem Treiben zwischen Worten und Metaphern und Allegorien überantworten, sei das Buch wärmstens empfohlen. Es wird keine Story erzählt. Das Buch ist Dichtung, Leben, das Gespräch mit einem Menschen, den man just eben getroffen hat und nun beginnt kennenzulernen. Claudia Durastanti gleicht in diesem Hinblick Henry Miller und Anaïs Nin, aber vor allem André Breton in seinem surrealistischen Text und Liebesroman „Nadja“.

Lediglich das erste Viertel des Buches ist etwas beschwerlich zu lesen – der Rest jedoch bietet wahre Lebensfreude und Literaturlust. Das Buch hält absolut, was das toll gewählte Cover verspricht: Eine Autorin, die mit dem Kopf durch die Wand will.


Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom: “Unzertrennlich: Über den Tod und das Leben”

… nichts für Zartbesaitete. Ein Memento, ein Aufbegehren, eine Rosskur.

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Der Titel des Buches „Über den Tod und das Leben“ weist schon auf das Wesentliche hin. Es geht tatsächlich um das, was zwischen Leben und dem Tod stattfindet, das Sterben. Was jedoch in diesem Text stattfindet, ist etwas Außergewöhnliches, ein Zwiegespräch zweier Liebenden, ein Abschied, ein herzzerreißendes Plädoyer dafür, das Leben nach eigenen Wünschen zu leben und zu beenden.

„Sie [Marilyn] hatte eine ausgezeichnete Woche: kaum Übelkeit, ein wenig Appetit und etwas mehr Energie. Sie verbringt immer noch einen Großteil des Tages damit, dösend oder die große Eiche im Garten bewundernd auf der Couch im Wohnzimmer zu liegen. Und zweimal in dieser Woche war sie bereit, die dreißig Meter zum Briefkasten zu gehen.“

Sie, die nicht mehr kann, nicht mehr will, und er, der nicht loslassen möchte, noch dazu imstande ist. Ein Schwanken, ein innerer, an den Nerven, an der Lebensfreude nagender Zweifel. „Unzertrennlich“ zeigt, dass selbst das glückliche, satte, im Kreis liebender Verwandte und Freunde geführte Leben vor dem harten Aus steht, wie jedes Leben, denn vor dem Tod sind alle gleich: ob als geliebte oder ungeliebte, ob als erfolgreiche, weltbekannte oder unbekannte, stille Menschen.

Was dieses Buch aber eigentlich ist, über die Phrasen hinaus, ist ein Briefwechsel des Vertrauens und Zutrauens, der Versuch, sich auf den letzten Schritten noch gegenseitig Kraft zu geben, wenn es körperlich nicht mehr möglich ist. Der zerfallende, schwächliche, inkontinente Körper lässt die Sprache unberührt. In der Sprache treffen sich beide. In der Sprache bleiben sie die alten, die Historikerin, der Psychoanalytiker, im Gewande ihrer Begriffe, ihrer Pläne und Ausdrucksbemühungen.

Das Buch ist weniger Literatur als Sachbuch, als Briefwechsel, als Autobiographisches. Es ist Literatur dort, wo die Sprache verdeckt, verhüllt, dort, wo diese Zuflucht gibt, aber nicht in einer schnörkeligen, einfallsreichen Sprache. Nein, die Sprache ist einfach, schmerzhaft simpel. Sie bleibt aber Sprache, unberührt vom Tod. Sie bleibt Kommunikation, Gespräch, Selbstgespräch, eine Brücke zwischen Interessierten, Liebenden, zwischen Wollenden und Begehrenden, aus dem Dunkel eines Selbst in das Licht hinaus. Das Buch lebt vom Rhythmus, als Ganzes, nicht in den Passagen, sondern als Pfeifen im dunklen Walde, als Mond in einer sternfinsteren Nacht.

Ich empfehle dieses allen, die sich dem Schmerz, den Tränen öffnen möchten. Weiterhin zu empfehlen: Helga Schubert „Vom Aufstehen“ und „Die Zeremonie des Abschieds“ von Simone de Beauvoir. Bücher ohne happy end, aber mit Kraft und Zuversicht, Elan und sprachlich vermittelter Lebensfreude.

PS. Ich empfehle aber auf das Lesen des Nachwortes von Regina Kammerer erst nach ein paar Stunden. Es wirkt seltsam, ein so langes, m.E. viel, viel zu langes Nachwort von einer Unbeteiligten zu lesen. Es hätte als Vorwort viel besser gewirkt (Spoiler kann es nicht geben) und wäre respektvoller gewesen, dem trauernden Ehemann, dem Paar, das voneinander Abschied genommen hat, das letzte Wort zu überlassen.


Friederike Mayröcker: “da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete”

Zeitloses dem Tode abgerungen. Von erster bis zur letzten Zeile Sprachfreude.

Ausführlicher, vielleicht begründeter: https://kommunikativeslesen.com/2021…

Friederike Mayröcker legt mit „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ ein erstaunliches Zeugnis ab. In einer Art poetisches Tagebuch lässt sie ihr Leben Revue passieren, springt von der Gegenwart in die früheste Vergangenheit und zurück, reflektiert ihre Freude am Dichten, lässt ihre Kindheit, ihre Jugend, das Erwachsenleben zu Wort kommen und streut zärtliche Sehnsüchte und Wünsche ein.

„er habe heute Geburtstag er sei ein Schäfchen
und habe Geburtstag, deine Hand liebkost
meinen Fusz, nämlich wünsche ich mir dasz du
in deine Hand nimmst, weil die
Zehen meines Fuszes schmerzen, ich meine
du nimmst meinen Fusz in deine Hand und
läszt ihn da ruhen“

Das Prosagedicht, die Autorin nennt es „Proem“, handelt vom Sterben. Keine Zeile, die nicht davon Zeugnis ablegt, der Schmerz, die Zeit, die verfliegt, verschwindet, Worte und Gefühle, aber keine Anwesenheit mehr hinterlässt. Unwiederbringlich gehen die Menschenleben verloren. Die Zeit rast. Was Mayröcker unternimmt ist ein grandioser Versuch, die Zeit zu verlangsamen, ihr Einhalt zu gebieten. Hierfür verwendet sie syntaktische Versperrungen. Sie schreibt „ß“ stets als „sz“ und verwendet Abkürzungen wie „kl. Testament“, um den Lesefluss zu stoppen, um das Lesen zu verlangsamen. Man kann schlichtweg nicht querlesen, schnell lesen, oberflächlich zur Kenntnis nehmen. „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ will langsam zu Gemüte genommen werden. Schließlich handelt es sich um die Botschaft eines sterbenden Menschen.

„Weil ich sehr alt bin, bin ich sehr langsam geworden ich sehe eine vergoldete Harfe im Fenster vis-à-vis, schreibe am liebsten Stenographie: spare dadurch viel Zeit, wir bringen dir bald eine Mozarttorte mit brennender Kerze“

Die Setzungen der Absätze, der Rhythmus, die Reime, die Beschreibungen, die Zeiten, alles geht ineinander über. Der Text liest sich wie eine ausgefeilte Fuge, Wiederholungen, in den Wiederholungen aber Erweiterungen, als hätte Mayröcker über die knapp 200 Seiten mehrere Gedichte durcheinandergewürfelt und so wiederum ein neues Gedicht erschaffen. Dieser entschleunigte Impressionismus erzeugt einen inneren Monolog, der ästhetisch so ausgefeilt komponiert ist, dass die Autorin scheinbar selbst zur Sprache kommt. Am Ende hält man ein Buch in der Hand, in welcher ein wirklicher Mensch gesprochen, sich mitgeteilt und fürwahr verewigt, ein Gespräch aus der Zeit gerissen, der Zeit abgetrotzt hat. Ihre Stimme, der Klang, die ineinander übergehenden Bilder und Wortfetzen fügen sich zusammen und ergeben das Gesamtbild einer dynamischen lebenslustigen Person, die nicht sterben wollte, weil sie noch so viel zu erleben und dichten und fühlen hatte.

Ein Meisterwerk der Gegenwartsliteratur. Unbedingt lesenswert für den geduldigen, empathischen, interessierten Leser, der zwischen und mit den Zeilen, über die Zeilen, über Worte hinaus, mit Mayröcker das Leben lesen möchte. Wenige Bücher kommen diesem Text nahe. Am ehesten noch von Fernando Pessoa „Das Buch der Unruhe“ und von Sarah Kirsch „Das simple Leben“, oder von Helga Schubert „Vom Aufstehen“.


Zeruya Shalev: “Schicksal”

Triste, langatmige und oberflächliche Selbstanklagen zweier fremdbestimmter Frauen. Schade …

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Zeruya Shalevs Roman handelt im Wesentlichen von zwei Frauen mit jeweils zwei Familien, einer gegenwärtigen und einer mit einem Ex-Ehemann. Die Geschichte beginnt im britisch besetzten Israel und hört in der Gegenwart auf. Die eine Frau ist über 70, die andere über 50 Jahre alt. Ihre Namen lauten Atara und Rachel.

„Es gibt ja keinen Zusammenhang zwischen dieser Frau und dem, was ihr von ihrem eigenen Leben noch bleibt, und trotzdem steht sie weiter dort in der sengenden Sonne und gibt noch nicht auf. Vielleicht hat sie noch eine letzte Chance, vielleicht muss sie ihm [ihrem Ehemann] folgen, so lange klingeln, bis die Tür geöffnet wird.“

In einer verwickelt-verwobenen Schuld-und-Sühne-Erzählung befreunden diese beiden Frauen sich, geben sich Halt, suchen einen Weg aus dem Schlamassel, aus ideologischen, religiösen, nationalistischen und revolutionären Problemen. Der Roman „Schicksal“ ist jedoch nicht politisch. Er ist äußerst privat und handelt zumeist nur vom inneren Monolog der beiden Frauen, von der Beziehung zu ihren Männern, zu ihren Söhnen und Töchtern, davon, was es heißt, Kinder in einem besetzten Land zu bekommen. In quälend langen Passagen räsonieren sie über die Ehe, die Beziehungen, über das Kindererziehen, über die Möglichkeit, wie alles hätte sein können, wie sie alles hätten besser machen und tun können, wären sie nur in der Lage gewesen, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun, gäbe es nur die Möglichkeit, irgendetwas zwischen Himmel und Erde zu kontrollieren. Ein schöner und in seiner Art in diesem Buch seltener Satz lautet:

„Die Gazelle, ihr Leben, wurde gerissen. Raubtiere haben ihm das Fleisch abgenagt, Geier sich auf seinen Kadaver gestürzt. Die Überreste hat das Feuer verzehrt, und der Wind hat die Asche zerstreut, das ist alles, was übrig geblieben ist, diese schwarze Asche, durch die sie sich tastet.“

Mit großem Bedauern stellt sich nach dem Lesen keinerlei bleibender Eindruck ein. Die Landschaftsbeschreibungen bleiben blass, die psychologischen Analysen platt, die Beziehungen klischiert, und die Probleme oberflächlich und selbstzerstörerisch. Nirgendwo in dem Buch traut sich die Autorin, ihre Figuren von Innen heraus zu beschreiben. Beide Frauen bleiben dezentriert, von außen bestimmt, definiert durch ihre Kinder und Ehemänner, Väter und Mütter, durch ihr Land und ihre Religion, durch Tradition und Erwartungshaltungen ihrer Mitmenschen. Sie fühlen sich wie Spielbälle und bleiben es bis ins letzte Detail. Von Aufbegehren, Widerstand und Selbstbehauptung keine Spur, aber auch nicht von einer wilden, sich zerfleischenden Entblößung und Selbstanklage.

Der Roman bleibt im Fahrwasser des Ungefähren, handelt aber von Tod, Krankheit, Vergewaltigung und Terrorismus. Nicht das Menschliche steht im Vordergrund, sondern das Oberflächenspiel, das Sprechen während einer Familienfeier, der Tratsch und Klatsch, den man ungefährlich zum Besten geben kann. Sehr schade. Ich stand dem Buch sehr positiv gegenüber. Ich habe es am Ende nur noch mit Mühe und mit stets zufallenden Augen lesen können, so staccatohaft und parataktisch rasten die Selbstbeschuldigungen über die Figuren einher, ohne irgendwo Intensität zu erzeugen. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich es bereue, dieses Buch gelesen zu haben. Es liegt im Unentschiedenen, farblos und aussagelos. Ich gebe einen Stern, weil das Buch sehr lang ist und sehr langweilt.

Eine thematisch ähnliche viel kürzere Geschichte, interessant und intensiv, bekommt man mit dem Theaterstück von Jean-Pau Sartre „Die Eingeschlossenen von Altona“ geboten, und die ehrlichere Variante dieses Buches lautet „Kinder der Toten“ und wurde von Elfriede Jelinek geschrieben, ist aber viel länger, aber auch viel lesenswerter.


Leïla Slimani: “Das Land der Anderen”

Karge, unbeteiligte Wiedergabe einer Familie in der Einöde eines von Gewalt zerrissenen Landes

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Leïla Slimani beschreibt mit journalistischer Kälte und unpoetischer Beliebigkeit, die Lebensschicksale vieler Menschen zugleich; Mathilde, die einen marokkanischen Oberst heiratet; Amine, dieser marokkanische Oberst selbst, der Olivenbäume auf unfruchtbarem Boden züchten möchte; Selma, die Schwester Amines, die den Traum von einem freien, sorglosen Lebens als Partygirl frönt und sich aus Angst vor ihrem Bruder mit einen alten, homosexuellen Soldaten verheiraten lässt; eine dement werdende Mutter aus Meknès, einen Gynäkologen, Dragan, aus Ungarn und seine üppige, walkürenhafte Frau Corinne, die sich Kinder wünscht, aber keine bekommt. Die Liste könnte noch lange fortgesetzt werden. Die Fülle jedoch ersetzt nicht das Detail. Die Ereignisse jagen aneinander in kaum zu überbietender Beliebigkeit. Vor allem fehlt Empathie, der Wunsch, tiefer zu blicken, mehr zu verstehen, von Ängsten, Hoffnungen und Wünschen zu erzählen.

„In der Nacht hatte sie [Aicha, Mathildes Tochter] einen Traum gehabt, so lang wie die Schale der Äpfel, die Mathilde mit zusammengepressten Lippen pellte, um eine möglichst lange Girlande aus der Haut der Frucht zu machen.“

Weder erfährt man etwas über Aichas Traum, noch weshalb ein Traum mit einer Obstschale in Verbindung steht. Die Spirale einer Apfelschale als Metapher für einen ungenannten Traum, aber mit klarem Ende? Und klarem Anfang? Die Metapher hängt in der Luft, wie fast alle Episoden in diesem Roman, wie eben die wippende Apfelschalenspirale, die nichts mehr besagt, als dass jemand, hier ihre Mutter, einen Apfel geschält hat.

„Man hatte die glühenden Zementplatten befeuchtet, der Boden dampfte. Im Laub hörte man die Vögel flattern, und Dragan stiegen Tränen in die Augen angesichts der Gleichgültigkeit der Natur gegenüber der menschlichen Dummheit. Sie werden einander umbringen, dachte er, und die Schmetterlinge werden weiter fliegen.“

Das Bild der Schmetterlinge fällt wieder vom Himmel. Weder stehen sie mit der „menschlichen Dummheit“ in Verbindung, noch mit Gleichgültigkeit oder Zement. Die Schmetterlinge eignen eher als fröhliche Gesellen, die Mut und Verspieltheit, Buntheit in die Welt bringen, und eher gleiten, schweben flattern als fliegen.

Sprachlich überdurchschnittlich durchschnittlich und stets bemüht könnte man also beinahe sagen, wäre nicht die gähnende Langweile, die Fülle an Details, die kein Gesamtbild erzeugen. Weder weiß man, wie die Straßen von Meknès aussehen, noch wo dieser Ort liegt, noch wie Tage und Nächte vergehen, wie die Häuser gebaut sind, welche Lieder gesungen, welche Geheimnisse verraten, versiegelt, unter dem klaren Himmel der Wüste heimlich weitergegeben werden. J.M.G. Le Clézio hat mit „Wüste“ ganz anderes zuwege gebracht. Oder ein Orhan Pamuk mit „Istanbul“. Was dem Roman von Slimani fehlt, ist schlicht und ergreifend Herz und die Eindeutigkeit seiner Verortung. Der Roman bleibt unentschieden in jeder Hinsicht, seltsam diplomatisch und äußerst langweilig. Er lebt zwischen den Stühlen wie seine ProtagonistInnen, nur ohne dieser Heimatlosigkeit dadurch irgendeinen Ausdruck verleihen zu können.

Ärgerlich letztlich wird die Beschreibung von Gewalt gegen Frauen, von dieser seltsamen Idee, dass Gewalt erotisch sei, dass Kriegsgemetzel zu Orgasmen führt und dass eine geschlagene Frau, nur weil der Mann sich nicht entschuldigt, Versöhnung in körperlichen Exzessen anstrebt und deshalb einer Erneutverheiratung nach lokalen Gebräuchen zustimmen kann. In welcher Form auch immer diese Abart von „Fifty shades of Grey“ in apercu Format auch gemeint gewesen ist, jeder Anspruch zerbricht hier am Stil, am Inhalt, an Formgebung und Literarizität. Von Glaubwürdigkeit keine Spur.

Am Ende werden Schicksale ausgeschlachtet und vorgeführt, wie es Boulevardblätter tun, die Armut und Angst einer Bevölkerung lächerlich gemacht, die Unabhängigkeitsbestrebungen weder motiviert noch geschichtlich fundiert wiedergegeben, weder von Angst und Schmerz berichtet, noch von Gründen, diese auszuhalten. Ein Besuch am Strand, der hinreißende Momente besitzt, reicht nicht. Dieser Roman, dem ich von Anfang an wohlgesonnen sein wollte, besitzt keine Tiefe, keinen Humor oder sonst einen gearteten Lese- oder Wiederlesewert. Mit Albert Camus „Der erste Mensch“, „Salambo“ von Gustave Flaubert oder „Schande“ von J.M. Coetzee, oder „Ministerium der Träume“ von Hengameh Yaghoobifarah ist man da besser beraten. Leider.


Constantin Schreiber: “Die Kandidatin”

Achtung. Erfundene Fakten erzeugen keine Geschichte. Unbedingt Finger von lassen.

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Wer Trickbetrügern auf den Leim geht, hat das Nachsehen. Wie manche Scalper auf Ebay leere Verpackungen von beliebten Elektrogeräten wie der Playstation 5 verkaufen und ihren Reibach machen, so zieht hier Constantin Schreiber einen grinsend über den Tisch. Und ja, er hat recht. Ich habe das Buch gekauft und gelesen, fassungslos, bis zum Ende, in der irrigen Hoffnung, den letzten Rest an Anstand zu entziffern, zwischen den Zeilen erlesen zu können. Aber nein. Das Buch ist, was es ist. Reinste Abzocke. In Babysprache eines untalentierten Rappers aus dem Wohlstandmilieu der sich mit sich selbst langweilenden und funktionslos gewordenen Bildungsbürger wird ideenloser Sprachsalat zum Besten gegeben:

„Auf einem sehr verwackelten Handyvideo rennt eine Frau in blutgetränkter Bluse mit ihrem Baby im Arm über eine Straßenkreuzung, offenbar beim Versuch, sich in Sicherheit zu bringen. Ein Soldat steht hinter einer Hauswand ein paar Meter weiter. Er springt hervor, holt mit dem Maschinengewehr aus und rammt es der Frau ins Gesicht. Sie fällt auf die nasse Straße, das Baby wird durch die Luft geschleudert und landet hart auf dem Bordstein. Es bleibt regungslos liegen.“

Kaum ein Satz hat mehr als fünf Wörter. Kaum eine interessante Verwendung der Grammatik. Schlagzeile nach Schlagzeile wird einem ins Gesicht gepeitscht, lieblos, sorglos, ohne jedwede Story. Die Story lautet: So viel Unsinn und Phrasen wie nur möglich in einen fünfwortigen Satz zu bringen. Dafür hat man gezahlt. Das bekommt man geboten. Schamlos wird noch die letzte Phrase, das Klischee bemüht, um den letzten Zweifel zu tilgen, dass das Buch ein schlechter Scherz ist, das den Autor den nächsten Trip nach Kuala Lumpur finanziert.

„Teure Kleider, goldene Armreife, auffälliger Lippenstift und ein einflussreicher Posten. Begehrenswert und unabhängig sein. All das sollte helfen, ihre Bilanz auszugleichen, sodass auch die kleine Sabah endlich einmal – zum ersten Mal – lächeln durfte.“

Dieses absonderliche Machwerk, das ein Text, aber kein Roman, das Schrift, aber keine Erzählung ist, beweist, dass nicht alles ein Buch ist, das wie eines aussieht. Hätte ich nicht Geld dafür ausgegeben, wäre ich nur voller Mitleid für die Einfalt und offenkundige Phantasielosigkeit. So bin ich beschämt und fühle mich unangenehm benutzt. Aber vielleicht liegt darin auch eine Art Kunstgriff, den/die Zahlende/n wie ein Bittsteller fühlen zu lassen. Statt einer Erzählung bekommt man ein höhnisches Gelächter zu hören, denn die Kasse hat schon unwiderruflich geklungen. Mitgegangen, mitgehangen. Um den Namen Constantin Schreiber werde ich einen riesengroßen Bogen machen. Mit Literatur hat dies nichts zu tun. Ein ideales Anschauungsmaterial für den hervorragenden Aufsatz von Roland Barthes: „Am Nullpunkt der Literatur“.


Christoph Hein: “Guldenberg”

Ein besorgter Bürger meldet sich blass zu Wort – bieder, fad und traurig.

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Christoph Hein legt mit „Guldenberg“ eines der blassesten und langweiligsten Zeitdokumente vor, die man sich nur vorstellen kann. Der Roman handelt von einem Städtchen, oder Dörfchen namens Guldenberg. In Guldenberg leben minderjährige Migranten, ein verzweifelter Pastor und seine jüdische und neugierige Haushälterin, ein Unternehmer, ein Bürgermeister, ein schwangeres vierzehnjähriges Mädchen, eine bauernschlaue Oma und viele andere, teils ausländerfeindliche, teils opportunistische, rachsüchtige, karriere-orientierte Kleinbürger und Kleinbürgerinnen. Das Buch beschreibt das Unbehagen der Dorfbewohner, das die Anwesenheit der Migranten in ihnen auslöst. Es behandelt Angst, Kleingeistigkeit, Rachsucht und Fremdenfeindlichkeit. Hein beschreibt die Geschehnisse mit erbarmungsloser und ideenloser Faktizität:

„Der neue Besitzer hatte kein Glück mit ihm [dem Kolonialwarenladen]. Sein Umsatz brach heftig ein, als hier der erste Supermarkt aufmachte, und als dann noch ein zweiter dazukam, musste er das Geschäft aufgeben. Er hatte zwar immer die bessere Ware, aber die Supermärkte verkaufen alles viel billiger. Zu ihm kam man nur noch, wenn man etwas vergessen hatte, ein Glas Senf oder eine einzelne Zitrone.“

Viele solcher überflüssigen Stellen reihen sich aneinander. Von Konvektionstrockner wird geredet, von Schweineställen und Mastgänsen, von Gerichten, Bier und Schnaps und „jungfräulichen Skatkarten“, von Bimsstein für Hornhaut, und alles, was sonst noch begeistert, inspiriert und interessiert. Der Roman ist eine sprachliche Einöde. Kein Witz. Keine Überraschung. Nichts. Hein hat offensichtlich jeden inneren Bezug zur Gegenwart verloren, denn was aus diesen Zeilen spricht, ist gähnende Leere, ideenloses Grau in Grau, wie schlecht es doch um das große Ganze steht. Da hilft nur der Pastor, und der betreibt dann auch noch gerne Mansplaining:

„Und selbst wenn das so wäre, könnte ich Ihnen nichts sagen. Dann würde das sub rosa dictum für mich gelten, das unter der Rose Gesagte. Um mich verständlich auszudrücken: Ich wäre an das Beichtgeheimnis gebunden.“

Ich bin sprachlos, fassungslos. Die Lektüre dieses Romans war langweiliger, als das Papiermüll entsorgen. Ich rate jedem von diesem Buch ausnahmslos ab. Wer über Massenwahn, aufsteigenden Faschismus, wer über Wahnsinn und politische Megalomanie lesen möchte, dem rate ich zu Hermann Brochs „Die Verzauberung“, ein wunderbares Buch darüber, wie ein Dorf einem Rädelsführer verfällt; oder eben Eugene Ionescos „Die Nashörner“, in welchem die Intellektuellen zuerst dem Faschismus zujubeln, und nicht zuletzt das Original, nämlich „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch, das wenigstens nicht als Roman verkauft worden ist.

Wer Christoph Hein jedoch nicht in allzu schlechter Erinnerung behalten möchte, der lese „Der Tangospieler“ und wundere sich, wie dies ein und derselbe Schriftsteller gewesen sein konnte.


Iris Hanika: “Echos Kammern”

„Glück ist, wenn man ganz bei sich ist“ … sprachlicher Höhepunkt der Gegenwartsliteratur

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Iris Hanikas Roman handelt von zwei Frauen und zwei Städten, von Sophonisbe und Roxana, und von Berlin und New York. Es geht um Sinn, Enttäuschung, Liebe, Karriere, Beruf und Freunde, vor allem jedoch geht es um den Versuch, seinen Ort in der Welt zu finden, seinen Beobachtungsstandort zu kennzeichnen, ja, eine Sprache zu erwerben, in der die Dinge nicht sofort von jeder Bedeutung entleert sind.

Wie dieser Umriss einer Inhaltsgabe zeigt, eine besondere Geschichte wird nicht erzählt. „Echos Kammern“ ist mehr die Zeit im Bild der Sprache einer Generation, die noch nicht mit Smartphones und dem Internet aufgewachsen ist, eine Generation, die also hilflos unvorbereitet auf die sozialen Medien mit Konsternation und innerer Emigration reagiert, nicht wertend, einfach überrascht, überholt, fragwürdig geworden.

„Einmal in die Welt hinausgerufen, schallt er [der Plan] zurück, verstümmelt zwar, doch die Anmutung seiner Herrlichkeit bleibt, flirrend, schillernd, glitzernd; eine Ahnung davon, wie schön es hätte werden können, nicht nur das, wofür man den Plan gemacht hatte, sondern überhaupt alles – wie schön alles hätte sein können, die ganze Welt, das ganze Leben.“

Meiner Ansicht nach ein sehr lesenswertes Buch für alle. Die verdichtende Erzählhaltung, der Witz, der Schmerz, das Lyrische und Syntagmatische erzeugen eine eigene Einheit, einen modernen Hymnus zwischen Wiederkunft und Vergessen, zwischen Verlorenheit und Selbstbehauptung. Die Protagonistinnen geben Hoffnung. Die Liebe zu Berlin ist ungebrochen, ein Berlin-Roman, der der Utopie und der Geschichte der Stadt gerecht wird, im Sinne von Walter Benjamins „Berliner Kindheit um 1900“ und seinem Begriff vom Flaneur und dem in sich verwobenen Verheißungen des unvollendet gebliebenen Passagenwerks.

Wer dieses Buch mag, mag Clarice Lispectors „Die Sternstunde“ und Ingeborg Bachmanns „Malina“ und auch von Max Frisch „Der Mensch erscheint im Holozän“ oder eben, traditionell, Rainer Maria Rilkes „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, von dem ebenfalls implizit das wundervolle Buch von Hanika handelt. Komparativ ähnelt es zudem sehr Christa Wolf „Stadt der Engel“, nur eben handelt es von Bagels und Starbucks in Manhattan und nicht wie Wolfs Roman von Racoons in Los Angeles.


Sebastian Fitzek: “Der erste letzte Tag”

„Ja, super. Eine Salamipizza und alles ist vergessen.“ – Literarisches Aspirin.

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Das neue Buch von Sebastian Fitzek liest sich schnell, hat Illustrationen, und handelt von einem äußerst selbstkritischen Ich-Erzähler. Dieser Roman als Roadmovie angelegt, passend zur Vorabendunterhaltung, schnell und auf Effekt hin in Szene gesetzt handelt von einem Mann und einer Frau, die unterschiedlicher und gleicher nicht sein könnten. Beide veranstalten kompletten Unsinn, manipulieren sich gegenseitig und zeigen sich ihre Grenzen und Schwächen auf.

„»Okay, was sagt mir das jetzt?« »Dass wir hin und wieder einen Schuss vor den Bug brauchen, um unser System zu resetten. Stell dir vor, wir würden jetzt einen Unfall bauen …«“

Das Buch darf getrost als Remedium verstanden werden, beinahe eine literarische Aspirin-Tablette, ein Anstoß, ein Schmunzeln, ein Schulterklopfen zur richtigen Zeit ohne Überheblichkeit und Besserwissertum. Im Grunde sitzen die Lesenden und der Schreibende alle im selben Boot und der Text vergisst dies mit keinem Wort. Fitzek schreibt nicht von oben herab, verfolgt kein hehres Ziel, erschleicht sich keine Lorbeeren und schmückt sich auch nicht mit fremden Federn. Er plaudert, und so ist dieses Buch tatsächlich eine Art Biergartenbesuch, ein Skatabend mal ohne Pandemie, ohne Restriktionen, bei dem man quatscht und tratscht, wie einem der Schnabel nun einmal gewachsen ist.

Die größte Schwäche von Fitzeks Schreibfleiß ist die Vorhersehbarkeit. Die Pointen treffen im Grunde nicht, wenn man nur ein wenig konzentrierter zwischen den Zeilen liest, aber dies ist ja eine Entscheidung, die jeder für sich selbst trifft. Aber eines stimmt mit Sicherheit: Es muss nicht immer Kaviar sein, Salami-Pizza reicht doch auch.

Wer Bücher der Selbstfindung mag, ohne sich politisch belehren lassen zu wollen, kann noch in Robert Pirsigs: „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ hineinlesen oder Pascal Merciers: „Nachtzug nach Lissabon“, oder „Lea“ nachschieben, oder zu den etwas kitschigen, dennoch lesenswerten Romanen von Irvin D. Yalom greifen, bspw. „Und Nietzsche weinte“ oder „Die rote Couch“.

Ich empfehle keines dieser Bücher jedoch, wenn sprachlich irgendein anderer Anspruch erhoben wird als das herkömmliche Feuilleton zu bieten hat.


Bernardine Evaristo: “Mädchen, Frau etc.”

Eine unpathetische Hymne auf die Vielfalt, oder: die Schnelligkeit des Zeitgeistes ertragen lernen.

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Bernardine Evaristo bietet mit ihrem Roman „Mädchen, Frau etc.“ eine eigenartige und bemerkenswerte Kommunikation an. Ihr Roman handelt von zwölf Frauen, verwoben, fern wie nah, verwandt, über mehrere Ecken befreundet, bekannt mit einer Theatermacherin namens Amma, die über ihren rebellischen Schatten springt und ein Theaterstück namens „Die letzte Amazone von Dahomey“ im National Theatre in London inszeniert. Dieses Theaterstück verbindet all diese Schicksale auf vielfältige Weise, bringt jene zusammen, die sich sonst nie kennenlernen oder über den Weg rennen würden.

In seiner Weite und Breite verliert der Roman sich stilistisch nie. Evaristos Sprache ist parataktisch, eine hymnenartige Reihung, Staccato, ein langer Brief zum kurzen Abschied, ohne Erklärungen, ohne Konstruktionen, ohne die mindeste Form sprachlich-barocker Witzeleien oder Sprachspielen. Er ist trocken, hart, schnell und erbarmungslos. Stroboskopartig werden in Sekundenschnelle ganze Schicksale abgearbeitet.

„kein Mensch erzählte laut davon, in einer Sozialwohnung innerhalb einer Hochhausanlage aufgewachsen zu sein, bei einer alleinerziehenden Mutter, die als Putzfrau arbeitete
kein Mensch erzählte laut davon, nie auch nur eine einzige Urlaubsreise gemacht zu haben, also, wirklich, nicht eine
kein Mensch erzählte laut davon, nie im Flugzeug gesessen, nie ein Theaterstück oder das Meer gesehen, nie im Restaurant gegessen zu haben, so richtig mit Kellnern
kein Mensch erzählte laut davon, sich zu hässlichdummarmfett zu finden oder einfach nur schlicht fehl am Platz, nicht auf der Höhe, überfordert
kein Mensch erzählte laut davon, mit dreizehneinhalb gruppenvergewaltigt worden zu sein“

Die Zeit, Moden, die Ereignisse peitschen über die Individuen hinweg. Ein rastloses Suchen zwischen einem Gestern und einem leeren Morgen findet statt, in einer Gegenwart, die lediglich die Zukunft von der Vergangenheit trennt, ein Nichts in atemloser Abfolge. Als Stilmittel höhlt die Sprache jeden Moment aus, reiht Satz um Satz aneinander, die in beliebiger Reihenfolge auftauchen und vergessen werden können. Erzählung, also jedwede innere Kosubstantialität der Erinnerung, wird vermieden. Konstruktion auf den Punkt gebracht findet Ruhe und Halt nur noch in der Arithmetik.

Evaristo dekonstruiert noch die widerspenstige Hymne, entkleidet die Elegien und Balladen ihrer schwülstigen Banalität und überheblichen Zeitlosigkeit. Sie hat ein expressionistisches Zeitdokument epischen Ausmaßes geschrieben, das cool der Bedeutungslosigkeit in die Augen sieht. Ich empfehle „Das Leben – Gebrauchsanweisung“ von George Perec, das eine ähnliche Idee verfolgt, wie auch Claude Simon „Jardin des Plantes“ und Dorothy Richardson „Die Schatten der Giebel“, wer surrealistische kollagenartige Impressionen wertzuschätzen weiß. Auch Michel Butor „Die Modifikation“ passt.


Judith Hermann: “Daheim”

Friedliche Zeilen in entfremdeter Zeit – unbedingt lesenswert.

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Judith Hermanns Roman handelt von einem Fluchtstück, Neubeginn, von Meer, Dünen und den zarten Zeilen wortkarger Freunde, die einer heimatlosen Frau eine Ahnung von dem geben, was andere ein Zuhause nennen. Während sich die Tochter auf Weltreise befindet und ihre Koordinaten durchgibt, der Ex-Mann auf die Apokalypse wartet und sich in seinem Archiv verkriecht, erschließt sich die Protagonistin neue Welten direkt vor ihrer Tür, scheut nicht den Schmerz, noch die Enttäuschung.

„So weit weg am Rand des Kontinents und da, wo die Dinge sich verschärfen. Ihre Koordinaten entfernen sich, sie tritt in ein Gewässer ein, das ungefähr ist und auf den Landkarten nicht mehr vermerkt. Als wäre die Welt eine Kugel, die aufbricht, sich in ein Universum ergießt.“

Nirgendwo Sensationslust, harsche Worte. Nirgendwo Gewalt, Mord oder Totschlag – Hermanns Sprache überzeugt rhythmisch, lyrisch durch das Auslassen des Schmerzes, in der Andeutung des Tiefen mittels Oberflächenverzerrungen. Sie erinnert stark an Robert Walser, an den Lieblingsautoren Franz Kafkas, der in „Jakob von Gunten“ vom Institut Benjamenta berichtet. Die harmlosen Formulierungen, Beschreibungen umkreisen das Unheimliche, eine Welt, die gefühlt, erlebt wird, eine Reise ins Innere, wie in Kafkas „Schloss“, ohne zu wissen wohin und wozu und warum eigentlich.

„Keine einzige Möwe, auf dem Deich eine Kette von Schafen mit fragwürdigem Ziel.“

Bekanntlich schrieb Walter Benjamin in „Einbahnstraße“: „Glücklich sein heißt, ohne Schrecken seiner selbst innewerden können.“ Dieses Glück bleibt der Protagonistin auf eigenartige Weise versagt, geht sie sich doch irgendwie am Ende wie am Anfang, selbst in die Falle, dennoch drückt sich Zuversicht in den Gedanken der Protagonistinnen aus, dass Widerstandskraft eine Einstellung und kein Schicksal ist.

Mit „Daheim“ ist Judith Hermann ein wunderbarer Gegenwartsroman gelungen. Die karge Sprache deutet an, worüber nicht mehr ohne Scham gesprochen werden kann, aber es ist da, zwischen den Zeilen, sorgsam gewählten Wörter, Abschnitten und rhythmisierten Landschaftsbeschreibungen, Glück – und sei’s nur in der Retrospektive.

Ich empfehle Robert Walsers „Jakob von Gunten“ und „Der Gehülfe“, sowie von Alfred Kubin „Die andere Seite“ oder Hermann Hesses „Demian“, falls Hermanns sentimentale Ornamentlosigkeit gefiel, oder von Ulrich Plenzdorf „Die neuen Leiden des jungen W.“ aber besonders von Anne Michaels „Fluchtstücke“.


Slavoj Žižek: „Ein Linker wagt sich aus der Deckung“

Ein Linker wagt sich aus der Deckung: Für einen neuen Kommunismus (Streitschrift)

Die politischen Betrachtungen eines Unpolitischen – Zizek auf dem Tiefpunkt.

Wer Slavoj Zizek gerne liest, ist mit dem Kauf von „„Sex und das verfehlte Absolute“ oder „Weniger als Nichts“ besser beraten, oder aber mit einer Neulektüre derselben. Seine Unzeitgemäßen Betrachtungen (wie sie auf Englisch in Anlehnung an Friedrich Nietzsche heißen) versammeln nur unsystematisch aufeinander folgende Kommentare zu aktuellen Themen wie Julian Assange, Corona, Donald Trump oder China und so weiter. Sein Hauptanliegen lässt sich darin umreißen, dass er die Welt heute mit der Lage vor dem 1. Weltkrieg vergleicht, also vor einer drohenden Katastrophe, in Gestalt von digitaler Totalüberwachung, Klimakatastrophen und spontanen Konfliktausbrüchen zwischen monetär obsolet gewordenen Nationalstrukturen.

Seine Forderungen beschränken sich auf Eroberung des Informationsflusses im Internet, weltweite Mobilmachung gegen die Klimakatastrophe, uneingeschränkte Solidarität mit Julian Assange und anderen Hackern, sowie um den Erhalt der Europäischen Union und einer Militarisierung derselben. Er bricht eine Lanze für Bernie Sanders, wettert gegen liberale Demokraten und analysiert den Populismus der Alternativen Rechten und Konservativen.

Seine sich überschlagenden Kommentare, Verteufelungen, ineinander verzahnten psychoanalytischen Überlegungen rauschen und umhüllen den Leser/die Leserin im Versuch, den Elefanten im Raum unsichtbar bleiben zu lassen: Zizek spricht für keine Partei, für keine Bewegung. Sein Buch ist und bleibt Teil einer Unterhaltungsindustrie samt seiner selbsterklärten, verzweifelten politischen Ambitionen. Trotz meiner ungeminderten Begeisterung für seine philosophischen Texte, den interessanten Geistesblitzen, Vergleichen und Witzen in anderen Büchern und gelungenen Hegelinterpretationen, sein neues Buch „Ein Linker wagt sich aus der Deckung: Für einen neuen Kommunismus“ ist ein Griff in die sprichwörtliche Toilette. Beispielsweise schreibt er:

„Ich fühle mich jedoch verpflichtet – das ist wohl meine Berufskrankheit als Philosoph -, auch einen kritischen Blick auf die Gegenseite zu werfen.“

Ich will nicht darauf eingehen, dass es hier um den Konflikt zwischen religiösen Fundamentalismus und Multikulturalismus geht, sondern lediglich darauf, dass Zizek sich verpflichtet fühlt. Aber wer oder was nimmt ihn in die Pflicht? Er schreibt selbst und auch in diesem Buch, dass es keinen ‚Anderen des großen Anderen‘, also keine Instanz gibt, die eine Ethik konsolidiert – woher also die Pflicht? Wohl aus einer ins Leere laufenden Solidarität heraus, aber mit wem solidarisiert er sich eigentlich? Weder mit den Arbeitslosen, Ängstlichen in der Corona-Pandemie, noch mit verfolgten, unterdrückten Frauen in arabischen und westlichen Ländern, noch mit MeToo, noch mit der LGBT+, noch mit den polnischen Frauen, die sich ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit erstreiten, noch mit den Schwarzen oder Latinos in den USA, weder mit Black Lives Matter oder Pussy Riot, sondern lediglich:

„All jene, denen eine freie Öffentlichkeit wirklich am Herzen liegt […] Erstens sind Assange, Manning, und Snowden echte öffentliche Helden, die so gefeiert werden sollten wie der dissidente Ai Weiwei […]“

Was haben all diese Personen gemein? Und welche Interessen vertreten sie? Es hilft, sich die Worte einer tatsächlichen Zeitzeugin ins Gedächtnis zu rufen, die die ideologischen Vorbereitungen zum 1. Weltkrieg verfolgt und bekämpft hat, Rosa Luxemburg, die kein einziges Mal auf den fast 300 Seiten genannt wird.
Sie schrieb am 12. Mai 1912:

„Einer der ersten großen Verkünder der sozialistischen Ideale, der Franzose Charles Fourier, hat vor hundert Jahren die denkwürdigen Worte geschrieben: In jeder Gesellschaft ist der Grad der weiblichen Emanzipation (Freiheit) das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation.“

Es ist schade, dass Slavoj Zizek seine eigene Tradition nicht kennt und anscheinend auch nicht bereit ist, trotz permanenter Beteuerung, aus der Geschichte zu lernen.


Steffen Kopetzky: “Monschau”

Altmännerphantasien ohne Schwung und Elan – züchtig und herzlos bis zur letzten Zigarette.

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Eine Zeitreise in die Eifel der frühen 1960er der Bundesrepublik Deutschland. Es geht um Alt-Nazis, Aufarbeitung der Vergangenheit, um das Wirtschaftswunder, um Wernher von Braun, um alte Männer, die zu viel essen, humpeln, Kriegsverbrechen begangen haben, um geläuterte Nazi-Ärzte und NSDAP-Mitglieder, um einen griechischen Einwanderer, der sich in eine Sartre lesende, Beauvoir zitierende Konzern-Erbin verliebt, also um das einfache und doch so schwierige Leben der Schönen und Reichen der bunten Nachkriegszeit, die gerne Jazz hören und mit Pocken und Krankheiten nichts zu tun haben möchten.

Karneval, Astronomie, viele historische Details über Kennedy, über Junghans Produkte, über Unwetter in Hamburg und die Etappen einer Pockenerkrankung täuschen nicht darüber hinweg, dass der allwissende Autor konstruiert, die Geschichte auf dem Reißbrett zusammengezimmert und maßstabsgetreu umgesetzt hat. Eiskalt, gerade herzlos wird die biedere Geschichte der beiden Protagonisten erzählt, Vera und Niko. So vorhersehbar, so geradlinig wie eine Reportage in Spiegelmagazinlänge wird die Sprache durch die Story gepeitscht, dass einem die Lust am Lesen vergeht wie bei diesem Satz:

„Beiden war klar, dass sie sich jetzt umarmen würden. Sie hatten ja vorher schon so schön beieinandergestanden. Da war es noch nicht gegangen. Jetzt musste es sein.“

Wer Altmännerliteratur mag, ohne Poesie, ohne Lebensfreude, wer sich züchtige Unterhaltung à la ‚Mad Men‘ mit einem Aquavit zu Gemüte führen will, also wer auf Emotionen, Lyrik, auf Zwischentöne verzichten möchte, die Welt in Schwarz-Weiß liebt, der sollte zugreifen. Langweilig und professionell geschrieben. Der Roman liest sich wie eine Auftragsarbeit vom WDR, um aus der Distanz aktuelle Probleme sozialkritisch zu beleuchten, ohne auf den kleinen Thrill zu verzichten, dass hinter den hellen Zimmern einer Villa ja rehäugige Frauen auf Rettung durch ihre kretischen Ritter warten.

Eine klischierte Männerphantasie mit gebremstem Schaum. Ich empfehle von Alfred Andersch ‚Winterspelt‘ oder ‚Kirschen der Freiheit‘ stattdessen, oder Wolfgang Hildesheimer ‚Nachtstück‘, und wenn es gar nicht anders geht und der Niedergang eines Unternehmens interessiert, eben das Original nämlich Thomas Manns ‚Buddenbrooks‘, oder doch lieber gleich ‚Alexis Sorbas‘ von Nikos Kazantzakis, um wieder Freude am Lesen zu bekommen. ‚Monschau‘ ist nur ein komponiertes, herzloses Retortenstück.


Judith Butler: „Die Macht der Gewaltlosigkeit“

Die Macht der Gewaltlosigkeit: Über das Ethische im Politischen

Das unaufhaltsame Unbehagen beim Sprechen über Gewalt.

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Judith Butlers Text spürt dem Diskurs über Gewalt nach. In einer fortdauernden Dekonstruktion webt sich ein Netz von textlich eingeholter Zwischenmenschlichkeit, in der die Begriffe Legitimität, Macht, Individualität, Körper ihre scharfen Konturen verlieren.

Der quasi-pazifistische Sprachgebrauch führt zu vielen Fragezeichen, offenen Problemen, Unentschiedenheiten und Ratlosigkeiten und eben einer schleifend-schwebenden Hoffnung, auf diese Art Empathie zwar nicht zu erzwingen, was bekanntlich nicht geht, aber im dauernden Lesefluss als Schattenriss emergieren lassen zu können. Bedeutungen, Setzungen, Abgrenzungen verblassen, blenden ineinander über, fokussieren sich prozessural auf die allseitige Gemeinsamkeit, nicht nur koexistieren zu müssen, sondern auch koexistieren zu können, also alte Vorstellungen zu überschreiten und Aggressionen letztlich auf sich selbst zurückzubiegen und so zu entschärfen.

„[…] we are for one another already faulty substitutions for irreversible pasts, neither one of us ever really getting past the desire to repair what cannot be repaired. And yet here we are, hopefully sharing a decent glass of wine.”

Die verwirrenden Terminologien, die Eskapaden zwischen Triebökonomie, Biopolitik, und Psychoanalyse, Globalisierung und Kapitalismus, dienen als Mimesis einer sprachlich verwirklichten Utopie einer Theorie, die sich keine Feinde macht, weil sie keine Feinde sieht, sehen kann, ohne selbst zum Feind zu werden. Eines nämlich verhindert Butlers Sprachgebrauch von vornherein: spontane Urteilsverkündigung, plakative Frontstellung, und polemischen Populismus. Ihr Schreiben schreibt sich endlos fort, in präzisen, ausufernden, mäandernden Schleifen und unterbindet jede semantische Triebabfuhr. Am Ende steht jedenfalls der Leseeindruck eines friedlichen Unbehagens und leider auch Zweifels, ob Konflikte auf diese Weise gelöst werden können, aber, so fragt Butler selbst und mehrmals im Buch: Will man in einer Welt leben, in der diese Hoffnung, Konflikte im zwanglosen Zwang des besseren Argumentes zu lösen, nicht immer wieder befeuert, bestärkt und in die Waagschale geworfen wird? Butler sagt eindeutig: Sie jedenfalls nicht.


Amanda Gorman: “The Hill We Climb”

Nur der Inaugurationsvortrag und dazu noch in miserablem Deutsch (siehe unten für Beispiel).

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Ganz unabhängig von aller politischen Euphorie oder Dystopie, von einer Parteilichkeit abgesehen. Ich habe mir diesen Text gekauft in der Hoffnung, noch wenigstens ein, zwei Gedichte, eine längere Version, überhaupt irgendetwas Poetisches/Lyrisches zu erhalten. Weit gefehlt. Es handelt sich nur um eine deutsche Übersetzung des frei erhältlichen englischen Vortrages anlässlich Bidens Inauguration. Wie immer man diesen Augenblick für sich beurteilt, es handelt sich mehr um eine Rede, eine Hoffnung, eine Hymne, im Vergleich eben zu Martin Luther King Jr. „I have dream“ … von Literatur/Lyrik/Kunst würde ich nicht reden. Das Politische, Rhetorische drängt sich zu sehr auf.

Zur deutschen Übersetzung lässt sich nichts Gutes sagen. Ich gebe ein Beispiel. Im Englischen heißt es: “We will not be turned around // or interrupted by intimidation, // because we know our inaction and inertia // will be the inheritance of the next generation.”

In der Übersetzung wird daraus: „Wir werden uns von Störmanövern // nicht auf- und nicht abhalten lassen, // denn Trägheit und Untätigkeit // gäben wir als Erbe an die Nachgeborenen weiter.“

Nicht nur die ärgerliche Reminiszenz an Brechts „An die Nachgeborenen“ (im Englischen „To those Born After“), die hier völlig fehl am Platz ist, aus so vielen Gründen, viel gravierender das militärische „Störmanöver“, das im Englischen fehlt und der Sanftheit und Zurückhaltung des Originals gar nicht entspricht. Die Übersetzung ist eine Minutenarbeit. Die Lektüre auch. Ich wiege nicht Kunst mit Geld auf. Wer für eine schlecht übersetzte politische Gospel Geld hinlegen möchte, ist herzlichst dazu eingeladen. Ich war enttäuscht, und ja, ich hätte mir die Produktbeschreibung genauer durchlesen sollen.


Helga Schubert: “Vom Aufstehen”

7 von 5 Sternen! Auf Taubenfüßen brillant – ein wunderschönes poetisches Buch übers Altwerden.

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Helga Schubert schreibt über ihr Leben, über das schwierige Verhältnis mit ihrer Mutter, über die Sorgen, die Politik, übers Leben zwischen den Staaten, die Wende, den Krieg, die Flucht, darüber, wie sie zum ersten Mal durch das Brandenburger Tor ging, wie sie lebt, schreibt, denkt und fühlt, und Finnland das Land der Sehnsucht ihrer hartherzigen Mutter gewesen ist.

Ihre Sprache ist Poesie. Ihre Sätze kurz, knapp, klar und schön. Sie schreibt nahe am Märchen, verzaubert zutiefst, schafft es, Ruhe in die Wörter zu bringen, Hoffnung zu wärmen, sie sanft und freundlich am Leben zu halten. Alles wird gut, sagt sie, serviert den heißen Apfelkuchen mit Schlagsahne, und lächelt. Ihre Geschichten handeln von so viel Schmerz, Enttäuschung, von so viel Missverständnissen, Grausamkeiten, von Irrungen und Wirrungen, denen sie nichts als ihre Wärme, Geduld und Freundlichkeit entgegenhalten kann.

Was Helga Schubert schafft, schaffen wenige, nämlich das Politische zu reaktualisieren, indem es zum Hintergrund des Geschehens wird. Sie positioniert sich gütig, geht aufrecht, erinnert an Ernst und Karola Bloch und vermeidet jedoch jeden barocken Kitsch, jeden gutgemeinten Aufklärungs- und Verurteilungswahn.

„Denn ungehindert dringt das Gemälde, das Menschengesicht, das Gedicht in mich und sagt zu mir: Sieh mich an, höre mir zu, lass dich anrühren, lass dich erinnern an alles, was du schon weißt, was dich erschüttert hat.“

Helga Schubert, Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin 2020, hält das Versprechen am Leben, das LiteratInnen verbinden, Brücken schlagen, Worte finden und schmieden, um besser leben, sprechen, handeln zu können. Eine deutschsprachige Agustina Bessa-Luis mit ihrer „Sibylle“, die „Glasglocke“ von Sylvia Plath nur ohne Verzweiflung, „Stadt der Engel“ und „Kassandra“ von Christa Wolf nur in Mecklenburg-Vorpommern.

Ich habe seit sehr Langem nichts Besseres gelesen. 7 von 5 möglichen Sternen voller Dankbarkeit.


Slavoj Žižek: „Hegel im verdrahteten Gehirn“

Hegel im verdrahteten Gehirn

Lieber „Weniger als Nichts“ sagen als falsch zu liegen. Leider ein feiges Buch von Zizek.

Slavoj Zizek legt einen Text vor, der nur scheitern kann. In einer wahrlich ungeheuerlichen Geste versucht Zizek sich an der Rolle eines Nostradamus der kommenden total digitalisierten Welt. Hier hilft es nicht, dass der Autor sich und die Lesenden auf Tritt und Schritt daran erinnert, dass man ja nicht in die Zukunft schauen kann, dass er also im Grunde gar nicht weiß, wovon er spricht, und ja, nicht einmal, wie er frank und frei zugibt, die technologischen Details begreift, noch die Mittel dazu besitzt, sie begreifen zu lernen.

Rhapsodisch dekliniert er Lacan und Hegel in Verbund mit Marx durch die gegenwärtige Zukunft (die, die wir uns einbilden, eintreten könnte), notwendigerweise ohne Kenntnis der zukünftigen Gegenwart (die wir einfach nicht kennen, weil sie noch nicht eingetreten ist). Geradezu wagemutig entblößt er seine Taktik, von Dingen zu sprechen, die er nicht kennt, über Prozesse zu urteilen, die ihn nichts angehen, über Entscheidungen zu fabulieren, die ihn nicht betreffen. Nein, Zizek betrifft alles. Leider aber nur in seiner Entscheidung als entleerte Abstraktion einer politischen Emanzipation das Wort zu reden, von der weit und breit keine Spur zu sehen ist, und von der wir, ich weiß nicht was, uns alles und nichts erhoffen können.

Es berührt eigentümlich, dass Zizek als ausgewiesener historischer Materialist die einfachsten Umstände ignoriert, um eine Art psychoanalytischer Tour de Force über die Lesenden ausschütten zu können – auch in einer völlig vernetzten Welt müssen Menschen essen, sich waschen, trinken, d.h. in körperlichen Wechselwirkungen mit Umwelten treten, so dass eine völlig virtualisierte Existenz nicht nur eine schlechte Abstraktion nach Hegel bleibt, sondern eine ärgerliche Fiktion. Selbstredend weiß dies Zizek alles, aber da die Konsequenz, daraus zu ziehen, hieße zu schweigen, oder wirklich in das Feld der künstlichen Intelligenz einzusteigen, geht er nonchalant darüber hinweg und faselt vom Ewigalten.

Das Ewigalte jedoch ist interessant, und wer noch nichts von Zizek gelesen hat, wird auf seine Kosten kommen. Das Buch selbst aber als Stellungnahme zur digitalen Revolution, visioniert von Elon Musk, von der Singularität im Sinne von Ray Kurzweil, muss als gescheitert angesehen werden. Die Stellungnahme ist keine. Sie ist ein verzweifelter Versuch, um die Arbeit des Begriffs herumzukommen. Die Arbeit des Begriffs, wie Zizek als Hegelianer wissen sollte und weiß, besteht in der Auseinandersetzung mit dem historischen Material – dem aber geht Zizek aus dem Weg. Statt dessen redet er über Beckett, Greta Thunberg, schwadroniert über „Matrix“, Alfred Hitchcock, Glory Holes und Trump.

Als Improvisation zu ertragen, aber nicht unter diesem Vorzeichen. Ärgerlich als Projekt. Gut nur als Gedankenanstöße, was es heißt, wenn alle die Gedanken von allen lesen könnten. Hervorragend ist und bleibt Zizek in der Interpretation von Lacan und Hegel und Marx. Also lieber „Weniger als Nichts“ lesen oder „Sex und das verfehlte Absolute“. Beides lesenswerte Bücher.


Juli Zeh: “Über Menschen”

Stilistisch tadellos – inhaltlich eine Ode auf Hass mit menschlichem Antlitz

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Dass Juli Zeh sehr gut schreibt, weiß jeder, der nur halbwegs mit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur vertraut ist. Sie hält zurecht ihren Platz zwischen Marlene Streeruwitz und Sibylle Berg und steht im Schreibstil und sprachlichen Erfindungsreichtum ihnen wenig oder nichts nach. In ihrem Roman „Über Menschen“ schreibt sie über tagesaktuelle Ereignisse im Corona-Tagebuch-Stil. Sie schreibt über Black Lives Matter, über Maskenpflicht, das Prekariat, über die bundesdeutsche Parteilandschaft, über Gutmenschen, Werbekampagnen, über die Schwierigkeit Toilettenpapier zu kaufen etc … sie schreibt vor allem über eine Aussteigerin, die nach Brandenburg zieht und dort allerhand mit ihrem rechtsradikalen Nachbarn erlebt.

„Über Menschen“ ist in diesem Sinne eine tagesaktuelle Re-Imaginierung von Martin Heideggers Schwarzwald und seinen Lichtungen, Holzbänken und Holzwegen, und zwar im parteilich getreuen und sprichwörtlich problematischen Sinne. Ihre nüchterne Beschreibung von Ausländerhass mündet in einem „Jeder hasst irgendwen.“ Sie wurzelt sich zurück in ihre Heimaterde – Menschen seien eben nicht zu ändern, ihr In-der-Welt-Sein sei nun einmal fix. An vier Stellen im Text wird direkt auf Heidegger Bezug genommen, auf Theodor W. Adorno indirekt nur einmal, und selbstredend auf „Widersprüche seien auszuhalten“. Man wünschte sich, mehr AutorInnen und PhilosophInnen würden eine andere Stelle aus seiner Minima Moralia zitieren, nämlich:

„Wenn Philosophen, denen bekanntlich das Schweigen immer schon schwer fiel, aufs Gespräch sich einlassen, so sollten sie so reden, dass sie allemal unrecht behalten, aber auf eine Weise, die den Gegner der Unwahrheit überführt.“

Leider ist das Juli Zeh ganz und gar nicht gelungen. Am Ende sollen wir über jemanden eine Träne vergießen, der Portugiesen beleidigt, in Lichtenhagen nationalistische Parolen schrie und Steine warf, in Messerstechereien verwickelt ist und doch nur möchte, dass alle einfach da bleiben, wo sie hingehören. Widersprüche auszuhalten ist eine Sache. Sie als Rechtfertigungsgrund heranzuziehen, schieren Menschenhass endlich nicht mehr zu verteufeln, ist etwas anderes. Es fällt mir nach diesem Buch unendlich schwer, vor Juli Zeh keine Angst zu haben, auch wenn sie hundert Mal betont, dass sie gegen die Angst schreibt. Mir hat der Text eine solche eingejagt, dass es mir kalt über den Rücken läuft.

Rezensionen sollte man nur glauben, wenn die RezensentInnen das Buch auch zu Ende lesen. Ich habe es unter Pein getan und bleibe fassungslos, traurig, kopfschüttelnd zurück. Sprachlich einwandfrei, inhaltlich eine Katastrophe. Ich empfehle Ingeborg Bachmanns „Malina“ und Streeruwitz „Partygirl“ als direkte Weiterlektüre, um den ersten Schmerz zu lindern.


Stephen King: “Später”

Ein wahres Kleinod an Lesegenuss.

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Das neue Buch von Stephen King ist lesenswert, flüssig, gut komponiert. Es besitzt den Charme von alten kleinen wunderlichen Dingen in den Schränken der Großeltern. Magisches durchflutet manche Zeilen und zurecht schreibt er „Bücher sind Magie zum Mitnehmen“.

Das Buch beschreibt eine wunderbare Mutter-Sohn-Beziehung, angereichert durch die spezielle Fähigkeit des Sohnes, mehr als andere zu sehen, was einige Probleme mit sich bringt. Mutter und Sohn leben dennoch, trotz aller Schwierigkeiten, ein gutes Leben, und die Mutter stellt sich als Lebenskünstlerin und verlässliche Größe in dem Leben des Heranwachsenden dar.

Es ist ein sehr schönes Buch, ein sehr warmes, das spannend, gruselig ist, aber vor allem Hoffnung erzeugt. Ich werde das Buch ganz sicher ein zweites Mal lese, getreu der Aussage von Jean Paul „Ein Buch, das nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, ist auch nicht wert, dass man’s einmal liest.“ Der neue King ist es wert, sehr oft gelesen zu werden. Wunderbar!


Benedict Wells: “Hard Land”

Als Buch für Heranwachsende, die die 80er nicht kennen, nicht schlecht.

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Benedict Wells Roman „Hard Land” ist ein Roman für Heranwachsende. In der denkbar einfachsten Art und Weise geschrieben, handelt er von allem, was ein Teenager-Junge so umtreibt, wenn er nicht zu den Sportlern, politischen Aktivisten, Künstlern oder Nerds oder den Reichen und Gutaussehenden gehört, denen alles egal sein darf und die nur Partyexzesse feiern.

Die 49 Geheimnisse werden in 49 Kapiteln angedeutet, ausgeführt und mittels teilweise schmerzhaften Klischees zusammengehalten, die aber jugendliche LeserInnen nicht stören werden, noch können. „Hard Land“ liest sich wie eine Einladung, mal wieder oder zum ersten Mal die achtziger Jahre Filme anzusehen, die 80er Jahre Songs von Springsteen, Billy Idol, und Aha zu hören und entsprechende Geräte wie Walkman ins Leben zurückzurufen.

Vergleichbar mit „Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger, aber ohne den Witz, oder Albert Camus „Der Fremde“ nur ohne Drama und existenzielle Metaphysik, oder Stephen Kings „Stand by me“, nur ohne Spannung, sind die vier besten Freunde exakt Hightower aus „Police Academy“, Cameron als Ferris Bueller aus „Ferris macht blau“, und dann Kirstie als blonder Verschnitt von Megan Fox samt dem Ich-Erzähler Sam aus „Transformers“. Am Ende geht es um das Immerselbe – also keine Spoiler hier.

Wer sich also an Sätzen übers Sterben nicht stört wie „Wenn es also wirklich sein soll, wäre es am besten, wenn es schnell ginge. Wie ein Sprung in die Tiefe ohne Aufprall.“ und keinen Wert darauf legt, dass die Geschichte in den USA spielen soll, sich aber wie Hölz-Büttgen in Nordrhein-Westfalen anfühlt, einfach mal die Beine hochlegen möchte, um ein paar unanstrengende Stunden mit Lesen zu verbringen, der kann zugreifen. Dem Rest empfehle ich jeden Roman von Stephen King, oder Haruki Murakami, oder Albert Camus.


Yuval Noah Harari: “Homo Deus”

In den erzählenden Passagen unterhaltsam/brillant – argumentationslogisch jedoch irritierend blass.

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Yuval Noah Hararis Buch „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen” basiert im Wesentlichen auf der Annahme, dass den Menschen vor allen anderen Lebewesen die Eigenschaft auszeichnet, in einer Welt der Intersubjektivität leben zu können. Der Inhalt des Buches lässt sich kurz umreißen:

Die kognitive Wendung vor circa 70 000 Jahren hat im Sapiens eine dritte Welt entstehen lassen, die Welt der Intersubjektivität, die größere Gruppen zu kooperieren erlaubt und zwar auf Basis gemeinsam aufrechterhaltender Fiktionen. Vor 12 000 Jahren läutete die Agrarwende das Zeitalter der Sesshaftigkeit ein, und mit zunehmender Wichtigkeit der Nutztiere für die Landwirtschaft wurde das animistische Zeitalter beendet und die Herrschaft des Menschen über die Tier- und Pflanzenwelt religiös auf verschiedene Weisen verarbeitet. Religion als kollektiv bindendes Narrativ sowie die Landwirtschaft und die Einführung von Schrift ermöglichten mächtige Siedlungen von Millionen von Menschen und gigantische Bauwerke werden seit 5000 Jahren auf Geheiß von Göttern erschaffen (Tempel, Pyramiden, Kathedralen, Chinesische Mauer). Die Einführung von heiligen Schriften sowie Geld führten zu abstrakteren Fiktionen und Formen von Vertrauen wie Kredit. Die Kapitalisierung und Verwissenschaftlichung der Welt beginnt. In diesem modernen Pakt der Wachstumsnotwendigkeit (Vertrauensvorschuss und -einübung) gewährte die humanistische Revolution vor 300 Jahren neuen Halt in der Innerlichkeit, dem Gemütszustand des Individuums. Wirkungsmächtig in der humanistischen Religion ist die Evolution, die nach und nach alle Felder des Lebens übernimmt und nach Perfektion strebt. Die Materialisierung der Fiktion besteht nun in der Überwindung des Humanismus selbst. Vom Homo Sapiens zum Homo Deus, der Glück, Göttlichkeit und Unsterblichkeit für sich in Anspruch nimmt und nur in der Virtualisierung, Kybernetisierung und Maschinisierung des Menschen möglich ist.

Es ist schade, dass Harari in entscheidenden Passagen unterlässt, seine Terminologie nachvollziehbar einzuführen. Die Sätze bleiben schlichtweg in der Luft hängen. Wer Hunderte Seiten von „Erklärungen“, „Beweisen“, „Geist“, von „Authentizität“ und „Sinn“, „Willensfreiheit“ und „Wünschen“, „Daten“ und „Information“ redet und lediglich hofft, andere wissen schon, was er meint, verlagert die Begriffsarbeit ins Beliebige und erschwert die Lektüre. Mit anderen Worten er fällt seiner eigenen Narration zum Opfer – er glaubt, seine Geschichte spricht für sich und erschwert die Kommunikation.

So lange Harari jedoch erzählt, aus dem Nähkästchen plaudert, stimuliert er zu Gedanken, Zusammenhängen und bricht eine Lanze für die Tier- und Pflanzenwelt. Seine argumentationslogischen Irrungen und Wirrungen werden schnell vergessen, sobald er Witze erzählt: „Ein Witz vermutet, dass eine typische Gruppe von Jägern und Sammlern in der Kalahari-Wüste aus 20 Jägern, 20 Sammlern und 50 Antropologen besteht.“ (p545)

Die Lektion lautet also vielleicht: Nicht alles so ernst nehmen, selbst wenn es um die Zukunft geht. Harari nimmt die Angst vor dem Denken. Das schadet nie – seine gedanklichen Luftschlösser werden jedoch nicht bei allen Lesenden konstruktiv Verwirrung stiften


Christian Kracht: “Eurotrash”

Untot im Rausch durch die Schweiz

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Folgt man dem postmodernen Zeitgeist a la Lyotard befinden wir uns in einer Zeit nach dem Ende großer Erzählungen, d.h. in der nur noch sich selbst transparente, oder untote Erzählungen hin und her geistern, kleine Erzählungen voller verwobener und irrelevant gewordener Details existieren können. Mischt man noch Klischees, Erfahrungsarmut in die These, würzt sie mit der Schweiz, dem Nationalsozialismus, Demenz und Familienproblematik, sexuellen Missbrauch und Sadomasochismus, und garniert dieses Gebräu mit Anekdoten aus dem Spiegel-Magazin der letzten sieben Jahrzehnte, so erhält man, schüttelt und rüttelt man nur genug, den neuen Roman von Christian Kracht: „Eurotrash“, der sich wie ein Who-is-Who der bundesrepublikanischen Plattitüde eines inexistenten Literatursalons gehobener Söhne und Töchter mit Abschluss in Germanistik liest und auch von einer künstlichen Intelligenz geschrieben werden hätte können. Siehe hierzu das bald erscheinende Buch Daniel Kehlmanns „Mein Algorithmus und ich“.

Je mehr man sich also der Sprache Krachts überlässt, desto mehr erkennt man ein hintergründiges Summen der sich verselbständigt habenden Textverarbeitungssoftware – Etwas schreibt, nur eben kein Gegenüber mehr, das sich zeigt. Der Diskurs selbst schreibt sich in den Geist, und der Geist schreibt sich zurück in den Diskurs, und am Ende bleibt nichts mehr der Überraschung oder dem Zufall überlassen. Die altersschwache Mutter trinkt hierzu den ganzen Roman über Wodka oder Kochwein und wirft Phenobarbital-Pillen ein. Die ganze Erzählung spannt sich darum, wie viel Alkohol, welchen Alkohol, wie viele Pillen, welche Pillen genommen werden dürfen, können und müssen. Begleitend gibt der Erzähler, der sich Christian Kracht nennt, aber mit Daniel Kehlmann verwechselt wird, belanglose, halb humoristische, teilweise scheußliche Kurzgeschichten zum Besten, bspw. wie eine Mutter mit Kind auf dem Meer verdurstet, oder einem Piloten die künstliche Nase wegschmilzt, oder ein SS-Mitglied sich von einem isländischen Au-Pair-Mädchen mit Stacheldraht an einen Küchenstuhl fesseln lässt, während dieser eine Tibet-Nazi-Mission plant.

Fazit: Selbst mit größter Mühe wüsste ich nicht, warum man diesen Roman schreiben gar lesen sollte.


Hengameh Yaghoobifarah: “Ministerium der Träume”

Eine Wortmeldung der explosiven Art

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Yaghoobifarah ist eine moderne Antigone im Kampf um das Vermächtnis der Schwester, ein Ringen um Verstehen, um das Durchbrechen der Angst, eine Antigone, die sich nicht an die Regeln halten kann, noch halten will, so lange, bis sie einmal nicht mehr ironisch, voller Enttäuschung und Traurigkeit feststellen und sagen muss „Nicht schlecht, Deutschland“, sondern es sagen will und kann, da sie endlich angstlos leben und lieben kann, und zwar ohne Angst und fremdaufmodulierter Reue.

Wer sich von diesem Buch angegriffen fühlt, hat viel über sich, nicht über die Autorin zu lernen. Hier bricht sich eine Literatur bahn, die beschreibt und kein Blatt vor dem Mund nimmt. Der Schmerz ist nur ein Teil – die Lautstärke ein anderer. Beides wird von der Wut zusammengehalten, die den Text rahmt und Kontur verleiht. Wer den ungeschönten Blick wagt, wird belohnt. Uneingeschränkt lesenswert.


Alena Schröder: “Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid”

Ein Buch, das zu kurz ist, für das, was es will.

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Wie der Titel so auch das Buch. Es will zu viel. Es will Zeitgeschichte schreiben, Frauenemanzipation rekonstruieren, und die psychologischen Untiefen der aufgegebenen und eingegangenen Mutterschaft erforschen. Sehr gut lesbar, mit manchen schönen Szenen, ja, fast poetischen Bildern, die gelungen in Szene setzen, was Freiheit ist oder sein könnte, ein Leben im Berlin der Goldenen Zwanziger Jahre. Als politischer Roman leider völlig unbrauchbar, und als Rechtfertigungsstrategie, eine nationalsozialistische Familienangehörige nicht zu verteufeln, sondern in ihrem komplexen Umfeld zu verstehen, beinahe ärgerlich. Der Roman entfaltet dort seine Stärke, wo Verwirrung und gefühlsmäßiges Chaos die Überhand nehmen, auf keine Klischees zurückgegriffen wird und sich Schmerz die Bahn bricht. Alena Schröders Roman jongliert mit zu vielem und deshalb fällt vieles zu Boden, zersplittert, entsetzt. Das aber, was am Ende in der Hand bleibt, ist dennoch lesenswert, auf seine bescheidene Art und Weise – die Hoffnung und das Recht der Frauen, nicht auf ihre Mutterrolle vereinseitigt zu werden. Sprachlich neuzeitlicher Standard, glattgeschliffener Stil, inhaltlich eine Tour de Force, aber mit intensiven Passagen, die auf ein weiteres Buch hoffen lassen.


Sebastian Fitzek: “Der Heimweg”

Ein problematisches Buch mit Schwächen in der Erzähltechnik.

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Sieht man von allem ab, was an dem sogenannten Psychothriller von Sebastian Fitzek stören könnte, bspw. die geschmacklosen Beschreibungen, die laut Autor die Empathie einüben sollen, die aber lediglich dazu dienen, zu überprüfen, ob man Empathie hat oder nicht, so bleibt nichts als eine Erzählmakulatur schlecht zusammengezimmerter, aus herkömmlichen Kriminalromanen zusammengeclickte Schockideen übrig.

Ärgerlich nämlich ist, dass Dinge dem Leser beschrieben werden, die gar nicht der Wahrheit entsprechen. Das führt dazu, dass X als Y über viele Seiten beschrieben wird, bis plötzlich, oh Wunder, X gar nicht Y, sondern Z ist, und so weiter. Das ist in etwa so toll, wie von einem Weltuntergang zu lesen, der plötzlich nur ein Film gewesen ist, den sich jemand auf seinem Fernseher angesehen hat, während er auf seine Pizza wartet.

Der Roman treibt ein unfaires Spiel. Man kann sich auf keine Beschreibung, Benamsung verlassen. Der Autor hält sich an keine Regel – aber wer spielt schon gerne ein Spiel, in dem niemand die Regeln kennt. Am Ende wird also etwas aufgelöst, was ja wieder völlig anders sein kann. Aber wen, darf man fragen, interessiert dann die Auflösung noch?

Irgendwie enttäuschend, wahrscheinlich wegen übertriebener Erwartung.


Haruki Murakami: “Erste Person Singular”

Belanglos durchs eigene Leben.

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Geschmack hin oder her. Erstens, es handelt sich um Kurzgeschichten, die beinahe überhaupt keine Pointe besitzen. Am geschmacklosesten ist die Episode, in der ein Affe sich in Frauen verliebt, aber nach unerfolgreichem Werben um die Gunst ihren Namen stiehlt, um wenigstens etwas von ihnen zu haben. Das ist kein Spoiler – der Inhalt in Murakamis Texten ist der Stil. Lakonisch, harmlos, verwirrt geistert er durch sein eigenes Leben und faselt von Musik. Sprachlich konsequent, schnell, schmerzlos lesbar, um alles Gelesene sofort wieder zu vergessen. Das Buch liest sich wie das Gestammel eines Traumatisierten. Wer sich schmerzlos Murakami abgewöhnen möchte, ist hier an der richtigen Adresse. Das Murakami dennoch literarisch heraussticht, liegt an seinem Umfeld und nicht an ihm selbst. Deshalb drei Sterne und für die freundliche Geschichte über die Dichterin.


Slavoj Zizek: “Sex und das verfehlte Absolute”

Die Gegenwart in Gedanken gefasst – Reflexionseinübung auf höchstem Niveau.

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Ein 592 Seiten in sich verwinkeltes, sich wiederholendes, re-paraphrasierendes hypo- und parataxisches Ungetüm – Zumutung oder Befreiungsschlag, Großdenker oder Provokateur? Es geht um Beckett, um Lenin, um den Holocaust, um MeToo. Es geht um Freud, Lacan, immer wieder Hegel. Es geht um Badiou, den Kollaps der Wellenfunkton in der Quantenmechanik, um Kafka, Zupancic, um Butler und Kristeva, rund um den stets herauswabernden Kant und Schelling, das Unheimliche Platons, Trump, Zynismus und die ewige Wiederkehr von Geschlechter-Binärem, dem Symbolischen, Imaginären, dem Realen des Hollywood Kinos, über Cary Grant zu Tom Cruise, Hitchcock vor und zurück und independent Science-Fiction Filme, Neurologie, künstliche Intelligenz und dem Virtuellen am Sex, das objet a und das durchkreuzte Subjekt.

Der Preis seines Versuches, konstruktiv Verwirrung zu stiften, ist groß. Er unterminiert literarisch, journalistisch Versuche, politische konkrete Projekte durchzusetzen, zynisiert Trump als Wegbereiter eines größeren linken Emanzipationsprojekts, und dekonstruiert reformerisch eingestellten Diskursen die Sprache und Begrifflichkeiten, indem alles auf einen phallogozentristisches M+ zurückgeführt worden ist.

Wer ihn aber in die Hand nimmt, um den Geist aufzulockern, als Geisteslockerungsübung und -entkrampfung, also nicht argumentativ, diskursiv, sondern poetisch liest, bekommt viel geboten – nur eben keine Antworten.


Dirk Rossmann: “Der neunte Arm des Oktopus”

Frechheit und Selbstbeweihräucherung.

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Das Buch liest sich schnell. Es ist in Episodenformat geschrieben. Viele halbe Seiten geben einem das wonnige Gefühl, man lese in beinahe Lichtgeschwindigkeit. Einfach Sätze, einfache Ideen. Plumpe ideologische Steilvorlage, dass die Eliten dieser Welt am besten wissen, was zu tun ist, und die sadistische Idee, dass die G3 (USA, China und Russland) anderen Kontinenten/Nationen vorschreiben (Afrika/Indien), wie viele Nachkommen sie zeugen dürfen, ohne sich selbst einzuschließen. Wer ein Sachbuch als Roman verpackt lesen, wie Schröder und Putin die Welt retten, darf herzlich zugreifen. Alle Macht- und Gewalt- und Sexphantasien werden bedient. Schön ist es nicht.